Persönlich hatte ich immer einen starken Bezug zu Tieren. Sowohl als Kind wie auch als Erwachsene hatte ich immer Haustiere und nahm lange Zeit Reit-Unterricht. Als tiergestützte Therapie waren mir jedoch nur das heilpädagogische Reiten und die Delphintherapie bekannt. In meinem Vorpraktikum hatte ich ausserdem die Hippotherapie kennen gelernt. Tiere in der Therapie und Pädagogik sind hierzulande ausser den genannten Bereichen tatsächlich noch nicht sehr bekannt. In den letzten Jahren hat sich die Wissenschaft etwas vermehrt mit der Wirkung von Tieren auf Menschen beschäftigt. Verschiedene Studien mit Tieren haben nicht nur im medizinischen Bereich eine Reduktion der Herzfrequenz und des Blutdrucks gezeigt, sondern auch bei sozial auffälligen Kindern die Aufmerksamkeit, die Kommunikationsfähigkeit und Leistungsfähigkeit erhöht. Es sind aber erst wenige theoretische Erklärungsansätze über die Wirkung von Tieren auf Menschen vorhanden und nur zögerlich befasst sich die deutschsprachige Wissenschaft mit diesem Thema. Zu Unrecht, denn in angelsächsischen Ländern ist man uns bezüglich der „animal assisted therapy“, wie sie dort genannt wird, weit voraus, und speziell in den USA, wo das erste Werk zu diesem Thema schon 1969 erschien, existiert zahlreiche Fachliteratur zu diesem Thema. Immer mehr Professionelle aus verschiedenen Richtungen interessieren sich vermehrt für tiergestützte Therapie und Pädagogik und setzen Tiere in ihrer Arbeit ein. Auch die Medien haben in letzter Zeit verschiedentlich über tiergestützte Therapie und Pädagogik oder über Modellversuche wie Projekte mit Tieren in Gefängnissen berichtet. Neuerdings werden professionelle Weiterbildungen für Heilpädagogen, Sozialarbeiterinnen, Logopäden, Ergotherapeutinnen etc. in tiergestützter Therapie und Fördermassnahmen angeboten. Der Gedanke, dass Tiere offensichtlich eine heilsame Wirkung auf Menschen haben, faszinierte mich und bewog mich dazu, mich mit diesem Thema in der Semesterarbeit zu beschäftigen.
Die Hauptfragestellung lautet daher: Was sind tiergestützte Therapie und Pädagogik und wie wirken sie?Zur Beantwortung der Hauptfrage stellen sich folgende Unterfragen: - Welche Tiere sind als therapeutische Begleiter geeignet und wo werden sie eingesetzt? - Für wen sind Tiere als therapeutische Begleiterinnen geeignet? - Welche Einwände gibt es bei der tiergestützten Therapie und Pädagogik?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Fragestellung
2 Wie entstanden tiergestützte Therapie und Pädagogik?
2.1 Kulturgeschichtliche Entwicklung der Mensch-Tier-Beziehung
2.2 Werdegang zur tiergestützter Erziehung und Heilung
3 Tiergestützte Therapie und Pädagogik
3.1 Begriffsklärung
3.2 Welche Tiere sind als therapeutische Begleiter geeignet und wo werden sie eingesetzt?
3.3 Für wen sind Tiere als therapeutische Begleiter geeignet?
4 Einfluss und Wirkung von Tieren auf Menschen
5 Theorien der tiergestützten Therapie und Pädagogik
5.1 Psychologische Ansätze
5.1.1 Tiefenpsychologischer Ansatz nach Boris Levinson
5.1.2 Realitätspsychologischer Ansatz nach Samuel und Elizabeth Corson
5.2 Biophilie-Hypothese
5.3 Kritische Würdigung der Erklärungsansätze
6 Einwände der tiergestützten Therapie und Pädagogik
6.1 Allgemeine Schwierigkeiten
6.2 Instrumentalisierung von Tieren
6.3 Ethik
6.4 Gefahren
7 Folgerungen für die Soziale Arbeit
8 Schlussgedanken und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Semesterarbeit untersucht das Feld der tiergestützten Therapie und Pädagogik mit dem Ziel, deren Wirkungsweisen auf den Menschen zu erläutern, zentrale Einsatzbereiche zu identifizieren und eine kritische Auseinandersetzung mit den ethischen Einwänden und Herausforderungen zu führen.
