Menschliches Selbstbewusstsein und Selbstverlust in Kleists "Amphitryon"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

44 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

„Wo hab ich mich verloren?“, lässt schon Plautus[1] seinen Sosias fragen, und er greift damit im Gewand der Posse eine Bedeutungsdimension des Amphitryonstoffes auf, die unter der munteren Oberfläche des Verwirrspiels verborgen liegt: das Problem des Selbstverlustes.

Die drei irdischen Helden der Komödie – Amphitryon, Alkmene und Sosias – sind in der Tat nicht nur mit einer grotesk verwirrten Außenwelt konfrontiert. In diesem Fall böte der Stoff eine Vorlage für ein klassisches Verwirrspiel – und weiter nichts. Hier aber geht die Verwirrung weiter, dringt von außen, aus der Welt, in das Innerste der Figuren. Amphitryon erlebt, dass er seinen Namen grundlos trägt, Alkmene bekennt sich zu Sünden, die sie weder begreifen noch beim Namen nennen kann, und Sosias – tritt seinen Namen ab, nimmt fremde Schuld auf sich, und weiß doch, dass mit ihm selbst alles in Ordnung ist. Freilich hat er um so mehr mit der Welt zu kämpfen, die für ihn durch seinen Doppelgänger und einen bisweilen rasenden Amphitryon brandgefährlich geworden ist.

Warum werden im Amphitryon gleich drei Personen in ihrem Selbst erschüttert? Ist es Zufall? Ist es eine rein dramaturgische Notwendigkeit? Diese Arbeit geht davon aus, dass die Figuren- und Problemkonstellation Amphitryon-Alkmene-Sosias bewusst konstruiert worden ist und dass ihr eine tiefere Bedeutung innewohnt, die es zu verstehen gilt. Es scheint ausgeschlossen, dass es sich dabei um eine doppelte Wiederholung des gleichen Phänomens handelt oder dass es um eine Reihe von Anfechtungen im Sinne einer Steigerung geht. Die Entamphitryonisierung (vgl. SWB, 313)[2] ist nicht gleichsam eine höhere Entsosiatisierung (vgl. SWB, 313) oder dergleichen. Die Konstellation fußt, so lautet die These der Arbeit, auf dem Sockel einer anthropologischen Einsicht: Amphitryon, Alkmene und Sosias verkörpern jeweils einen Aspekt der menschlichen Existenz und bilden zusammen eine organische Einheit, die das menschliche Leben als Ganzes – das heißt auch: aus verschiedenen Teilen Zusammengesetztes – vorstellt. Die menschliche Existenz wird hierbei als eine in der Gesellschaft mit anderen vollzogene verstanden. Amphitryon stellt nach dieser These den Menschen als zoon politikon[3], als politisches Wesen dar, das sich selbst durch die Verhältnisse zu anderen begreift, sich also durch seine soziale Rolle definiert. Alkmene verkörpert den Menschen als ein zoon logon echon[4], als ein vernunftbegabtes Wesen, das seine Umwelt erkennen und verstehen kann. Damit sind die Kenntnis und Erkenntnis des Guten und die Möglichkeit der freien Wahl der Handlungen, für die Verantwortung zu übernehmen ist, verknüpft. Alkmene repräsentiert somit das sittliche Leben. Sosias charakterisiert eine wesentlich basalere Form des Menschseins: Er ist einfach ein zoon, ein Lebewesen. Bereits in der Antike, vor Plautus, wurde der Mensch als ein besonderes Tier begriffen. Man kennt die Anekdote, in der Platon den Menschen als ein ungefiedertes Tier auf zwei Beinen definiert, woraufhin gerupfte Hühner aus dem Hut gezaubert werden.[5] Dieser Scherz, wenn man ihn recht versteht, zeigt bei all seiner scheinbaren Albernheit, dass die Griechen sehr wohl wussten, dass der Mensch sich nicht im Leiblichen, sondern durch seine besondere Seele und sein Gemeinwesen von den anderen Tieren unterscheidet. Sosias hat es also mit den Problemen zu tun, die den Menschen unabhängig von seiner sozialen Rolle und seinem Gewissen beschäftigen.

