Die neue Kindheitsforschung betrachtet Kinder als gleichwertige Gesellschaftsmitglieder und aktiv handelnde Akteure in ihrer Lebensumwelt. Sie sieht ihre Aufgabe nicht nur darin, Kinder zu erforschen, sondern „aus der Perspektive von Kindern“ zu forschen. Um sich in die Welt der Kinder zu versetzen, ihre Wünsche, Gedanken, Handlungen, Ideen, Probleme, Interessen und Reaktionen zu verstehen, bedient sich die neue Kindheitsforschung unterschiedlicher Methoden. Neben teilnehmender Beobachtung und standardisierter Befragungen sind auch qualitative Interviews eine oft angewandte Methode bei der Forschung mit Kindern. Doch qualitative Interviews mit Kindern gestalten sich in vielen Hinsichten schwieriger als bei Jugendlichen oder Erwachsenen. Vor allem das Alter und die damit verbundene Verbalisierungsfähigkeit sowie die Kompetenz der Kinder, über eigene Erfahrungen und Erlebnisse ausführlich und detailliert erzählen zu können, stellen eine wichtige Einschränkung bei der Anwendung dieser Forschungsmethode dar. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich sowohl mit den Problemen als auch mit den Lösungsmöglichkeiten bei der Vorbereitung und Durchführung qualitativer Interviews mit Kindern. Es wird außerdem ein Überblick darüber gegeben, zu welchen Fragestellungen die Methode der qualitativen Interviews in der Forschung mit Kindern eingesetzt wird, und die, für die Forschung mit Kindern bedeutendsten, Interviewformen werden kurz skizziert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einsatz qualitativer Interviews mit Kindern
2. Alter und Verbalisierungsfähigkeit der Kinder
3. Formen qualitativer Interviews mit Kindern
3.1 Teilstandardisierte Interviews
3.2 Narrative Interviews
3.3 Psychoanalytische Tiefeninterviews
4. Vorbereitung und Durchführung der Interviews mit Kindern
4.1 Zugang zu den Kindern und Ort des Interviews
4.2 Interviewdauer, Motivation und Kooperationsbereitschaft der Kinder
4.3 Haltung des Interviewers / der Interviewerin zum Kind
4.4 Verständlichkeit der Instruktionen
5. Zum Antwortverhalten der Kinder
6. Auswertung der qualitativen Interviews mit Kindern
Zielsetzung und Themenbereiche
Die vorliegende Arbeit untersucht die forschungstechnischen Herausforderungen sowie die Möglichkeiten, die sich bei der Anwendung qualitativer Interviews als Instrument der Datensammlung in der Kindheitsforschung ergeben, und beleuchtet dabei konkrete Lösungsstrategien für die Praxis.
- Bedeutung qualitativer Interviews in der aktuellen Kindheitsforschung
- Einfluss des Alters und der Sprachkompetenz auf den Interviewprozess
- Methodische Gestaltung und Formen kindgerechter Befragungen
- Herausforderungen in der Durchführung und Motivationsfaktoren bei Kindern
- Umgang mit Antwortverhalten und Anforderungen an die Auswertung
Auszug aus dem Buch
3. Formen qualitativer Interviews mit Kindern
„Unabhängig von der jeweiligen Untersuchungsgruppe gelten Interviews insbesondere in der qualitativen Sozialforschung meist als besonders geeignet, um die Themensetzungen der Befragten nachvollziehen und die "Sicht des Subjekts" angemessen erheben zu können, da Interviews als - mehr oder weniger - offene Verfahren an die Strukturierungsleistungen und Interessenslagen der Befragten anschließen.“18
Für alle Formen des qualitativen Interviews ist die offene Gesprächsführung charakteristisch. Das heißt: „Es werden keine bzw. selten geschlossene Fragen formuliert und damit den Befragten die Möglichkeit gegeben, ihre eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse selbst zu artikulieren. Teilweise sind die Interviews in komplexere qualitative Forschungsdesigns integriert, und es werden mehrere Methoden kombiniert.“19
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einsatz qualitativer Interviews mit Kindern: Dieses Kapitel erläutert die Relevanz qualitativer Interviews für die moderne Kindheitsforschung und deren Anwendung in Bereichen wie der Schulforschung und Sozialisationsforschung.
