Opfer ist ein Begriff, der in der heutigen Zeit überall bekannt ist und auch häufig – oft in sehr unterschiedlicher Absicht – verwendet wird. Doch was meint der Begriff des Opfers im Zusammenhang mit dem des Sündenbockes und dem von Gewalt?
Auf diese Frage geht u.a. der französische Kulturanthropologe René Girard in zahlreichen ethisch-philosophischen Werken ein. Seine Antwort lautet: Das Opfer ist der Schlüssel jeder menschlichen Gemeinschaft und zugleich der aus ihr hervorgehenden Gewalt. Erst ein ausgewähltes Opfer dient in der Funktion eines willkürlich geschaffenen Sündenbockes der Schaffung bzw. in Krisenzeiten der Wiederherstellung menschlicher Ordnung. Das Opfer im Sinne eines Sündenbockes ist also nach Girard ein künstliches Produkt der Menschen, das für ihre selbst verursachten Missstände herzuhalten hat.
Diese These ist innerhalb ethisch-philosophischer Ströme fraglos revolutionär. Und doch ist sie weder ganz neu noch unbegründet. Eine Disziplin, die sich ebenfalls mit der Problematik von gesellschaftlich Ausgestoßenen beschäftigt, ist die Soziologie. Sie versucht in diesem Zusammenhang vor allem die vielfach diskutierte Entstehung von Randgruppen als Opfer und Sündenböcke gesellschaftlich zu erklären.
Kernaussage dieser Arbeit ist, dass die Opfertheorie des Kulturanthropologen Girard mit der Randgruppenerklärung der Soziologie eng verwandt ist und sich beide Ansätze wechselseitig begründen – und das wahrscheinlich, ohne dass sie gegenseitig allzu viel voneinander wahrgenommen haben, sondern eher eigenständig erarbeitet worden sind. Beiden Gedankenführungen ist daher auch höchste Aktualität zu bescheinigen.
Um die Analogie und Brisanz beider Theorien zu vermitteln, muss zunächst der Ansatz Girards vom Opfer und Sündenbock erläutert werden. Anschließend ist unter soziologischen Gesichtspunkten auf die Randgruppenproblematik einzugehen. Hierbei soll an möglichst vielen Stellen bereits eine Brücke zu Girard geschlagen werden, um die Ausgewogenheit beider Argumentationswege näher zu beleuchten. Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, abschließend auf Opfer- und Sündenbocktheorien einzugehen, weder auf die von Girard noch die aus der Soziologie. Vielmehr geht es darum, einzelne besonders interessante Aspekte vergleichend zu erarbeiten. Durch die Betrachtung zweier verschiedener Ansätze sollte ein erster Einblick in mögliche und begründete Erklärungsmuster für Opfer als Sündenböcke geboten werden können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Die Opfer- und Sündenbocktheorie bei René Girard
2.1 Das biblisch-rituelle Opfer
2.2 Mimesis
2.3 Opfer und Sündenböcke in der heutigen Gesellschaft
3 Soziologische Ansätze für Randgruppen als Opfer
3.1 Randgruppen
3.2 Abweichendes Verhalten
3.3 Labeling Approach
3.4 Stigmatisierung und Diskriminierung
4 Opfer und Randgruppen – ein Kurzvergleich
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die strukturellen Analogien zwischen der Opfertheorie des Kulturanthropologen René Girard und soziologischen Erklärungsansätzen zur Entstehung von Randgruppen, um die Mechanismen hinter der gesellschaftlichen Sündenbockzuweisung aufzudecken.
- Die philosophische Opfertheorie von René Girard
- Mimetisches Begehren als Ursache für soziale Konflikte
- Soziologische Konstruktion von Randgruppen
- Der Labeling Approach als Mechanismus der Ausgrenzung
- Funktionale Bedeutung von Sündenböcken für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
Auszug aus dem Buch
2.2 Mimesis
René Girard geht davon aus, dass alles menschliche Verhalten auf Nachahmung (Mimesis) des/r anderen beruht. Letztlich würden die Menschen immer das Gleiche des/r anderen anstreben und daher gegenseitig nach demselben Ziel eifern. Insofern sei es die Mimesis, die zur Herausbildung menschlicher Gesellschaft geführt habe, da Tiere hingegen ausschließlich vom Instinkt geleitet würden.