2. Selbstbewusstsein und Selbstverlust der irdischen Helden

2.1. Amphitryon

In der ersten Szene des Stücks tritt Amphitryon nicht auf. Gleichwohl dient sie bezüglich seines gesellschaftlichen Ranges als Exposition. Seine hohe Stellung und seine Macht spiegeln sich in der Reflexion Sosias’, in dem von diesem ersonnenen Gespräch mit Alkmene und in dessen Streit mit Merkur.

Den ersten Hinweis überhaupt liefert die Stelle, an der Sosias seinen Auftrag, allein durch die Nacht gen Theben zu gehen und Botschaft vom Sieg des Amphitryon zu übermitteln, verwünscht.

Doch hätte das nicht Zeit gehabt bis morgen,

Will ich ein Pferd sein, ein gesatteltes! [SWB, 247]

Diese Zeilen sagen schon viel: Sosias hat die Lage durchschaut, und der Leser muss ihm darin Recht geben, dass sein mit diesem Auftrag verbundenes Ungemach in einem schlechten Verhältnis mit dessen Nutzen steht. Aber niemand, und als letztes sein Herr Amphitryon, schert sich um die Angst eines Sklaven. Sosias hadert mit der Rolle, in die er sich dennoch fügt: Er hat seinem Herrn zu dienen, so irrsinnig die Aufträge auch sein mögen. Sosias stellt sich damit als derjenige vor, der zwischen Sinn und Unsinn sehr wohl zu unterscheiden weiß. Das ist an dieser Stelle wichtig, da auf diese Weise dem Leser oder Zuschauer eine weitere Information über Amphitryon – wenn auch verdeckt – zugespielt wird: Amphitryon kann offenbar weniger gut überblicken, was situationsbedingt sinnvoll ist und was nicht. Damit soll freilich nichts über seine Feldherrenkünste gesagt sein, die ja unbestritten sind.

Im von Sosias imaginierten Gespräch mit Alkmene wird Amphitryon dann ausdrücklich als „hoher Herr“ (SWB, 248) über Sosias und auch als „edler Gatte“ (SWB, 248) der Alkmene bezeichnet. Gemeinsam mit dem Inhalt des Auftrags betrachtet stellen diese Adressierungen das Verhältnis von Amphitryon und Alkmene als äußerst respektvoll dar.

Der letzte Hinweis in dieser Szene auf Amphitryon ist Sosias’ Antwort auf die Frage, die er Alkmene in den Mund legt:

– “Und hat er sonst dir nichts

Für mich gesagt, Sosias?“ – Er sagt wenig,

Tut viel, und es erbebt die Welt vor seinem Namen. [SWB, 248]

Das klingt groß, sehr groß sogar. Man ist geneigt, sich den Amphitryon als einen überwältigenden Krieger vorzustellen, zumal Sosias es sich wohl nicht leisten kann, solche Äußerungen seiner Herrin gegenüber und in Bezug auf seinen Herrn leichthin zu machen. Und so leicht ihm die Äußerung über die Lippen geht, so überrascht ist er selbst von ihrem wahren Gehalt. Denn er sagt weiter:

– Daß mich die Pest! Wo kömmt der Witz mir her? [SWB, 248]

Was Sosias hier über sich selbst erstaunen macht, ist der doppelte Gehalt seiner Aussage: Prima facie sagt er Alkmene genau, was sie erwartet: Ihr Gemahl ist ein großer Held und seine Feinde fürchten ihn und seine Tatkraft. Aber da Sosias selbst signalisiert, dass ein Witz in diesen Worten liegt, lese man sie noch einmal mit gesteigerter Aufmerksamkeit: Dass Amphitryon wenig sagt und viel tut, kann ein Witz sein, der allerdings nicht ohne weiteres zu verstehen ist. Aber dass die Welt vor seinem Namen erzittert, lässt sich als Witz sehr wohl verstehen: Die Welt erzittert vor seinem Namen – nicht vor ihm! Damit stärkt Sosias der These dieser Arbeit insoweit den Rücken, als dass er das Heldentum des Amphitryon und damit das, was ihn besonders auszeichnet, nicht dessen Person, sondern dessen Namen, dessen sozialer Position, dessen Rolle zuschreibt. Amphitryon, so lässt sich schon hier vermuten, und damit endet die Exposition seiner Figur, ist als Person betrachtet, also jenseits seiner gesellschaftlichen Machtposition, weit weniger überwältigend, als es zuerst den Anschein hat.

