In Unterrichtssituationen gibt primär die Leistungsrückmeldung Auskunft über den Erfolg der Schüler. Von daher liegt es nahe, Auswirkungen der Leistungsrückmeldung, speziell der Zensierung, auf die Schülermotivation zu vermuten. Das gegenwärtige System der Notengebung bewirkt, dass nicht alle Schüler die schulischen Anforderungen auf gleiche Weise erleben. Schüler, denen es leicht fällt, den Ansprüchen im Unterricht gerecht zu werden, erleben den Leistungsdruck anders als jene, die als lernschwach bezeichnet werden. Auf ihnen lastet durch die herkömmliche Zensurenvergabe ein psychischer Stress, der Einfluss auf ihre Einstellung und Motivation gegenüber der Schule hat.
Die Motivation spielt bei der kognitiven Auseinandersetzung mit Schulaufgaben eine zentrale Rolle und ist für den Lernerfolg von großer Relevanz. Eine gute Benotungspraxis darf die Lern- und Leistungsmotivation der Schüler nicht korrumpieren, sondern muss sie stattdessen fördern. Derzeit führt die Zensurenvergabe allerdings zu einer Kategorisierung in gute und schlechte Schüler. Prinzipiell ist eine realistische subjektive Einschätzung der eigenen Leistungsmöglichkeit wichtig und wünschenswert. Doch der Vergleich der Leistungen des einzelnen Schülers mit dem normativ festgelegten Zensierungsstandard erweist sich als problematisch, wenn er keine individuellen Lernfortschritte erlebt. Eine herkömmliche Note weist lediglich auf den Grad der Lernzielerreichung hin, beinhaltet aber keine Informationen über den persönlichen Leistungsprozess. Dabei ist gerade das Realisieren des eigenen Kompetenzwachstums wichtig, um weiterhin motiviert zu bleiben. In der Konsequenz muss man den Stellenwert der Ziffernnote im Unterrichtsgeschehen kritisch bewerten und über alternative Beurteilungsformen nachdenken.
In Folge des gegenwärtigen Zensierungsmodells an deutschen Schulen ergeben sich für die Ausarbeitung über den Einfluss von Noten nachstehende zentrale Fragestellungen: Welche Auswirkungen besitzt die Leistungsbewertung auf die Schülermotivation? Inwieweit beeinflussen Noten den Lernprozess von Schülern, indem sie die Motivation und zugleich die effektive Lernleistung hemmen? Darf man Zensuren von vornherein verurteilen oder muss man ihnen eine lernfördernde Wirkung zusprechen? Welche alternativen Benotungsverfahren gibt es und besitzen sie eine motivational günstigere Komponente?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Motivationspsychologie
2.1 Motivationstheorien
2.1.1 Behavioristische Lern- und Verhaltenstheorien
2.1.2 Kognitive Theorien
2.1.2.1 Neugiermotivation
2.1.2.2 Anreizmotivation
2.2 Leistungsmotivation
2.2.1 Atkinsons Risiko-Wahl-Modell
2.2.2 Die Attributionstheorie nach Weiner
2.2.3 Heckhausens Selbstbewertungsmodell
2.3 Ausblick
3. Die Bedeutung der Motivation für Lernprozesse
3.1 Lernmotivation
3.1.1 Das Erweiterte Kognitive Motivationsmodell
3.2 Förderung der Lernmotivation durch Leistungsmotivation
3.3 Intrinsische Lernmotivation
3.3.1 Zum Begriff der intrinsischen Motivation
3.3.2 Intrinsische Motivation im Lernumfeld
3.4 Die Selbstbestimmungstheorie nach Deci und Ryan
3.5 Ausblick
4. Das Prinzip der Leistungsbeurteilung
4.1 Das Notensystem
4.2 Die Funktionen der Zensur
4.2.1 Motivation
4.2.2 Rückmeldung
4.2.3 Funktionsüberlastung
4.3 Messung von Schulleistung
4.4 Bezugssysteme der Leistungsbeurteilung
4.4.1 Sachliche Bezugsnorm
4.4.2 Soziale Bezugsnorm
4.4.3 Individuelle Bezugsnorm
4.4.4 Bezugsnormen in der Schulpraxis
5. Auswirkungen der Noten auf die Schülermotivation
5.1 Notengebung in Hinblick auf die Selbstbestimmungstheorie
