Wie funktioniert eine fiktive Figur als theoretisches Konstrukt und als rezipierter Inhalt? Figurenanalyse am Beispiel von Stewie Griffin in "Family Guy"


Bachelorarbeit, 2019

40 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. ALLGEMEINES ZUR SERIE FAMILY GUY UND DER FIGUR STEWIE GRIFFIN
2.1 Die Serie Family Guy
2.2 Die Figur Stewie Griffin

3. GENRE UND NARRATION
3.1 Grundlagen seriellen Erzahlens
3.1.1 Family Guy als Sitcom
3.1.2 Family Guy als Animated Cartoon..
3.1.3 Family Guy als Genremixtur
3.2 Narrative Besonderheiten bei Family Guy...
3.2.1 Selbstreferenz
3.2.2 Die Peter-Folgen
3.2.3 Die Stewie-Folgen

4 STEWIE AUS SICHT DER ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE

5 DIE KOMIK
5.1 Die Theorie des Komischen
5.2 Die Komik in der Komodie
5.3 Die Komik in Family Guy am Beispiel einer Szene

6. REZEPTION VON FIGUR UND HANDLUNG
6.1 Die Rolle des Zuschauers bei der Fernsehrezeption
6.2 Emotionale Aspekte der Bedeutungszuweisung
6.2.1 Rezeption von Handlung
6.2.2 Rezeption von Handelnden
6.2.2.1 Parasoziale Interaktion im Allgemeinen
6.2.2.2 Parasoziale Interaktion mit Stewie

7. FAZIT

1. Einleitung

Ob in Film oder Fernsehen - fiktive Figuren scheinen schon immer ein wichtiger Be- standteil filmischen Erzahlens zu sein. Zwar mag auf den ersten Blick klar erscheinen, dass Figuren essentiell fur eine Handlung sind, doch welche Bedeutung sie genau fur eine solche Handlung haben, welche Aufgaben sie beim Gestalten des narrativen In­halts ubernehmen und welche Wirkung sie auf den Zuschauer haben, lasst sich nicht sofort erschlieBen.

Denn die Figur ist ein erzahlerisch vielseitiges Konstrukt, das auf verschiedenen Ebe- nen operiert. Je nach Inhalt oder Genre konnen Figuren simpel oder komplex, typisiert oder individuell, sympathisch oder unsympathisch erscheinen. Damit eine Figur ent- sprechend rezipiert werden kann, ist es wichtig, dass eine solche Figur fur den Zu- schauer funktioniert.

Wenn eine Figur aber auf den ersten Blick vollkommen unvereinbare Eigenschaften besitzt und mehrere Extreme zur gleichen Zeit auslebt, ist fraglich, ob sie fur den Zu- schauer uberhaupt funktionieren kann. Stewie Griffin aus der US-amerikanischen Zei- chentrickserie Family Guy ist eine solche Figur.

Stewie zu beschreiben fallt schwer, denn nach auBen ist er ein unschuldiges einjahriges Baby, das sich aber wie ein egozentrischer Erwachsener verhalt, der wiederum haufig in kindliche Verhaltensmuster zuruckfallt. Er scheint also, mehrere sich ausschlie- Bende Verhaltensweisen miteinander zu vereinen.

Hier wird die These aufgestellt, dass die Figur trotz dieser Unvereinbarkeit von Eigen- schaften oder gerade deshalb, weil sie unvereinbar wirken, funktioniert. In dieser Ar­beit gilt es zu hinterfragen, ob das Funktionieren einer Figur dadurch begrundet ist, ob eine Figur besonders realistisch, ihr Handeln nachvollziehbar oder die Eigenschaften mit dem Zuschauer identifizierbar sind. Um dies zu prufen, soll die Figur des Stewie Griffin aus verschiedenen wissenschaftlichen Blickwinkeln betrachtet werden. Wie bei einer Figurenanalyse ublich, ware es ratsam, „bei den ersten Episoden zu beginnen, um von dort die etablierten Konstellationen im Verlauf der Gesamtserie zu betrach- ten“1, allerdings werden diese bei Family Guy ab der vierten Staffel leicht variiert. Den groBten Unterschied stellt jedoch Stewie dar. Die Figur wurde ab diesem Zeitpunkt stark umgeschrieben und gewinnt erst ab der sechsten Staffel an psychologischer Tiefe. Die in dieser Arbeit behandelten Szenen werden deshalb ab der vierten Staffel ausgewahlt; fur die psychologische Analyse bieten sich Szenen erst ab der sechsten Staffel an.