In der vierten Szene des Ersten Aktes bezeichnet Jupiter selbst, der Alkmene bewegen will, zwischen ihm und ihrem Gemahl zu unterscheiden, den Amphitryon als einen „öffentlichen Gecken“ (SWB, 262). Das klingt abwertend, aber aus dem Munde eines eifernden Gottes klingt dieser Ton selbstverständlich. Festzuhalten ist die Bezeichnung Amphitryons als eine öffentliche Person. Der Gott nimmt in dieser Äußerung eben diejenige Reduktion Amphitryons auf dessen gesellschaftliche Position vor, welche diese Arbeit vorschlägt.

Der thebanische Feldherr selbst tritt erstmals in der ersten Szene des zweiten Aktes auf. Offenbar ist er bereits damit beschäftigt, aus dem Bericht seines Dieners Sosias brauchbare, das heißt verständliche Informationen über die Geschehnisse der vergangenen Nacht zu erhalten. Er ist merklich ungeduldig:

Halunke! Weißt du, Taugenichts, daß dein
Geschwätz dich an den Galgen bringen wird?
Und daß, mit dir nach Würden zu verfahren,
Nur meinem Zorn ein tüchtges Rohr gebricht? [SWB, 265]

Amphitryon beginnt sich selbst in Szene zu setzen. Sein Diener erzählt ihm Unverständliches, und er empört sich. Er missdeutet die Erzählung als ein „Märchen“ (SWB, 265) und verkennt den Versuch des Sosias, sich über etwas unverständliches wahrheitsgemäß zu äußern. Er sieht fälschlicherweise einen Diener, der ihn, seinen Herrn, zum Narren hält und empört sich über die Missachtung des Respekts, der seiner gesellschaftlichen Position zu entbieten ist. Es muss ihm so scheinen, als rüttle Sosias an der Ordnung, die ihn zu dessen Herrn macht. Er fühlt sich zum ersten Mal in der Handlung angegriffen und er greift zu dem Mittel, dass die bestehende Ordnung ihm in die Hand gibt: Er bedroht Sosias mit seiner durch die Gesellschaft begründeten Macht über ihn, droht ihm Schläge und sogar den Galgen an. Dieser erste Versuch sich zu behaupten muss scheitern, da er von einem Irrtum ausgeht; Sosias lügt nicht. Nun versucht Amphitryon etwas vielmehr der Situation als seiner Stellung entsprechendes: Er bemüht sich, Sosias’ Erzählung zu verstehen, anstatt von ihm einen Bericht zu fordern, der auf die Erwartung des Herrn zugeschnitten ist, wie es dem korrekten Rollenverhalten entspräche. Diese Annäherung an seinen Diener nennt er, als ihm deren Scheitern bewusst wird, „Selbstverleugnung“ (SWB, 268). Das ist nur begreiflich, wenn er sein Selbst durch seine Soziale Position definiert. Denn von ihr abgesehen, hat er genau das Richtige getan: Er hat sich um Informationen bemüht, die für ihn von einigem Interesse sind. Dies spricht deutlich dafür, dass die Reduktion Amphitryons auf seine gesellschaftliche Rolle auch von ihm selbst vollzogen wird. Da er Sosias Bericht entgültig nicht verstehen kann, weist er die Schuld noch einmal deutlich von sich:

Es muss die Bestie getrunken haben,
Sich vollends um das bißchen Hirn gebracht. [SWB,270]

Er bricht das ihm seiner unwürdig scheinende Gespräch ab, wobei er einen verächtlichen aber besonnenen Ton anschlägt:

Schweig. Was ermüd ich mein Gehirn? Ich bin
Verrückt selbst, solchen Wischwasch anzuhören.
Unnützes, marklos-albernes Gewäsch,
In dem kein Menschensinn ist, und Verstand.
Folg mir.[SWB, 270]

Sosias durchschaut sofort, dass man weniger seinen Bericht als vielmehr seine Person demonstrativ abgefertigt hat, und prangert dies im Stillen an:

So ists. Weil es aus meinem Munde kommt,
Ists albern Zeug, nicht wert, daß man es höre.
Doch hätte sich ein Großer selbst zerwalkt,
So würde man Mirakel schrein. [SWB, 270]

In der zweiten Szene des zweiten Aktes tritt Amphitryon sicheren Schrittes seiner Gemahlin Alkmene entgegen. Überzeugt, nach etwa fünfmonatiger Trennung nun ein freudiges Wiedersehen zu feiern, wird er jäh enttäuscht. Jupiter war sanft und liebevoll in Alkmenes Leben eingeschlichen, in das Leben Amphitryons schlägt er donnernd, blitzgleich ein. In dieser Szene muss der thebanische Feldherr gleich drei aufeinanderfolgende Schläge hinnehmen, die mit steigender Wirkung auf sein Selbstbewusstsein niedersausen.