5.2 Noten und ihre Attributionszuschreibung
5.3 Der Korrumpierungseffekt von Zensuren
5.4 Der extrinsische Charakter von Zensuren
5.5 Resümee
6. Alternative Beurteilungsformen
6.1 Lehrerkommentare
6.2 Verbale Beurteilung
6.2.1 Schwachstellen der verbalen Beurteilung
6.3 Schülerselbstbewertung
6.3.1 Kritische Stellungnahme
6.4 Resümee
7. Untersuchung des Einflusses von Noten auf die Schülermotivation in Abhängigkeit herkömmlicher und alternativer Beurteilungsformen
7.1 Mündliche Note
7.2 Anlage der Untersuchung
7.2.1 Ziffernnote
7.2.2 Kommentierte Note
7.2.3 Schülerselbstbewertung
7.3 Hypothesenbildung
7.4 Objektivitäts- und Reliabilitätsprüfung
7.5 Ergebnisauswertung
7.5.1 Nachvollziehbarkeit der mündlichen Zensur
7.5.2 Verbesserungsmotivation
7.5.3 Schüleremotionen
7.5.4 Kausalattribution
7.5.5 Motive für die Beteiligung am Unterricht
7.5.6 Ideale Beurteilungsform aus Sicht der Schüler
7.6 Resümee
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss von Leistungsrückmeldungen, insbesondere durch Zensuren, auf die Lern- und Leistungsmotivation von Schülern. Das primäre Ziel besteht darin, die negativen motivationalen Effekte der herkömmlichen Ziffernnote aufzuzeigen und alternative Beurteilungsformen, wie die kommentierte Note und die Schülerselbstbewertung, hinsichtlich ihrer motivationsfördernden Potenziale zu analysieren und empirisch zu vergleichen.
- Motivationspsychologische Grundlagen und Theorien
- Bedeutung von Motivation für Lernprozesse
- Funktionen und Problematik von Ziffernnoten
- Auswirkungen von Bezugsnormorientierungen auf die Schülermotivation
- Empirische Untersuchung alternativer Feedbackarten im Unterricht
Auszug aus dem Buch
5.3 Der Korrumpierungseffekt von Zensuren
Der Korrumpierungseffekt besagt, dass eine bereits vorhandene intrinsische Motivation durch externale Bekräftigungen, in Form von Lob, materieller Belohung oder einer Zensur, beeinträchtigt und sogar vollständig zerstört werden kann (vgl. KRAPP/RYAN 2002: 60). Das mag zunächst paradox klingen, wenn der Schüler seine Handlung prinzipiell gerne ausführt. Besteht neben dem inneren Wunsch jedoch auch eine extrinsische Verlassung, z. B. die Benotung der angefertigten Hausaufgaben, entsteht motivationspsychologisch eine Überverlassung (overjustification). Mithin zweifelt der Schüler an der ursprünglichen Zweckfreiheit seines Handelns. Das Erreichen guter Noten steht von nun an im Vordergrund. Intrinsische Gründe, z. B. die Freude am Lösen von Mathematikaufgaben, werden in Frage gestellt (vgl. HECKHAUSEN/RHEINBERG 1980: 26).
Dennoch sind externale Bekräftigungen nicht prinzipiell zu verdammen. Die von ihnen ausgehenden Anreizqualitäten müssen Beachtung finden. Verschiedene Studien belegen, dass generell materielle Belohnungen die intrinsische Motivation stärker hemmen als symbolische oder verbale, erwartete Belohnungen mehr korrumpieren als unerwartete und die Betonung einer folgenden Belohnung beeinträchtigender wirkt als das Verschweigen dieser (vgl. RHEINBERG 2004: 56). In der Konsequenz muss die verbale Beurteilung im Schulunterricht verstärkten Einsatz finden, wobei zu beachten ist, dass das Feedback unter einer individuellen Bezugsnorm erfolgt und nicht den sozialen Vergleich betont. Externale Bekräftigungen sollten grundsätzlich nur bei absoluter Notwendigkeit erfolgen. So ist gewährleistet, dass die selbstinduzierte Motivation nicht beeinträchtigt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die problematische Rolle der Leistungsrückmeldung an Schulen und formuliert die zentrale Fragestellung nach dem Einfluss von Noten auf die Schülermotivation.
