Piercing ist in Deutschland hoch aktuell und wird zunehmend zu einem Gegenstand auch der öffentlichen Wahrnehmung. Dies lässt sich an der Zunahme von Berichten in den Medien, an Ausstellungen zum Thema, ergänzenden Vorträgen usw. erkennen. Immer mehr Jugendliche und auch Erwachsene tragen diesen besonderen Körperschmuck. Schon lange ist Piercing kein sicherer Hinweis auf Punks oder „Unterschichtgruppen“ mehr. Selbst bei der Verkäuferin an der Kasse funkelt nicht selten ein kleines Steinchen an der Oberlippe.
Wer sich jedoch für das Phänomen interessiert und sich damit eingehender auseinandersetzen will, findet recht wenig Literatur. Piercing befindet sich, wie der kleine vernachlässigte Bruder, scheinbar im Schatten des Tattoos und wird in der Regel zumeist nebenbei abgehandelt. Volle Aufmerksamkeit erhielt das Piercing erst jetzt: im Rahmen der Gesundheitsreform.
Das Buch der Autorin stellt die historische Entwicklung des Piercings in Deutschland seit Beginn des 20. Jahrhunderts und seinen Weg von der Subkultur zum Modeartikel vor. Warum wurde Piercing so populär? Und in welchen Subkulturen ist es besonders häufig anzutreffen?
Es eröffnet interessante Einblicke insbesondere in die sozialpsychologischen und pathologischen Aspekte des Piercings und setzt sich intensiv mit dem Bereich der nonverbalen Kommunikation auseinander, z.B. unter dem Gesichtspunkt der Inszenierung des Körpers durch Piercing, Selbstdarstellung, Körperzeichen usw.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den pathologischen Aspekten des Piercings bei Menschen mit einer akuten Borderline-Persönlichkeitsstörung und daraus resultierendem selbstverletzenden Verhalten. Denn leider ist dieses Thema heute aktueller und brisanter denn je. Und auch wenn es kaum ein Gepiercter gerne zugibt, ein Piercing kann Ausdruck einer psychischen Störung sein, was aber auf keinen Fall bedeuten soll, dass dies immer der Fall wäre!
Anhängern des Piercens ermöglicht die Lektüre eine neue Sichtweise auf die eigene Motivationsstruktur: Fand man wirklich nur den Schmuck schön? Ist das alles, oder steckt vielleicht noch mehr dahinter?
Besorgte Eltern bekommen Antworten auf die Frage, warum ihre Kinder „sich so etwas antun“.
Angesprochen werden daher alle, die heute im weitesten Sinne im pädagogischen Bereich mit Jugendlichen zu tun haben.
Kein einfaches, aber ein lohnendes Buch für alle, die zum Thema Piercing sich und andere besser verstehen möchten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in das Thema Piercing
1.1. Definition des Piercings
1.2. Einblick in die historische Entwicklung des Piercings
1.2.1. Die Anfänge des Piercings
1.2.2. Die Entwicklung des Piecings in der westlichen modernen Gesellschaft
1.2.2.1. Die Gay- Community/ SM- Szene
1.2.2.2. Die Punks
1.2.2.3. Die Modern-Primitives
1.2.2.4. Der Durchbruch des Piercings an die Öffentlichkeit
2. Das Piercing als eine Form der nonverbalen Kommunikation
2.1. Die Inszenierung des Körpers durch Piercing
2.1.1. Stil
2.1.2. Theatralität
2.1.3. Selbstdarstellung
2.1.4. Korporalität und Körperzeichen
2.1.4.1. Individualitätszeichen
2.1.4.2. Ästhetische Prestigesymbole
2.1.4.2.1. Die Schmuck-Theorie
2.1.4.2.2. Symbole der Dekoration
2.1.4.3. Statuszeichen
2.1.4.4. Distinktions- und (Gruppen-)Zugehörigkeitszeichen
2.1.4.5. Persönlichkeitsmerkmale
2.1.4.5.1. Die Theorie der symbolischen Selbstergänzung
2.1.4.6. Zeichen interpersonaler Einstellung
2.1.4.6.1. Sexualität
2.1.4.6.2. Aggression
2.1.4.6.3. Aufsässigkeit
2.1.4.7. Normalitätszeichen und Stigmata
2.1.4.8. Rahmungszeichen und Authentizitätszeichen
2.1.4.9. Soziale Geschlechtszeichen
2.1.4.10. Alterszeichen
2.2. Die Authentizität des Piercings
2.3. Zusammenfassung
3. Piercing unter pathologischen Aspekten: Die Persönlichkeitsstörung
3.1. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)
3.1.1. Selbstverletzendes Verhalten bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung
3.1.1.1. Kurzer Exkurs zur Bedeutung des Masochismus
3.1.2. Empirische Studie zu Selbstverletzung und Piercing von Anke Schneider
3.1.3. Bedeutung der Körpergrenzen bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung
3.1.3.1. Die Bedeutung der menschlichen Haut
3.1.3.1.1. Das Haut-Ich
3.1.4. Schlußfolgerung
3.2. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung
3.2.1. Schlußfolgerung
3.3. Die Neurose
3.3.1. Piercing als eine Form der Zwangsneurose (Zwangsstörung) oder der Sucht?
3.3.2. Schlußfolgerung
3.4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sozialpsychologischen und pathologischen Aspekte von Piercing in Deutschland. Ziel ist es, das Piercing als komplexes Phänomen der nonverbalen Kommunikation und Identitätsarbeit zu beleuchten und gleichzeitig das wissenschaftliche Verständnis für pädagogische Kontexte zu schärfen, ohne dabei vorschnell zu pathologisieren.