2. Alter und Verbalisierungsfähigkeit der Kinder: Hier werden die sprachlichen und kognitiven Einschränkungen thematisiert, die insbesondere bei jungen Kindern eine Barriere für die Anwendung qualitativer Methoden darstellen können.
3. Formen qualitativer Interviews mit Kindern: Es werden unterschiedliche Interviewformate vorgestellt, darunter teilstandardisierte, narrative und psychoanalytische Tiefeninterviews, und deren Eignung für die Forschung mit Kindern diskutiert.
4. Vorbereitung und Durchführung der Interviews mit Kindern: Das Kapitel behandelt praktische Aspekte wie die Zugangsgewinnung, den Interviewort, Motivationsstrategien und die erforderliche Grundhaltung des Forschenden.
5. Zum Antwortverhalten der Kinder: Hier wird analysiert, wie Faktoren wie die „soziale Wünschbarkeit“ und der familiäre Kontext das Antwortverhalten und die Glaubwürdigkeit kindlicher Aussagen beeinflussen.
6. Auswertung der qualitativen Interviews mit Kindern: Abschließend werden die methodischen Ansätze zur Interpretation von Interviewdaten reflektiert und die Notwendigkeit einer reflexiven, forschungsgruppenbegleiteten Auswertung hervorgehoben.
Schlüsselwörter
Kindheitsforschung, qualitative Interviews, Interviewtechnik, Kindgerechte Methoden, Forschungsdesign, Verbalisierungsfähigkeit, Interviewerhaltung, Soziale Wünschbarkeit, Inhaltsanalyse, Kindliche Lebenswelt, Sozialisationsforschung, Schulforschung, Narrative Interviews, Tiefeninterview, Reflexion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Anwendung qualitativer Interviews als Forschungsinstrument in der Kindheitsforschung und beleuchtet die dabei auftretenden praktischen und methodischen Hürden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Auswahl kindgerechter Interviewformen, die Planung und Durchführung der Befragung, das Antwortverhalten von Kindern sowie die Herausforderungen bei der Datenauswertung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Probleme bei der Vorbereitung und Durchführung von Interviews mit Kindern aufzuzeigen und Lösungsmöglichkeiten für Forschende zu identifizieren, um eine qualitativ hochwertige Datenerhebung zu ermöglichen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit reflektiert verschiedene qualitative Methoden wie teilstandardisierte Interviews, narrative Interviews und psychoanalytische Tiefeninterviews im Kontext der Kindheitsforschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie das Alter und die Sprachkompetenz den Prozess beeinflussen, welche Rolle der Interviewort und die Haltung des Forschenden spielen und wie mit Antwortverzerrungen umgegangen werden sollte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Kindheitsforschung, qualitative Interviews, methodische Gestaltung, kindgerechte Kommunikation, Sozialisationsforschung und Reflexion des Forschungshandelns.
Warum sind narrative Interviews mit Kindern besonders umstritten?
Da Kinder, insbesondere unter 10 Jahren, oft noch keine entwickelte narrative Kompetenz besitzen, um ihre Biografie oder komplexe Sachverhalte in der von Erwachsenen erwarteten Erzählform zu strukturieren.
Welche Bedeutung kommt dem Ort des Interviews zu?
Der Ort sollte den Kindern vertraut sein, wie etwa das eigene Kinderzimmer, da dies den Kindern Sicherheit gibt und die Erzählbereitschaft fördert, während das schulische Umfeld die Rolle des Kindes in Richtung Prüfungssituation beeinflussen kann.
- Citar trabajo
- Natalie Schlee (Autor), 2006, Qualitative Interviews mit Kindern, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70433