Hierarchiediskriminierung von Frauen an öffentlichen Bildungseinrichtungen

Eine deskriptive Analyse der Otto-Friedrich-Universität Bamberg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

27 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Exposé

Einleitung

Literaturüberblick

Repräsentation von Frauen in politischen Parlamenten
Definitionen und Grundbegriffe
Grundliteratur und Kernaussagen
Repräsentation von Frauen in akademischen Berufen

Theorie
Lineare Muster und Effekte
Annahmen und Mechanismen
Hypothesenentwicklung
Hierarchien an öffentlichen Hochschulen
Abhängige und unabhängige Variablen

Methode und Daten
Daten und Strukturierung
Mathematische Methoden
Analyse
Analyse der ersten Hypothese
Analyse der zweiten Hypothese
Analyse der dritten Hypothese
Analyse der vierten Hypothese
Analyse der fünften Hypothese

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang
Regressionsanalysen
Zusammenhangsanalysen

Exposé

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Repräsentation von Frauen an öffentlichen Bildungseinrichtungen. Verschiedene Ideen, Theorien und Annahmen aus der Parlamentsforschung dienen dieser Arbeit als Grundlage, um die Hierarchiediskriminierung von Frauen in öffentlichen Bildungseinrichtungen exemplarisch an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg zu testen.

Aus der grundlegenden Annahme der sinkenden Repräsentation von Frauen in steigenden Karriere- und Repräsentationsformen, wird ein Hierarchiediskriminierungs-Indikator entwickelt. Mit der Hilfe einer Regressionsanalyse beschreibt und vergleicht der Indikator die HD in verschiedenen Universitäten, Fakultäten oder Institutionen.

Die Arbeit beantwortet dabei folgende Leitfrage:

W i e stark ist die Hierarchiediskriminierung in wissenschaftlichen Berufen an der Otto-Friedrich- Universität in Bamberg?

Vornehmlich aus der Literatur der Parlamentsforschung werden Hypothesen und Annahmen über die Hierarchiediskriminierung von Frauen im akademischen und wissenschaftlichen Raum entwickelt. Es werden folgende Hypothesen in dieser Arbeit getestet:

1. Die Repräsentation von Frauen in Hochschulen kann als lineares Muster verstanden werden.
2. Bei steigendem wissenschaftlichem Rang sinkt die Repräsentation von Frauen an der Universität Bamberg
3. In allen Fakultäten, die sich mit traditionellen Frauenthemen beschäftigen, ist die generelle Frauenquote höher als in anderen Fakultäten.
4. In allen Fakultäten, die eine hohe Frauenquote bei ihren Mitarbeitern haben, sinkt die Frauenquote geringfügiger im Verlauf der Hierarchieränge als bei anderen Fakultäten.
5. Je weniger Arbeitsplätze es innerhalb eines Hierarchierangs gibt, desto geringer ist auch dessen Frauenquote.

Einleitung

Ähnlich wie Journalisten die Wahrnehmung der Öffentlichkeit beeinflussen, beeinflusst die Wissenschaft die Analyse von Problemen und damit unsere Auffassung dieser.

In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass im Journalismus ein starker Zusammenhang zwischen der Herkunft der Journalisten und ihrer Arbeit existiert. Auch wenn der Wissenschaft ein grundlegende Objektivität zu Grunde gehalten wird, sind einzelne Teile des Forschungsprozesses, wie Themenauswahl und Fachgebiet, weiter meist subjektiver Natur (Gebhardt-Benischke 1991, S. 10)(Abele-Brehm und Hausmann 1994, S. 9).

Im wissenschaftlichen Bereich ist die allgemeine Ungleichheit zwischen Männer und Frauen im Bereich des Lohns und der Karrierechancen unumstritten. Gründe und Ursachen beider Effekte sind jedoch im Gegensatz stark umstritten (Eder et al. 2016, S. 367)(Lind und Löther, S. 261).

