Über Iterationen, Fraktale und Chaos


Seminararbeit, 1999

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Da endlich sah ich das Pendel. Die Erde rotier-te, doch der Ort, wo das Pendel verankert war, war der einzige Fixpunkt im Universum.

Eco, Das Foucaultsche Pendel.

Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.

Nietzsche, Also sprach Zarathustra.

Es gibt eine Theorien, nach denen sich die Geschichte in Kreisen bewegt. An diese dachte vielleicht auch die Hauptfigur in Thomas Manns großem Ent-wicklungsroman Der Zauberberg. Eines Nachmittags steht Hans Castorp auf seinem Balkon und betrachtet die Kreisbewegungen der Zeiger seiner Uhr: „Da aber die Bewegung, an der man die Zeit mißt, kreisläufig ist, in sich sel-ber geschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung, die man fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen könnte […].“[1] Auf Erholungs-kur mag einem das so vorkommen. Schließt sich der Kreislauf menschlicher Ereignisse, scheint dieser allerdings auf einem höheren Niveau angelangt. Das Pendel der kulturellen Veränderungen wiederholt nicht einfach nur die Ereignisse. Im Chaos aller menschlichen Gedanken und Taten entstehen Inseln der Ordnung, die wiederum Anlaß zu neuen Formen des Chaos liefern.[2]

Und dieses Wechselspiel dauert nun schon von Anbeginn des uns bekann-ten Universums. Nach den Vorstellungen der Kosmologen und Astrophysikern ist alles, was wir wahrnehmen, uns Menschen eingeschlossen Folge eben winziger Inseln der Ordnung im riesigen Meer des umgebenen Chaos.

Deren Theorie besagt, daß schon wenige Sekunden nach dem Urknall winzige Dich-teschwankungen, sogenannte Texturen sich herausbildeten und später zu den Urkeimen der Galaxien entwickelten. Sind wir alle demnach Folge zufälliger Texturen aus der Zeit der Geburt unseres Universums, oder gibt es vielleicht doch hinter all dem einen göttlichen Plan, bzw. eine deterministische Urkraft, nach der bis zum heutigen Tage fieberhaft geforscht wird?

In einem Brief an seinen Kollegen Max Born schreibt Albert Einstein: „Du glaubst an den würfelnden Gott und ich an volle Gesetzlichkeit.“[3] Ähnlich äußerte sich Einstein auch zu der Frage, was er von Werner Heisenbergs neuer Theorie der Quantenmechanik halte. Mit Einsteins Allgemeiner Relativ-itätstheorie und Heisenbergs Unschärferelation stehen sich bis heute zwei grundverschiedene philosophische Weltbilder gegenüber. Auf der einen Seite der absolute Determinismus, die prinzipielle Berechenbarkeit aller Vorgänge unseres Raum-Zeit-Kontinuums, mithin aller Vorgänge jenseits quanten-mechanischer Effekte. Und auf der anderen Seite die prinzipielle Unbestimmt-heit aller subatomaren Prozesse, welche in ihrer faktischen Gesamtheit das Schicksal unseres Universums ausmachen. Die Suche nach der sogenannten Weltformel, die Gravitation und Quantenmechanik verbinden soll, beschäftigt heute Wissenschaftler und Philosophen gleichermaßen.

Eine Möglichkeit auf dem Wege des Verständnisses der Natur bietet nun seit der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts ein Bereich der Wissenschaft, der sich anfangs irgendwo zwischen Mathematik, Physik und der seit Norbert Wiener irgendwie alles tangierenden Kybernetik befand. Wie sooft in der Wissenschaft, besonders der experimentellen Physik war es mehr oder weni-ger der Zufall, der entscheidende Anstöße für einen neuen Lösungsansatz bescherte. 1975 arbeiteten die Physiker Henry Swinney und Jerry Gollup über dem Übergang von regelmäßigen Konvektionszellen zu vollständigen Turbulenzen in rotierenden Flüssigkeiten. Doch den von Lew Dawydowitsch Landau vorhergesagten Übergang konnten sie nicht bestätigen.

Zwei Jahre später baute der damals über physikalische Effekte nahe dem absoluten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1

Nullpunkt arbeitende französische Wissenschaftler Albert Libchaber ein Benard-Experiment (Abb. 1):

Bei diesem Experiment verwendete Libchaber flüssiges Helium, das auf -269°C abgekühlt war, also 4° über dem absoluten Nullpunkt. Die Temperatur der beiden Platten, zwischen denen sich das Helium befand, konnte extrem fein justiert werden. Mit seinen Resultaten konnte er zwar Landaus Theorie über die Entstehung von Turbulenzen widerlegen, aber das eigentliche Verhalten seiner Anordnung gab ihm Rätsel auf.

Bei einem bestimmten Temperatur-unterschied der beiden Platten zeigten die Meßfühler eine periodische Änderung der Temperatur. Die beiden Konvektionsrollen drehten sich also gleichmäßig.

Mit zunehmenden Temperaturunter­schied jedoch war eine zweite, doppelt so lange Periode zu beobachten, dann eine dritte Periode, viermal so lang, eine weitere, achtmal so lang und schließlich stellte sich Chaos ein, es war keine Periode mehr feststellbar. Dies war das erste Experi-ment, bei dem die Entstehung von deterministischem Chaos nachvollzogen werden konnte; als reale Funktionsweise der Natur[4]. Dieses neu entdeckte Prinzip der Natur beschrieb später der bedeutende Astrophysiker Stephen Hawking in einem auf Einstein bezugnehmenden Satz:

[...]


[1] Mann 1965, 489.

[2] Stewart 1993, 7.

[3] Zitiert nach: Ebenda.

[4] Vgl. Morfill 1991, 190f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Über Iterationen, Fraktale und Chaos
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
15
Katalognummer
V68389
ISBN (eBook)
9783638609913
ISBN (Buch)
9783638754255
Dateigröße
1370 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Arbeit sind 7 Abbildungen enthalten.
Schlagworte
Iterationen, Fraktale, Chaos
Arbeit zitieren
Dr. des. Robert Dennhardt (Autor), 1999, Über Iterationen, Fraktale und Chaos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68389

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