Die erste Kränkung widerfährt Amphitryon sogleich in dem Moment, da er sich Alkmene entdeckt. Ihr „Oh Gott! Amphitryon!“ (SWB, 271) kann er noch, wenn auch falsch, verarbeiten. Er ist sich ihrer zärtlichen Gefühle für ihn noch sicher und nimmt an, seine Gemahlin erschreckt zu haben (vgl. SWB, 271). Als sie aber weiterspricht, ist es mit seiner Sicherheit schnell vorbei. Auf ihre einfache und ehrliche, für ihn allerdings verletzende Frage „So früh zurück?“ (SWB, 271) empört er sich:

Dies: „Schon so früh zurück!“ ist der Empfang,
Beim Himmel, nein! der heißen Liebe nicht.
Ich Törichter! Ich stand im Wahn, daß mich
Der Krieg zu lange schon von hier entfernt;
Zu spät, war meine Rechnung, kehrt ich wieder.
Doch du belehrst mich, daß ich mich geirrt,
Und mit Befremden nehm ich war, daß ich
Ein Überlästger aus den Wolken falle. [SWB, 271]

Verständlich, dass Amphitryon verletzt ist, denn seine Gemahlin scheint überraschenderweise seine Liebe nicht zu erwidern. Damit verstößt sie gegen das Verhaltensmuster, welches das Liebesverhältnis ihrer Rolle als Gemahlin vorgibt. Amphitryon fühlt sich um einen Genuss, den ihm seine Rolle als „Edler Gemahl“ verspricht, nämlich Alkmenes liebevollen Empfang, betrogen. Dazu kommt die Demütigung, dass er selbst Alkmene sehr vermisst hat, während sie ihn scheinbar leicht entbehren konnte. Kein Mann nimmt so einen Schlag „mit Befremden“ hin. Amphitryon versucht hier, obwohl er offenbar und mit Recht verstört ist, den Überlegenen zu mimen, der er nicht ist. Wie sonst ist es zu erklären, dass er Alkmene gar nicht zu Wort kommen lässt?

Ich weiß nicht –
Nein, Alkmene,
Verzeih. Mit diesem Worte hast du Wasser
Zu meiner Liebe Flammen hingetragen.
Du hast, seit ich dir fern, die Sonnenuhr
nicht eines flüchtgen Blicks gewürdigt.
Hier ward kein Flügelschlag der Zeit vernommen,
Und unter rauschenden Vergnügen sind
In diesem Schloß fünf abgezählte Monden
Wie so viel Augenblicke hingeflohn. [SWB, 271]

Wer etwas mit Befremden konstatiert, konzentriert sich naturgemäß auf seine Wahrnehmung, um das Befremdende zu verstehen, und ergeht sich nicht in blumigen Stellungnahmen und Vorwürfen, wie es Amphitryon hier tut, der vielmehr empört und verwirrt ist, als befremdet. Noch bevor er Alkmene die Gelegenheit sich zu erklären gibt, hat er Abstand von seiner Liebe genommen und ihr Lieblosigkeit vorgeworfen. Offenbar erträgt er die Rolle des ungeliebt Liebenden nicht für einen Augenblick. Damit zeigt er deutlich, wie sehr die soziale Rolle sein Selbstverständnis dominiert und wie sehr er sich an die Rolle des Geliebten, des Nehmenden klammert. Bis zu diesem Zeitpunkt kann sich Amphitryon seiner Beziehung zu Alkmene durchaus sicher sein, auch wenn er von ihrer Hingabe enttäuscht ist. Noch scheint sein einziges Problem darin zu bestehen, dass seine Gattin auch ohne ihn gut zurecht kommt.

