Aspekte des Fremden in Johann Wolfgang Goethes 'Die Leiden des jungen Werthers'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Werther in der Fremde
2.2. Werther zwischen Lotte und Albert
2.3. Werther bei der Adelsgesellschaft
2.4. Fremde Lesemuster
2.5. Werther als fremdes Vorbild für andere

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Obwohl Johann Wolfgang Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers noch immer einer der meistgelesensten Bücher in der Schule ist und auch in der literaturwissenschaftlichen Forschung viel diskutiert wird, hat man sich bisher kaum mit den dort erhaltenen Aspekten des Fremden beschäftigt. Um diesem Missstand entgegenzuwirken, sollen die Fremdheitsaspekte im Folgenden näher untersucht werden.

Werther befindet sich von Beginn an auf einer Flucht vor dem Leben und vor anderen Menschen und zieht so von einer Fremde in die andere. Im ersten Kapitel wird daher untersucht, warum Werther sich nicht integrieren kann und immer wieder fremd ist und bleibt. Gegenstand des zweiten Kapitels ist Werther als Fremder, Anderer und Dritter zwischen Lotte und Albert. Auf der Suche nach einer Bezugsperson drängt er sich zwischen das werdende Ehepaar und versucht Lotte für sich zu gewinnen, was ihm jedoch nicht gelingt, so dass er auch hier erneut fliehen muss. Als Bürger wird er in der Adelsgesellschaft – behandelt im dritten Kapitel – ebenfalls als fremd angesehen und verlässt auch diese. Spätestens bei der Rückkehr zu Lotte, wo sich nun alles verändert hat und ihm fremd geworden ist, erkennt Werther, dass der Tod der einzige Ausweg für ihn ist. Begleitend zu seinen Leiden nutzt Werther fremde Lese- und Verhaltensmuster. Unter diesen sind Lese- (und auch Verhaltens)weisen zu verstehen, die Werther von anderen übernimmt und auf seine eigene Situation überträgt. Auf die Probleme, die sich daraus ergeben, wird im vierten Kapitel der Arbeit eingegangen. Zum Schluss wird betrachtet, inwiefern Werther Vorbild für Andere ist oder sein kann.

2. Hauptteil

2.1. Werther in der Fremde

„Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“[1] Mit diesem Satz beginnt Werther seinen ersten Brief aus der Fremde an seinen Freund Wilhelm und lässt gleich das „Motiv der Flucht an[klingen], das im Laufe des Romans ständig wiederkehrt.“[2] Seinen Freund Wilhelm und seine Mutter hat Werther verlassen, da er einer Frau Hoffnungen auf eine Liebschaft gemacht hatte, die er dann jedoch nicht erfüllen wollte oder konnte. Um seinem Problem zu entgehen, ist ihm nur die Flucht in die Fremde geblieben. Dadurch nimmt er sogar in Kauf, von seinem besten Freund getrennt zu sein und fortan nur noch über das Briefmedium mit ihm zu kommunizieren. Ob die Freundschaft zwischen beiden überhaupt erhalten bleibt, oder ob sie sich beim Briefeschreiben langsam aber sicher entfremden, ist fraglich. Allerdings kann der Leser auch nur Werthers Briefe lesen.

„Antworten oder gar Anregungen Wilhelms kann man nur in ganz wenigen Fällen indirekt erschließen. Zudem haben Werthers Briefe fast nirgendwo Aufforderungs-Charakter, sondern dienen fast durchweg der Selbstdarstellung und Selbstverständigung.“[3]

Auch auf Erlebnisse Wilhelms wird niemals eingegangen, so dass man sich zurecht fragt, ob Wilhelm überhaupt regelmäßig oder vielleicht nur sehr sporadisch antwortet. Zu seiner Mutter hat Werther nur indirekt über seinen Freund Kontakt.[4] „[S]chon im ersten Brief zeigt sich Werthers Herkunfsfamilie als defizitär: unvollständig und konfliktbelastet, und damit als wenig bindungsfähig.“[5]

Nicht nur die „monologische Struktur“[6] des Briefromans deutet auf Werthers Einsamkeit hin.[7] Schon allein die langen Beschreibungen seiner Spaziergänge durch die Natur zeigen, wie einsam er in der Fremde ist. Wäre er nicht einsam, würde er sicherlich von anderen Begebenheiten berichten. Für Werther erscheint die Einsamkeit jedoch als „köstlicher Balsam“[8], und er fühlt sich wohl in ihr, hat er doch in der Natur eine Art neuen Freund gefunden.[9] Werther macht zwar allerlei Bekanntschaften und knüpft recht schnell einige Kontakte, findet aber noch keine neuen Freunde. Stattdessen sucht er sich eine neue und vertraute Heimat in der Natur und wendet sich dem Pantheismus zu.

„In dieser Form der Religiosität […] ist die Gefahr des totalen Bindungsverlusts immanent, wenn sie, wovon Werther bereits im zweiten Brief berichtet, zum Versuch führt, in der Totalität des Sichtbaren aufzugehen, die Grenze von Innen und Außen, mithin die eigene Identität aufzuheben.“[10]

Jürgen Förster sieht darin sogar einen „Trennungsprozeß von Individuum und Öffentlichkeit“[11], da Werther sich immer mehr in sich selbst kehrt und von der Außenwelt abwendet. „[S]eine Naturemphase ist also […] [ein] Symptom seiner Entfremdung.“[12] Somit entsteht für Werther eine eigene Welt, „eine emotional aufgeladene, alles Erfahrene [sic] subjektiv über- und verformende Welt nämlich, deren Bruchstücke wir in seinen Briefen vor uns haben.“[13]

Seine Entfremdung wird vor allem in seiner Schreibpraxis deutlich.

„Werther frames himself with a language of escape. From his first declaration of freedom (“Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“ 4 May 1771) to his final farewell (“Lotte, lebe wohl! lebe wohl!“), Werther‘s rhetoric is that of flight, departure, and escape.“[14]

Hat er am Anfang noch über für Wilhelm interessante Dinge berichtet, so sind seine späteren Briefe nur noch eine Art Tagebuch. „So wie in Werthers Blick die Welt ihre Konturen verliert, schwinden auch die anthropologischen und sprachlichen Sicherheiten, mit denen sich die empfindsame Identität zuvor noch stabilisieren konnte.“[15] Auch Werthers Satzbau verfremdet sich mit der Zeit, ebenso wie der gesamte Aufbau der Briefe:

„Oft beginnt ein Brief mit einem resümierenden Satz, holt dann die konkrete Situation nach, beschreibt deren Wirkung auf Werther, um schließlich wieder in allgemeine Betrachtungen zu münden, deren bloß subjektive Geltung manchmal ironisch durchschimmert.“[16]

Er kann seine gefühlten Erlebnisse nicht angemessen wiedergeben[17] und muss daher seine Briefe immer wieder unterbrechen oder bestimmte Schilderungen, Worte oder Ausdrücke auslassen. Eine Person, der er seine Gefühle persönlich mitteilen kann, gibt es nicht. „Werthers individuelle Bindungslosigkeit wird durch die im weiteren Roman dargestellten familiären, mithin gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen und Bindungsverluste als überindividuelle Erscheinung objektiviert.“[18]. Man darf aber bei aller Unfähigkeit zur Bindung nicht vergessen, dass die Briefe „nämlich trotz aller Monomanie immer noch und ausdrücklich an ein Du gerichtet sind, ein Echo erhoffen, ohne freilich von sich aus diesem Du entgegenzukommen.“[19]

Werther integriert sich nicht in seine neue Heimat. Er arbeitet nicht, sondern verbringt den ganzen Tag mit Müßiggang, was zur Entstehungszeit des Romans 1774 noch sehr verpönt gewesen ist. Seine Mutter drängt ihn förmlich, sich endlich eine Anstellung zu suchen, da er immer noch ihr Geld verschwendet und bisher noch keine beruflichen Erfolge zu verzeichnen hat. Zwar soll er noch etwas für seine Mutter bei einer Tante erledigen, doch scheint er sich darum nur am Rande zu kümmern: „Kurz, ich mag jezo nichts davon schreiben, sag meiner Mutter, es werde alles gut gehen.“[20] Werther hat in der Tante „bey weiten das böse Weib nicht gefunden, das man […] [in seiner alten Heimat] aus ihr macht“[21]. Er lernt also somit den Unterschied zwischen fremden bzw. anderen und seinen eigenen Eindrücken kennen. Sich um eine richtige Anstellung zu bemühen, daran scheint Werther nicht zu denken. Stattdessen verbringt er die Zeit in seiner neuen Heimat wie ein Urlauber: Er geht viel in der freien Natur spazieren, schaut sich die Gärten an, kehrt regelmäßig in Gasthäuser ein und macht kurze Bekanntschaften, von denen er aber die meisten nicht wiedertrifft. Um seine Individualität und Autonomie zu erhalten, muss sich Werther von allem distanzieren und entfremden.[22]

