Robert Frank ist ein Fotograf und Filmemacher, dessen Privatleben im Zentrum seines künstlerischen Schaffens steht. In dem FilmConversations in Vermontaus dem Jahr 1969 thematisiert Frank seinen Besuch bei seinen Kindern, die gleichzeitig als persönliche Reise in die gemeinsame Vergangenheit und die Gegenwart dargestellt wird. Im Kontext der privaten Geschehnisse des Jahres 1969 wirkt der Film wie ein Versuch zu rekapitulieren was in der Vergangenheit geschehen ist, und eine Erklärung für die große Distanz zu seinen Kindern zu finden. Er lässt sich gerade von seiner Frau Mary scheiden und seine beiden minderjährigen Kinder Pablo und Andrea leben in einer Kommune in Vermont, da sie mit dem Leben in New York nicht zurecht gekommen sind - im Besonderen der achtzehnjährige Pablo, der einschlägige Erfahrungen mit Drogen gemacht hat. Conversations in Vermonthinterlässt auf den ersten Blick den Eindruck, dass die Kommunikation über die Vergangenheit mit seinen Kindern scheitert und keine gemeinsame Familiengeschichte, sondern ein großes Schweigen zwischen dem Vater und seinen Kindern existiert. Dem Zuschauer drängt sich die Frage auf, ob Frank schlicht gegen das Vergessen fotografiert und filmt. Im Diskurs um das kulturelle Gedächtnis ist das Genre Dokumentarfilm als Zeitdokumentation einer Gesellschaft etabliert. Gleichzeitig stellt Angela Keppler die Frage nach der Funktion von Homemovie im Kontext eines familiären Gedächtnisses. Der oberflächliche Eindruck, es handele sich bei dem FilmConversations in Vermontnur um den Versuch Franks, die eigene Vergangenheit im Sinne der bildenden Kunst auf ein Medium zu bannen, um es als Geschichte abschließen und distanzieren zu können, legt die Klassifizierung des Films als Artefakt des familiären Gedächtnisses nahe. Der Film wird dem Zuschauer als „Familienalbum“ angekündigt und scheint auch vertraute Elemente familiärer Handlungen zu enthalten. In seiner spezifischen Ästhetik changiert er aber zwischen den Genres Homemovie und Dokumentation, also einem Privat- und einem Zeitdokument. Es wird zu untersuchen sein, inwieweit der Film Strukturen eines kulturellen Gedächtnisses aufweist und damit der oberflächliche Status als Artefakt eines familiären Gedächtnisses revidiert bzw. differenziert werden muss. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Conversations in Vermont – eine Beschreibung
3. Das kommunikative Gedächtnis
3.1 Schemata des kommunikativen Gedächtnisses in Conversations in Vermont
3.2 Das Gedächtnis der Familie
3.3 Familiäre Riten in Conversations in Vermont
4. Das kulturelle Gedächtnis
4.1 Conversations in Vermont als Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Dokumentarfilm „Conversations in Vermont“ von Robert Frank aus dem Jahr 1969. Dabei wird analysiert, inwieweit der Film als Artefakt des kommunikativen Familiengedächtnisses fungiert oder ob er Strukturen eines kulturellen Gedächtnisses aufweist, indem er die persönliche Vergangenheit des Filmemachers in einen öffentlichen Kontext überführt.
- Theoretische Abgrenzung von kommunikativem und kulturellem Gedächtnis nach Jan Assmann
- Analyse der Mechanismen familiärer Kommunikation und Identitätskonstruktion nach Angela Keppler
- Untersuchung der filmischen Ästhetik und Montagetechnik als Speicher autobiografischer Informationen
- Evaluation des Films als Dokument familiärer Interaktion versus seiner Funktion als kulturelles Speichermedium
- Interpretation des filmischen „Ich“ als Konstrukt einer filmischen Autobiografie
Auszug aus dem Buch
3.1 Schemata des kommunikativen Gedächtnisses im Film
Der erste unvoreingenommene Blick auf den Film, lässt den Zuschauer annehmen, dass es sich in Conversations in Vermont tatsächlich um Gespräche einer Familie über ihre gemeinsame Vergangenheit und die Gegenwart handelt. Die scheinbare Ungeformtheit, Beliebigkeit und Unorganisiertheit des Films lässt die Annahme zu, dass der Film den Prozess der Bildung des oben bezeichneten kommunikativen Gedächtnisses dokumentiert. Eine natürliche Vorstrukturierung der Gesprächssituation kann man einerseits durch die Konstellation der Personen, den Vater und seine Kinder und andererseits die Gelegenheit, in der sie aufeinander treffen (der Besuch des Vaters bei den Kindern) vermuten.
Frank gibt im einleitenden Kommentar an, dass der Film sich thematisch um die Vergangenheit, die Gegenwart oder um das Älterwerden dreht, ein Familienalbum sein kann oder der Inhalt auch ungewiss ist, somit lässt er eine thematische Offenheit zu, die ebenfalls ein Charakteristikum für die Bildung eines kommunikativen Gedächtnisses ist.