Im analytischen Teil der Arbeit soll Allgemeines zur Serie Family Guy und der Figur Stewie Griffin aufgefuhrt werden, wobei auf den Medienwissenschaftler Jens Eder zu- ruckgegriffen wird, der in seinem Buch Die Figur im Film einen detaillierten Einblick in die Wesensart von fiktiven Figuren gibt, wobei er Konzeption und Rezeption be- rucksichtigt.2

Diese Aufteilung wird in dieser Arbeit ebenfalls angestrebt, weshalb sich die ersten funf Kapitel der Serien- und Figurenkonzeption, das sechste Kapitel der Serien- und Figurenrezeption widmen soll. Eine strikte Trennung der beiden Aspekte ist kaum moglich, da sie sich wechselseitig beeinflussen und haufig simultan auftreten. Wenn ein Autor beispielsweise eine Figur konzipiert, muss er sie gleichzeitig rezipieren, um prufen zu konnen, ob sie fur den Zuschauer funktionieren kann. Ein Zuschauer hinge­gen interpretiert beim Rezipieren die Figur, wobei wiederum ihre Konzeption beruck- sichtigt werden muss.

Im daran anschlieBenden dritten Abschnitt dieser Arbeit stehen Genre und Narration im Mittelpunkt, wobei erst serielle Grundlagen dargelegt werden, bevor eine Gen- reeinordnung von Family Guy in den Cartoon und die Sitcom vorgenommen wird. Hierbei wird die Mimesis nach Aristoteles ein wichtiges Element darstellen, da sie als Grundprinzip fur serielles Erzahlen im Allgemeinen, bzw. fur Cartoons und Sitcoms im Speziellen dient. Die Klassifizierung eines Genres kann sich im weiteren Verlauf als essentiell fur die Figurenanalyse herausstellen, da formale wie asthetische Merk- male eine tragende Rolle spielen. Hierbei wird auch viel auf die Zeichentrickserie Die Simpsons eingegangen, da sie in vielerlei Hinsicht als Vorlage fur Family Guy diente. Im Anschluss daran werden narrative Besonderheiten von Family Guy aufgezeigt, wo- bei der selbstreferentielle Stil der Serie als Grundlage dient, um die narrativen Struk- turen der verschiedenen Folgen besser verstehen zu konnen.

Das vierte Kapitel befasst sich mit der Figur Stewie aus Sicht der Entwicklungspsy- chologie. Hierbei werden Entwicklungsstadien eines Kindes aufgezeigt und anschlie- Bend auf Stewie angewandt, um einen Bezug zwischen Film und Realitat herzustellen.

Hierbei wird sich herausstellen, ob Stewie als koharente Figur angelegt ist, oder ob seine Verhaltensweisen tatsachlich widerspruchlich sind.

Im nachsten Kapitel wird versucht, diese Resultate auf die Komik anzuwenden. Vor allem auf Ebene der Komik sind Konzeption und Rezeption eng miteinander verwo- ben, da beim Konzipieren oft die Rezeption hinterfragt wird und umgekehrt. Deshalb wird zunachst detailliert erklart, wie das Komische im Allgemeinen entsteht und wel- che Bedeutung das Komische in der Komodie hat, bevor das Komische in Family Guy und speziell in Stewie untersucht wird.

