Obwohl Johann Wolfgang Goethes BriefromanDie Leiden des jungen Werthersnoch immer einer der meistgelesensten Bücher in der Schule ist und auch in der literaturwissenschaftlichen Forschung viel diskutiert wird, hat man sich bisher kaum mit den dort erhaltenen Aspekten des Fremden beschäftigt. Um diesem Missstand entgegenzuwirken, sollen die Fremdheitsaspekte im Folgenden näher untersucht werden.
Werther befindet sich von Beginn an auf einer Flucht vor dem Leben und vor anderen Menschen und zieht so von einer Fremde in die andere. Im ersten Kapitel wird daher untersucht, warum Werther sich nicht integrieren kann und immer wieder fremd ist und bleibt. Gegenstand des zweiten Kapitels ist Werther als Fremder, Anderer und Dritter zwischen Lotte und Albert. Auf der Suche nach einer Bezugsperson drängt er sich zwischen das werdende Ehepaar und versucht Lotte für sich zu gewinnen, was ihm jedoch nicht gelingt, so dass er auch hier erneut fliehen muss. Als Bürger wird er in der Adelsgesellschaft - behandelt im dritten Kapitel - ebenfalls als fremd angesehen und verlässt auch diese. Spätestens bei der Rückkehr zu Lotte, wo sich nun alles verändert hat und ihm fremd geworden ist, erkennt Werther, dass der Tod der einzige Ausweg für ihn ist. Begleitend zu seinenLeidennutzt Werther fremde Lese- und Verhaltensmuster. Unter diesen sind Lese- (und auch Verhaltens)weisen zu verstehen, die Werther von anderen übernimmt und auf seine eigene Situation überträgt. Auf die Probleme, die sich daraus ergeben, wird im vierten Kapitel der Arbeit eingegangen. Zum Schluss wird betrachtet, inwiefern Werther Vorbild für Andere ist oder sein kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Werther in der Fremde
2.2. Werther zwischen Lotte und Albert
2.3. Werther bei der Adelsgesellschaft
2.4. Fremde Lesemuster
2.5. Werther als fremdes Vorbild für andere
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Fremden und der Alterität in Johann Wolfgang Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers", mit dem Ziel aufzuzeigen, wie Werthers Unfähigkeit zur sozialen Integration und seine Entfremdung von der Gesellschaft sowie seine Suche nach Bezugspersonen maßgeblich zu seinem tragischen Ende beitragen.
- Die Analyse von Werthers Entfremdung und Fluchtbewegungen
- Die Dynamik der Dreiecksbeziehung zwischen Werther, Lotte und Albert
- Die Rolle der Adelsgesellschaft als Ort der Exklusion für den Bürgerlichen
- Der Einfluss von literarischen Lesemustern auf Werthers Selbstbild und Handeln
- Die Funktion Werthers als negatives Vorbild für seine zeitgenössischen Leser
Auszug aus dem Buch
2.1. Werther in der Fremde
„Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“ Mit diesem Satz beginnt Werther seinen ersten Brief aus der Fremde an seinen Freund Wilhelm und lässt gleich das „Motiv der Flucht an[klingen], das im Laufe des Romans ständig wiederkehrt.“ Seinen Freund Wilhelm und seine Mutter hat Werther verlassen, da er einer Frau Hoffnungen auf eine Liebschaft gemacht hatte, die er dann jedoch nicht erfüllen wollte oder konnte. Um seinem Problem zu entgehen, ist ihm nur die Flucht in die Fremde geblieben. Dadurch nimmt er sogar in Kauf, von seinem besten Freund getrennt zu sein und fortan nur noch über das Briefmedium mit ihm zu kommunizieren. Ob die Freundschaft zwischen beiden überhaupt erhalten bleibt, oder ob sie sich beim Briefeschreiben langsam aber sicher entfremden, ist fraglich. Allerdings kann der Leser auch nur Werthers Briefe lesen.
„Antworten oder gar Anregungen Wilhelms kann man nur in ganz wenigen Fällen indirekt erschließen. Zudem haben Werthers Briefe fast nirgendwo Aufforderungs-Charakter, sondern dienen fast durchweg der Selbstdarstellung und Selbstverständigung.“ Auch auf Erlebnisse Wilhelms wird niemals eingegangen, so dass man sich zurecht fragt, ob Wilhelm überhaupt regelmäßig oder vielleicht nur sehr sporadisch antwortet. Zu seiner Mutter hat Werther nur indirekt über seinen Freund Kontakt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt das Fundament der Untersuchung, indem sie die bisher vernachlässigte Perspektive des "Fremden" in Goethes Briefroman hervorhebt und den Aufbau der Arbeit zur Analyse von Werthers Entfremdungsskizziert.
2. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in fünf Unterpunkte, die Werthers chronologische Entwicklung von der Flucht in die neue Umgebung über seine komplizierten sozialen Beziehungen bis hin zur Identifikation mit fremden Literatur- und Lebensmustern detailliert beleuchten.
3. Schluss: Das Schlusskapitel resümiert, dass Werthers Scheitern unausweichlich ist, da er unfähig zur Integration bleibt und seine egozentrische Lebensweise in Kombination mit einer fehlerhaften Adaption literarischer Rollenvorbilder keinen Raum für eine echte soziale Bindung lässt.
Schlüsselwörter
Werther, Johann Wolfgang Goethe, Alterität, Fremdheit, Entfremdung, Briefroman, Identitätsverlust, soziale Isolation, literarische Vorbilder, Selbstmord, Subjektivität, Adelsgesellschaft, Bezugspersonen, Mitleid, Werther-Effekt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das literarische Konzept der Alterität und des Fremden in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" und zeigt auf, wie Werther an seiner Unfähigkeit scheitert, sich in verschiedene soziale Kontexte zu integrieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die soziale Isolation, die Dreiecksbeziehung zu Lotte und Albert, die Klassenschranken am Hof des Gesandten sowie der Einfluss fremder Lese- und Verhaltensmuster auf Werthers Handlungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, den "Missstand" aufzuheben, dass Werthers Fremdheitsaspekte in der Forschung bisher kaum beachtet wurden, und zu zeigen, dass seine Entfremdung direkt zu seinem Freitod führt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext des Romans im Kontext verschiedener Sekundärliteratur (Literaturtheorie, Psychologie, Gesellschaftsgeschichte) untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Werthers Flucht vor seinem Leben, seine Rolle als Dritter zwischen Lotte und Albert, seine gescheiterte Integration am Hof, die Verwendung von Literatur als "Fremdheits-Kompensation" und schließlich seine Vorbildfunktion für andere.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Werther, Fremdheit, Entfremdung, Subjektivität, Identitätsverlust, soziale Isolation, literarische Identifikationsmuster und der Freitod.
Warum scheitert Werther laut der Arbeit am Adelshof?
Werther scheitert dort, weil er die strengen Standesschranken nicht akzeptieren kann und sich als bürgerlicher "Gefühlsmensch" der adeligen Etikette und den starren Regeln, die ihn als Außenseiter markieren, verweigert.
Welche Rolle spielt die Literatur für Werther?
Literatur dient Werther als eine Art "Bezugspunkt" oder Identifikationsfolie, um seine eigenen Gefühle zu spiegeln, sei es durch Homer, Ossian oder Lessing; jedoch scheitert er, da diese Vorbilder nicht auf seine individuelle Realität übertragbar sind.
- Citation du texte
- Daniel Steinbach (Auteur), 2006, Aspekte des Fremden in Johann Wolfgang Goethes 'Die Leiden des jungen Werthers', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71327