Eine zentrale Richtung in den Erziehungswissenschaften stellt die Kritische Erziehungswissenschaft dar. Sie entstand Ende der sechziger Jahre unter dem Einfluss der sozialphilosophischen Theorie der Frankfurter Schule und den politischen Impulsen der damaligen Studentenbewegung. (vgl. Krüger 1999a, S. 58) Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule hatte seit den siebziger Jahren stark auf die pädagogische Diskussion und Praxis gewirkt. Zentraler Bezugspunkt der Kritischen Erziehungswissenschaft ist daher das Interesse an individueller Mündigkeit. Den Begriff der Mündigkeit hatte zwar die Pädagogik auch schon vorher als Thema, die Kritische Erziehungswissenschaft setzte ihn aber gleich mit dem Interesse an gesellschaftlicher Mündigkeit. So waren die Vertreter der Kritischen Erziehungswissenschaft der Meinung, dass sich nur in einer mündigen Gesellschaft eine individuelle Mündigkeit realisieren ließe. Das Individuum wurde dabei immer in seiner gesellschaftlichen Verschränkung und Bedingtheit gesehen. Mit der Gesellschaftsanalyse und Gesellschaftskritik als zentrale Themen der pädagogischen Reflexion war die kritische Erziehungswissenschaft schon im Ansatz politisch. In Verbindung mit der Studentenbewegung und ihrer proklamierten antiautoritären Erziehung fand sie schnell den Weg in die Öffentlichkeit. (vgl. Paffrath 1986, S. 9) Neben der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule wurden auch Ideen aus der Epoche der Aufklärung übernommen. Dabei ist anzumerken, dass zwischen den Vertretern zwar eine prinzipielle Übereinstimmung im Grundgedanken herrscht, die Kritische Erziehungswissenschaft aber kein homogenes Forschungsparadigma erkennen lässt. So gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen philosophisch-soziologischen Denkansätzen, die keineswegs widerspruchsfrei sind. (vgl. Dammer 1999, S. 185) Auf Herwig Blankertz’s Konzept einer Kritischen Erziehungswissenschaft möchte ich in dieser Arbeit genauer eingehen. Er ist neben Wolfgang Klafki und Klaus Mollenhauer einer der wichtigsten Vertreter dieser Erziehungswissenschaft. Seine Grundlagen waren sowohl auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule als auch auf Kants Kritizismus begründet. Blankertz Verständnis von einer Kritischen Erziehungswissenschaft möchte ich in dieser Arbeit anhand seines Aufsatzes „Kritische Erziehungswissenschaft“ aus dem Jahr 1979 genauer darstellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historische Entwicklung der kritischen Erziehungswissenschaft
2.1. Die kritische Theorie als Grundlage
2.2. Merkmale der kritischen Erziehungswissenschaft
3. Biografie Herwig Blankertz
4. Die Kritische Erziehungswissenschaft nach Blankertz
4.1. Wissenschaftstheorie
4.2. Der Einfluss der Kritischen Theorie
4.3. Der Einfluss der Aufklärung
4.4. Die Methode und der Bildungsgedanke
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, das Konzept der Kritischen Erziehungswissenschaft nach Herwig Blankertz detailliert darzustellen und theoretisch einzuordnen. Dabei wird insbesondere untersucht, wie Blankertz die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und den Kantischen Kritizismus miteinander verknüpft, um Pädagogik als eine Wissenschaft zu begründen, deren oberstes Ziel die Erziehung zur Mündigkeit ist.