All diese Analysepunkte dienen als Grundlage fur das sechste Kapitel, den rezeptions- theoretischen Teil der Arbeit. Als erstes wird hier die Rolle des Zuschauers bei der Fernsehrezeption dargelegt. Als zweites werden zwei Aspekte, der kognitive und der emotionale Aspekt der Bedeutungszuweisung aufgefuhrt, wobei der emotionale As- pekt im Anschluss detailliert behandelt wird. Rezeption stellt sich hierbei als Wahr- nehmen von Handlung als auch von Handelnden heraus. Auf Handlungsebene wird eine bestimmte Szene aus Family Guy zur Analyse herangezogen, damit die Bedeu- tung der Beziehung zwischen Rezipienten und Handlung erlautert werden kann. Auf dieser Basis wird zur Ebene der Handelnden ubergeleitet, wobei die parasoziale Inter- aktion zwischen Rezipienten und Figur im Zentrum steht. Uber Begriffe aus der Psy­choanalyse wie Ubertragung, Projektion und Identifikation wird argumentiert, wie sich der Rezipient gegenuber der Figur verhalt. Vor allem der Begriff der Sympathie wird naher ausgefuhrt. Im Anschluss werden all diese Formen der parasozialen Inter- aktion auf Stewie ubertragen, wobei herausgefunden werden soll, ob sich Stewie als Identifikationsfigur eignet und ob der Zuschauer mit ihm sympathisieren kann.

Die Analyse soll Informationen daruber preisgeben, wie Konzeption und Rezeption miteinander zusammenhangen. Im Zentrum dieser Arbeit steht daher die Frage, wie eine fiktive Figur als theoretisches Konstrukt sowie als rezipierter Inhalt funktionieren und im Speziellen naturlich, wie die ambivalente Figur Stewie Griffin funktioniert.

2. Allgemeines zur Serie Family Guy und der Figur Stewie Griffin

Um eine Grundlage fur den analytischen Teil der Arbeit zu schaffen, sollen im Fol- genden charakteristische Merkmale der Serie Family Guy sowie der Figur Stewie Griffin aufgezeigt werden.

2.1 Die Serie Family Guy

Family Guy ist eine US-amerikanische Zeichentrickserie, die von Seth MacFarlane 1999 entworfen wurde und seitdem unter seiner Fuhrung produziert wird. Aufgrund des stark sarkastischen Humors, der sich vor allem durch Aussagen und Handlungen der Figuren bemerkbar macht, ist sie grob dem Genre der Comedy bzw. Satire zuzu- ordnen. Die Serie dreht sich um die mittelstandische Familie der Griffins, bestehend aus den Eltern Peter und Lois Griffin, deren Kindern Chris, Meg und Stewie Griffin, sowie dem sprechenden Hund Brian Griffin. Wiederkehrende komische Momente der Figuren in der Serie sind Wiederholungen und Ubertreibungen, wobei figurenbezo- gene Besonderheiten in bestimmten Situationen deutlich werden. So werden immer wieder typisierte Eigenschaften der Figuren aufgegriffen und fur meist absurde Gags verwendet, zum Beispiel die mangelnden kognitiven Fahigkeiten Peters, das Diffa- mieren der Tochter Meg oder die scheiternden Versuche des Hundes Brian, intellek- tuell zu wirken oder ein erfolgreicher Romanautor zu werden. Lois ubernimmt in der Serie meist die Stimme der Vernunft und agiert als moralische Instanz, um Probleme zu losen, die durch eines der Familienmitglieder hervorgerufen werden. Am Ende ei- ner Folge kehren die situativen Umstande wieder in ihren Ursprungszustand zuruck. Diese Pramisse erlaubt es der Serie, jegliche Form von Konflikt, Abenteuer oder Wandlung zum Inhalt einer Folge zu machen.

