Die theoretische Problematik der bisherigen Unterhaltungsforschung besteht in der schwierigen Übertragbarkeit der Ergebnisse aufeinander, da diese zumeist aus unterschiedlichen Forschungsbereichen kommen, so dass sowohl ein gemeinsamer Bezugsrahmen als auch eine gemeinsame Terminologie fehlen. 1 Ein Alltagsverständnis von Unterhaltung wirft zunächst die theoretische Schwierigkeit auf, dass bspw. nicht jede Comedyshow für jedermann gleichsam unterhaltend ist, dass es verschiedene Formate in verschiedenen Medien als „sozial distributive Tragflächen von verbalen oder nonverbalen Texten“ 2 gibt, die mitunter auch unfreiwillig komisch und somit unterhaltend sind. Harald Schmidt ließ nach den Anschlägen vom 11. September seine Late-Night-Talkshow (SAT 1) zunächst ausfallen, anlässlich des Afghanistan-Feldzuges konnte man jedoch auf seiner Homepage lesen: „Aus aktuellem Anlass findet die Sendung statt.“ Offenbar gibt es in der Praxis Kriterien, nach denen ein Unterhaltungsangebot funktionieren kann, und anhand dieser Kriterien müsste sich eine Theorie der Unterhaltung messen lassen. Zudem hat sich der Stellenwert des Unterhaltungsbegriffs maßgeblich verändert. Werner Früh verweist daher auch auf eine veränderte Wertigkeit der Unterhaltung, die sich bspw. in Form des Infotainments bzw. Entertainments als seriös behaupten kann: „Wichtige politische und sonstige Informationen, die nur wenige interessieren oder von kaum jemandem verstanden wurden, sollen durch unterhaltsame Aufarbeitung plötzlich so attraktiv werden, dass sich nicht nur sehr viel mehr Menschen ihnen zuwenden, sondern sie auch noch mit größerer Aufmerksamkeit wahrgenommen und dadurch besser verstanden werden.“ [...]
Struktur der Arbeit
2. Einleitung
2.1. Eingrenzende Themenanalyse
3. Kommunikationstheoretische Grundlegung
3.1. Text – Kommunikation - Medialsystem
3.2. Vertextung und Intertextualität
4. Unterhaltung als rhetorischer Begriff
4.1. Die Unterhaltung des Lesers
4.2 Die Situativität und Ambivalenz der Unterhaltung
5. Unterhaltung aus oratorischer Perspektive
5.1. Unterhaltung als kommunikativer Prozess
5.2 Labeling als persuasive Strategie
6. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und Kriterien von Unterhaltung in Texten aus rhetorischer und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive. Ziel ist es, den Unterhaltungsbegriff zu schärfen und zu analysieren, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein Text als Unterhaltungsangebot erfolgreich wahrgenommen wird.
- Kommunikationstheoretische Fundierung von Unterhaltungsangeboten
- Die Rolle von Intertextualität und Textsorten für die Rezeption
- Unterhaltung als rezipientenorientierter und situativer Prozess
- Das Konzept des "Labeling" als rhetorisch-persuasive Strategie
- Die Bedeutung des "Triadischen Fittings" für das Unterhaltungserlebnis
Auszug aus dem Buch
3.1. Text – Kommunikation - Medialsystem
Zunächst muss ein spezifischer Textbegriff erörtert werden, um zu untersuchen, welche Kriterien Unterhaltung in Texten ermöglichen und konstituieren. Allgemein betrachten wir als Text eine „Folge von Sätzen oder sonstigen sprachlichen Äußerungen, die als Einheit betrachtet werden kann.“7 Allerdings müssen wir den Textbegriff weiter abstrahieren, da Texte durch Zeichen konstituiert werden, die wir als „kleinste bedeutungstragende Einheit eines Verweisungssystems“ begreifen, als „sinnlich wahrnehmbare Größe, die als Träger von Bedeutung fungiert oder interpretiert wird.“8 Zeichen gehören demnach auch immer zu eigenen Zeichensystemen (die nach den menschlichen Sinnen zu klassifizieren sind, d.h. akustisch, optisch, taktil/ haptisch, olfaktorisch, gustatorisch), auf das ein Kommunikator als Kode rekurrieren kann. „Kodes sind die Symbol- und Zeichenvorräte einer Kommunikationsgemeinschaft, einschließlich ihres Verwendungsregelwerks.“9 Ein Kommunikator produziert demnach Bedeutung, indem er aus einem Zeichensystem als Repertoire Zeichen auswählt, und sie nach den syntaktischen, semantischen und pragmatischen Regeln dieses Systems zu bedeutungstragenden Äußerungen verknüpft.10 Mit anderen Worten produziert er mit kommunikativen Mitteln (=Zeichen) aus einem Zeichensystem (oder mehreren) Bedeutung, die er über Texte als begrenzte Zeichenkomplexe, die in kommunikativer Absicht modelliert sind11, ausagiert.