Doch in der Mimesis besteht, so Girard, auch das entscheidende Potenzial menschlicher Konflikte. Durch das sich gegenseitig Nachahmende entstehe eine beiderseitige Aneignungsmimesis. Girard spricht auch vom mimetischen Begehren im Hinblick auf das gleiche Ziel. Durch dieses doppelte, dreifache, vielfache Begehren mehrerer Menschen in Hinblick auf dasselbe Ziel entstehe der Konflikt, da i.d.R. nur das Begehren eines Menschen erfüllt werden könne. Aus der ursprünglichen Aneignungsmimesis werde so eine Gegenspielermimesis, in der die Begehrenden zu Konkurrenten würden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Diese Einleitung stellt die These auf, dass Girards Opfertheorie eng mit der soziologischen Randgruppenerklärung verwandt ist und beide Ansätze die Entstehung von gesellschaftlichen Ausgrenzungsmechanismen verdeutlichen.
2 Die Opfer- und Sündenbocktheorie bei René Girard: Das Kapitel erläutert das biblische Opfer, die Mimesis als Ursprung menschlicher Rivalität und die krisenhafte Funktion des Sündenbockmechanismus.
3 Soziologische Ansätze für Randgruppen als Opfer: Hier werden soziologische Begriffe wie Randgruppen, abweichendes Verhalten, der Labeling Approach sowie Stigmatisierung und Diskriminierung analysiert.
4 Opfer und Randgruppen – ein Kurzvergleich: In diesem Kapitel werden die theoretischen Konzepte aus den vorangegangenen Abschnitten vergleichend gegenübergestellt, um die Sündenbockfunktion von Randgruppen zur Systemstabilisierung aufzuzeigen.
5 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Aktualität der untersuchten Ansätze für die Sozialarbeit zusammen und fordert ein bewusstes Gegensteuern gegen manipulative Ausgrenzungsprozesse.
Schlüsselwörter
Opfer, Sündenbock, René Girard, Mimesis, Randgruppen, Soziologie, Labeling Approach, Stigmatisierung, Diskriminierung, Gewalt, Krisenbewältigung, Ausgrenzung, Gesellschaft, Sozialarbeit, Sozialethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Übereinstimmungen zwischen der philosophischen Opfertheorie von René Girard und soziologischen Konzepten der Randgruppenforschung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Entstehung von Gewalt durch Mimesis, die Funktion von Sündenböcken in Krisenzeiten und die soziale Konstruktion von Randgruppen durch Etikettierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass sowohl Girard als auch die Soziologie Mechanismen beschreiben, durch die Menschen willkürlich zu Sündenböcken gemacht werden, um soziale Spannungen zu entladen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte, vergleichende Analyse philosophischer und soziologischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Girardschen Theorie (Mimesis, Opfer) und die Analyse soziologischer Ansätze (Labeling Approach, Stigmatisierung).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Sündenbockmechanismus, Mimesis, soziale Randgruppen und der Labeling Approach.
Inwiefern beeinflusst der Labeling Approach die Wahrnehmung von Randgruppen?
Der Ansatz zeigt auf, dass nicht das Verhalten des Einzelnen ausschlaggebend ist, sondern die Zuschreibung von Etiketten durch die Mehrheitsgesellschaft, wodurch Personen regelrecht in die Rolle des Abweichlers gedrängt werden.
Welche Rolle spielt die Krise in der Theorie der Sündenbockzuweisung?
Krisen wirken laut der Arbeit als Katalysator, da die Gemeinschaft nach einer einfachen Lösung für unkontrollierbare Spannungen sucht und diese in der Ausgrenzung eines willkürlich gewählten Opfers findet.
- Quote paper
- Henning Becker (Author), 2006, Die Bedeutung des Opfers und des Sündenbockes in neueren ethisch-soziologischen Diskussionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63380