- Grundlagen und historische Entwicklung der Mensch-Tier-Beziehung in Therapie und Pädagogik.
- Analyse theoretischer Erklärungsansätze für die positive Wirkung von Tieren.
- Eignung verschiedener Tierarten als therapeutische Begleiter in unterschiedlichen Settings.
- Kritische Reflexion über die Instrumentalisierung von Tieren und ethische Aspekte.
- Bedeutung und Folgerungen für die praktische Anwendung in der Sozialen Arbeit.
Auszug aus dem Buch
Einfluss und Wirkung von Tieren auf Menschen
Sylvia Greiffenhagen spricht in ihrem Buch „Tiere als Therapie“ von 1991 von einer Du-Evidenz. Damit meint sie, dass zwischen Mensch und Tier eine Beziehung möglich ist, wie wir sie untereinander kennen. Dies äussert sich darin, dass wir das Tier als Genosse sehen und ihm personale Qualitäten zuschreiben, ihm einen Namen geben und es damit aus der Masse der anderen Tiere hervorheben (vgl. GREIFFENHAGEN 1991, S. 26-29).
Auch Carola Otterstedt verweist darauf. Sie nennt es „Du-Beziehung“ und sagt, dass die Begegnung mit einem lebenden Tier, im Gegensatz zu den Therapien, bei denen mit Stofftieren gearbeitet wird, durch sein Wesenhaftes geprägt ist. Sie meint: „Die Begegnung zum Es entwickelt sich durch sein Wesenhaftes zu einer Beziehung zum Du“ (OTTERSTEDT, CAROLA: Grundlagen der Mensch-Tier-Beziehung: Der heilende Prozess in der Interaktion zwischen Mensch und Tier. In: OLBRICH/OTTERSTEDT 2003, S. 64). Damit wird eine gemeinsame Kommunikationsebene gefunden. Durch das Gefühl des Angenommenwerdens durch das Tier öffnen wir uns für alternative Kommunikationswege. Diese Öffnung geschieht durch ein Sich-Lösen von Ich-bezogenen Zweifeln und Ängsten und durch die freie Begegnung mit dem Tier können dann beim Menschen Impulse für einen heilenden Prozess gesetzt werden (vgl. OP.CIT., S. 58-68).
Beide Autorinnen sind der Ansicht, dass die Du-Beziehung bzw. –Evidenz eine unbedingte Voraussetzung ist, dass Tiere therapeutisch und pädagogisch helfen können. Dieser Ansicht bin ich auch. Die freie Begegnung und somit die Du-Beziehung ist insofern wichtig, weil sie das Selbstbewusstsein stärkt, ein wichtiger Aspekt in der Therapie und Pädagogik. In der Begegnung mit einem Tier erfahren wir nämlich eine fast bedingungslose Akzeptanz und Zuneigung, etwas, was wir in der Begegnung mit Menschen nicht so einfach voraussetzen können. Ein Tier kennt keine Vorurteile, sondern nimmt uns an, wie wir sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Fragestellung: Die Autorin beschreibt ihre persönliche Motivation und definiert die Hauptfragestellung sowie die zentralen Unterfragen zur Untersuchung der Wirkung tiergestützter Interventionen.
2 Wie entstanden tiergestützte Therapie und Pädagogik?: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Wandel der Mensch-Tier-Beziehung sowie die Entwicklung erster therapeutischer Ansätze, von frühen Beispielen bis zu modernen wissenschaftlichen Entdeckungen.