Eine ähnliche Situation gab und gibt es auch in akademischen und wissenschaftlichen Bereichen. Am Anfang der 90er Jahre etablierte sich die These, dass die Hochschule als Institution, … bevorzugt männliche Wissenschaftler hervorbringt, die sich mit männlichen Wissenschaftlern paaren, um männlichen Nachwuchs zu erzeugen, nicht mehr länger hinzunehmen sei. Benischke schrieb über die Gleichberechtigung von Frauen und Männern an Universitäten, dass die Annahme einer „Fortsetzung einer unendlichen Geschichte, [irrig wäre] weil die Männerherrschaft in den Hochschulen endlich ist.“ (Gebhardt-Benischke 1991, S. 9) (vergl. Gebhardt-Benischke 1991, S. 10)

Doch immer noch existiert ein großer Pool an Wissenschaftlerinnen, der nicht genutzt wird (CEWS - Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung 2016, S. 1). Während viel zu dem allgemeinen Frauenanteil an Hochschulen geforscht wird, finden die deutlichen disziplinären Unterschiede, Verlaufsanalyse oder Hierarchiestrukturanalysen bislang nur wenig Resonanz in der Forschung (Lind und Löther, S. 261).

Diese Arbeit versucht einen neuen Blickwinkel auf die Repräsentation von Frauen an öffentlichen Hochschulen zu bieten. Exemplarisch für die Otto-Friedrich-Universität Bamberg analysiert diese Arbeit die Diskriminierung von Frauen innerhalb von Fakultäten. So soll die aktuelle Situation zwischen den verschiedenen Hierarchierängen beschrieben und verglichen werden.

Methodisch werden die verschiedenen Berufe in einer öffentlichen Hochschule in eine typische Hierarchie strukturiert und die einzelnen Arbeitsstellen einem Hierarchierang zugewiesen. Mit der Hilfe der CEWS-Daten (CEWS - Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung 2016) wird der jeweilige relative Frauenanteil der einzelnen Hierarchierangen ermittelt. Mittels einer Regressionsanalyse wird dann die Veränderung der Frauenanteile der jeweiligen Hierarchieränge analysiert. Mittels des Regressionskoeffizienten kann dann die lineare Steigung der einzelnen Fakultäten beschrieben werden. Der Regressionskoeffizient wird in dieser Arbeit als Indikator für die Hierarchiediskriminierung verwendet. Mittels des Bestimmtheitsmaßes werden dann verschiedene statistische Zusammenhang bewertet.

Die Leitfrage dieser Arbeit lautet: „Wie stark ist die Hierarchiediskriminierung in wissenschaftlichen Berufen an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg?“

Um diese Frage zu beantworten werden fünf Hypothesen in dieser Arbeit entwickelt und getestet. Die Hypothesen sind:

1. Die Repräsentation von Frauen in Hochschulen kann als lineares Muster verstanden werden.
2. Bei steigendem wissenschaftlichem Rang sinkt die Repräsentation von Frauen an der Universität Bamberg.
3. In allen Fakultäten, die sich mit traditionellen Frauenthemen beschäftigen, ist die generelle Frauenquote höher als in anderen Fakultäten.
4. In allen Fakultäten, die eine hohe Frauenquote bei ihren Mitarbeitern haben, sinkt die Frauenquote geringfügiger im Verlauf der Hierarchieränge als bei anderen Fakultäten.
5. Je weniger Arbeitsplätze es innerhalb eines Hierarchierangs gibt, desto geringer ist auch dessen Frauenquote.

Um die einzelnen Hypothesen zu testen nutzt diese Arbeit hauptsächlich lineare Regressionsanalysen. Die verwendeten Daten stammen aus der Datenbank des Kompetenzzentrums für Frauen in der Wissenschaft und Forschung und dem offiziellen Jahresbericht der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Literaturüberblick

Dieses Kapitel gibt einen groben Überblick über die wichtigsten Arbeiten und Erkenntnisse der Parlamentsforschung zum Thema Repräsentation von Frauen. Ebenfalls werden Grundbegriffe definiert und eine Übersicht über bisherigen Forschung zur Repräsentation von Frauen in der Wissenschaft gegeben.

