Im Zentrum dieser Arbeit steht die Frage, welche Rolle Korruption und die Debatten um Korruptionsvorwürfe im englischen Frühparlamentarismus der Ära Walpoles spielte, wobei der Fokus dabei insbesondere auf dem Zeitraum 1714-1742 liegt. Dazu soll unter anderem die These von Christine LANDFRIED überprüft werden, nach der aus dem Fehlen eines ausgeprägten Parteiensystems und der Notwendigkeit parlamentarischer Mehrheiten für die Regierungsfähigkeit des von der Krone berufenen Kabinetts ein ausgeprägtes Patronagewesen und systematische Bestechung von Parlamentariern resultierte. Es stellt sich also die Frage, inwieweit Korruption und korrupte Praktiken systemimmanente Phänomene sind; ob die Handlungsweise Walpoles lediglich Notwendigkeiten des politischen Systems widerspiegeln. Unter dem Begriff „politisches System“ soll in der vorliegenden Untersuchung die englische Verfassun dieser Zeit, sowie die politische Landschaft der Zeit von 1714-1742 verstanden werden. Neben der parlamentarischen Dimension dieser These soll hier auch die Rolle der Korruption und Patronage auf Wahlkreisebene mit in den Blick einbezogen werden, denn ohne diese Betrachtung würde sonst ein wichtiges, wenn nicht gar konstitutives Element des Einflusses der Krone auf die Politik vernachlässigt werden. Um die Rahmenbedingungen des politischen Handelns in der Zeit Walpoles zu verstehen soll einleitend das politische System Englands im frühen 18. Jahrhundert erläutert werden. Dabei sollen die Verfassung und die wichtigsten politischen Institutionen, deren Funktionen und Bezug zueinander, erklärt werden.
Das Verständnis der Parteiinteressen und Parteienkonflikte zwischen Whigs und Tories, sowie die gegensätzlichen Interessen von ländlicher und höfischer bzw. städtischer Elite ist grundlegend, um politisches Verhalten in dieser Zeit verstehen zu können. Deswegen richtet sich der Blick im Folgenden auf die politische Landschaft dieser Zeit. Dazu sollen diese Gruppierungen (es handelt sich trotz der Bezeichnung „Party“ nicht um Parteien im heutigen Sinne) kurz vorgestellt und die Geschichte des Parteienstreits kurz skizziert werden. Auch die vermeintliche Herausbildung einer „Courtpartei“ durch Walpoles Betreiben, sowie die Bemühungen Bolingbrokes dieser die gebündelten Interessen einer „Countrypartei“ entgegenzusetzen, sollen hier im Kontext des Parteienstreits und der daraus resultierenden Korruptionsbezichtigungen durch die Opposition betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Das politische System Englands im frühen 18. Jahrhundert
III. „The Rage of Party“? – Whigs, Tories, Court und Country
IV. Korruption und Patronage in der Ära Walpole
V. Korruptionsvorwürfe als Symptom des Parteienkonflikts?
VI. Korruption als systembedingte Erscheinung oder Zeichen des Niedergangs der politischen Tugend?
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die Rolle von Korruption und entsprechenden Vorwürfen im englischen Frühparlamentarismus zwischen 1714 und 1747. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, ob diese Praktiken ein systemimmanentes Phänomen darstellten oder lediglich diskreditierende Instrumente eines Parteienkonflikts waren, wobei insbesondere die These überprüft wird, dass mangelnde Parteistrukturen ein ausgeprägtes Patronagewesen erforderten.
- Das politische System und die Verfassung Englands im frühen 18. Jahrhundert
- Die Dynamik zwischen Whigs und Tories sowie "Court" und "Country"
- Strukturen und Mechanismen der Patronage in der Ära Walpole
- Die Funktion von Korruptionsvorwürfen als politisches Mittel der Opposition
- Die historische Einordnung von Korruptionsbegriffen
Auszug aus dem Buch
IV. Korruption und Patronage in der Ära Walpole
Bei der Betrachtung dieser Phänomene muss sehr vorsichtig vorgegangen werden. Die historische Forschung hatte lange die Existenz der massiven Korruptionsvorwürfe als Beleg für die tatsächliche Existenz von Korruption und Bestechung in den von den Anklägern postulierten Ausmaßen angesehen. In der Tat waren Patronagebeziehungen eine alltägliche Erscheinung zu dieser Zeit und stellten durchaus nichts Ungewöhnliches dar. Darüber hinaus war im 17. und 18. Jahrhundert war die Vorstellung geläufig, dass ein Amt ein persönlicher Besitz sei. Dieses personale Amtsverständnis nimmt unserem modernen Korruptionsbegriff den Ansatzpunkt um einen Missbrauch dieses Amtes zu persönlichen Zwecken konstatieren zu können.
