Die traditionell als „Tempelreinigung“ bezeichnete Perikope Joh 2, 13-22 verknüpft Tempelaktion und Tempelwort Jesu und gehört zu den wenigen Johannesparallelen zu synoptischen Erzählungen 1 . Diese Seltenheit sowie ihre Dramatik und hohe theologische Relevanz für das Leben Jesu machen diese Perikope besonders interessant und sie soll daher in dieser Arbeit als Beispieltext dienen für die Anwendung des Instrumentariums der historisch-kritischen Exegese, von der Textkritik bis zur begründeten Übersetzung. [...]
Inhaltsverzeichnis
Die Methoden neutestamentlicher Exegese, angewandt auf Joh 2, 13-22
1 Textkritik
2 Kontextanalyse
3 Sprachliche Gestalt
4 Struktur und Kohärenz
5 Narrative Analyse
6 Pragmatische Analyse
7 Formkritische Analyse
8 Literar- und traditionskritische Analyse
9 Redaktionskritische Analyse
10 Interpretation anhand der Analyse-Ergebnisse
11 Übersetzung als Essenz der Interpretation
12 Ein Beispiel für die Wirkungsgeschichte
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Perikope Joh 2, 13-22 durch Anwendung der historisch-kritischen Exegese, um die Bedeutung der Tempelaktion und des Tempelwortes Jesu im johanneischen Kontext zu erschließen und als Basis für eine fundierte Übersetzung zu nutzen.
- Anwendung des methodischen Instrumentariums der neutestamentlichen Exegese.
- Analyse der textkritischen, kontextuellen und strukturellen Merkmale der Passage.
- Untersuchung der narrativen und pragmatischen Strategien des Evangelisten.
- Diachrone Analyse der Traditionsschichten und der redaktionellen Bearbeitung.
- Erarbeitung einer sachgerechten deutschen Übersetzung auf Basis der Interpretation.
Auszug aus dem Buch
3 Sprachliche Gestalt
Die Analyse der Textgestalt, der Sprache und des Stils einer Perikope erhebt den Wortschatz, untersucht Wortarten und Wortformen und ihre Verbindung nach den Regeln der Grammatik. Die Verknüpfung von Sätzen und Satzteilen ist dabei ebenso zu berücksichtigen wie verwendete Stilfiguren und wahrnehmbare Spannungen.
Joh 2,13-22 ist ein erzählender Text mit einem hohen Anteil an Verben in kurzen Satzteilen, womit viel Dynamik in den Erzählduktus hineinkommt. Die verwendeten Substantive sind (von Genitivkonstruktionen abgesehen) jeweils einzeln stehend bzw. einem Verb zugeordnet und von konkretem Inhalt; abstrakte Substantive fehlen fast ganz (außer V.18 Zeichen und V.22 Schrift und Wort, die als theologische termini technici aufgeladen sind). Da zudem fast alle Verben im aktiven Genus stehen, ergibt sich ein sehr lebendiger und bildhafter Erzählstil: der Text wirkt wie Rede, nicht wie ‚Schreibe’.
Der realistische Charakter wird unterstrichen durch die ausschließliche Verwendung von Indikativ (ein Konjunktiv fehlt völlig, drei Imperative finden sich in direkter Rede Jesu). Das bevorzugte Tempus der Verben ist der historische Aorist (mit deutschem Imperfekt zu übersetzen10). Sätze der direkten Rede stehen im Präsens. Das Psalmenzitat in V.17 steht (abweichend von der LXX) im Futur, ebenso ἐγερῶ in der Verheißung Jesu.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Textkritik: Diese Sektion erschließt die handschriftlichen Textvarianten und legt die textkritische Basis für die weitere exegetische Arbeit.
2 Kontextanalyse: Hier wird die Abgrenzung der Sinneinheit innerhalb des Johannesevangeliums vorgenommen und der Bezug zu den Synoptikern diskutiert.
3 Sprachliche Gestalt: Dieses Kapitel untersucht Wortschatz, Grammatik und stilistische Besonderheiten, die den dynamischen Charakter der Erzählung unterstreichen.