Des Weiteren integriert er sich nicht in die dortige Gesellschaft, sondern verbringt viel Zeit mit dem einfachen Volk, da er von Standesschranken nichts hält.[23] Für Werther sind alle Menschen gleich, und so ist er sich auch nicht zu schade, einem Dienstmädchen beim Wasserschöpfen zu helfen. Ernsthafte Freunde kann er mit dieser Verhaltsweise allerdings nicht finden.

Erst mit der Bekanntschaft zu Lotte und später zu Albert scheint Werther neue Bezugspersonen gefunden zu haben, die er später jedoch wieder verlassen muss. Nachdem er Lotte kennengelernt hat, schreibt er, dass er in Wahlheim „völlig etablirt“[24] sei. Er fühlt sich also nun wie in einem neuen Zuhause, doch dieses muss er bald darauf wieder verlassen, um nicht mehr zwischen Lotte und Albert zu stehen.

Er gelangt durch seine zweite Flucht in eine neue Fremde, aus der er schließlich wieder entflieht und seinem Geburtsort einen Besuch abstattet. „Werther beginnt die “Wallfahrt“ zu den Stätten seiner Kindheit, um – wie man es später formulieren wird – sich selbst zu finden.“[25] Dort ist ihm jedoch alles fremd geworden, und er „stört sich an inzwischen eingetretenen Veränderungen“[26] und wendet sich von diesen ab.

Nicht nur in seinem Geburtsort haben sich Veränderungen und Umstellungen ergeben, sondern auch in Wahlheim und Umgebung, wohin Werther schließlich zurückreist: Eines der Kinder – die Werther oft in der freien Natur getroffen hatte – ist gestorben, die Nussbäume wurden gefällt und Lotte ist nun verheiratet. Werther ist über alle Veränderungen sehr traurig: „[W]ie war das all so anders! Alles, alles ist vorüber gegangen! Kein Wink der vorigen Welt, kein Pulsschlag meines damaligen Gefühls.“[27]

Ihm bleibt schließlich nur noch die Flucht in eine erneute Fremde, nämlich den Tod, in dem er Lotte wiedertreffen will.[28] „[D]er unglückliche Werther hat sich selbst in eine Einsamkeit entlassen, aus der heraus es eine Auferstehung gewiß nicht gab.“[29] Er wird somit zur „Fluchtfigur aus der Wirklichkeit“[30] und die Selbstmordfrage wird zum Mittelpunkt des ganzen Buches.[31]

„Und es ist nicht Weltschmerz allgemeiner Natur, sondern eine Weltverzweiflung als Folge dieser sozialen Isolation, dieses Sich-Ausschließens aus jeglicher Gemeinschaft, vor allem aus der Familie, die Werthers Schicksal so charakteristisch und fürchterlich zugleich macht.“[32]

Die Schuld für all sein Scheitern – aus dem er stets zu entfliehen versucht – gibt er immer anderen[33], ohne jedoch an seine eigene Schuldigkeit zu denken. Zum Beispiel ist er – bevor er Lotte kennenlernt – ausdrücklich davor gewarnt worden, sich in sie zu verlieben[34], doch Werther kann sich nicht beherrschen und drängt sich als Dritter in die Beziehung zwischen Lotte und Albert hinein.

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers. Text und Kommentar. Frankfurt am Main, Suhrkamp BasisBibliothek, 1998. S. 7.; im folgenden zitiert als: Werther.

[2] Siepmann, Thomas: Lektürehilfen. Johann Wolfgang Goethe „Die Leiden des jungen Werther“. 10. Auflage, Stuttgart/Düsseldorf/Leipzig, Ernst Klett Verlag, 2000. S. 8.