Der Hauptangriffspunkt der Korruptionsvorwürfe war die Person Walpole und dessen Regierungspraxis. Seine Regierungszeit wurde von der Opposition satirisch mit dem Terminus „Robinocracy“ bezeichnet, was sich von Walpoles Spottnamen „Robin“ herleitete. Walpole war ein begnadeter Politiker, der immer den Weg des geringsten Widerstandes suchte und dabei stets das Praktikable dem Idealen vorzog. Da Georg I. der englischen Sprache kaum mächtig war und auch generell wenig von den Eigenschaften der britischen Politik wusste, war er auf seinen „Chief Minister“ angewiesen. Gegen Ende seiner Herrschaft lag das politische Zentrum und die faktische Entscheidungsgewalt bei seinem Minister Sir Robert Walpole. Dieser sah sich als des Königs Minister und versuchte zum einen die Whig-Herrschaft zu konsolidieren und andererseits der Krone im Parlament zu einer komfortablen Mehrheit zu verhelfen. Im Zentrum dieser Bemühungen standen die effektive Nutzung von Patronagesystemen und direkte Zuwendungen an Parlamentarier mittels eigens dafür vorgesehenem „Secret Service Money“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Bedeutung Sir Robert Walpoles ein und definiert die Fragestellung zur Rolle von Korruption als systemimmanentes oder politisch motiviertes Phänomen.
II. Das politische System Englands im frühen 18. Jahrhundert: Das Kapitel erläutert die verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen, die Rolle des Parlaments und die Bedeutung des Konzepts von "Interest" für die damalige politische Stabilität.
III. „The Rage of Party“? – Whigs, Tories, Court und Country: Hier wird der Parteienstreit zwischen Whigs und Tories sowie die Überlagerung durch den Gegensatz von "Court" und "Country" analysiert.
IV. Korruption und Patronage in der Ära Walpole: Dieses Kapitel untersucht die praktischen Mechanismen der Machtausübung durch Patronage und die Nutzung staatlicher Mittel zur Sicherung parlamentarischer Mehrheiten.
V. Korruptionsvorwürfe als Symptom des Parteienkonflikts?: Die Analyse befasst sich mit der Rolle der oppositionellen Presse und der ideologischen Instrumentalisierung des Korruptionsbegriffs durch Bolingbroke.
VI. Korruption als systembedingte Erscheinung oder Zeichen des Niedergangs der politischen Tugend?: Das abschließende Kapitel führt die Thesen zusammen und bewertet Korruption als funktionales Element des damaligen politischen Systems.
Schlüsselwörter
Korruption, Patronage, Walpole, Frühparlamentarismus, Whigs, Tories, Court, Country, Verfassung, Parlament, politische Stabilität, Machtpolitik, Bolingbroke, Herrschaftspraktiken, Historische Korruptionsforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung und die Rolle von Korruptionsvorwürfen im englischen politischen System unter Sir Robert Walpole zwischen 1714 und 1747.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Patronagewesen, der Parteienkonflikt zwischen Whigs und Tories, die Entwicklung des "Court-Country"-Gegensatzes und die zeitgenössische Wahrnehmung von Korruption.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu ergründen, ob korrupte Praktiken notwendige Bestandteile des damaligen politischen Systems waren oder ob die Korruptionsvorwürfe primär als strategisches Mittel der Opposition dienten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die existierende Forschungsthesen (u.a. von Landfried und Wellenreuther) in den Kontext der Regierungszeit Walpoles stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert das politische System Englands, die Mechanismen der Mehrheitsbildung, die oppositionelle Strategie mittels der Presse und die philosophischen Hintergründe des Korruptionsbegriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Korruption, Patronage, Walpole, Frühparlamentarismus, Whigs, Tories, Court, Country und Verfassung.
Inwiefern beeinflusste Georg I. die Politik Walpoles?
Da der König der englischen Sprache kaum mächtig war, wurde er stark von seinem "Chief Minister" Walpole abhängig, was Walpole die faktische Entscheidungsgewalt sicherte.
Warum war der Begriff "Robinocracy" für die Opposition bedeutsam?
Der Begriff war eine satirische Anspielung auf Walpole und diente dazu, seine Regierung als moralisch korrupt und verfassungsgefährdend zu diskreditieren.
Was besagt die These von Christine Landfried?
Sie postuliert, dass das Fehlen eines festen Parteiensystems und die Notwendigkeit parlamentarischer Mehrheiten zwangsläufig zu einem ausgeprägten Patronagewesen führen mussten.
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- Marius Sauter (Author), 2006, Korruption im englischen Frühparlamentarismus 1714-1747 - "System Walpole" oder Strukturmerkmal?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68669