4 Struktur und Kohärenz: Es wird analysiert, wie die zweigeteilte Struktur der Perikope durch inhaltliche und formale Verbindungslinien einen inneren Zusammenhalt gewinnt.
5 Narrative Analyse: Dieser Teil betrachtet die erzählten Akteure und die rhetorischen Strategien, die den Leser in den Glauben an Jesus Christus einführen sollen.
6 Pragmatische Analyse: Hier wird der Verwendungszweck der Perikope untersucht, insbesondere die christologische Deutung des Tempelprotests.
7 Formkritische Analyse: Das Kapitel befragt den Text nach seiner Gattung und dem möglichen „Sitz im Leben“ in der katechetischen Unterweisung.
8 Literar- und traditionskritische Analyse: Es wird nach der Vorgeschichte und dem Wachstum des Textes sowie dem historischen Kern des Tempelwortes gefragt.
9 Redaktionskritische Analyse: Diese Analyse identifiziert die redaktionellen Eingriffe des Evangelisten Johannes und deren theologische Beweggründe.
10 Interpretation anhand der Analyse-Ergebnisse: Zusammenführung der methodischen Erkenntnisse zu einer theologischen Deutung, ergänzt durch biblische Realienkunde.
11 Übersetzung als Essenz der Interpretation: Darstellung der Übersetzungsprinzipien und Präsentation einer auf der Exegese basierenden Übersetzung.
12 Ein Beispiel für die Wirkungsgeschichte: Kurzer Abriss zur kunstgeschichtlichen Rezeption der Tempelszene, exemplarisch belegt durch ein Barockfresko.
Schlüsselwörter
Tempelaktion, Tempelwort, Joh 2, 13-22, historisch-kritische Exegese, Tempelreinigung, Tempelprotest, Zeichenforderung, Exegese, Johannesevangelium, biblische Realienkunde, Redaktionskritik, Traditionsschichten, christologische Deutung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit bietet eine umfassende historisch-kritische Exegese der Perikope der Tempelreinigung (Joh 2, 13-22), um die spezifisch johanneische Perspektive und Deutung dieser Szene zu erarbeiten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die literarische Gestalt des Textes, die Bedeutung des Tempels als Heilsort, die Rolle Jesu als Tempelersatz sowie das Verhältnis zwischen Tempelaktion und christologischem Glauben.
Welches ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Text durch das Instrumentarium der modernen Exegese zu durchdringen, um zu verstehen, warum Johannes die Szene an den Beginn des Wirkens Jesu stellt und welche theologische Intention er damit verfolgt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Der Autor verwendet ein breites Spektrum historisch-kritischer Methoden: Textkritik, Kontextanalyse, sprachliche Analyse, narrative und pragmatische Analyse, Formkritik, Literarkritik, Traditionskritik sowie Redaktionskritik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine methodisch-versweise Erläuterung, die von der Textkritik über die erzählerische Analyse bis hin zu einer fundierten Übersetzung und einem kurzen Ausblick auf die Wirkungsgeschichte reicht.
Durch welche Schlüsselwörter wird die Arbeit charakterisiert?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "Tempelprotest", "johanneische Theologie", "diachrone Analyse" und "christologische Selbstoffenbarung".
Warum bevorzugt der Autor den Begriff "Tempelprotest" gegenüber "Tempelreinigung"?
Der Autor argumentiert, dass der traditionelle Begriff "Tempelreinigung" die Intention des Textes verfehlt, da es nicht um eine bloße Säuberung des Kultbetriebs, sondern um Jesu radikale Stellung zum Tempel als Ort der Gottesbegegnung geht.
Welche Rolle spielt die Einordnung des Lazarus-Wunders für das Verständnis dieser Perikope?
Der Autor weist darauf hin, dass Johannes die Tempelaktion an den Beginn vorverlegte und an deren ursprüngliche Stelle im Evangelium die Auferweckung des Lazarus setzte, um den Tötungsbeschluss des Hohen Rates theologisch zu begründen.
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- Thomas Josef Frommel (Author), 2006, Tempelaktion und Tempelwort Jesu in Joh 2, 13-22, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69093