Der Großteil der verwendeten Literatur stammt aus dem Fachbereich der Parlamentsforschung. So werden die Rolle, der Einfluss und die Abstimmungen von Frauen in Parlamenten analysiert.

Repräsentation von Frauen in politischen Parlamenten

Im Anfang der 1960er Jahre wird die Frauenrolle wissenschaftlich in breitem Umfang das erste Mal in Frage gestellt und aufgebrochen. So waren damalige Generationen der Frauen vielfach nicht mehr bereit, die eigene Rolle auf den Haushalt und das Kind zu beschränken. Zum anderen boten Frauen eine wirtschaftliche Chance, die nicht ignoriert werden konnte (Domsch et al. 1996, S. 1).

Seitdem haben sich die Rolle von Frauen, das traditionelle Frauenverständnis und die Forschung über die Frauenrepräsentation entwickelt. Die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ist dennoch unumstritten und Auswirkungen auf Repräsentationsebenen größtenteils ungeklärt (Eder et al. 2016, S. 367).

Es gibt eine Vielzahl an Werken, die sich mit der Repräsentation von Frauen in verschiedenen Ausprägungen beschäftigen. Dennoch betrachten diese Werke meist nur eine Ebene der Politik und Repräsentation (Tolley 2011, S. 574). Die wenigsten Werke gehen über eine eindimensionale Anteilsanalyse hinaus.

Die wenigen Arbeiten die sich mit der Repräsentation von Frauen auf verschiedenen Ebenen befassen, kommen zu dem Schluss, dass Frauen in den meisten Ländern auf lokalen Wahlen größere Chancen haben, als auf nationalen Wahlen (Tolley 2011, S. 574; Eder et al. 2016, S. 369, 2016, S. 369; Tolley 2011, S. 574). So werden in der Europäischen Union und in den Vereinigten Staaten relativ gesehen mehr Frauen in lokale Ämter gewählt, als in nationale Ämter (Eder et al. 2016, S. 369, 2016, S. 367). Der zweite Punkt dem sich fast alle anschließen, ist dass es insgesamt mehr Frauen in Bereichen und Branchen gibt, die zum „traditionellen Frauenverständnis“ passen (Eder et al. 2016, S. 370; Abele- Brehm und Hausmann 1994, S. 17; Domsch et al. 1996, S. 197; Lind und Löther, S. 257).

Häufig wird Frauen vorgehalten, sie würden ja nicht in verantwortungsvolle Stellen wollen oder es fehle ihnen an der entsprechenden Karriereorientierung. Begründungen für ein derart unterstelltes mangelndes Konkurrenzstreben werden in biologischen Argumentationen, in geschlechtsspezifischen Sozialisationsbedingungen oder einfach in der Bequemlichkeit von Frauen gesucht. (Abele-Brehm und Hausmann 1994, S. 9)

Eine der größten wissenschaftlichen Ursachen für einen geringen Frauenanteil in Parlamenten ist der sogenannte „old-boys-club“. Ein „old-boys-club“ wird als eine informelle Machtstruktur von meist weißen Männern beschrieben, die Entscheidungen zugunsten der bestehenden Strukturen treffen und den Nachwuchs auch nach vorherrschenden Merkmalen aussuchen und fördern. So werden auch Frauen in solche Strukturen aufgenommen, doch im generellen sorgen diese Strukturen dafür, dass Minderheiten benachteiligt werden. Klassische Beispiele für einen „old-boys-club“ sind Country-Clubs oder Golf-Clubs.

Eine meist differenzierter betrachtete Ursache für die Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt ist ein „traditionelles“ Frauenbild. So wird Frauen durch eine „traditionelle Rolle“ in den Familien, weniger Arbeits- und Führungserfahrung zugesprochen (Domsch et al. 1996, S. 197). Die traditionelle Rolle in der Familie hat ebenso die Folge, dass … weniger monetäre oder zeitliche Ressourcen zur Verfügung stehen (Eder et al. 2016, S. 369).

