Werde ich nach meinem Studiengang gefragt und gebe zur Antwort, dass ich Lehramt an Sonderschulen studiere und später am liebsten mit Kindern mit geistiger Behinderung arbeiten würde, reagieren die Menschen sehr stark darauf. In den meisten Fällen sind sie erst einmal völlig überrascht und sagen mir, wie gut sie es finden, dass ich „so etwas“ mache. Danach bekomme ich meist die Sätze zu hören: „Da hast du dir aber ganz schön was vorgenommen“; „Hast du dir das gut überlegt?“ oder „Das könnte ich nicht“. Manchmal wird mir die Frage gestellt, ob es überhaupt Sinn mache Kindern mit geistiger Behinderung in Mathe oder Deutsch zu unterrichten. Die extremste Reaktion war die von einem mir fremden Mann, der mich im Zug nach meinem zukünftigen Beruf fragte. Auf meine Antwort reagierte er, indem er mir mehr als zwei Mal hintereinander sagte, dass ihn dies schockiere. Selbst beim Verlassen des Zuges, als das Thema gar nicht mehr im Raum stand, sagte er mir noch ein erneutes Mal, dass er geschockt sei. Zum einen verunsicherte es mich, weil ich diese Reaktion nicht verstehen konnte und versuchte mich auf einmal zu rechtfertigen, zum anderen wurde ich verärgert und auf eine gewisse Weise auch traurig, denn welche Sichtweise musste dieser Mann von Menschen mit geistiger Behinderung haben, dass er auf eine mir so unverständliche Weise reagierte? Ich fragte mich daraufhin aber auch selbst, welche
menschenbildbezogene Sichtweise von Menschen mit Behinderung ich habe und welchen Einfluss diese auf mein Tun hat. Genau hier liegt der Ursprung zur Idee des Themas dieser Arbeit. Im ersten Teil meiner Arbeit möchte ich versuchen zu klären, was man unter einem Menschenbild versteht und verschiedene Menschenbilder im historischen Rückblick vorstellen. Hieran soll deutlich gemacht werden, welche fatalen Auswirkungen das Menschenbild auf die Behandlung von, in diesem Fall, Menschen mit geistiger Behinderung, haben kann.
Die Geschichte der Erziehung und Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung war nämlich von Anfang an von einem Menschenbild geprägt, welches die so genannte geistige Behinderung gleichsetzte mit einer, alle Lebensbereiche betreffenden durchdringenden Abhängigkeit von Hilfe, einer völligen Überwachungs-, Kontroll- und Anleitungsbedürftigkeit. Den Menschen wurde damit Personalität, Persönlichkeit bzw. ein „Selbstsein-dürfen“ (Theunissen 2002, 48) in weitem Maße abgesprochen. Menschen mit geistiger Behinderung wurden als Mängel- oder Defizitwesen angesehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Zielsetzung und Problemstellung der Arbeit
2. Menschenbilder - Bilder von Menschen
2.1 Menschenbild - was ist das eigentlich?: Eine Begriffliche Fassung
2.2 Menschenbilder im historischen Rückblick
2.2.1 Die menschenbildbezogene Sichtweise von Menschen mit Behinderung in Frühgeschichte und Altertum
2.2.2 Die menschenbildbezogene Sichtweise von Menschen mit Behinderung im Mittelalter als „teuflisch Besessene“: Der Wechselbalg
2.2.3 Die menschenbildbezogene Sichtweise von Menschen mit Behinderung in der Aufklärung
2.2.4 Die sich immer stärker durchsetzende menschenbildbezogene medizinisch-psychiatrische Sichtweise vom Menschen mit Behinderung im Zeitalter des Frühkapitalismus und der Industrialisierung
2.2.5 Die menschenbildbezogene Sichtweise der sozialdarwinistischen Ideologie vom Menschen mit Behinderung als „lebensunwertes Leben“ und ihre Folgen in Gestalt der Lebenswertdebatte der 20er Jahre und der Vernichtungsaktionen behinderten Lebens im Nationalsozialismus
2.2.6 Die menschenbildbezogene Sichtweise des Präferenzutlitarismus (Peter Singer) von Menschen mit Behinderung als philosophisch verbrämte Wiedergeburt sozialdarwinistischen Gedankenguts