2.2 Die Figur Stewie Griffin

Besonders die Figur des Stewie Griffin ist bei der Figurenkonstellation der Griffins interessant, auch im Hinblick auf eine Figurenanalyse, da sie fur eine Zeichentrickserie ungewohnt komplex erscheint. Auf den ersten Blick wirkt Stewie nicht wie eine ko- harente Figur, da seine Verhaltensweisen als kontrar zueinander und teilweise als paradox erscheinen. Ob dieser Schein trugt oder berechtigter Einwand ist, soll im ent- wicklungspsychologischen Teil der Arbeit gepruft werden.

Damit die Figur im Folgenden mit den entsprechenden narratologischen Ansatzen ana- lysiert werden kann, wird uber das Buch Die Figur im Film von Jens Eder argumen- tiert. In dieser Arbeit wird einer von Eders Aspekten, der Aspekt des fiktiven Wesens betrachtet.3 Eder definiert die Figur im Allgemeinen als „ein wiedererkennbares fikti- ves Wesen mit einem Innenleben - genauer: mit der Fahigkeit zu mentaler Intentiona- litat“.4 Fur die Figurenanalyse schlagt Eder vier Kategorien vor, namlich Korper, Psy­che, Sozialitat und Verhalten.5 Die ersten drei Kategorien sollen auf Stewie in kurzer Form ubertragen werden, um eine Grundlage fur das Verstandnis dieser Arbeit zu schaffen, bevor in weiteren Teilen eine detaillierte Analyse, vor allem der vierten Ka- tegorie, vorgenommen wird.

Um die erste Kategorie, Figurenkorper, praziser beschreiben zu konnen, nennt Eder funf Unterkategorien: erstens die allgemeine auBere Erscheinung, zweitens Gesicht, Mimik und Blickverhalten, drittens Korperhaltung und Bewegungsverhalten, viertens Sprachverhalten und parasprachliches Verhalten und funftens situative Kontexte der Umwelt.6 Es folgt die Ubertragung dieser Kategorien auf Stewie Griffin.

Die allgemeine auBere Erscheinung von Stewie ist die eines ca. einjahrigen Kleinkin- des. Er hat einen cartoonhaft uberdimensional groBen Kopf mit der Form eines Foot­balls, wenige klar gezeichnete, nach hinten gekammte Haare und weit voneinander entfernt liegende groBe Augen. Er tragt ein gelbes Langarmshirt unter einer roten Latz- hose mit gelben Knopfen, dazu blaue Stoffschuhe. Meist schleift er seinen Teddy Ru­pert mit sich her. Seine Mimik ist in den ersten Staffeln durch bosartig aussehende heruntergezogene Augenbrauen gekennzeichnet, seit Staffel Vier ist sein Blickverhal- ten differenzierter. Seine Emotionen richten sich nach der Stellung seiner Augen- brauen und der Sichtbarkeit der Augenlider. Je nach Ziel und Motivation bewegt er sich flink und lauft tippelnden Schrittes oder er bleibt trage und hat einen ruhigen Laufstil, der einem Erwachsenen gleicht. An dieser Stelle beginnt auch die Ambiva- lenz der Figur, denn auch das Sprachverhalten ist nicht das eines Kleinkindes. So ver- fugt Stewie uber eine voll entwickelte Sprache mit reichem Wortschatz und spricht fehlerfrei. Im englischen Original wird dieser Aspekt durch einen ausgepragten britischen Akzent betont, der jedoch im Deutschen verloren geht.7 Stewie ist der jungste der Griffins und wohnt in einem Kinderzimmer, das einerseits mit Kinderspiel- zeugen wie einem Mobile, einem Kindertisch und Stofftieren ausgestattet ist, anderer- seits halt Stewie hier seine geheimen Erfindungen versteckt.