Definitionen und Grundbegriffe

In diesem Abschnitt werden die Begriffe Karriere, Hierarchie, Frauenquote, Hierarchierang und Hierarchiediskriminierung definiert.

Einer der Grundbegriffe, der aus der beschriebenen Literatur übernommen wird, ist der Begriff der Karriere. Im Englischen wird der Begriff "career" bewertungsneutral als Berufslaufbahn verwendet. Im Deutschen wird der Begriff Karriere eher mit einer sehr erfolgreichen Berufslaufbahn verknüpft und ambivalent konnotiert. So kann der Begriff sowohl mit einer negativen und positiven Konnotation verwendet werden.

Ebenfalls gibt es die Annahme, dass es auch geschlechtsspezifische unterschiedliche Konnotation und Deutungen des Begriffs gibt. (Abele-Brehm und Hausmann 1994, S. 22)

Gerade diese Unterschiede müssen für diese Arbeit in Betracht genommen werden. Frauen a ssoziieren beim Begriff 'Karriere' ein persönliches Wachstum und Selbstverwirklichung. Männer verbinden den Begriff Karriere eher mit einer "fortschreitende Reihe von Jobs vor sich" (Abele-Brehm und Hausmann 1994, S. 22).

Der Begriff Hierarchie wird in dieser Arbeit als klarstrukturierte Befehlsfolge betrachtet. Durch eine klare Struktur dieser Hierarchie, bilden sich aus der Hierarchie einzelne komparativ geordnete Hierarchieränge. Hierarchieränge sind eine Gruppe von Arbeitsstellen und Positionen, die eine ähnliche Machtposition teilen. Im Normalfall kann davon ausgegangen werden, dass ein Mitarbeiter sich im Laufe der Arbeitszeit in den Hierarchierängen hocharbeitet.

Eine Hierarchiediskriminierung ist das Behindern oder Erschweren der beruflichen Entwicklung von einzelnen Personen oder Personengruppen. Im engeren Sinne ist dabei meist die Benachteiligung bei Beförderungen oder Einstellungen gemeint. Im weiteren Sinne ist bei der Hierarchiediskriminierung jedoch auch eine Benachteiligung bei Arbeits- und Projektverteilungen, eine Benachteiligung bei der Akkreditierung von Erfolgen oder eine Benachteiligung bei persönlichen Förderbeziehungen gemeint. Außerdem können alle Arten der Benachteiligung als Hierarchiediskriminierung benannt werden, die das Erreichen von höheren Hierarchie- und Karrierepositionen erschweren.

Der Begriff Frauenquote wird in dieser Arbeit als Synonym für den relativen Frauenanteil einzelner Hierarchieränge, Fakultäten oder definierten Ebenen benutzt. Es besteht in dieser Arbeit kein Zusammenhang zwischen einer Frauenquote und einer regulativen Methode.

Ein im Alltag ebenfalls konnotierter Begriff ist „traditionelle Frauenrolle“ oder „traditionelles Frauenbild“. Mit diesen beiden oder ähnlichen Begriffen ist in dieser Arbeit ein gesellschaftlich dominierendes Erwartungsverhältnis gegenüber Frauen gemeint. Diese Arbeit strebt in keiner Form eine Bewertung oder Konnotation dieses Begriffes an.

Grundliteratur und Kernaussagen

Das Grundannahme dieser Arbeit stammt aus dem Werk „Eder, Christina; Fortin-Rittberger, Jessica; Kroeber, Corinna (2016): The Higher the Fewer? Patterns of Female Representation Across Levels of Government in Germany. Die dort beschriebene Annahme eines linearen Zusammenhangs zwischen den einzelnen Repräsentationsstufen und der Frauenquote wird in dieser Arbeit auf die Repräsentation von Frauen in akademischen und wissenschaftlichen Berufen übersetzt.

Die Grundlagen der mathematischen Methoden stammen aus dem Essay „Lineare Regression und Korrelation“ (Lange und Bender 2007).