Aber indem Alkmene sich verteidigt, versetzt sie Ihrem Gatten einen zweiten Schlag: Sie erwähnt die vergangene Liebesnacht, in der sie ihm all ihre Liebe gegeben habe. Wie ernst es ihr damit ist, unterstreicht sie, indem sie die Erklärungspflicht ihm zuschiebt und ihre eigene Empörung zeigt:

Ich denke, Auskunft, traun, bist du mir schuldig,
Wenn deine Wiederkehr mich überrascht,
Bestürzt auch, wenn du willst; nicht aber ist
Ein Grund hier, mich zu schelten, mir zu zürnen. [SWB, 272]

Amphitryon reagiert entsetzt. Der Gedanke, Alkmene könne in seiner Abwesenheit eine Liebesnacht verbracht haben, verschlägt ihm geradezu die Sprache. Während Alkmenes Verteidigungsrede nun in Schwung kommt, ist Amphitryon wie betäubt. „Wie?“, „Was sagst du mir?“ und „Ihr ewigen Götter!“ (SWB, 272) sind für einige Momente alles, was er zu äußern in der Lage ist, das Zeugnis einer ihn übermannenden Ohnmacht. Schließlich rafft er sich noch einmal auf, ersinnt eine mögliche Lösung des Konflikts und artikuliert sie:

Hat mich etwan ein Traum bei dir verkündet,
Alkmene? Hast du mich vielleicht im Schlaf
Empfangen, daß du wähnst, du habest mir
Die Forderung der Liebe schon entrichtet? [SWB, 272]

Natürlich muss Alkmene, die andere Person, sich geirrt haben! Man erkennt den obersten Feldherrn: Wenn ein Fehler vorliegt, so ist stets der Rangniedere schuld und der Heerführer Amphitryon bewahrt sich durch ein Machtwort den Schein der Makellosigkeit. Dieses Verhaltensmuster hat Amphitryon bereits im ersten gescheiterten Dialog mit Sosias gezeigt. Aber damit ist er bei seiner Gattin an der falschen Adresse, die entsprechend reagiert:

Hat dir ein böser Dämon das Gedächtnis
Geraubt, Amphitryon? hat dir vielleicht
Ein Gott den heitern Sinn verwirrt, daß du
Die Keusche Liebe deiner Gattin, höhnend,
Von allem Sittlichen entkleiden willst? [SWB, 273]

Sie zeigt ihre ehrliche Empörung über das Selbstverständnis, mit dem Amphitryon sie verdächtigt, zwischen Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden zu können, während er sich offenbar für unfehlbar hält. So ist ihre Antwort, die Frage nach dem Dämon, der ihm das Gedächtnis raube, weniger eine ernst gemeinte Frage, sondern eine bissige Kritik an seinem Hochmut. Und der bissige Unterton schwillt zu einer Drohung in der Frage, ob er ihre keusche Liebe von allem sittlichen entkleiden wolle ? Alkmene rasselt hier mit dem Säbel ihres Zorns. Anstatt aber den sich immer weiter entfesselnden Streit zu hemmen, indem er einen echten Dialog mit seiner Gattin sucht, versucht Amphitryon immer wieder, den Konflikt mit einer Demonstration seiner Macht zu beenden und als Sieger dazustehen. Aber Alkmene ist über die Macht des Amphitryon erhaben und der Krieger hat bereits in der vergangenen Nacht den Kampf verloren, den er hier noch immer auszufechten wähnt. Er probiert es, indem er Alkmene das Wort verbietet:

Was? Mir wagst du zu sagen, daß ich gestern
Hier um die Dämmrung eingeschlichen bin?
Daß ich dir scherzend auf den Nacken – Teufel! [SWB, 273]

Dieser Versuch scheitert kläglich, denn die angestachelte Alkmene verstummt nicht nur nicht, sondern sie geht sogar noch weiter und demonstriert dadurch die Erhabenheit ihres Charakters sowie die Erbärmlichkeit von Amphitryons Machtsprüchen, die vielmehr Ohnmachtsprüche sind:

Was? Mir wagst du zu leugnen, daß du gestern
Hier um die Dämmrung eingeschlichen bist?
Daß du dir jede Freiheit hast erlaubt,
die dem Gemahl mag zustehn über mich? [SWB, 273]

Es dämmert Amphitryon, dass er hier mit Gewalt nicht weiter kommt und er versucht es freundschaftlicher, indem er den Verdacht äußert, Alkmene nehme ihn gröblich auf den Arm, und sie bittet, dies zu unterlassen.

