Über das ZeitDenken. Aristoteles' Physik der Metaphysik


Seminararbeit, 2000
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Was ist die Zeit? Ein Geheimnis ― wesenlos und all-mächtig. Eine Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt dem Dasein der Körper im Raume und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit, wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewe-gung wenn keine Zeit? Frage nur! Ist die Zeit eine Funktion des Raumes? Oder umgekehrt? Oder sind sie beide identisch? Nur zu gefragt! Die Zeit ist tätig, sie hat verbale Beschaf-fenheit, sie zeitigt. Was zeitigt sie denn? Verän-derung! Jetzt ist nicht damals. Hier ist nicht dort, denn zwischen beiden liegt Bewegung. Da aber Bewegung, an der man die Zeit mißt, kreis-läufig ist, in sich selber geschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung, die man fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen könnte; […] Ist im Ewigen ein Nacheinander möglich, im Unendlichen ein Nebeneinander? Wie vertragen sich mit den Not-annahmen des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie Entfernung, Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein begrenzter Körper im All? Das frage du nur immerhin!

Thomas Mann, Der Zauberberg, 1962, S. 489.

Als hätte Thomas Mann diese Zeilen von Aristoteles gleich einem Serres’schen Parasiten abgeschrieben[1], und nicht nur er. Enthält doch das Zitat Bilder und Analogien, die sich leicht in Heideggers Sein und Zeit[2] und Aristoteles’ Physik fast wortwörtlich wiederfinden lassen.

Die Schriften von Anaximander über Parmenides bis Aristoteles markieren als Text Überliefertes den sogenannten Beginn unserer abendländischen Philosophie. Mit sogenannt meine ich Hei-deggers Überzeugung in Sein und Zeit, daß wenn ein philosophisches Denken mit dem Spruch des Anaximander begann, so endete dieses Denken schlech-terdings auf dem Höhepunkt, mit den Schriften Aristoteles’, in einer daseins-mäßigen geschicklichen Seinsvergessenheit.

Anaximander:

Woraus aber die Dinge ihre Entstehung haben, darein finde auch ihr Untergang statt, gemäß der Schuldigkeit. Denn sie leisten einander Sühne und Buße für ihre Ungerechtigkeit, gemäß der Verordnung der Zeit.[3]

Wenn jedoch diese Schriften entscheidend waren für das Herausbilden philosphisch-wissenschaftlicher Disziplinen überhaupt, getrennt von reiner Geschichtsschreibung, dann läßt sich eine wichtige Veränderung in der Struktur des Denkens beobachten: die oft strapazierte Formel des Übergang des Denkens im μυϑος zum Denken als λόγος in der Blütezeit der Attischen Philosophie als Nachfolge der Schriften der Milesier und Ionier, wobei Toulmin diesen Übergang beschreibt als Theorienbildung in rationalen Mythen. Als sig-nifikant für diesen Übergang scheint mir die in verschiedenen Diskursen beschriebene Urszene des Zeitpunktes der Gewahrwerdung eines Verstandes in einem ersten Gedanken ― im ersten Worte ― als ursprüngliche Einheit von Selbsterkenntnis und Selbstoffenbarung in geworfene Freiheit. Aristoteles beschrieb sie unter anderem in seiner Metaphysik.[4] Und daß dieses Mysteri-um, diese Urszene, eine der wohl metaphysischsten überhaupt zu denkende darstellt, liegt wohl in der Tatsache, daß wir sie uns schlechterdings nicht vorstellen können. Zum einen können wir Bewußtsein nur denken als Gedanke oder Vorstellung, zum anderen können wir uns keinen Gedanken vorstellen, der nicht schon Wort ist ― ad infinitum. Das Mysterium der ersten bewußten Vorstellung im Denken als Wort blieb, durch alle Paradigmen der abendländischen Philosophie hindurch gleich einem Grabmal bestehen, schweigend anwesend im Sprechen der Sprache.

Die Thora beschreibt diese Urszene als Herausfall aus dem Paradies gleichbedeutend dem Moment der ersten Erfahrung eines Ich aus dem Spiegel, dem Wurf in das Selbst-Bewußtsein als Einheit von Selbsterkenntnis und Selbstoffenbarung. Die gleichzeitige Gewahrwerdung von eigener Lebens-zeit in der Zeit war mithin das erste Trauma des Menschen überhaupt, in dem der Mensch herausfiel aus der Natur, aus der nicht zeitigenden Ewigkeit des Paradieses. Der Tod, die Vergänglichkeit traten in die im Hier und Jetzt geborene Zeit des Menschen[5]. Es entsteht eine Dualität der Fließrichtung der Zeit des zum handelnden Subjekt hin und von ihm weg. Damit wurde das erste Symbol der Menschheit das Grab, das erste Zeichen das Grabmal. Von nun an bedurfte der Mensch zwei Dinge zu überleben, zum ertragen seiner ek-sistentiellen Geworfenheit: Struktur und Beziehung, und dies vor allem als Zeit und Mythos. Das besprochene Mysterium, die nicht profanisierbare hei-lige Urszene der Metaphysik, wird in den modernen Philosophien, explizit im Strukturalismus und Poststrukturalismus nach Saussure und Derrida, das erste Band zwischen Bedeutung tragenden Signifikaten und der Lautmasse (parole) der Signifikanten genannt.[6]

[...]


[1] Serres 1987. Vgl. zum Rauschen des Abschreibens S.26 und Eigenschaften eines solchen parasitären Abschreibers S.389. Eine grafische Darstellung dieses Abschreibeprozesses als Parasitenkaskade findet sich in: Kloock 2000, 234.

[2] Heidegger 1984, 417.

[3] Moritz 1988, Bd.1, 113.

[4] Aristoteles 1907, 173.

[5] Vgl. Dux 1992, 189.

[6] Vgl. Derrida 1983, 63 und 70.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Über das ZeitDenken. Aristoteles' Physik der Metaphysik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V68398
ISBN (eBook)
9783638609951
ISBN (Buch)
9783638754286
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ZeitDenken, Aristoteles, Physik, Metaphysik
Arbeit zitieren
Dr. des. Robert Dennhardt (Autor), 2000, Über das ZeitDenken. Aristoteles' Physik der Metaphysik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68398

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Über das ZeitDenken. Aristoteles' Physik der Metaphysik


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden