In modernen Gesellschaften wie der BRD ist eine zunehmende kulturelle Vielfalt zu verzeichnen. Als mögliche Ursachen dieser kulturellen Ausdifferenzierung können die Zuwanderung von Individuen aus verschiedensten Kulturkreisen, die Entstehung einer großen Bandbreite subkultureller Milieus als Folge gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse sowie eine zunehmende Interaktionsdichte im Zuge regionaler sowie globaler Wandlungsprozesse (z. B. Globalisierung, deutsche Wiedervereinigung und europäische Integration) angeführt werden.
Ausgehend von einem erweiterten Kulturverständnis, welches den dynamischen Charakter von Kultur betont und die Differenzierung in Teilkulturen, Subkulturen und Milieus beinhaltet, können Kulturen nicht mehr auf Nationalkulturen reduziert oder als statisch angesehen werden. Aus einer solchen differenzierteren Perspektive ergibt sich ein neues Verständnis kultureller Vielfalt und den damit einhergehenden interkulturellen Begegnungen (vgl. Handschuck/Klawe 2004; Freise 2005). Diese Entwicklungen führen dazu, dass interkulturelle Erfahrungen heute zum Lebensalltag der Menschen gehören und ihre individuelle und kollektive Identitätsbildung prägen.
Vor diesem Hintergrund wird interkulturelle Kompetenz zu einer notwendigen Qualifikation für Fachkräfte in der Sozialer Arbeit. Die Aktualität des Diskurses um interkulturelle Kompetenz spiegelt sich in den unzähligen Veröffentlichungen und Debatten wieder. Es sind vielschichtige und umfangreiche Kompetenzprofile veröffentlicht worden, die allerdings den Überblick über die Diskussionen und eine mögliche Quintessenz erschweren (vgl. Friesenhahn/Rickert 2006: 30; Leiprecht 2002: 88; Auernheimer 2002: 183).
Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, welche gesellschaftlichen Wandlungsprozesse und Erkenntnisse die Forderung nach einem erweiterten Verständnis von Interkulturalität begründen. Weiterhin soll der Versuch unternommen werden, aus den identifizierten Entwicklungen eine plausible Begründung für folgende These abzuleiten: Interkulturelle Kompetenz ist heute als Schlüsselqualifikation für Fachkräfte der Sozialen Arbeit anzusehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsdefinitionen
2.1. Kultur
2.1.1. Der Kulturbegriff im Wandel
2.1.2. Orientierungsfunktion und Symbolcharakter von Kultur
2.1.3. Der Kulturbegriff im Rahmen dieser Arbeit
2.2. Das Eigene und das Fremde
2.2.1. Fremdwahrnehmung
2.2.2. Die eigene und kollektive Identität
2.2.3. Konstruktion des Fremden und Eigenen
2.3. Das Interkulturelle
2.3.1. Das Interkulturelle als Zustands- und Prozessbeschreibung
2.3.2. Abgrenzung zum Mulikulturalismus
2.3.3. Kritik am Konzept der Interkulturalität
2.3.4. Definition von Interkulturalität
2.4. Interkulturelle Kompetenz
3. Im Kontext der interkulturellen Kompetenz relevante gesellschaftliche Entwicklungen und Wandlungsprozesse
3.1. Sozialer Wandel
3.1.1. Wertewandel und die Pluralisierung der Lebenswelten
3.1.2. Risikogesellschaft und Veränderungen der Arbeitsgesellschaft
3.2. Globalisierung
3.2.1. Ökonomische Aspekte
3.2.2. Sozio-kulturelle Aspekte
3.2.2.1. Mobilität
3.2.2.2. Migration
3.2.2.3. Kommunikationstechnologien als wesentliches Element der Globalisierung
4. Debatten um „Kulturelle Vielfalt“
4.1. Kulturelle Diversität
4.1.1. Die mehrkulturelle Gesellschaft
4.1.2. Subkulturen
4.2. Umgang mit Diversität: zwischen Annerkennung und Ausgrenzung
4.2.1. Ausgrenzungstendenzen
4.2.2. Kulturelle Differenzen
3.3. Integration
3.3.1. Kritik an Integrationskonzepten
