Philosophie und Theologie sind im Grunde zwei Wissenschaften für sich und dennoch überschneiden sie sich des Öfteren in den Themen bzw. Fragen, die sie behandeln. Das war auch im Islam nicht anders. Besonders bis in das 12. Jahrhundert gab es regen Austausch zwischen diesen Wissenschaften, aber auch große Streitigkeiten. Zum Ersten kann man sagen, dass sich die Theologen immer wieder gern des philosophischen Werkzeuges bedienten, um ihre theologischen Standpunkte verteidigen zu können. So war zum Beispiel in der theologischen Schule der Mu´tazila die Demonstration und die Dialektik beliebt, wenn es darum ging ihre „Gegner“ innerhalb der eigenen Reihen und auch außerhalb derer zu widerlegen.7 Aber dennoch waren sie Theologen, also Wissenschaftler die in erster Linie die offenbarten Texte als Grundlage nahmen, um zu tieferen Wahrheiten vorzudringen. Die Wahrnehmbare Welt galt ihnen nur als Mittel der Beweisführung. Anders bei den Philosophen dieser Zeit. Für sie galt die Philosophie selbst als die Wissenschaft, mit deren Hilfe man die absolute Wahrheit würde finden können, auch wenn sie sich als gläubige Muslime sahen. Die Religion war ihnen für das einfache Volk mit weniger Bildung gedacht und hatte auch da ihre Berechtigung.
Es zeichnet sich also an dieser Stelle bereits ab, dass das Verhältnis zwischen diesen beiden Wissenschaften nicht immer das Beste war. Um diesen Umstand soll es in dieser Arbeit gehen. Dazu werden drei Gelehrte aus dem Islam vorgestellt, die als führende Vertreter ihrer Zeit hauptsächlich in diesem Streit verwickelt waren bzw. diesen stellvertretend für andere führten. Dies sind Ibn Sīnā (Avicenna), al-Ġazālī und der schon erwähnte Ibn Ruschd (Averroes). Die unterschiedlichen Stellungen hinsichtlich der Wissenschaften hatten logischer Weise auch zur Folge, dass die verschiedensten Theorien hinsichtlich theologischer und philosophischer Fragen entwickelt wurden. Eine solche Frage war zum Beispiel auch diejenige nach der Beweisbarkeit Gottes, welche neben den Divergenzen hinsichtlich der Wissenschaft im Allgemeinen in dieser Arbeit vorgestellt werden soll. Man kann sich denken, dass diese Beweise höchst unterschiedlich ausgefallen sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ibn Sīnā
2.1 Philosophie und Theologie
2.2 Der Gottesbeweis des Ibn Sīnā
3. Al-Ġazālī
3.1 Theologie und Philosophie
3.2 Al-Ġazālīs Gottesbeweis und ein Schritt zurück
4. Ibn Rušd
4.1 Harmonien zwischen Philosophie und Theologie
4.2 Der Gottesbeweis des Ibn Rušd
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen Philosophie und Theologie im islamischen Denken des 10. bis 12. Jahrhunderts anhand der Positionen von Ibn Sīnā, al-Ġazālī und Ibn Rušd. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf der Frage nach der Beweisbarkeit Gottes und der jeweiligen Legitimationsgrundlagen dieser Wissenschaften.
- Historische Entwicklung des Spannungsverhältnisses zwischen rationaler Philosophie und Offenbarungstheologie.
- Analyse der Gottesbeweise bei Ibn Sīnā, al-Ġazālī und Ibn Rušd.
- Kritische Auseinandersetzung mit den Vorwürfen der Apostasie und dem sogenannten Averroismus.
- Untersuchung der Koranexegese als Brücke zwischen philosophischer Demonstration und religiöser Lehre.
Auszug aus dem Buch
2.1 Philosophie und Theologie
„Es gibt zwei Wege, eine Sache zu verstehen. Einer von beiden ist, das Wesen der Sache zu erfassen, der zweite, es sich durch ein Gleichnis vorzustellen, das die Sache nachahmt.“
Philosophie und Theologie sind im Grunde zwei Wissenschaften für sich und dennoch überschneiden sie sich des Öfteren in den Themen bzw. Fragen, die sie behandeln. Das war auch im Islam nicht anders. Besonders bis in das 12. Jahrhundert gab es regen Austausch zwischen diesen Wissenschaften, aber auch große Streitigkeiten. Zum Ersten kann man sagen, dass sich die Theologen immer wieder gern des philosophischen Werkzeuges bedienten, um ihre theologischen Standpunkte verteidigen zu können. So war zum Beispiel in der theologischen Schule der Mu´tazila die Demonstration und die Dialektik beliebt, wenn es darum ging ihre „Gegner“ innerhalb der eigenen Reihen und auch außerhalb derer zu widerlegen. Aber dennoch waren sie Theologen, also Wissenschaftler die in erster Linie die offenbarten Texte als Grundlage nahmen, um zu tieferen Wahrheiten vorzudringen. Die Wahrnehmbare Welt galt ihnen nur als Mittel der Beweisführung. Anders bei den Philosophen dieser Zeit. Für sie galt die Philosophie selbst als die Wissenschaft, mit deren Hilfe man die absolute Wahrheit würde finden können, auch wenn sie sich als gläubige Muslime sahen. Die Religion war ihnen für das einfache Volk mit weniger Bildung gedacht und hatte auch da ihre Berechtigung.