2. Motivationspsychologie: Dieses Kapitel liefert die theoretischen Grundlagen der Motivationspsychologie, indem es behavioristische und kognitive Konzepte sowie Modelle der Leistungsmotivation detailliert darstellt.
3. Die Bedeutung der Motivation für Lernprozesse: Es wird die Rolle der Lernmotivation untersucht und das Erweiterte Kognitive Motivationsmodell sowie die Selbstbestimmungstheorie zur Erklärung der intrinsischen Lernmotivation herangezogen.
4. Das Prinzip der Leistungsbeurteilung: Das Kapitel analysiert das herkömmliche Notensystem, seine Funktionen und Gütekriterien sowie die Bedeutung verschiedener Bezugsnormen (sachlich, sozial, individuell) für die Leistungsbeurteilung.
5. Auswirkungen der Noten auf die Schülermotivation: Hier erfolgt die Verknüpfung von Benotungspraxis und Motivationsmodellen, wobei insbesondere der Korrumpierungseffekt und der extrinsische Charakter von Noten im Fokus stehen.
6. Alternative Beurteilungsformen: Drei Ansätze – Lehrerkommentar, verbale Beurteilung und Schülerselbstbewertung – werden als Alternativen zur Ziffernnote vorgestellt und diskutiert.
7. Untersuchung des Einflusses von Noten auf die Schülermotivation in Abhängigkeit herkömmlicher und alternativer Beurteilungsformen: Dies ist der empirische Teil der Arbeit, in dem eine eigene Studie durchgeführt wird, um die Auswirkungen der drei verschiedenen Feedbackformen auf die mündliche Beteiligung und Motivation zu vergleichen.
8. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, Leistungsdiagnose stärker als Leistungsbeurteilung in den Vordergrund zu stellen, um die Lernfreude zu erhalten.
Schlüsselwörter
Schülermotivation, Leistungsbeurteilung, Zensuren, Ziffernnote, intrinsische Motivation, extrinsische Motivation, Kausalattribution, Bezugsnormorientierung, Korrumpierungseffekt, Lehrerkommentar, Schülerselbstbewertung, Leistungsrückmeldung, Lernmotivation, Erwartungs-Wert-Modell, Selbstbestimmungstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Einfluss, den herkömmliche Notengebung (Ziffernnoten) auf die Lern- und Leistungsmotivation von Schülern an Gymnasien ausübt, und vergleicht diesen mit alternativen Beurteilungsformen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind die psychologischen Grundlagen der Motivation (Leistungsmotivation, intrinsische/extrinsische Motivation), die Funktionen von Zensuren sowie der Einfluss von Noten auf die Kausalattribution und das Selbstwertgefühl der Schüler.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, Schwachstellen der herkömmlichen Ziffernnote aufzuzeigen und zu demonstrieren, dass alternative, kommentierende oder selbstbewertende Feedbackformen motivierendere Effekte auf Schüler haben als reine Zahlennoten.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Arbeit verwendet?
Neben einer umfassenden Literaturanalyse theoretischer Konzepte der Motivationspsychologie führt die Autorin eine eigene empirische Studie an einem Gymnasium durch, bei der 201 Schüler in drei verschiedenen Feedback-Gruppen befragt wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Zensursystem, die Diskussion alternativer Methoden und den empirischen Teil zur Auswertung der Schülerbefragung hinsichtlich Variablen wie Nachvollziehbarkeit und Verbesserungsmotivation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Schülermotivation, Ziffernnote, Leistungsbeurteilung, Korrumpierungseffekt, Schülerselbstbewertung, Attribution, Lernprozess.
Wie unterscheidet sich die "Schülerselbstbewertung" von der herkömmlichen Ziffernnote?
Während die Ziffernnote als einseitiges, externes Sanktionsinstrument fungiert, bindet die Schülerselbstbewertung den Lernenden aktiv in den Diagnoseprozess ein, was zu einer höheren Transparenz und einer internalen Ursachenzuschreibung führt.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Motivation im Unterricht?
Die Autorin folgert, dass Zensuren die intrinsische Motivation korrumpieren können und empfiehlt einen Wechsel hin zu einer pädagogisch-psychologisch orientierten Leistungsdiagnose, die stärker auf individuelle Lernfortschritte fokussiert.
- Citation du texte
- Antje Minde (Auteur), 2006, Der Einfluss der Zensuren auf die Lern- und Leistungsmotivation von Schülern., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61531