Zusammenfassung der Kapitel
2. Einleitung: Erläutert die theoretische Problematik der Unterhaltungsforschung und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den Kriterien für erfolgreiche Unterhaltungsangebote.
3. Kommunikationstheoretische Grundlegung: Definiert den Textbegriff im Kontext von Zeichensystemen und erläutert den Prozess der Kommunikation sowie die Bedeutung von Intertextualität.
4. Unterhaltung als rhetorischer Begriff: Perspektiviert Unterhaltung aus Sicht des Rezipienten und untersucht den Einfluss von Situativität und Ambivalenz auf das Unterhaltungserleben.
5. Unterhaltung aus oratorischer Perspektive: Analysiert Unterhaltung als kommunikativen Prozess und führt das Labeling als strategisches Mittel der Persuasion ein.
6. Schlussbemerkung: Reflektiert die Ergebnisse und weist auf die Bedeutung des subjektiven Erlebens sowie zukünftige Forschungsbedarfe bezüglich medialer Vermittlungsformen hin.
Schlüsselwörter
Unterhaltung, Rhetorik, Kommunikation, Text, Rezeption, Intertextualität, Labeling, Persuasion, Medialsystem, Triadisches Fitting, Kommunikator, Adressat, Zeichensystem, Unterhaltungstheorie, Diskursframe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Unterhaltung in Texten entsteht und welche Kriterien maßgeblich sind, damit diese Angebote vom Publikum als solche angenommen werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die kommunikationstheoretische Basis von Unterhaltung, die Rolle der Textualität und die rhetorische Strategie der Beeinflussung des Rezipienten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Unterhaltung nicht als starre Eigenschaft eines Produkts, sondern als dynamischen, kommunikativen Prozess zu definieren, der durch den Adressaten aktiviert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die kommunikationswissenschaftliche Modelle, rhetorische Kategorien und literaturwissenschaftliche Konzepte wie die Intertextualität verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Grundlegung, der Rolle der Rezeption, der Situativität von Unterhaltung sowie der strategischen Steuerung durch den Kommunikator.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Unterhaltung, Rhetorik, Kommunikation, Rezeption, Labeling, Persuasion und Intertextualität.
Wie unterscheidet sich "primärmediale" von "sekundärmedialer" Kommunikation?
Primärmediale Kommunikation ist durch die direkte Anwesenheit der Beteiligten (face-to-face) gekennzeichnet, während sekundärmediale Kommunikation auf Speichermedien und der Abwesenheit des Kommunikators beruht.
Was bedeutet "Labeling" im Kontext dieser Arbeit?
Labeling wird als oratorische Strategie beschrieben, bei der Inhalte durch gezielte Kategorisierung und semantische Aufladung für den Rezipienten als Unterhaltung markiert und positioniert werden.
Warum spielt die "Rezeption gegen den Strich" eine Rolle?
Sie zeigt auf, dass Unterhaltung kein festes Produktmerkmal ist, sondern vom subjektiven Hintergrund des Adressaten abhängt; selbst nicht zur Unterhaltung konzipierte Texte können unterhaltend rezipiert werden.
- Citation du texte
- Nils Wiegand (Auteur), 2006, Kriterien für Unterhaltung in Texten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64120