Damit ware der Punkt der Psyche erreicht : Stewie scheint hyperintelligent, da er mit zwei Jahren schon perfekt sprechen kann und verfugt uber ubernaturliche Fahigkeiten wie den Bau und Betrieb einer eigenen Zeitmaschine. Er ist das intelligenteste Mitglied der Familie, trifft viele rationale Entscheidungen, die eher einem Erwachsenen ent- sprechen, fallt aber immer wieder in die Rolle des noch unterentwickelten Kleinkindes zuruck. Er bewegt sich stets zwischen Regelkonformitat und rebellischem Trotz, was dadurch deutlich wird, dass er zwar einerseits gesellschaftlich anerzogene Regeln be- folgt wie das ruhige Sitzen am Fruhstuckstisch, andererseits wendet er sich oft gegen alles und jeden, indem er zum Beispiel plant, seine eigene Mutter zu ermorden oder die Weltherrschaft an sich zu reiBen. Diese beiden skurrilen und moralisch ambivalen- ten Eigenschaften treten in spateren Staffeln der Serie allerdings in den Hintergrund, um Raum zu schaffen fur die soziale Seite von Stewie, die sich durch das Beschutzen seines Teddys Rupert und die Freundschaft zu Brian manifestiert.

In der Kategorie der Sozialitat zeigt sich, dass Stewie nur mit Brian und seinem Teddy Rupert befreundet ist. Er selbst hat eine Abneigung gegen seine Eltern, wird aber von diesen am meisten geliebt und beachtet. Andere soziale Merkmale sind bei Stewie entweder noch nicht entwickelt oder treten nur in einzelnen Folgen auf, um danach wieder fallen gelassen zu werden. Dies ist allerdings ein Analysepunkt der Narration, also der Art des Erzahlens, nun behandelt werden soll.

3. Genre und Narration

In diesem Kapitel wird der Frage nachgegangen, welche narrativen bzw. erzahleri- schen Besonderheiten die US-amerikanische Zeichentrick-Serie Family Guy hat. Vor- her mussen jedoch die Grundlagen seriellen Erzahlens aufgezeigt und eine Genreein- ordnung vorgenommen werden.

3.1 Grundlagen seriellen Erzahlens

Damit eine Serie auf den Rezipienten in bestimmter Weise wirken kann, unterliegt sie klaren Regeln verschiedener Formate der seriellen Narration. Nach Fabian Kupper werden zwei Formen der seriellen Narration unterschieden, namlich die Television Se­ries, bei der eine Geschichte innerhalb einer Episode abgeschlossen ist, und die Tele­vision Serial, die uber die ganze Serie hinweg eine einzige ins Unendliche fortlaufende Geschichte erzahlt.8

Die Figuren einer Television Series haben kein Langzeitgedachtnis und konnen des- halb episodenubergreifend nicht aus ihren Fehlern lernen oder vorherige Erfahrungen zum Motiv ihres Handelns machen. Auf diese Weise sind die Erzahlmoglichkeiten einer Series nahezu uneingeschrankt, solange sich die erzahlte Geschichte „einigerma- Ben in das Figurenpersonal, das Setting und die Pramissen der Geschichte transponie- ren lasst“.9 Die Figuren haben also keine innere Entwicklung, die sich uber mehrere Folgen hinweg zieht. Sie kehren nach jeder Folge immer wieder zu ihrem Ursprungs- zustand, also ihrem Status Quo, zuruck, von dem erneut eine episodische Geschichte beginnt. „Deshalb mussen Beziehungen, Wunsche, Bedurfnisse [...] so vereinfacht dargestellt und generalisiert werden, daB sie fur alle Serienfolgen immer wieder er- kennbar und abrufbar sind“10, wobei aus Individuen Typen werden und aus komplexen Zusammenhangen Schablonen.11 Dass dieses Prinzip in gewisser Weise auch auf Fa­mily Guy zutrifft, wurde eingangs erwahnt.

Die Figuren einer Television Serial hingegen erleben temporare Gewinne oder Ver- luste, folgen aber folgenubergreifend einem bestimmten Ziel.12 Sie verfugen demnach uber ein uneingeschranktes Langzeitgedachtnis und einer fortlaufenden inneren Ent­wicklung, wodurch Individualisierung der Figuren und das Auftreten von komplexen Zusammenhangen wahrscheinlicher werden.

