In Wittenwilers Ring, entstanden am Anfang des 15. Jahrhunderts, haben sowohl die Gewalt, die Obszönität, als auch die Komik und das Gelächter einen zentralen Platz. Die Geschichte des Bauern Bertschi Triefnas, der um seine Mätzli freit und sie schließlich auch heiratet, ist von Beginn an gewalttätig und gleichzeitig komisch, bis es am Ende zu einem äußerst brutalem und grotesken Krieg kommt. Die Gewalt ist fast immer komisch inszeniert, gleichzeitig üben die Figuren Gewalt aus, indem sie andere verlachen. Auch der Leser lacht über die Figuren, nicht mit ihnen.
Untersucht werden soll, wie genau Lachen und Gewalt hier zusammenhängen, welche Auswirkungen die Komik auf die Gewalt hat, wie die Gewalt dargestellt wird und warum sie komisch wirkt. Dazu sollen zunächst einige Begriffe, wie Gewalt, Komik, Groteske, Gelächter und Obszönität, definiert werden. Im zweiten Kapitel sollen die Formen der Gewaltkomik, die obszöne und die groteske Gewalt, gezeigt und an Beispielen erläutert werden. Im letzten Kapitel soll es dann um die Funktionen dieser komischen Gewalt gehen, besonders im Hinblick darauf, dass der Ring eigentlich wie eine Didaxe aufgebaut ist, wo man Komik normalerweise selten findet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Definitionen
2 Formen der Gewaltkomik
2.1 Obszöne Komik
2.2 Groteske Komik
3 Funktion der Komik
3.1 Angstbewältigung und Positivierung der mala
3.2 Darstellbarkeit von Sexualität und Gewalt
3.3 Komik und Didaxe
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Zusammenspiel von Gewalt und Komik in Heinrich Wittenwilers "Ring". Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie die komische Inszenierung von Gewalt – insbesondere durch obszöne und groteske Elemente – die Wahrnehmung des Lesers beeinflusst und welche Funktionen dieses Lachen im Kontext mittelalterlicher Texte erfüllt.
- Die Definition zentraler Begriffe wie Gewalt, Komik und Groteske.
- Die Analyse der Formen von Gewaltkomik (obszöne vs. groteske Komik).
- Die Untersuchung der Verbindung von Lachen, Aggression und Gewalt.
- Die Funktion der Komik zur Bewältigung von Angst und Tabuthemen.
- Das Verhältnis zwischen didaktischem Anspruch und komischer Erzählweise.
Auszug aus dem Buch
2.1 Obszöne Komik
Die obszöne Gewaltkomik findet sich vor allem im ersten Teil des Rings, während der Brautwerbung. Der Bauer Bertschi Triefnas wirbt um die Gunst der äußerst hässlich beschriebenen Mätzli Rührenschwanz. Die ganze Brautwerbung läuft zwar nach dem Schema des höfischen Minnedienstes ab (Turnier, Briefeschreiben etc.), wird aber zur Parodie, da sich alle beteiligten Personen entgegengesetzt der höfischen Norm verhalten. Die Frau wird hier nicht erhöht und die Minne dient auch nicht der Kultivierung, sondern zielt allein auf die sexuelle Befriedigung des Mannes ab.
Dies zeigt sich besonders anhand einiger „latenter oder manifester Gewalt- und Vergewaltigungsphantasien“, etwa in der Kuhstall- oder der Arztszene. In ersterer schleicht Bertschi sich in den Stall in dem Mätzli Kühe melkt und überrascht sie dort. Als sie daraufhin anfängt zu schreien reagiert Bertschi, wie fast alle Figuren im Ring, mit Gewalt: Die hand schluog er ir für daz maul (V. 1431). Daraufhin entsteht ein groteskes Handgemenge, in dem sich Mensch und Tier vermischen: Sei cratzt, er rauft, die kuo die stach (V. 1438). Dass es sich hier um eine versuchte Vergewaltigung handelt, ist eindeutig, aber erst durch die groteske Vermischung von Mensch und Tier und die obszöne Assoziation, die durch das Stoßen der Kuh mit ihrem Horn entsteht, wirkt die Szene komisch.
Das zweite Beispiel, die Arztszene, funktioniert ähnlich. Mätzli begibt sich zum Arzt, damit dieser ihr den Brief von Bertschi vorliest und wird von ihm zum Geschlechtsverkehr genötigt. Er sagt ihr allerdings nicht direkt, was er will, sondern spricht von den Wurzeln (Ein langeu mit zwain kurtzen, V. 2142), die sie zu sich nehmen soll. Nachdem sie das getan hat, dreht sie den Spieß gewissermaßen um und „zwingt“ den Arzt immer wieder dazu, mit ihr zu schlafen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Problemstellung ein, wie Lachen und Gewalt in Wittenwilers "Ring" in einer Weise inszeniert werden, die Gewalt einerseits komisch erscheinen lässt und andererseits als Mittel der Abgrenzung dient.
