Deutschland befindet sich in einer Zeit des Wandels. Bei der Herstellung arbeitsintensiver Produkte sehen wir uns längst einer übermächtigen Konkurrenz aus Niedriglohnländern gegenüber, der wir als Industrienation nur mit Innovation und überdurchschnittlichen Produkten begegnen können.
Um die Existenz unserer Gesellschaft abzusichern, müssen nachwachsende Generationen auf diese neuen Anforderungen vorbereitet werden. Die durchgeführten Studien zum Bildungsstand von Kindern und Jugendlichen zeigen jedoch, dass Deutschland dem Wandel bildungspolitisch noch nicht gewachsen ist. Mit gerade einmal durchschnittlichen Leistungen wird man im globalen Wettbewerb nicht mehr bestehen können. Die Bundesrepublik muss sich mehr auf bildungspolitische Aspekte konzentrieren, um bestehende Chancen zu nutzen und nicht in der Mittelmäßigkeit zu versinken.
Neue Anforderungen erfordern neue Strategien. Jedes Kind muss gefordert und gefördert werden. Lehrerinnen und Lehrer brauchen die Möglichkeit, Wissen nicht nur zu vermitteln, sondern ermitteln zu lassen. Praktisches Lernen in Projekten, Eigenverantwortung im Lernprozess und Interesse müssen durch den Lebensweltbezug den Schülerinnen und Schülern näher gebracht werden. So kann auch dem demographischen Wandel begegnet werden. Es darf nicht zugelassen werden, dass Kinder vereinsamen. Notwendig sind methodisch-didaktische Formen, die die neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation berücksichtigen.
Eine Schule, die den Anforderungen einer veränderten Kindheit und den aktuellen Bildungsproblemen gerecht werden soll, ist die Ganztagsschule. Mit umfangreichen pädagogischen Gestaltungsmerkmalen, ist sie durchaus bereit den beschriebenen Bedingungen zu begegnen.
Diese Arbeit setzt an den derzeitigen Kindheitsbedingungen an und soll Möglichkeiten aufzeigen, Bildungsansprüche kindgerecht zu verwirklichen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Ausgangspunkt: Lebensbedingungen und Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft
1.1 Individuelle Lebenswelten im Veränderungsprozess
1.1.1 Kinderwelten: zerrissen und isoliert
1.1.2 Kinderräume: eingegrenzt und vorbestimmt
1.1.3 Kinderleben: ausgeliefert und anspruchsvoll
1.2 Defizite in der Bildungswirksamkeit unseres Schulsystems anhand der Ergebnisse aus der IGLU- und PISA-Studie
1.3 Bildungsanforderungen an die Grundschule
1.3.1 Die Grundschule als Komplexität
1.3.2 Die Grundschule als gemeinsame Schule: Individualisierung und soziale Integration
2 Die Ganztagsschule unter dem Anspruch der Heterogenität
2.1 Historische Wurzeln der Ganztagsschule am Beispiel des Jena-Plans
2.2 Versuch einer Begriffsbestimmung
2.3 Ziele und Aufgaben der Ganztagsschule
2.4 Grundlegende Gestaltungsprinzipien
2.4.1 Rhythmisierung des Schulalltags
2.4.2 Öffnung des Unterrichts
2.4.3 Organisation des Schullebens und die Funktionalität der Räume
2.4.4 Die veränderte Personalstruktur: Lehrkräfte, Sozialpädagogen und Erzieher
2.4.5 Schulöffnung und Gemeinwesen
2.5 Erwartungen der Eltern
3 Die Umsetzung von Ganztagsschulen anhand eines Beispiels aus Thüringen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Leistungsfähigkeit der Ganztagsschule als pädagogische Antwort auf die veränderten Lebensbedingungen von Kindern und aktuelle Herausforderungen im Bildungssystem. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie durch ganztägige schulische Konzepte eine bessere Förderung, Chancengleichheit und soziale Integration realisiert werden kann.