2.3 Menschenbildgruppen
2.3.1 Individuenzentrierte Menschenbilder
2.3.2 Gesellschaftszentrierte Menschenbilder
3. Das Menschenbild in seiner Bedeutung für die Sonderpädagogik in Theorie und Praxis
3.1 Der Einfluss der mechanistischen und defizitorientierten/ defektorientierten Sichtweise der Medizin vom Menschen mit Behinderung auf die bisherige sonderpädagogische Theorie und Praxis (z.B. Schwachsinnshypothese) und die damit verbundene Terminologie (z.B. Blödsinn, Idiotie, Oligophrenie)
3.2 Der menschenbildbezogene Paradigmenwechsel in der Theorie der Sonderpädagogik
3.2.1 Die sozialwissenschaftlich orientierte Sonderpädagogik in ihre Abwendung von der individuenzentrierten zur gesellschaftszentrierten Sichtweise vom Menschen mit Behinderung: Behinderung als gesellschaftlich verursachtes Produkt
3.2.2 Neue Menschenbilder im Rahmen des sonderpädagogischen Paradigmenwechsels
3.2.2.1 Das egalisierende Menschenbild
3.2.2.2 Das dialogische Menschenbild
3.2.3 Von der Sonderpädagogik zur inklusiven Pädagogik
3.3 Der menschenbildbezogene Paradigmenwechsel in der sonderpädagogischen Praxis
3.3.1 Das Normalisierungsprinzip und die daraus entstandene Integrationsbewegung für alle Lebensbereiche
3.3.2 „Nicht über uns ohne uns!“- Die Madrider Deklaration
3.3.3 Ein selbstbestimmtes Leben auch für Menschen mit Behinderung
3.3.3.1 Anthropologische Aspekte eines selbstbestimmten Lebens
3.3.3.2 Selbstbestimmung mit den Elementen Selbstständigkeit, Selbstverantwortung, Selbstleitung
3.3.3.3 Das Empowernmentkonzept zur Umsetzung selbstbestimmten Lebens für Menschen mit Behinderung
3.4 Paradigmenbezogene Begriffswandlungen und neue Handlungsansätze in der sonderpädagogischen und sozialpolitischen Praxis
3.4.1 Aus „Aktion Sorgenkind“ wird „Aktion Mensch“
3.4.2 Vom Betreuer zum Begleiter
3.4.3 Die persönliche Assistenz
3.4.4 Das persönliche Budget: Der Mensch mit Behinderung als Arbeitgeber
3.4.5 Das europäische Jahr für Menschen mit Behinderungen als sozialpolitischer Impuls für mehr Selbstbestimmung und mehr gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung
3.5 Resümee und kritische Reflexion der menschenbildbezogenen Sichtweise von Menschen mit Behinderung im Rahmen gesellschaftlicher Wandlungsprozesse
4. Die Menschenbildbezogene Sichtweise von Menschen mit Behinderung Durchführung, Ergebnisse und Evaluation einer wissenschaftlich nicht repräsentativen Befragung
4.1 Befragungsklientel
4.2 Die Durchführung der Befragung
4.3 Vorstellung der Fragen
4.4 Hypothesen
4.5 Darstellung der Befragungsergebnisse
4.6 Evaluation der Befragungsergebnisse im Rahmen einer Hypothesenüberprüfung
4.7 Kritische Reflexion der dargestellten und evaluierten Befragungsergebnisse, sowie Versuch einer eigenen Positionsbestimmung
5. Vorschläge und Forderungen an die Sozialpolitik sowie an die sonderpädagogische Theorie und Praxis zur Absicherung und Weiterentwicklung eines egalisierenden und dialogischen Menschenbildes von Menschen mit Behinderung in den einzelnen Lebensbereichen, sowie im Rahmen der Professionalisierung von (Sonder-) PädagogInnen – thesenhaft formuliert
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Menschenbildern als fundamentale Bausteine sonderpädagogischer Theorie und Praxis. Ziel ist es, den historisch-gesellschaftlichen Wandel dieser Menschenbilder aufzuzeigen, deren Einfluss auf die Behindertenhilfe kritisch zu reflektieren und anhand einer Befragung aktuelle gesellschaftliche Einstellungen zu beleuchten, um daraus Forderungen für eine inklusive Pädagogik und Sozialpolitik abzuleiten.