Ebenso sah dies Abū ´Alī al-Husayn Ibn ´Abd-Allāh ibn Sīnā (Avicenna – 980-1037), nur dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht so sehr den Vorrang der Philosophie betonte, sondern er die Bedeutung der Religion für das Gemeinwesen hervorhob, was aber nur eine abgeschwächte Version vom Vorrang der Philosophie darstellte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Rezeption des Averroismus im 13. Jahrhundert und führt in die wissenschaftstheoretische Problematik des Verhältnisses von Philosophie und Theologie im mittelalterlichen Islam ein.
2. Ibn Sīnā: Dieses Kapitel erläutert Ibn Sīnās Sicht auf die Hierarchie der Wissenschaften und analysiert seinen kosmologischen Gottesbeweis, der auf der Notwendigkeit einer ersten Ursache basiert.
3. Al-Ġazālī: Es wird die kritische Haltung al-Ġazālīs gegenüber der Philosophie dargestellt, insbesondere seine Zurückweisung der Kausalität zugunsten der Gewohnheit Gottes und sein teleologischer Gottesbeweis.
4. Ibn Rušd: Dieses Kapitel untersucht Ibn Rušds Versuch, die Philosophie durch das religiöse Gesetz zu legitimieren, und beschreibt seine Form der Koranexegese sowie seine korankonformen Gottesbeweise.
5. Resümee: Die Zusammenfassung widerlegt die Vorstellung einer „Lehre der doppelten Wahrheit“ bei Ibn Rušd und betont die Einheit der Wahrheit bei gleichzeitiger Differenzierung der Vermittlungswege.
Schlüsselwörter
Islamische Philosophie, Theologie, Ibn Sīnā, al-Ġazālī, Ibn Rušd, Gottesbeweis, Kausalität, Averroismus, Koranexegese, Offenbarung, Demonstration, Dialektik, Apostasie, Religion, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Spannungsfeld zwischen der philosophischen Vernunft und der theologischen Offenbarung im islamischen Denken des 10. bis 12. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Definition von Wissenschaftsgrenzen, die Rolle der Religion im Gemeinwesen und die methodische Herangehensweise an metaphysische Fragen wie die Existenz Gottes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Positionen von drei einflussreichen Gelehrten (Ibn Sīnā, al-Ġazālī, Ibn Rušd) in ihrem Umgang mit philosophischer Demonstration und theologischem Dogma zu vergleichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematische textanalytische Untersuchung, die sich auf die Primärtexte der genannten Philosophen und Theologen sowie einschlägige Fachliteratur stützt.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Gegenüberstellung der Gottesbeweise und der verschiedenen Ansätze, Philosophie und Offenbarung miteinander in Einklang zu bringen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kausalität, Demonstration, Koranexegese, Apostasie und die Harmonisierung von Glauben und Wissen charakterisiert.
Warum wird Ibn Sīnās Gottesbeweis als „kosmologisch“ bezeichnet?
Weil er bei den wahrnehmbaren, materiellen Dingen ansetzt, deren Existenz nur möglich, aber nicht notwendig ist, und daraus logisch auf ein notwendiges, immaterielles Wesen schließt.
Was meint al-Ġazālī mit der „Gewohnheit Gottes“?
Damit beschreibt er, dass die scheinbare Kausalität in der Welt nicht auf naturgesetzlicher Notwendigkeit beruht, sondern auf einer beständigen, von Gott gewirkten Ordnung.
Wie unterscheidet Ibn Rušd die Textverständnisse des Korans?
Er teilt diese in Stellen ein, die wörtlich zu nehmen sind, solche, die einer allegorischen Interpretation bedürfen (für Gelehrte), und schwierige Stellen, bei denen ein Irrtum entschuldbar ist.
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- Marko Tomasini (Author), 2006, Zur Beweisbarkeit der Offenbarung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62996