– Du scherzest. Laß zum Ernst uns wiederkehren,
Denn nicht an seinem Platz ist dieser Scherz. [SWB, 273]

Hier trifft Amphitryon endlich den respektvollen Ton, in dem seine Gattin mit sich reden lässt. Aber er trifft eben nur den richtigen Ton und begreift nicht, dass Alkmene ein aufrichtiges Zeugnis ablegt und fordert sie zum Ernste auf, was ihr vollkommen unverständlich ist. So gibt sie das zwar freundliche, für Amphitryon und die Situation aber wenig nützliche Echo:

Du scherzest. Laß zum Ernst uns wiederkehren,
Denn roh ist und empfindlich dieser Scherz. [SWB, 273]

Hier wiederfährt Amphitryon wieder das, was ihn in der Szene mit Sosias von Selbstverleugnung sprechen ließ: Er bemüht sich um einen ehrlichen Dialog, erhält aber eine Antwort, mit der er nichts anzufangen weiß. Und wie beim ersten Mal zieht er sich sogleich wieder in das ihm sicherer anheimelnde Kostüm des Feldherrn zurück und verfällt wieder jener Respektlosigkeit, die Alkmene sich nicht bieten lässt und schickt sich an, seine Gattin zu verhören.

[...]


[1] Plautus (1964, S. 49).

[2] Die Sigle „SWB“ bezeichnet die verwendete Kleistausgabe: Kleist, Heinrich von (2001): Sämtliche Werke und Briefe. Hrgb. v. Helmut Sembdner. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

[3] „Der entscheidendste Beitrag von Aristoteles ist der Nachdruck, mit dem er auf die bis dahin weitgehend vernachlässigte soziale Dimension des Menschen hinweist: [...] [ anthropos zoon politikon] (Der Mensch, ein von Natur nach Gemeinschaft strebendes Wesen)“. Der Grund dafür [...] hängt nach Aristoteles mir der schon vor ihm gelegentlich ins Spiel gebrachten Bestimmung des Menschen zusammen, das einzige Lebewesen zu sein, das einen Sinn für gut und schlecht, für gerecht und ungerecht, besitzt“. Historisches Wörterbuch der Philosophie (1980, S. 1067).

[4] „Antike, Juden- und Christentum haben das Arsenal von Bestimmungen des Menschen bereitgestellt, von dem die Philosophie bis heute zehrt. [...] Am auffälligsten wird dies an dem wahrscheinlich auf Alkmaion zurückgehenden Topos, daß sich der Mensch von allen übrigen Lebewesen vor allem dadurch unterscheidet, daß allein er begreifen kann und denken kann, Verstand, Vernunft, Bewußtsein oder Geist hat: der Mensch als [zoon logon echon]“. Historisches Wörterbuch der Philosophie (1980, S. 1071).

[5] Bei Diogenes Laertius heißt es über Diogenes, „Als Platon die Definition aufstellte, der Mensch ist ein federloses zweifüßiges Tier, und damit Beifall fand, rupfte er einem Hahn die Federn aus und brachte ihn in dessen Schule mit den Worten: das ist Platons Mensch.“ (Diogenes Laertius (1998, S.314)).

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Menschliches Selbstbewusstsein und Selbstverlust in Kleists "Amphitryon"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Hauptseminar (050323) Heinrich von Kleist: Dramen
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
44
Katalognummer
V72395
ISBN (eBook)
9783638732826
ISBN (Buch)
9783638735124
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit legt die anthropologischen Inhalte der Komödie offen und macht sie an den Figuren fest. Sie bietet auf diesem Wege eine intensive Charakterisierung der Hauptpersonen und zeigt die philosophische Motivation der Handlung.
Schlagworte
Menschliches, Selbstbewusstsein, Selbstverlust, Kleists, Amphitryon, Hauptseminar, Heinrich, Kleist, Dramen
Arbeit zitieren
Volker Husmann (Autor), 2006, Menschliches Selbstbewusstsein und Selbstverlust in Kleists "Amphitryon", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72395

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