Die Definition des kommunikativen Gedächtnisses nach Assmann gibt vor, dass die Teilnehmer der Kommunikationshandlung unspezialisiert sind, doch gerade dieses Merkmal muss man Conversations in Vermont aberkennen, denn Frank bereitet sich auf die Begegnung mit Andrea und Pablo vor und lässt den Zuschauer diesem Prozess beiwohnen. Er betrachtet Fotografien seiner Kinder, die er aus seinem Archiv gezielt auswählt, um sie dem Zuschauer und seinen Kindern zu zeigen. Zudem stellt er ihnen mit einem besonderen Interesse bestimmte Fragen, durch die er das Gespräch lenkt. Auffällig ist, dass der Originalton aus den Dialogen mit Pablo oder Andrea nicht mit einer Frage von Frank beginnt, sondern mit einer Aussage von einem der beiden, die aber aufgrund einer Frage geäußert worden sein muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird das Ziel der Arbeit dargelegt, den Film „Conversations in Vermont“ als Speicher familiärer Vergangenheit im Spannungsfeld zwischen Privatdokument und kulturellem Artefakt zu untersuchen.
2. Conversations in Vermont – eine Beschreibung: Dieses Kapitel liefert eine formale Analyse des Films, wobei zwischen dokumentarischen Szenen und archivarischem Material unterschieden wird.
3. Das kommunikative Gedächtnis: Es werden die theoretischen Grundlagen von Jan Assmann zum kommunikativen Gedächtnis eingeführt und die Bedeutung des kollektiven Wissens für soziale Gruppen erläutert.
3.1 Schemata des kommunikativen Gedächtnisses in Conversations in Vermont: Die theoretischen Ansätze werden auf die spezifische Gesprächssituation im Film angewendet, wobei Franks Rolle als aktiver Gestalter kritisch beleuchtet wird.
3.2 Das Gedächtnis der Familie: Auf Basis von Angela Kepplers Theorien wird erörtert, wie familiäre Erinnerungen durch Kommunikation und rituelles Betrachten von Dokumenten konstruiert werden.
3.3 Familiäre Riten in Conversations in Vermont: Die Analyse zeigt auf, dass der familiäre Erinnerungsprozess im Film aufgrund mangelnder Resonanz seitens der Kinder und Franks distanzierter Regiearbeit scheitert.
4. Das kulturelle Gedächtnis: Dieses Kapitel widmet sich der Definition des kulturellen Gedächtnisses, das sich durch Alltagsferne, Institutionalisierung und einen fixierten Zeithorizont auszeichnet.
4.1 Conversations in Vermont als Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses: Hier wird argumentiert, dass der Film aufgrund seiner Form und Intention eher als kulturelles Gedächtnismedium denn als familiäres Dokument zu verstehen ist.
5. Resümee: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass Frank durch die Speicherung im Film zwar das Vergessen verhindert, die beabsichtigte Kommunikation über die familiäre Identität jedoch durch das filmische Konstrukt ersetzt.
Schlüsselwörter
Robert Frank, Conversations in Vermont, kommunikatives Gedächtnis, kulturelles Gedächtnis, Jan Assmann, Angela Keppler, Familiengedächtnis, Oral History, Dokumentarfilm, Autobiografie, Erinnerungsfigur, Identitätskonstruktion, Medialität, Bildrhetorik, Filmanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Robert Franks Film „Conversations in Vermont“ hinsichtlich seiner Funktion als Speichermedium für individuelle und kollektive Erinnerungen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Mittelpunkt stehen die Begriffe des kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses sowie die Prozesse familiärer Identitätsbildung im Medium Film.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu prüfen, ob der Film ein authentisches Dokument familiärer Erinnerung ist oder ob er als Objekt des kulturellen Gedächtnisses eine eigene, vom Regisseur konstruierte Wissensstruktur schafft.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine filmwissenschaftliche Analyse in Verbindung mit kulturtheoretischen Ansätzen von Jan Assmann und Angela Keppler.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Beschreibung des Films, die theoretische Herleitung der Gedächtniskonzepte und deren Anwendung auf die konkreten Szenen und die Montagestruktur des Werks.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind: Robert Frank, Gedächtnistheorie, Dokumentarfilm, Familiengedächtnis und Identitätskonstruktion.
Warum scheitert laut der Autorin die Herstellung einer familiären Identität im Film?
Laut der Analyse fehlt die notwendige wechselseitige Kommunikation; Franks Kinder verweigern den Anschluss an die vom Vater angestoßenen Erinnerungsprozesse, wodurch die Intimität der Familie nicht im Film manifestiert wird.
Wie unterscheidet sich der Film laut Arbeit von einem klassischen Familienalbum?
Obwohl er wie ein Familienalbum angekündigt wird, transformiert die filmische Montage das private Material in eine öffentliche, ästhetisierte Form, die den Rahmen der familiären Oral History sprengt.
- Citation du texte
- Anna Jontza (Auteur), 2005, Robert Franks 'Conversations in Vermont': ein Artefakt des kommunikativen oder kulturellen Gedächtnisses?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59714