Verschiedene Arbeiten der CEWS bieten einen Ein- und Überblick über bisherige Analysen und Forschungen zu der Repräsentation von Frauen in akademischen und wissenschaftlichen Berufen. Das CEWS hat sich seit seiner Gründung im Jahre 2000 zur einschlägigen Infrastruktureinrichtung für das Themenfeld „Geschlechterverhältnisse und Gleichstellungspolitik in der Wissenschaft“ im deutschsprachigen Raum entwickelt. Es ist ein Kompetenzzentrum von GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften und der nationale Knotenpunkt zur Verwirklichung der Chancengleichheit von Frauen und Männern in Wissenschaft und Forschung in Deutschland. (CEWS - Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung 2016)

Eine weitgehend vertretende Meinung in der Parlamentsforschung ist, dass Frauen in der Politik auf fast allen Ebenen unterrepräsentiert sind (Eder et al. 2016, S. 368). Die Arbeit „The Higher The Fewer?“ beschäftigt sich speziell mit den jeweiligen Frauenanteilen auf den verschiedenen Politikebenen in Deutschland. So wird die These formuliert und bestätigt, dass die Verteilung von Frauen in Parlamenten ähnlich aufgebaut ist wie eine Pyramide.

Eder beschäftigt sich im weiteren Verlauf der Arbeit spezifisch mit der Situation der Repräsentation von Frauen in Deutschland. In Deutschland führen verschiedene Sonderfaktoren dazu, dass keine klassische Pyramiden-Verteilung bestätigt werden kann (Eder et al. 2016, S. 381, 2016, S. 367). So sind die Frauen in Deutschland stärker im Bundes oder Landtag vertreten, als in Kreisparlamenten (Eder et al. 2016, S. 367). Dies ist grafisch in Abbildung 1 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Grafische Darstellung der Verteilung von Frauen in der deutschen Politik.

Dennoch kommt die Arbeit zum dem generellen Schluss, dass im internationalen Durchschnitt, eine pyramidenähnliche Verteilung bestätigt werden kann.

Repräsentation von Frauen in akademischen Berufen

Bislang gibt es kein breites Literaturspektrum das sich mit der Repräsentation von Frauen in akademischen und wissenschaftlichen Berufen beschäftigt. Die wenigen Arbeiten und Analysen die es zu diesem Themenfeld gibt, basieren meist auf eindimensionalen Anteilsanalysen und betrachten keine differenzierten Themenfelder, Fakultäten oder einzelne Verteilungen innerhalb der Institutionen. Es bedarf einer verstärkten Analyse und Auseinandersetzung mit einzelnen Fachkulturen und disziplinären Unterschieden, um passgenaue gleichstellungspolitische Maßnahmen zu entwickeln (Lind und Löther, S. 265).

Um Frauenanteile deskriptiv oder analytisch zu beschreiben oder zu verstehen, muss man in erster Linie den Grundstein einer wissenschaftlichen Karriere betrachten: Die Wahl des Studienfachs.

Frauen wählen in den vergangenen Jahren zunehmend diversifizierte Studienfächer. So steigt der Anteil der weiblichen Studierenden in juristischen Studiengängen an die 50% Marke. Ähnliche Zahlen lassen sich in Bereichen der wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge finden. In der Medizin liegt der Frauenanteil etwa bei 40% und in der Biologie und Chemie bei 50%. In geisteswissenschaftlichen Fächern ist der Frauenanteil traditionell besonders hoch. Einzig Fächer wie Physik, Mathematik und technische Studiengänge werden nach wie vor bei weiblichen Studierenden wenig nachgefragt. (Abele-Brehm und Hausmann 1994, S. 13)

Grundlegend für diese

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Qualifikationsverlauf Analyse einer idealtypischer Karriereverläufe

Unterschiede sind unter anderem die Vorstellungen vom Schwierigkeitsgrad eines Faches. Während die Physik in Deutschland als besonders anspruchsvoll und prestigeträchtig gilt, hat diese Disziplin in Osteuropa kein Image als schwieriges Fach. In Indien gilt Physik sogar als schöngeistiges Frauenfach, dass von Männern so gut wie nicht gewählt wird (Ratzer et al. 2006)(Lind und Löther, S. 264).