1 Definitionen: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen für Gewalt, Komik und Witz anhand von Sigmund Freuds Ansätzen erarbeitet, um die Bedingungen für eine komische Wirkung auf den Leser zu bestimmen.
2 Formen der Gewaltkomik: Dieses Kapitel analysiert die obszönen und grotesken Darstellungsweisen im Text, wobei verdeutlicht wird, wie diese Formen dazu dienen, die allgegenwärtige Gewalt in komische Bahnen zu lenken.
2.1 Obszöne Komik: Hier liegt der Fokus auf der Brautwerbung und den damit verbundenen gewaltvollen und obszönen Szenen, in denen die höfische Minne parodiert und auf sexuelle Bedürfnisse reduziert wird.
2.2 Groteske Komik: Dieses Kapitel untersucht den grotesken Krieg als Höhepunkt der Gewaltspirale, in dem durch die Vermischung von Mensch und Tier sowie den Einbruch des Alltäglichen eine neue Form der Komik entsteht.
3 Funktion der Komik: Abschließend wird erörtert, warum die Komik trotz des didaktischen Anspruchs des Werkes eingesetzt wird, um Tabus darstellbar zu machen und Angst vor dem Bösen zu bewältigen.
3.1 Angstbewältigung und Positivierung der mala: Das Kapitel belegt, wie durch das Lachen über das Böse und die Gewalt eine Form der Angstüberwindung stattfindet, die die "mala" als Teil der menschlichen Natur akzeptiert.
3.2 Darstellbarkeit von Sexualität und Gewalt: Hier wird dargelegt, dass die komische Inszenierung als notwendiges Mittel fungiert, um ansonsten peinliche oder unerträgliche Tabuthemen wie Sexualität und extreme Kriegsgewalt literarisch darstellbar zu machen.
3.3 Komik und Didaxe: Dieses Kapitel kritisiert den didaktischen Rahmen des Werkes und zeigt auf, dass vermutlich nicht die Komik der Didaxe dient, sondern die didaktische Form als Legitimation für die exzessive Darstellung von Gewalt und Obszönität genutzt wird.
Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass das Lachen im Ring eine ambivalente Form der Gewaltverarbeitung darstellt, wobei Gewalt und Lachen unauflösbar miteinander verknüpft bleiben.
Schlüsselwörter
Wittenwiler, Der Ring, Gewaltkomik, Obszönität, Groteske, Lachen, Gelächter, Mittelalter, Didaxe, Tabu, Gewaltspirale, Brautwerbung, Minne-Parodie, Angstbewältigung, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Gewalt und Komik in Heinrich Wittenwilers Werk "Der Ring" aus dem 15. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Definition komischer Formen, die Analyse der obszönen und grotesken Gewaltinszenierung sowie die gesellschaftliche Funktion des Lachens im spätmittelalterlichen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, warum und wie Gewalt in diesem Text komisch inszeniert wird, welche Auswirkungen dies auf den Leser hat und ob das Lachen primär der Angstbewältigung dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Definitionen – insbesondere von Sigmund Freud – auf konkrete Textstellen und Szenen im "Ring" anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bestimmung von Gewalt- und Komik-Begriffen, eine detaillierte Analyse der obszönen und grotesken Erscheinungsformen sowie die kritische Reflexion über die Funktion der Komik innerhalb des didaktischen Rahmens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gewaltkomik, Obszönität, Groteske, Mittelalter, Didaxe, Angstbewältigung und die Parodie der höfischen Minne.
Warum wird die Brautwerbung im "Ring" als Parodie bezeichnet?
Weil das Verhalten der Figuren den höfischen Normen des Minnedienstes explizit widerspricht und das Ziel der Interaktion lediglich auf rohe sexuelle Befriedigung und Gewalt anstatt auf Kultivierung ausgerichtet ist.
Welche Rolle spielt das Motiv des "wilden Mannes" im Kriegskapitel?
Der "wilde Mann" verkörpert die personifizierte, grundlose Gewalt, die nicht aus einer rationalen Motivation heraus handelt, sondern den menschlichen Triebzustand in grotesker Form darstellt.
Warum dient die Didaxe laut Autorin vermutlich der Komik?
Die Autorin argumentiert, dass das Werk vermutlich ohne die anerkannte Form der Lehrrede (Didaxe) aufgrund seiner exzessiven Gewalt- und Obszönitätsdarstellung kaum gesellschaftliche Akzeptanz gefunden hätte.
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- Daniela Rabe (Autor), 2006, Gewalt durch Lachen - Lachen über Gewalt: Zur Komik in Wittenwilers Ring, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63945