3 Tiergestützte Therapie und Pädagogik: Hier werden zentrale Begriffe definiert, geeignete Tierarten vorgestellt und die Einsatzgebiete für verschiedene Zielgruppen in der Praxis detailliert dargelegt.
4 Einfluss und Wirkung von Tieren auf Menschen: Das Kapitel erläutert die theoretische Basis der Mensch-Tier-Beziehung und listet systematisch die physiologischen, psychischen und sozialen Wirkmechanismen auf.
5 Theorien der tiergestützten Therapie und Pädagogik: Es erfolgt eine Darstellung und kritische Würdigung psychologischer Ansätze sowie der Biophilie-Hypothese als Erklärungsmodelle für die Wirksamkeit.
6 Einwände der tiergestützten Therapie und Pädagogik: Die Arbeit setzt sich kritisch mit Schwierigkeiten der Erfolgsmessung, der Gefahr der Instrumentalisierung, ethischen Bedenken und praktischen Gefahren auseinander.
7 Folgerungen für die Soziale Arbeit: Die Autorin leitet den Nutzen der tiergestützten Arbeit für die Soziale Arbeit ab und fordert fundiertes Wissen sowie fachliche Planung für deren erfolgreiche Implementierung.
8 Schlussgedanken und Ausblick: Ein Resümee über den aktuellen Stand in der Schweiz, Deutschland und Österreich sowie ein Aufruf zu verstärkter Forschung und interdisziplinärem Austausch.
Schlüsselwörter
Tiergestützte Therapie, Tiergestützte Pädagogik, Mensch-Tier-Beziehung, Soziale Arbeit, Du-Beziehung, Biophilie-Hypothese, Therapeutische Begleiter, Instrumentalisierung von Tieren, Ethik, Wirkungsweise, Therapiehund, Hippotherapie, Delphintherapie, Psychosoziale Unterstützung, Interaktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Grundlagen, den Wirkungsweisen und der praktischen Anwendung von tiergestützten Therapie- und Pädagogikansätzen bei Menschen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen gehören die historische Entwicklung, theoretische Erklärungsmodelle für die Mensch-Tier-Interaktion, die Vorstellung geeigneter Tierarten und die kritische Reflektion ethischer Einwände.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es zu klären, was tiergestützte Therapie und Pädagogik sind, wie sie wirken und welche Rahmenbedingungen sowie ethischen Grenzen beim Einsatz in der Praxis beachtet werden müssen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Übersichtsarbeit, die auf der Analyse von Fachliteratur, Studien und Internetquellen basiert, um den deutschsprachigen Raum zu repräsentieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition der Begriffe, die Beschreibung von Einsatzbereichen, die Darlegung theoretischer Ansätze zur Wirkung von Tieren sowie eine kritische Auseinandersetzung mit ethischen und praktischen Herausforderungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Du-Beziehung, sozialer Katalysator, Biophilie, Instrumentalisierung, artgerechte Haltung und der Anwendung in der Sozialen Arbeit.
Was unterscheidet die „animal assisted therapy“ von der „pet facilitated therapy“ laut der Autorin?
Die „pet facilitated therapy“ bezieht sich primär auf den Einsatz von Haustieren, während bei der „animal assisted therapy“ auch nicht-domestizierte Tiere wie etwa Delphine therapeutisch einbezogen werden.
Warum hält die Autorin die Instrumentalisierung von Tieren für problematisch?
Die Autorin warnt vor einer Vermenschlichung, bei der das Tier zum reinen Mittel degradiert wird, ohne die artgerechten Bedürfnisse und die Belastungsgrenzen des Tieres ausreichend zu berücksichtigen.
- Quote paper
- Claudine Haller (Author), 2005, Grundlagen und Praxis der tiergestützten Therapie und Pädagogik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70335