- Historische Entwicklung von Menschenbildern gegenüber Menschen mit Behinderung
- Paradigmenwechsel von der Defizitorientierung zur Menschorientierung
- Bedeutung von Selbstbestimmung und Empowerment in der Praxis
- Wissenschaftliche Analyse gesellschaftlicher Einstellungen durch eine Befragung
- Entwicklung von Forderungen für eine inklusive, dialogische Pädagogik
Auszug aus dem Buch
2.1 Menschenbild – was ist das eigentlich? : Eine begriffliche Fassung
Die Frage, was der Mensch sei, bzw. was der Mensch in seinem Wesen sei, ist so alt, wie die Menschheit selbst, da das Fragen einen Wesenszug des Menschen darstellt und der Mensch in der Lage ist, über sich selbst zu reflektieren (vgl. Siegenthaler 1993, 36). Diese Fragen und die Suche nach passenden Antworten ergeben bestimmte Bilder.
Diese Bilder entstehen im Inneren des Menschen. Der einzelne Mensch ist zwar Träger, jedoch nicht gleichzeitig auch Erzeuger dieser. Er entnimmt sie ebenso aus dem „regionalen, nationalen“ und seinem ideologisch-geistigen Umfeld (vgl. Fischer 1989, 270). Oftmals sind diese Bilder auch Ergebnisse eigenen Nachdenkens und Erlebens. Gerade Menschenbilder beinhalten „Sichtweisen und Bedeutungen, Hoffnungen und Erwartungen“ (Fischer 1989, 270). Sie beschreiben eine Sache, wie sie sein soll, selten wie sie ist (vgl. Fischer 1989, 270).
Das Wort „Menschenbild“ wird im übertragenen Sinn verwendet. Wenn wir also von „Menschenbildern“ reden, meinen wir nicht wirkliche, materielle Bilder von Menschen (vgl. Wolters 1999, 95), sondern gedankliche Gebilde, die aus Werten und Normen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens sammelt, abgeleitet werden. Aus diesem Grund sind diese Werte und Normen weder wissenschaftlich überprüfbar und widerlegbar, noch logisch-begründbar, trotzdem sind sie kritisch reflektierbar (vgl. Goll 1992, 55).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zielsetzung und Problemstellung der Arbeit: Die Autorin begründet ihr Interesse am Thema durch persönliche Erfahrungen und leitet daraus die Zielsetzung ab, historische und aktuelle Menschenbilder in der Sonderpädagogik zu hinterfragen.
2. Menschenbilder - Bilder von Menschen: Dieses Kapitel definiert den Begriff "Menschenbild" und führt durch die historische Entwicklung, von Ausgrenzung und Tötung in der Antike und im Mittelalter bis hin zu modernen utilitaristischen Ansätzen.
3. Das Menschenbild in seiner Bedeutung für die Sonderpädagogik in Theorie und Praxis: Hier wird der Einfluss von Menschenbildern auf die Sonderpädagogik analysiert, insbesondere der Paradigmenwechsel von einer defizitorientierten medizinischen Sichtweise hin zu inklusiven und dialogischen Ansätzen.