Als Basis fur serielles Erzahlen gilt das Grundprinzip der Mimesis. Die Mimesis, auch „Nachahmung der Natur“, war bereits bei den griechischen Philosophen Platon und Aristoteles ein zentraler Punkt in der Tragodientheorie.13 Das Konzept der Mimesis beschreibt die Tragodie als „Nachahmung von Handlung und hauptsachlich durch diese auch Nachahmung von Handelnden“14 Es wird auBerdem davon ausgegangen, dass diese Definition nach Aristoteles auch auf die Komodie zutrifft15. Das Nachah- men kann sich hierbei auf verschiedene Weise manifestieren. Zum einen kann eine Serie die Lebenswirklichkeit nachahmen, zum anderen kann sie wiederum andere nar­rative Inhalte nachahmen, was im nachsten Kapitel genauer erlautert werden soil.

3.1.1 Family Guy als Sitcom

Es existieren verschiedene Meinungen daruber, wie das Genre der Sitcom definiert wird. Aber am gangigsten ist wohl die Ansicht, dass eine Sitcom eine halbstundige Serie ist, deren Folgen von wiederkehrenden Charakteren mit gleicher Pramisse inner- halb eines gleichen Settings handeln und meist mit einem Happy End abschlieBen.16 Die Episoden sind in sich abgeschlossen, was die Sitcom nach vorheriger Definition seriellen Erzahlens zu einer Television Series macht, in der die Charaktere immer wie­der zu einem Status Quo zuruckkehren. In den meisten Fallen handelt es sich bei einer Sitcom um eine Comedy-Serie.17 Da davon ausgegangen wird, dass bei zunehmender Komplexitat das Komische an der Sitcom nicht mehr funktionieren wurde, werden die Charaktertypen einfach gehalten. Die Charaktere gelten auBerdem nicht nur lustig auf- grund ihrer Art, innerhalb der Serie zu agieren, sondern weil sie gleichzeitig Vertreter bestimmter sozialer Gruppen aus der Realitat nachahmen. Durch diese Nachahmung der Lebensrealitat werden soziale Kommentare abgegeben und der Zeitgeist eingefan- gen.18 Der Sachbuchautor uber Comedy Writing John Vorhaus erstellt in seinem Buch The little book of Sitcom eine Schablone fur Handlungsstruktur19, mit der er den Auf- bau einer jeden Sitcom-Folge in 15 Schritten zusammenfasst. Auf diese 15 Schritte soll spater eingegangen werden, um aufzuzeigen, wie Family Guy im Vergleich dazu aufgebaut ist.

3.1.2 Family Guy als Animated Cartoon

Da sich Family Guy auf verschiedenen Ebenen wie Genre, Narration und Asthetik stark an der ebenfalls US-amerikanischen Zeichentrickserie Die Simpsons orientiert, wird nachfolgend haufig auf Die Simpsons und die Sekundarliteratur zu der Serie re- feriert.