- Analyse der aktuellen Lebensbedingungen von Kindern („veränderte Kindheit“)
- Bewertung von Bildungsdefiziten auf Basis internationaler Studien (IGLU/PISA)
- Darstellung theoretischer Grundlagen und historischer Wurzeln der Ganztagsschule
- Untersuchung zentraler Gestaltungsprinzipien (Rhythmisierung, Öffnung, Kooperation)
- Praxisbeispiel: Umsetzung der Ganztagsschule an der Staatlichen Grundschule Rudolstadt-West
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Kinderwelten: zerrissen und isoliert
Die Reduktion der Geburtenrate, die in den letzten 25 Jahren etwa 50% beträgt, hängt vorwiegend mit der steigenden Rate der Müttererwerbstätigkeit zusammen. Der Wunsch der Berufstätigkeit einer Frau geht mit Verunsicherung in der Frage der Kinderbetreuung einher. So sind etwa 40% der deutschen Akademikerinnen kinderlos und erreichen damit die weltweit höchste Quote. (Kahl, 2005) Kinder erfahren seltener ein Aufwachsen mit Geschwistern. Sie werden dadurch eher unsozial und egozentrisch, aber auch offener und selbstständiger. Das zeigt, dass diese Aspekte verschiedene Einflüsse nehmen und von beiden Seiten zu betrachten sind. So findet die Feststellung, dass Einzelkinder, im Gegensatz zur fehlenden Sozialkompetenz, eine optimale Förderung durch die Familie erfahren auch Berechtigung. Mangelnde soziale Erfahrungen durch fehlende Geschwister müssen durch gesellschaftliche Einrichtungen kompensiert werden.
Es herrscht eine Variation des Zusammenlebens von Erwachsenen vor: Ehepaar-Familien, Stieffamilien, Eineltern-Familien und Lebensgemeinschaften. Dennoch besteht die Tendenz zur Ein-Kind-Familie. Durch Scheidungen und das Entstehen von neuen Familientypen, nimmt der Umgang der Kinder mit Erwachsenen zu und in den Eineltern-Familien werden sie zu wichtigen Gesprächspartnern des Vaters oder der Mutter. So entstehen automatisch hohe Anforderungen an die Tochter oder den Sohn. Die Kinder- und Erwachsenenwelten vermischen sich. (Kiper/Paul 1999)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Ausgangspunkt: Lebensbedingungen und Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft: Dieses Kapitel analysiert die soziologischen Veränderungen der Kindheit sowie die kritische Bildungslage im Spiegel internationaler Vergleichsstudien.
2 Die Ganztagsschule unter dem Anspruch der Heterogenität: Hier werden die theoretischen Konzepte, die historischen Wurzeln sowie die zentralen Gestaltungsmerkmale einer pädagogisch wirksamen Ganztagsschule erläutert.
3 Die Umsetzung von Ganztagsschulen anhand eines Beispiels aus Thüringen: Das Kapitel veranschaulicht die praktische Implementierung eines Ganztagsschulmodells am Beispiel der Staatlichen Grundschule Rudolstadt-West.
Schlüsselwörter
Ganztagsschule, veränderte Kindheit, Heterogenität, Bildungssituation, IGLU, PISA, Rhythmisierung, Öffnung des Unterrichts, soziale Integration, Chancengleichheit, Schulentwicklung, Kooperation, Grundschule, Pädagogik, Individualisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Anpassung der Schule an gesellschaftliche Wandlungsprozesse und die dadurch veränderte Lebenswelt von Kindern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Auswirkungen der gesellschaftlichen Situation auf das Aufwachsen von Kindern, die Analyse von Bildungsdefiziten sowie die Gestaltungsmöglichkeiten der Ganztagsschule.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Ganztagsschulen durch pädagogische Gestaltungsprinzipien den aktuellen Bildungsproblemen begegnen und Bildungsansprüche kindgerecht verwirklichen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erkenntnisgewinnung verwendet?
Die Arbeit nutzt eine fundierte Literaturanalyse, greift auf aktuelle Bildungsstudien (IGLU, PISA) zurück und analysiert ein spezifisches Praxisbeispiel (Fallstudie).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Kindheitsbedingungen, die theoretische Herleitung der Ganztagsschulkonzepte und die praktische Umsetzung in einem spezifischen Beispiel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Ganztagsschule, Rhythmisierung, Öffnung des Unterrichts, soziale Integration und Chancengleichheit.
Welche Bedeutung hat das Modell des „Jena-Plans“ in dieser Arbeit?
Der Jena-Plan dient als historisches Referenzmodell, da er wichtige Elemente wie die Rhythmisierung und die Erziehung zur Gemeinschaft bereits frühzeitig konzipiert hat.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Sozialpädagogen in der Ganztagsschule?
Sie werden als unverzichtbare Kooperationspartner angesehen, die durch ihre Arbeit in Spiel- und Freizeitbereichen einen entscheidenden Beitrag zur ganzheitlichen Bildung und sozialen Unterstützung leisten.
Welche Rolle spielt die „Schulöffnung“ für den Erfolg der Ganztagsschule?
Die Öffnung ist entscheidend, um den Lebensweltbezug herzustellen, Praxisbezug zu ermöglichen und die Schule als vernetzten Lernort im Gemeinwesen zu etablieren.
- Citation du texte
- Heidi Henniger (Auteur), 2006, Die Gestaltung und Leistungsfähigkeit der Ganztagsschule zur Begegnung mit veränderter Kindheit und aktuellen Bildungsproblemen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68943