Ebenfalls muss in Betrachtung gezogen werden, dass insbesondere Disziplinen mit hohen gesellschaftlichen Ansehen die informellen Codes zu einer starken Geschlechterselektion führen. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Fachkulturen zeigen sich in älteren Universitäten stärker als in jüngeren Hochschulen. (Lind und Löther, S. 262)

Bei der Betrachtung wissenschaftlicher Laufbahnen von Frauen fällt auf, dass Frauen ihre wissenschaftliche Laufbahn nach wie vor in erster Linie nach der Promotion abbrechen (Lind und Löther, S. 255). Auch aktuelle Studien kommen zu dem Schluss, dass Frauen vor allem bei dem Übergang zur Promotion und nochmals beim Übergang zur Habilitation aus der akademischen Karriere aussteigen (CEWS - Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung 2016, S. 1).

Als eine der wesentlichen Ursachen für die geringere Promotionsneigung von Frauen wird heute eine unterschiedliche Bestätigungskultur von Seiten der Hochschullehrenden gegenüber Studentinnen und Studenten benannt (Lind und Löther, 252).

Aufschlussreich sind auch Ergebnisse, die sich auf das Erleben von Bestätigung während der Promotionsphase und die Integration in die Scientific Community beziehen: Die Doktorandinnen fühlen sich weniger ermutigt und unterstützt, im Vergleich zu männlichen Doktoranden mit gleichem Status. Selbst erfolgreiche Nachwuchswissenschaftlerinnen fühlen sich nur zum Teil gut in die Scientific Community ihres Faches integriert (Lind und Löther, S. 255).

Es steht zu vermuten, dass der Verlust an Reputation, der mit einem steigenden Frauenanteil in einer Disziplin einhergeht, nicht nur bei männlichen Studierenden zu einem besonderen Abgrenzungs- und Profilierungsbedürfnis führt, sondern auch von der Fachelite in spezifischer Weise beantwortet wird (Lind und Löther, S. 263).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A bbildung 3: Frauenanteile von 1980 bis 2015

Im europäischen Vergleich bilden damit Deutschland und Österreich zusammen mit den Niederlanden und Belgien die Schlusslichter bezüglich des Frauenanteils an Professuren (Lind und Löther, S. 249). Jedoch ist in den vergangenen Jahren ein kontinuierlicher Anstieg der Frauenanteile von Professuren, Habilitationen und Berufungen zu verzeichnen. Dieser Anstieg ist in Abbildung 3 dargestellt.

Eine Besonderheit wird in Abbildung 5 und 6 dargestellt: Der Trend der sich bei der retroperspektivischen Verlaufsanalyse herausstellt, ist das Männer bei einem steigenden Hierarchierang an relativem Anteil gewinnen und die Frauenquote bei steigendem Rang sinkt (siehe Abbildung 5).

Bei einigen technischen Fakultäten ist dieser Trend jedoch nicht zu beobachten. So gibt es zwar eine generell niedrige Frauenquote, doch bleibt diese in allen Hierarchierängen annähernd gleich (siehe Abbildung 6).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Typischer retroperspektive Verlaufsanalyse

(Lind & Löther: 257)

Während eine retroperspektive Verlaufsanalyse Daten rückblickend in einen Zusammenhang bringt, bietet die lineare Regression die Möglichkeit, die punktuelle Hierarchiediskriminierung punktuell darzustellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5:Retrospektive Verlaufsanalyse bei einer typischen MINT Fakultät (Lind & Löther: 260)

Theorie

In diesem Kapitel werden die Annahmen, Mechanismen und Thesen diskutiert, die zur Diskriminierung von Frauen in Parlamenten oder öffentlichen Bildungseinrichtungen führen. Im Folgenden werden die Hypothesen hergeleitet. Es wird ebenfalls die hierarchische Struktur einer Hochschule beschrieben. Am Ende dieses Kapitels werden die einzelnen unabhängigen und abhängigen Hypothesen benannt und beschrieben.