Die Simpsons gelten als die erste Zeichentrickserie, die ein realistisches Cartoon-Ab- bild der heutigen Gesellschaft erschaffen und dabei als metaphorisches Gerust dient, um modernes Leben zu verstehen.20 Family Guy gilt nicht nur als ebensolches Car- toon-Abbild der Gesellschaft, sondern zudem auch als ein Abbild von den Simpsons, also als eine Nachahmung von narrativen Inhalten desselben Mediums. Beide Serien bewegen sich zwischen „ Ironic Hyperrealism “ und „ Hyper-Cartoonalness21. Zwar sind jeweils uberzeichnete karikaturenhafte bzw. cartoonhafte Darstellungen der Fi- guren zu erkennen, wie z.B. die uberdimensionierten Augen der Simpsons oder die zu groBe Kinnpartie der Figuren in Family Guy sowie die vier Finger pro Hand in beiden Serien. Jedoch legen beide Serien besonderen Wert auf realistische Darstellungen, denn im Gegensatz zu den klassischen Cartoons werden die meisten physikalischen Regeln eingehalten wie die „ logics of cause and effect22. Wenn eine Figur bewusstlos geschlagen wird, sieht man keine Sterne um den Kopf schwirren, sondern eine realis- tische Abfolge von der Ursache ,Schlag‘ und der Folge ,zu Boden fallen und liegen bleiben‘.23 24 Zudem wird deutlich, dass sich die Serien ihrer Mischform aus Hyperrea­lism und Cartoonalness bewusst sind, indem mit den typischen Cartoon-Merkmalen gespielt wird. Family Guy thematisiert die Cartoonhaftigkeit selbst, um eine ironische Brechung zu erzielen. In der Folge „Peter wird intelligent”2'1 reiBt sich Peter im wort­lichen Sinne ein Auge aus. Dieses nun vom Korper getrennte Auge soll auf Stewie aufpassen, wahrend er selbst in die Kneipe gehen kann. Dieses cartoonhafte AusreiBen von Korperteilen ist eigentlich untypisch fur die sonst realistische Korperlichkeit in Family Guy. Aufgrund der Status-Quo-Regel, die fur Television Series ublich ist, ist Peters Korper in der nachsten Szene wieder unversehrt. Spater in der Folge klingelt ein einaugiger Fremder an der Tur der Griffins mit einem Auge in der Hand und sagt: „Es gab da vorhin eine Verwechslung im Park.“ Diese auf Dialogebene realistisch anmutende Szene verleiht der Cartoonhaftigkeit einen ironischen Unterton und macht Family Guy zu einer Serie, die permanent verschiedene Arten der Darstellung reflek- tiert.

3.1.3 Family Guy als Genremixtur

In beiden Serien dreht es sich um eine stereotype US-amerikanische Familie, die aus den Familienrollen Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Baby und Hund besteht. Fur Serien mit dieser oder ahnlicher Figurenkonstellationen existiert im Deutschen seit den 1950er Jahren der Begriff der Familienserie25, im Englischen wird diese Art der Serie Domestic Sitcom genannt.26 Die Simpsons und Family Guy spiegeln auf zweierlei Weise das Familienleben ironisch-satirisch wieder. Auf der einen Seite wird das fami- lieninterne Zusammenleben einer klassischen Familie behandelt und auf der anderen Seite dieses Leben eingebettet in die amerikanische Gesellschaft, wobei viel Raum fur gesellschaftliche Kommentare und popkulturelle Bezuge bleibt. Somit wurden die bei- den Serien zum Genre der Sitcom bzw. Domestic Sitcom zugeordnet.

Allerdings werden die Simpsons aufgrund einiger Unterschiede zur Live Action Sitcom auch als „Anti-Sitcom“27 klassifiziert.

The Simpsons bears several other significant differences to its live-action counterparts: it does not feature a laugh track that we know from most sitcoms; it is not confined to the domestic setting, and does not have a limited number of characters; and, many of the episodes have plot structures that differ from the sitcom's traditional simple narrative formula.28

Der Fakt, dass sowohl Die Simpsons als auch Family Guy von den narrativen Struktu- ren der Sitcom abweichen, hat zur Folge, dass auch die Grenzen zwischen Television Series und Television Serial verschwimmen.

[...]


1 Kupper, Fabian: Serielle Narration. Die Evolution narrativer Komplexitat in der US-Crime-Show von 1950-2000. Reihe Film - Medium - Diskurs Bd. 66. Wurzburg: Konigshausen & Neumann 2016, S. 57.

2 Vgl. Eder, Jens: Die Figur im Film. Grundlagen der Figurenanalyse. 2. Aufl. Marburg: Schuren 2014.

3 Um Figuren zu erfassen, so schreibt er, mussen sie als vielschichtig wahrgenommen werden, nam- lich als „fiktive Wesen, Symbole, Symptome und Artefakte“ (Eder, 2014, S. 64). In dieser Arbeit wird jedoch nur der erste Aspekt berucksichtigt.