4. Die Menschenbildbezogene Sichtweise von Menschen mit Behinderung Durchführung, Ergebnisse und Evaluation einer wissenschaftlich nicht repräsentativen Befragung: Die Autorin präsentiert eine eigene Befragung, um aktuelle gesellschaftliche Einstellungen zu verschiedenen Aspekten des Lebens von Menschen mit Behinderung zu untersuchen und mit den vorangegangenen Hypothesen abzugleichen.
5. Vorschläge und Forderungen an die Sozialpolitik sowie an die sonderpädagogische Theorie und Praxis zur Absicherung und Weiterentwicklung eines egalisierenden und dialogischen Menschenbildes von Menschen mit Behinderung in den einzelnen Lebensbereichen, sowie im Rahmen der Professionalisierung von (Sonder-) PädagogInnen – thesenhaft formuliert: Das abschließende Kapitel formuliert konkrete Forderungen an Politik und Pädagogik, um ein dialogisches Menschenbild in Theorie und Praxis nachhaltig zu verankern.
Schlüsselwörter
Menschenbild, Sonderpädagogik, Behinderung, Inklusion, Paradigmenwechsel, Normalisierungsprinzip, Selbstbestimmung, Empowerment, Geschichte der Behindertenhilfe, Sozialpolitik, gesellschaftliche Teilhabe, Dialog, Bioethik, Fremdbestimmung, Lebensqualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie sich das Bild des Menschen mit Behinderung im Laufe der Geschichte gewandelt hat und welche Auswirkungen diese unterschiedlichen Menschenbilder auf sonderpädagogische Theorien und die soziale Praxis haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die historische Entwicklung der Behindertenhilfe, der Paradigmenwechsel von der Defizitorientierung hin zur Inklusion sowie aktuelle Konzepte wie Selbstbestimmung und Empowerment.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Bewusstsein für die Bedeutung von Menschenbildern zu schärfen, um eine menschenwürdige und inklusive Gestaltung der Behindertenhilfe voranzutreiben, die den Menschen als Subjekt und nicht als Objekt der Fürsorge betrachtet.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Neben einer umfassenden Literatur- und Theorieanalyse führt die Autorin eine wissenschaftlich nicht repräsentative Befragung durch, um aktuelle gesellschaftliche Einstellungen zu erfassen und zu reflektieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden historische Epochen (Antike bis Moderne), verschiedene theoretische Menschenbildgruppen und die praktische Umsetzung inklusiver Konzepte, wie beispielsweise das persönliche Budget oder die persönliche Assistenz, detailliert erörtert.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Inklusion, Selbstbestimmung, Empowerment, Normalisierung, egalisierendes Menschenbild und dialogische Pädagogik charakterisiert.
Warum spielt die Kritik an der Bioethik eine Rolle?
Die Autorin kritisiert bioethische Strömungen, da diese eine Gefahr für das Lebensrecht von Menschen mit Behinderung darstellen können, indem sie Menschen in lebenswertes und lebensunwertes Leben kategorisieren.
Was fordert die Autorin im Hinblick auf die Sozialpolitik?
Sie fordert unter anderem die Aufhebung von Zuzahlungspflichten für Sozialhilfeempfänger, die konsequente Einführung und Finanzierung des persönlichen Budgets sowie eine Reformierung der Krankenhausfinanzierung zugunsten der individuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung.
Wie unterscheidet sich die Begleitung von der traditionellen Betreuung?
In der Rolle des Begleiters steht die Unterstützung des Menschen mit Behinderung bei der Verwirklichung seiner selbst gewählten Ziele im Vordergrund, während die traditionelle Betreuerrolle oft durch ein defizitäres Menschenbild und eine dominante Helferschaft geprägt war.
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- Pia Weidenbach (Author), 2006, Das Menschenbild als fundamentaler Baustein sonderpädagogischer Theorie und Praxis im historisch-gesellschaftlichen Wandlungsprozess, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62895