- Historische Entwicklung und Einordnung von Piercing in der westlichen Gesellschaft.
- Piercing als Medium der nonverbalen Kommunikation und Selbstdarstellung.
- Die Rolle von Piercing im Kontext der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
- Pathologische Deutungsmuster und das Suchtpotenzial von Körpermodifikationen.
- Bedeutung der Haut als psychologische Grenzinstanz (Haut-Ich).
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung der menschlichen Haut
Der Körper und noch beträchtlicher die Haut sind ein vernachlässigtes Thema. Die Haut wird meist als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt und spielt, wenn überhaupt, nur eine marginale Rolle. Sie wird kaum wahrgenommen, obwohl oder gerade weil sie allgegenwärtig ist. Ihre Gewichtigkeit wird jedoch bereits an einer Vielzahl von Redewendungen deutlich:
Nicht aus seiner Haut können
Nicht in jemandes Haut stecken mögen
Mit heiler Haut davonkommen
Mit Haut und Haaren
Jemandem unter die Haut gehen
Sich nicht wohl in seiner Haut fühlen
Eine dicke Haut haben
Eine ehrliche Haut sein
Nichts als Haut und Knochen sein
Seine Haut zu Markte tragen
Seine Haut retten
Seine Haut so teuer wie möglich verkaufen
Sich seiner Haut wehren
Sich auf die faule Haut legen
Dünnhäutig sein
Aus der Haut fahren
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in das Thema Piercing: Definition und historischer Abriss der Entwicklung von Piercing als Körperschmuck in westlichen Industrienationen.
2. Das Piercing als eine Form der nonverbalen Kommunikation: Analyse des Piercings als Mittel der Inszenierung, Selbstdarstellung und als soziales Zeichen in der Kommunikation.
3. Piercing unter pathologischen Aspekten: Die Persönlichkeitsstörung: Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Körpermilieu, Borderline-Persönlichkeitsstörung und dem Potenzial zur Suchtbildung.
Schlüsselwörter
Piercing, Körpermodifikation, Nonverbale Kommunikation, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Haut-Ich, Selbstdarstellung, Identität, Soziale Stigmatisierung, Automanipulation, Körperschmuck, Psychologie, Jugendkultur, Authentizität, Pathologie.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema dieser Arbeit?
Die Arbeit behandelt Piercing als ein soziologisch und pädagogisch relevantes Phänomen in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung sozialpsychologischer und pathologischer Aspekte.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen die historische Entwicklung des Piercings, dessen Funktion als nonverbales Kommunikationsmittel sowie seine Bedeutung im Rahmen von Persönlichkeitsstörungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Piercing tiefergehend zu verstehen, seine soziale Funktion zu hinterfragen und eine fundierte Grundlage für Pädagogen zu schaffen, um mit diesem Phänomen bei Jugendlichen angemessen umzugehen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit stützt sich auf eine historisch-analytische Betrachtung und Literaturrecherche, wobei sozialpsychologische Theorien und medizinisch-psychologische Klassifikationssysteme wie DSM-IV und ICD-10 integriert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-kulturelle Einordnung, die Analyse von Piercing als Kommunikationsmittel (inklusive Theorien zu Habitus und Theatralität) sowie eine Untersuchung pathologischer Aspekte, insbesondere im Hinblick auf Borderline- und narzisstische Persönlichkeitsstörungen.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Piercing, Körpermodifikation, nonverbale Kommunikation, Borderline, Haut-Ich, Selbstdarstellung, Authentizität und Stigmatisierung.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen "auffälligen" und "unauffälligen" Piercings?
Die Autorin bezieht sich hier kritisch auf eine Studie von Anke Schneider, welche Piercings an Zunge, Lippe, Brust oder Genitalbereich als "auffällig" definiert, während andere Stellen als "unauffällig" gelten.
Was bedeutet der Begriff "Haut-Ich" in diesem Kontext?
Das Haut-Ich nach Anzieu beschreibt die Haut als psychische Hülle, die die Psyche zusammenhält und nach außen abgrenzt. Bei Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung kann das Piercing als stützende "Hautprothese" dienen.
- Citation du texte
- Anne Schinke (Auteur), 2007, Piercing in Deutschland. Eine historisch-analytische Betrachtung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71929