Lineare Muster und Effekte

Die Betrachtung der Verteilung von Frauen auf verschiedenen Ebenen als Pyramide ist der Grundgedanke und führt in der Konsequenz dazu, die Repräsentation von Frauen auf verschiedenen Ebenen als lineares Muster zu betrachten (Eder et al. 2016, S. 366). In einem kandidatenbezogenem Wahlsystem wirken auf Frauen unterschiedliche Mechanismen negativ mit dem Effekt, dass Frauen nicht in der Hierarchie aufsteigen ein (Tolley 2011, S. 589).

Diese Arbeit untersucht die Repräsentation von Frauen in verschiedenen Hierarchierängen unter der Annahme, dass diese Effekte und Ursache auf alle Frauen, unabhängig ihres Hierarchieranges, gleichermaßen wirken und dass die Effekte sich verstärken je höher eine Frau in der Hierarchie aufsteigt (Klemun 2008, S. 11).

Die Annahme eines linearen Musters bei einer Hierarchiediskriminierung ermöglicht die Analyse mittels einer linearen Regression.

Annahmen und Mechanismen

Aus der genannten und beschriebenen Literatur der Parlamentsforschung können folgende drei Annahmen als gemein gültig benannt und definiert werden:

1. Die Frauenquote sinkt, je größer die repräsentative Aufgabe ist. (Kreis-, Land- und Nationalvertretung).
2. Frauen sind tendenziell stärker in Ministerien und Themen vertreten, die sich mit traditionellen Frauenthemen befassen.
3. Auch in Ministerien mit traditionellen Frauenthemen ist eine kontinuierliche Senkung der Frauenquote in den Hierarchierängen zu verzeichnen.

Ausschlaggebende Faktoren von Wahlchancen sind die vorhandenen Ressourcen eines Kandidaten, den entsprechenden Nominationsprozess und die Anzahl der vorhandenen Ämter oder Sitze. Daraus ergeben sich in der Parlamentsforschung allgemein gültige Mechanismen. So werden zu diesen Faktoren folgende Mechanismen festgelegt:

1. Je höher die Wahlen sind, desto mehr Ressourcen werden gefordert (Geld und Zeit). (Eder et al. 2016, S. 369)
2. Je institutionalisierter Nominationsprozesse sind, desto einfacher ist es für Außenstehende diese zu verstehen und nutzen. (Eder et al. 2016, S. 371)
3. Je geringer die Anzahl an vorhandenen Sitzen ist, desto weniger Minderheiten werden ausgewählt (Eder et al. 2016, S. 369)
4. Pluralistische Wahlsysteme bevorteilen alle Personen, die von Dritten rekrutiert werden oder sich selbst vorschlagen. (Tolley 2011, S. 589)

Alle vier Mechanismen wirken sich nachteilig für eine Frau aus, die sich in einer traditionellen Frauenrolle befindet. So sind die Ressourcen einer Frau durch die gesellschaftlich zugewiesene Rolle und den daraus fehlenden Job begrenzt. Da das traditionelle Frauenbild eng mit Familienaufgaben verbunden ist und dadurch Arbeitserfahrung, Netzwerke und Zeit für politisches Ehrenamt meist fehlt, werden Frauen von der Gesellschaft meist als politische Außenseiter gesehen. Durch sogenannte „old- boys“-Netzwerke werden Frauen meist nicht von Dritten rekrutiert oder gefördert.