- Historische Herleitung der Kritischen Erziehungswissenschaft
- Die Bedeutung der Frankfurter Schule für erziehungswissenschaftliche Diskurse
- Die Rolle der Aufklärungsphilosophie und Kant für Blankertz’ Theoriebildung
- Methodologische Grundlagen einer kritisch orientierten Pädagogik
- Verhältnis von Bildung, Emanzipation und gesellschaftlichen Strukturen
Auszug aus dem Buch
4.1. Wissenschaftstheorie
Wichtige aber nicht leitende pädagogische Probleme sind für Blankertz die Konsolidierung der Pädagogik als Einzelwissenschaft und die Frage nach der Verfassung der Erziehungswissenschaft. Für ihn kann die moderne Selbstinterpretation der Pädagogik und ihre damit verbundene Verwissenschaftlichung nicht mehr zurückgenommen werden. (vgl. Ruhloff 1989, S. 19) Die Wissenschaftsgeschichte der Pädagogik sieht Blankertz im Gegensatz zur Geschichte der erzieherischen Praxis und des pädagogischen Denkens als eine recht kurze an. Die vorrangige Aufgabe der Erziehungswissenschaft sollte darin bestehen, sich als Einzelwissenschaft auszuweisen und sich gegen die Zumutungen „…derzufolge Pädagogik in charismatischer Doktrin und handwerklicher Kunstlehre aufgehe, der Titel der Wissenschaft also angemaßt und deplaziert sei.“ zu verteidigen. (Blankertz 1979, S. 29) Damit ist die Aufgabe der Pädagogik vorbestimmt. Wie jede andere wissenschaftliche Disziplin, so ist auch die Pädagogik verpflichtet „…über ihre eigene Struktur, über Begriff und Methode, Aufgabenfeld, Geltungsanspruch und Verwertungsinteresse Rechenschaft abzulegen.“ (Blankertz 1979, S. 28) Aus diesem Wissenschaftsanspruch ergibt sich für Blankertz die Frage nach der prinzipiellen Selbstrechtfertigung des Wissens. Den Wissenschaftscharakter der Erziehungswissenschaft beschreibt er als ungesichert und sieht daher die Notwendigkeit metawissenschaftlicher Rechtfertigung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet die Entstehung der Kritischen Erziehungswissenschaft im Kontext der Studentenbewegung und der Frankfurter Schule sowie die Spezifizierung auf Herwig Blankertz.
2. Historische Entwicklung der kritischen Erziehungswissenschaft: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen in der Kritischen Theorie und definiert die zentralen Merkmale der erziehungswissenschaftlichen Strömung.
3. Biografie Herwig Blankertz: Ein Überblick über das Leben und Werk von Herwig Blankertz unter Berücksichtigung seiner wichtigsten akademischen Meilensteine.
4. Die Kritische Erziehungswissenschaft nach Blankertz: Der Hauptteil analysiert die wissenschaftstheoretische Verankerung sowie die Einflüsse von Kritischer Theorie und Aufklärung auf Blankertz’ Verständnis von Pädagogik.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Kritische Erziehungswissenschaft als Sammelbegriff für unterschiedliche Ansätze fungiert und hebt Blankertz’ Rolle bei der Verbindung diverser Denktraditionen hervor.
Schlüsselwörter
Kritische Erziehungswissenschaft, Herwig Blankertz, Frankfurter Schule, Pädagogik, Mündigkeit, Emanzipation, Aufklärung, Kant, Kritizismus, Wissenschaftstheorie, Ideologiekritik, Bildung, Hermeneutik, Empirie, Gesellschaftskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Verständnis von Kritischer Erziehungswissenschaft am Beispiel des Pädagogen Herwig Blankertz und ordnet seine Theorien in den wissenschaftlichen Diskurs ein.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die historische Entwicklung der Strömung, die theoretischen Einflüsse der Kritischen Theorie und Kants sowie die wissenschaftstheoretische Begründung der Pädagogik als Disziplin.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Darstellung und Rekonstruktion von Blankertz’ Theorie der Kritischen Erziehungswissenschaft, insbesondere im Hinblick auf das Ideal der Erziehung zur Mündigkeit.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die zentrale Texte von Herwig Blankertz sowie relevante Forschungsliteratur zur Kritischen Erziehungswissenschaft vergleicht und zusammenführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Wissenschaftstheorie, dem Einfluss der Kritischen Theorie und der Aufklärung sowie der methodologischen Verknüpfung von Empirie und Hermeneutik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Emanzipation, Kritische Theorie, Mündigkeit, Kantischer Kritizismus und pädagogische Mündigkeit charakterisiert.
Warum bezieht sich Blankertz explizit auf Kant?
Blankertz nutzt den Kantischen Kritizismus als Maßstab für verbindliches pädagogisches Handeln und zur Begründung der notwendigen Selbstrechtfertigung pädagogischen Wissens.
Wie steht Blankertz zur Trennung von Bildung und Beruf?
Er gilt als radikaler Kritiker dieser Trennung und plädiert für ein Bildungsverständnis, das den Einzelnen zur mündigen Urteilsfähigkeit in einer technisch-wissenschaftlichen Welt befähigt.
Was versteht Blankertz unter der „Eigenstruktur der Erziehung“?
Er sieht in der Erziehung selbst eine emanzipatorische Tendenz angelegt, die darauf zielt, den Menschen zu befreien und ihm Selbstbestimmung zu ermöglichen.
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- Anonym (Author), 2006, Kritische Erziehungswissenschaft nach Herwig Blankertz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65280