3.3.2. Anforderungen an Einheimische und Migranten
5. Bedeutung der kulturellen Diversität für die interkulturelle Soziale Arbeit
5.1. Kategorisierung interkultureller Sozialer Arbeit
5.1.1. Adressatengruppen interkultureller Sozialer Arbeit
5.1.2. Umgang mit Differenzen in der Sozialen Arbeit
5.1.3. Anschlussfähigkeit interkultureller Ansätze an vorhandene Handlungskonzepte Sozialer Arbeit
5.1.4. Anforderungen an Fachkräfte der Sozialen Arbeit
5.2. Kompetenzanforderungen
5.2.1. Der Kompetenzbegriff
5.2.1. Der Begriff der Schlüsselqualifikation
6. Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation
6.1. Ebenen interkultureller Kompetenz
6.2. Elemente interkultureller Kompetenz
6.3. Erwerb interkultureller Kompetenzen
6.4. Kritik am Konzept der interkulturellen Kompetenz
6.5. Besondere Relevanz interkultureller Kompetenz für die Fachkräfte der Jugendarbeit
6.5.1. Der sozio-kulturelle Lebenskontext junger Menschen
6.5.2. Interkulturelle Anforderungen an die Fachkräfte der Jugendarbeit
6.5.3. Bedeutung interkultureller Kompetenz für Fachkräfte der Jugendarbeit
7. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse zu identifizieren, die die Forderung nach einem erweiterten Verständnis von Interkulturalität begründen, und daraus die These abzuleiten, dass interkulturelle Kompetenz eine essenzielle Schlüsselqualifikation für Fachkräfte in der Sozialen Arbeit darstellt.
- Gesellschaftlicher Wandel und Pluralisierung der Lebenswelten
- Die Auswirkungen von Globalisierung und Migration auf soziale Identitäten
- Notwendigkeit einer erweiterten interkulturellen Kompetenz als professionelle Qualifikation
- Reflexion des Umgangs mit kultureller Diversität in der Sozialen Arbeit
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Der Kulturbegriff im Wandel
Das uns allen vertraute Verständnis von Kultur geht auf den Kulturbegriff des Kulturphilosophen Johann Gottfried Herder zurück, der Kultur als Lebensform von Völkern bezeichnete (vgl. Gemende 1999: 12; Handschuck/Klawe 2004: 67). Nach Herders Kulturdefinition wird Kultur als ein Ensemble von Merkmalen, bestehend aus Sprache, Denken, Wahrnehmen, Habitus, Institutionen und materiellen Hervorbringungen wie Kunst, Musik und Architektur, verstanden, das in seiner Gesamtheit eine Einheit und organische Ganzheit bildet. Kultur versteht er als organischen und homogenen Ausdruck eines Volkes bzw. einer Nation. Sie soll den 'Charakter' zum Vorschein bringen und auf das Innere oder das 'Wesen' des jeweiligen Volkes verweisen (vgl. Gemende 1999: 12).
Dieses traditionelle Kulturverständnis hat sich dahingehend verändert, dass Kultur heute nicht mehr als homogen und statisch betrachtet wird (vgl. Gemende 1999: 13; Nick 2003: 118f). Kulturen weisen keine einheitlichen und kontinuierlich verbindlichen Merkmale auf und können deshalb nicht auf Nationalkulturen reduziert werden. Vielmehr definiert sich jede Gruppe über andere Merkmale, und somit muss Kultur als eine veränderliche, von sozialen Gruppen ausgehende Konstruktion gesehen werden (vgl. Gemende 1999: 13). Folglich ist es auch unhaltbar, von einem Nebeneinander verschiedener, gleich bleibender nationaler Kulturen (z. B. von der Kultur der Deutschen, der Türken usw.) auszugehen, wie es beispielsweise in früheren Konzepten der 'multikulturellen' Gesellschaft der Fall war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die zunehmende kulturelle Vielfalt in modernen Gesellschaften und leitet daraus die These ab, dass interkulturelle Kompetenz eine Schlüsselqualifikation für die Soziale Arbeit ist.