Um diese Annahmen und Mechanismen aus der Parlamentsforschung auf die Repräsentationsforschung in akademischen Berufen zu übertragen, müssen ähnliche Bedingungen nachgewiesen werden und eine praktische Hierarchie in den wissenschaftlichen Berufen ausgearbeitet werden. (Tolley 2011, S. 574)

Die Situation von Frauen an öffentlichen Hochschulen in Deutschland ist in fast allen Aspekten vergleichbar mit der Situation von Frauen in der amerikanischen Politik. Besonders der Kandidatenbezug bei Wahlen und eine teils informelle Stellenvergabe führen zu einem ähnlichen Auswahlverfahren (vergl. Lind und Löther, S. 256) (vergl. Eder et al. 2016, S. 369).

So kommt durch eine informellen Stellenvergabepraxis in Hochschulen einer individuellen Förderbeziehungen eine hohe Bedeutung zu (Lind und Löther, S. 257). Ähnlich stark präsent sind „old- boys“-Netzwerke in der amerikanischen Politik (Eder et al. 2016, S. 381).

Hypothesenentwicklung

Die beschriebenen Ursachen der Diskriminierung von Frauen in der Parlamentsforschung wirken mit steigender Hierarchie immer stärker. Dies macht den Aufstieg in einen höheren Hierarchierang für Frauen immer schwieriger, je höher sie in der Hierarchie schon aufgestiegen sind. Da dies vor allem durch den starken Kandidatenbezug während der Karriere kommt, kann folgende Annahme für öffentliche Hochschulen getroffen werden: Die Repräsentation von Frauen in Hochschulen kann als lineares Muster verstanden werden.

Da es sich fast ausschließlich um verstärkend negative Mechanismen handelt, kann die Annahme einer negativen Linearität getroffen werden. Dies führt zu folgender Hypothese, dass bei steigendem wissenschaftlichem Rang … die Repräsentation von Frauen sinkt.

Die meisten wissenschaftlichen Karrieren sind durch die Wahl des Studienfaches geprägt. Folglich könnte davon ausgegangen werden, dass es in allen Fakultäten, die sich mit traditionellen Frauenthemen beschäftigen, eine höhere generelle Frauenquote gibt, als in anderen Fakultäten.

Es zeigt sich auch das Frauen in Fakultäten, die sich mit einem traditionellen Frauenthema beschäftigen, im Wettbewerb benachteiligt werden. So kann die These aufgestellt werden, dass es in allen Fakultäten, die eine hohe Frauenquote bei ihren Mitarbeitern haben, trotzdem eine sinkende Frauenquote im Verlauf der Hierarchieränge gibt. Dennoch muss die These geprüft werden, ob die Frauenquote in Fakultäten mit traditionellen Frauenthemen geringfügiger sinkt als bei anderen Fakultäten.

In der Parlamentsforschung wurde die Annahme geprüft, ob die Frauenquote stark abnimmt, wenn es nur wenige Ämter zur Vergabe gibt. Deswegen kann folgende Hypothese erarbeitet und getestet werden: Je weniger Arbeitsplätze es innerhalb eines Hierarchierangs gibt, desto geringer ist auch dessen Frauenquote.

Dies führt zu folgenden fünf Thesen, die im Verlauf dieser Arbeit getestet werden:

1. Die Repräsentation von Frauen in Hochschulen kann als lineares Muster verstanden werden.
2. Bei steigendem wissenschaftlichem Rang sinkt die Repräsentation von Frauen an der Universität Bamberg
3. In allen Fakultäten, die sich mit traditionellen Frauenthemen beschäftigen, ist die generelle Frauenquote höher als in anderen Fakultäten.

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Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Hierarchiediskriminierung von Frauen an öffentlichen Bildungseinrichtungen
Untertitel
Eine deskriptive Analyse der Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2
Autor
Jahr
2017
Seiten
27
Katalognummer
V704240
ISBN (eBook)
9783346187550
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hierarchiediskriminierung, Frauen an öffentlichen Bildungseinrichtungen, Sexismus, Empirische Forschung zu Frauen in politischen Institutionen, Hierarchiediskriminierung in wissenschaftlichen Berufen
Arbeit zitieren
Ben Kohz (Autor), 2017, Hierarchiediskriminierung von Frauen an öffentlichen Bildungseinrichtungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/704240

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