[3] Müller-Salget, Klaus: Zur Struktur von Goethes ,Werter‘. In: Herrmann, Hans Peter (Hrsg.): Goethes ,Werther‘. Kritik und Forschung. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994. S. 320f.; im folgenden zitiert als: Müller-Salget 1994.

[4] Eikenloff, Peter: Der verlassene Sohn. Generationskonflikt und Bindungsverluste in den Leiden des jungen Werthers (1774). In: Wirkendes Wort 52 (2002). S. 182.; im folgenden zitiert als: Eikenloff 2002.

[5] ebd. S. 182.

[6] Förster, Jürgen: Literatur und Subjektivität. Goethes „Werther“ unter Aspekten der Subjektivitätsdiskussion in Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik. In: Diskussion Deutsch 16 (1985). S. 306.; im folgenden zitiert als: Förster 1985.

[7] vgl. Beutler, Ernst: Nachwort. In: Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Durchgesehene Ausgabe, Stuttgart, Reclam, 2001. S. 159.; im folgenden zitiert als Beutler 2001.

[8] Werther. S. 8.

[9] vgl. ebd. S. 8ff.

[10] Eikenloff 2002. S. 197.

[11] Förster 1985. S. 307.

[12] Jeßing, Benedikt: Die Leiden des jungen Werthers. In: Jeßing, Benedikt: Johann Wolfgang Goethe. Stuttgart/Weimar, J. B. Metzler, 1995. S. 116.

[13] Müller-Salget 1994. S. 322.

[14] Strickland, Stuart Walker: Flight from the Given World an Return to the New: The Dialectic of Creation and Escape in Goethe‘s Die Leiden des jungen Werther. In: The German Quarterly 64 (1991) N. 2. S. 191.; im folgenden zitiert als: Strickland 1991.

[15] Erhart, Walter: Beziehungsexperimente. Goetehes Werther und Wielands Musarion. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 66 (1992).; im folgenden zitiert als: Erhart 1992.

[16] Müller-Salget 1994. S. 319.

[17] vgl. Marx, Friedhelm: Erlesene Helden. Don Sylvio, Werther, Wilhelm Meister und die Literatur. Zugl. Diss. Bonn 1994. Heidelberg, C. Winter Universitätsverlag, 1995. (= Beiträge zur Neueren Literaturgeschichte. Dritte Folge. Band 139). S. 131.; im folgenden zitiert als: Marx 1995.

[18] Eikenloff 2002. S. 195.

[19] Müller-Salget 1994. S. 321.

[20] Werther. S. 8.

[21] ebd. S. 8.

[22] vgl. Förster 1985. S. 307.

[23] vgl. Werther. S. 11f.

[24] Werther. S. 29.

[25] Erhart 1992. S. 342.

[26] Eiklenoff 2002. S. 194.

[27] Werther. S. 81.

[28] vgl. ebd. S. 116.

[29] Koopmann, Helmut: Warum bringt Werther sich um? In: Cepl-Kaufmann, Gertrude et al. (Hrsg.): „Stets wird die Wahrheit hadern mit dem Schönen“. Festschrift für Manfred Windfuhr zum 60. Geburtstag. Köln/Wien, Bählau, 1990. S. 38.; im folgenden zitiert als: Koopmann 1990.

[30] ebd. S. 32.

[31] vgl. Möbius, P. J.: Werthers Leiden. In: Schmiedt, Helmut (Hrsg.): „Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“ Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther in literaturpsychologischer Sicht. Würzburg, Königshausen & Neumann, 1989. S. 32.

[32] Koopmann 1990.

[33] vgl. Fischer, Peter: Familienauftritte. Goethes Phantasiewelt und die Konstruktion des Werther-Romans. In: Psyche 40 (1986). S. 550.

[34] vgl. Werther. S. 20.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Aspekte des Fremden in Johann Wolfgang Goethes 'Die Leiden des jungen Werthers'
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V71327
ISBN (eBook)
9783638620420
ISBN (Buch)
9783656561798
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Fremden, Johann, Wolfgang, Goethes, Leiden, Werthers
Arbeit zitieren
Daniel Steinbach (Autor), 2006, Aspekte des Fremden in Johann Wolfgang Goethes 'Die Leiden des jungen Werthers', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71327

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