2. Begriffsdefinitionen: Es erfolgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Begriffen Kultur, dem Eigenen und Fremden sowie der Interkulturalität, um ein dynamisches Verständnis für die Praxis zu etablieren.
3. Im Kontext der interkulturellen Kompetenz relevante gesellschaftliche Entwicklungen und Wandlungsprozesse: Dieses Kapitel beleuchtet den sozialen Wandel und die Globalisierung als Treiber, die neue Anforderungen an Fachkräfte in der Sozialen Arbeit stellen.
4. Debatten um „Kulturelle Vielfalt“: Hier werden die Anerkennung von Diversität sowie die Problematiken von Ausgrenzung und Integration innerhalb der deutschen Gesellschaft diskutiert.
5. Bedeutung der kulturellen Diversität für die interkulturelle Soziale Arbeit: Die Relevanz der Vielfalt für die Soziale Arbeit wird analysiert, wobei Ansätze zur Kategorisierung und die Anschlussfähigkeit an bestehende Konzepte erörtert werden.
6. Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation: Die Arbeit definiert interkulturelle Kompetenz als notwendiges Bündel an Fähigkeiten und diskutiert deren Ebenen, Elemente sowie die besondere Relevanz für die Jugendarbeit.
7. Fazit und Ausblick: Zusammenfassend wird die Notwendigkeit von interkultureller Kompetenz für alle Fachkräfte bekräftigt und gefordert, dies als Querschnittsaufgabe im Studium der Sozialen Arbeit zu verankern.
Schlüsselwörter
Interkulturelle Kompetenz, Soziale Arbeit, Kulturelle Diversität, Globalisierung, Identitätsbildung, Migration, Schlüsselqualifikation, Lebensweltorientierung, Subjektorientierung, Interkulturalität, Integration, Fremdwahrnehmung, Mehrkulturalität, Gesellschaftlicher Wandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Bedeutung interkultureller Kompetenz als notwendige Qualifikation für Fachkräfte der Sozialen Arbeit angesichts einer zunehmend kulturell vielfältigen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind der soziale Wandel, Globalisierungsprozesse, der dynamische Kulturbegriff, die Konstruktion des Eigenen und Fremden sowie die Entwicklung von Kompetenzprofilen für Fachkräfte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, gesellschaftliche Wandlungsprozesse aufzuzeigen, die ein erweitertes Verständnis von Interkulturalität erfordern, und nachzuweisen, dass interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation für Soziale Arbeit anzusehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten theoretischen Literaturanalyse, die aktuelle Diskurse und Modelle der Sozialwissenschaften auf das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit bezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Begriffen, die Analyse gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, die Debatte um kulturelle Vielfalt, die Bedeutung für die Soziale Arbeit und die Erarbeitung der interkulturellen Kompetenz als Schlüsselqualifikation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind interkulturelle Kompetenz, Soziale Arbeit, Diversität, Identität, Migration und Globalisierung.
Welche Bedeutung hat die Jugendarbeit in diesem Kontext?
Die Jugendarbeit dient als Fallbeispiel, da junge Menschen in besonderem Maße von sozio-kulturellen Wandlungsprozessen betroffen sind und eine dynamische Interaktionskultur pflegen, die hohe Anforderungen an die Fachkräfte stellt.
Was versteht die Autorin unter einem "dynamischen Kulturbegriff"?
Im Gegensatz zu statischen Konzepten, die Kulturen als abgeschlossene "Container" betrachten, versteht die Autorin Kultur als veränderbaren, reflexiven und heterogenen Prozess, der durch ständige Interaktionen geprägt ist.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin für das Studium der Sozialen Arbeit?
Sie schlussfolgert, dass die Thematik der Interkulturalität nicht nur in Spezialmodulen, sondern als Querschnittsaufgabe im gesamten Studium der Sozialen Arbeit verankert werden muss.
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- Dipl. Sozialpädagogin Nicole Marx (Autor), 2006, Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation für die Fachkräfte der Sozialen Arbeit, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60776