4 Eder, 2014, S. 64.

5 Vgl. ebd., S. 234.

6 Vgl. ebd, S. 254.

7 In dieser Arbeit werden die Szenen der deutschen Fassung zur Analyse herangezogen, um Verstand- nisproblemen auf Ebene der Komik und Rezeption in weiteren Kapiteln vorzubeugen.

8 Vgl. Kupper, 2016, S. 46

9 Ebd., S. 49.

10 Jordan, Peter: Das Fernsehen und seine Zuschauer. Einflusse auf Meinungen und Vorurteile. Dies- terwegs Rote Reihe. Frankfurt am Main: Diesterweg 1982, S. 112.

11 Vgl. Kupper, 2016, S. 46.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. Pastoors-Hageluken, Marita: Die „ ubereilte Comodie Moglichkeiten und Problematik einer neuen Dramengattung am Beispiel des „Neuen Menoza“ von J.M.R. Lenz. Literaturhistorische Unter- suchungen Bd. 16. Frankfurt am Main [u.a.]: Peter Lang 1990, S. 15.

14 Fuhrmann, Manfred: Aristoteles. Poetik. Griechisch/Deutsch. Stuttgart: Reclam 1982, S. 23

15 Stiebritz, Andrea: Figuren undFigurenwelten. Eine Untersuchungzum Erzahlwerk von Jane Austen und Charles Dickens. Jenaer Studien zur Anglistik und Amerikanistik Bd 13. Trier: Wissenschaftliche Verlag 2009.

16 Vgl. Mintz, Lawrence: „Situation Comedy.“ In: Rose, B. G. (Hg.) TV Genres. A Handbook and Re­ference Guide. Greenwood Press: Westport, Connecticut, London 1985, S. 114f.

17 Vgl. Mills, Brett: Television Sitcom. 1. Aufl. London: British Film Institute 2005, S. 27.

18 Vgl. ebd., S. 101f.

19 Vgl. Vorhaus, John: The little book of Sitcom. Monrovia: Bafflegab Books 2012, S. 43f.

20 Vgl. Klein, Thomas: Klassiker der Fernsehserie. Stuttgart: Reclam 2012, S. 219.

21 Fink, Moritz: Understanding The Simpsons. A media phenomenon at the edge of convergence culture. Marburg: tectum 2016.

22 Ebd., S 75.

23 Vgl. Family Guy: „Zweiter Bildungsweg fur Chris.“ S05E16, USA, FOX 2009, TC: 6:55-7:00.

24 Family Guy: „Peter wird intelligent.“ S12E17, USA, FOX 2015.

25 Vgl. Jordan, 1982, S. 112.

26 Vgl. Klein, 2012, S. 219.

27 Fink, 2016, S. 74.

28 Fink, 2016, S. 74.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Wie funktioniert eine fiktive Figur als theoretisches Konstrukt und als rezipierter Inhalt? Figurenanalyse am Beispiel von Stewie Griffin in "Family Guy"
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
40
Katalognummer
V594384
ISBN (eBook)
9783346170293
ISBN (Buch)
9783346170309
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Figur, Family guy, serie, fernsehen, zeichentrick, medien, cartoon, simpsons, south park, Figur im film, rezeption, narration, stewie griffin, seriell, erzählen, sitcom, animation, peter griffin, erzählung, familie, serien, us-amerikanisch, us-serie, die simpsons, Figur im fernsehen, folgen, staffel, komik, story, handlung, parasoziale interaktion, identifikation, mimesis, katharsis
Arbeit zitieren
Raphael Breuer (Autor), 2019, Wie funktioniert eine fiktive Figur als theoretisches Konstrukt und als rezipierter Inhalt? Figurenanalyse am Beispiel von Stewie Griffin in "Family Guy", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594384

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wie funktioniert eine fiktive Figur als theoretisches Konstrukt und als rezipierter Inhalt? Figurenanalyse am Beispiel von Stewie Griffin in "Family Guy"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden