Zum 13. Juli 2005 wurde die 2. Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes in Kraft gesetzt, die unter anderem die 2. Erdgasbinnenmarktrichtlinie der Europäischen Union aus 2003 in deutsches Recht umsetzt. Die Richtlinie verfolgt das Ziel, die weiterhin schleppend verlaufende Öffnung der europäischen Gasmärkte zu forcieren. Eine der wesentlichen Änderungen für den bisher lediglich formal geöffneten deutschen Gasmarkt ist der Paradigmenwechsel vom vormals verhandelten zum nun regulierten Netzzugang in Form eines Entry-Exit-Systems, wie es bereits zuvor in der EU vorherrschend war. Die tatsächliche Umsetzung des Energiewirtschaftsgesetzes durch die deutsche Gaswirtschaft ist bis zum 1. August dieses Jahres angestrebt. In anderen europäischen Ländern, wie Großbritannien und den Niederlanden, sind die Gasmärkte jedoch bereits de facto vollständig geöffnet. Gerade in den Niederlanden hat sich nach der Einführung eines Entry-Exit-Regimes vor gut drei Jahren an der Handelsplattform (Hub) Title Transfer Facility (TTF) vergleichsweise zügig ein aktiver multilateraler Erdgashandel entwickeln können. Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, das Potenzial des neuen deutschen Netzzugangssystems für eine ähnliche Entwicklung zu untersuchen. Dazu werden zunächst in Kapitel 2 die Grundlagen der Gasversorgung beschrieben und in Kapitel 3 die TTF vorgestellt. In Kapitel 4 wird die Struktur der deutschen Gasversorgung beleuchtet und darauf aufbauend in Kapitel 5 auf die Einzelheiten des deutschen Entry-Exit-Systems eingegangen. In Kapitel 6 werden die problematischen Aspekte bei der Adaption des neuen Systems auf diese Versorgungsstruktur analysiert, wie sie in den Niederlanden bereits erfolgreich durchgeführt worden ist. Das Kapitel 7 schließt mit der Skizzierung eines komplementären Maßnahmenplans, auf welche Weise dennoch ein maßgeblicher Erdgas-Hub nach dem Vorbild der TTF in Deutschland entstehen könnte. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundlagen der Midstream-Gasversorgung
2.1 Gasferntransport
2.1.1 Technische Grundlagen des Gasferntransports
2.1.2 Gasbeschaffenheit
2.2 Gasgroßhandel
2.3 Netzdrittzugang – Zusammenspiel von Ferntransport und Großhandel
2.4 Großhandel per Erdgashub
2.4.1 Definition Erdgashub
2.4.2 Voraussetzungen
2.4.3 Erdgashubs in Europa – jüngste Entwicklung
3 Der niederländische Hub - Title Transfer Facility (TTF)
3.1 Bisherige Entwicklung der TTF
3.2 Rahmenbedingungen
3.2.1 Einordnung in das europäische Erdgasversorgungssystem
3.2.2 Transportsystem
3.2.3 Regelung des Netzzugangs
3.3 Funktionsweise der TTF
3.3.1 Organisation und Umsetzung des Handels
3.3.2 Systemdienstleistungen
4 Struktur der deutschen Gasversorgung
4.1 Einordnung in das europäische Erdgasversorgungsystem
4.2 Aufbau der Gasversorgungsnetze
4.3 Ferntransportstufe
4.3.1 Primäre Netzfunktion
4.3.2 Netzdichte
4.3.3 Träger des Netzbetriebs
5 Entry – Exit – System Deutschland
5.1 Vorgeschichte des deutschen Netzzugangs
5.2 Entry-Exit-Systematik des Netzzugangs nach EnWG
6 Ein deutscher Erdgas-Hub nach dem Vorbild der TTF?
6.1 Status Quo
6.2 Technisch-strukturelle Konflikte in Verbindung mit Entry-Exit-Systemen
6.2.1 Interoperabilität und Teilnetzbildung
6.2.2 Kapazitätsminderungen und Engpassmanagement
6.2.3 Vereinbarkeit von Entry-Exit-Systemen mit mehreren Netzbetreibern
7 Skizze eines Maßnahmenplans für liquiden virtuellen Hub
7.1 Flexibilisierung des Gasbezugs
7.2 Erhöhung der kurzfristig verfügbaren Gasmengen
7.3 Beseitigung von Kapazitätsengpässen
7.4 Steigerung der Allokationseffizienz von Kapazitäten
7.5 Etablierung eines Börsensystems
8 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial des neuen deutschen Netzzugangssystems, basierend auf dem Entry-Exit-Prinzip, für die Entwicklung eines liquiden, multilateralen Erdgashandels nach dem Vorbild der niederländischen Title Transfer Facility (TTF). Sie analysiert die strukturellen Voraussetzungen der deutschen Gasversorgung und identifiziert technische sowie organisationale Hürden bei der Adaption dieses Systems.
- Analyse der Grundlagen der Midstream-Gasversorgung und des Netzzugangs
- Vergleich zwischen dem niederländischen Modell (TTF) und der Struktur der deutschen Gasversorgung
- Identifikation technisch-struktureller Konflikte bei der Implementierung von Entry-Exit-Systemen in einem Multi-TSO-Markt
- Entwicklung eines Maßnahmenplans zur Steigerung der Marktliquidität in Deutschland
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Definition Erdgashub
Generell ist bei der Definition von Erdgashubs zwischen dem physischen und dem virtuellen (virtual/notional hub) Hub zu unterscheiden. Der Begriff „hub“ entstammt dem Englischen, bedeutet wörtlich Mittelpunkt oder Nabe und hat sich in der Gaswirtschaft zum Synonym für einen zentralen Handelspunkt von Erdgas etabliert.
Erreicht ein Hub eine kritische Liquidität im Sinne einer hohen Handelsaktivität, so kann der dortige Preis als Referenz für Gaslieferungen im Rahmen bilateraler Verträge dienen. Der Liquiditätsgrad leitet sich in diesem Zusammenhang aus dem Verhältnis von gehandeltem Volumen zu physisch geliefertem Volumen, auch „churn ratio“ (Umwälzungsrate) genannt, ab. Eine hohe Churn-Rate ist gleichbedeutend mit einer hohen und verlässlichen Verfügbarkeit von potenziellen Handelspartnern. An hochliquiden Hubs wie dem US-amerikanischen Henry-Hub kann die „churn ratio“ bis zu 100:1 betragen [13].
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit beschreibt die Einführung des Entry-Exit-Systems in Deutschland durch die 2. EnWG-Novelle und stellt das Ziel auf, die Potenziale für einen liquiden Erdgashandel nach dem Vorbild der niederländischen TTF zu untersuchen.
2 Grundlagen der Midstream-Gasversorgung: Dieses Kapitel erläutert die technischen Charakteristika des Gasferntransports, die Preisbildung im Großhandel sowie die Grundlagen des Netzdrittzugangs und definiert den Begriff Erdgashub.
3 Der niederländische Hub - Title Transfer Facility (TTF): Vorstellung des Erfolgsmodells der TTF als virtueller Handelspunkt, unter Einbeziehung der regulatorischen Rahmenbedingungen und der praktischen Funktionsweise des Handels.
4 Struktur der deutschen Gasversorgung: Analyse der deutschen Versorgungssituation als Nettoimportland sowie Darstellung des Aufbaus der Gasversorgungsnetze und der TSO-Struktur.
5 Entry – Exit – System Deutschland: Überblick über die Vorgeschichte des Netzzugangs in Deutschland und die gesetzlichen Vorgaben der EnWG-Novelle zur Ausgestaltung des Entry-Exit-Systems.
6 Ein deutscher Erdgas-Hub nach dem Vorbild der TTF?: Untersuchung des Status Quo der Handelsaktivitäten in Deutschland sowie Analyse der technisch-strukturellen Konflikte, die aus der Multi-TSO-Konstellation resultieren.
7 Skizze eines Maßnahmenplans für liquiden virtuellen Hub: Entwicklung konkreter Handlungsempfehlungen zur Flexibilisierung des Gasbezugs, Erhöhung der kurzfristigen Liquidität und Verbesserung der Allokationseffizienz von Kapazitäten.
8 Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Potenziale für einen deutschen Hub und Diskussion der einschränkenden Faktoren wie Netzeigentum und regulatorische Restriktionen.
Schlüsselwörter
Erdgas, Entry-Exit-System, Erdgashub, TTF, Netzzugang, Gasferntransport, Marktliquidität, TSO, Kapazitätsmanagement, Gasgroßhandel, Erdgasbinnenmarkt, Bilanzausgleich, Gasinfrastruktur, Liberalisierung, EnWG.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, ob und wie das durch das neue Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) eingeführte Entry-Exit-System in Deutschland genutzt werden kann, um einen liquiden Erdgashandel zu etablieren, ähnlich der erfolgreichen Title Transfer Facility (TTF) in den Niederlanden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die physikalischen und regulatorischen Grundlagen der Gasversorgung, der Vergleich zwischen der deutschen Netzstruktur und dem niederländischen Modell sowie die Herausforderungen bei der Umsetzung eines effizienten Engpassmanagements in einem von mehreren Transportnetzbetreibern (TSO) geprägten Markt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das Potenzial des deutschen Netzzugangssystems für die Entwicklung eines multilateralen, liquiden Erdgashandels zu untersuchen und einen Maßnahmenplan für die Entstehung eines maßgeblichen deutschen Erdgashubs zu skizzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine strukturierte Analyse von Marktstrukturen, rechtlichen Rahmenbedingungen und technischen Netzparametern, ergänzt durch einen internationalen Vergleich mit den Märkten in den Niederlanden und Großbritannien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Grundlagen des Transports und Handels beschrieben, die niederländische TTF als Vorbild analysiert, die deutsche Marktstruktur beleuchtet und schließlich die Konfliktpunkte zwischen der notwendigen Marktliquidität und der komplexen, dezentralen Netzstruktur in Deutschland diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Erdgas-Hub, Entry-Exit-System, Netzzugang, Marktliquidität, Transportnetzbetreiber (TSO) und Gasbeschaffenheit charakterisieren.
Warum ist das deutsche Netz schwieriger für einen Hub geeignet als das niederländische?
Im Gegensatz zu den Niederlanden, wo ein zentraler TSO agiert, besteht Deutschland aus mehreren rechtlich selbstständigen TSO mit historisch gewachsenen, fragmentierten Teilnetzen und unterschiedlichen Gasqualitäten, was die technische Interoperabilität und den homogenen Handelsbetrieb erschwert.
Was ist das „Pipe-in-Pipe“-Wettbewerbsmodell?
Es beschreibt eine Situation in Deutschland, in der mehrere Netzbetreiber anteilig dieselben Gasleitungen besitzen und vermarkten, was einerseits Leitungswettbewerb ermöglicht, andererseits aber die Koordination und die effiziente Kapazitätsvergabe erschwert.
- Citation du texte
- Wolf Thyssen (Auteur), 2006, Die Rolle des neuen Entry-Exit-Systems bei der Entstehung eines maßgeblichen Erdgas-Hubs in Deutschland nach dem Vorbild der niederländischen Title Transfer Facility, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61094