Warum werden im Amphitryon gleich drei Personen in ihrem Selbst erschüttert? Ist es Zufall? Ist es eine rein dramaturgische Notwendigkeit? Diese Arbeit geht davon aus, dass die Figuren- und Problemkonstellation Amphitryon-Alkmene-Sosias bewusst konstruiert worden ist und dass ihr eine tiefere Bedeutung innewohnt, die es zu verstehen gilt. Es scheint ausgeschlossen, dass es sich dabei um eine doppelte Wiederholung des gleichen Phänomens handelt oder dass es um eine Reihe von Anfechtungen im Sinne einer Steigerung geht. Die Entamphitryonisierung ist nicht gleichsam eine höhere Entsosiatisierung oder dergleichen. Die Konstellation fußt, so lautet die These der Arbeit, auf dem Sockel einer anthropologischen Einsicht: Amphitryon, Alkmene und Sosias verkörpern jeweils einen Aspekt der menschlichen Existenz und bilden zusammen eine organische Einheit, die das menschliche Leben als Ganzes – das heißt auch: aus verschiedenen Teilen Zusammengesetztes – vorstellt. Die menschliche Existenz wird hierbei als eine in der Gesellschaft mit anderen vollzogene verstanden. Amphitryon stellt nach dieser These den Menschen als zoon politikon , als politisches Wesen dar, das sich selbst durch die Verhältnisse zu anderen begreift, sich also durch seine soziale Rolle definiert. Alkmene verkörpert den Menschen als ein zoon logon echon , als ein vernunftbegabtes Wesen, das seine Umwelt erkennen und verstehen kann. Damit sind die Kenntnis und Erkenntnis des Guten und die Möglichkeit der freien Wahl der Handlungen, für die Verantwortung zu übernehmen ist, verknüpft. Alkmene repräsentiert somit das sittliche Leben. Sosias charakterisiert eine wesentlich basalere Form des Menschseins: Er ist einfach ein zoon, ein Lebewesen. Bereits in der Antike, vor Plautus, wurde der Mensch als ein besonderes Tier begriffen. Man kennt die Anekdote, in der Platon den Menschen als ein ungefiedertes Tier auf zwei Beinen definiert, woraufhin gerupfte Hühner aus dem Hut gezaubert werden. Dieser Scherz, wenn man ihn recht versteht, zeigt bei all seiner scheinbaren Albernheit, dass die Griechen sehr wohl wussten, dass der Mensch sich nicht im Leiblichen, sondern durch seine besondere Seele und sein Gemeinwesen von den anderen Tieren unterscheidet...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Selbstbewusstsein und Selbstverlust der irdischen Helden
2.1 Amphitryon
2:2 Alkmene
2.3 Sosias
3. Schlusswort und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die anthropologische Dimension in Heinrich von Kleists Komödie "Amphitryon", wobei das Hauptziel darin besteht, den gezielten "Selbstverlust" der drei irdischen Hauptfiguren als Repräsentation verschiedener Aspekte menschlicher Existenz nachzuweisen und kritisch zu analysieren.
- Analyse der Figurenkonstellation als organische Einheit menschlichen Lebens.
- Untersuchung von Amphitryon als "zoon politikon" (politisches Wesen).
- Interpretation von Alkmene als "zoon logon echon" (vernunftbegabtes Wesen).
- Betrachtung von Sosias als das basale "zoon" (einfaches Lebewesen).
- Bezugnahme auf Kleists Kantkrise und deren epistemologische Auswirkungen.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Wo hab ich mich verloren?“, lässt schon Plautus seinen Sosias fragen, und er greift damit im Gewand der Posse eine Bedeutungsdimension des Amphitryonstoffes auf, die unter der munteren Oberfläche des Verwirrspiels verborgen liegt: das Problem des Selbstverlustes.
Die drei irdischen Helden der Komödie – Amphitryon, Alkmene und Sosias – sind in der Tat nicht nur mit einer grotesk verwirrten Außenwelt konfrontiert. In diesem Fall böte der Stoff eine Vorlage für ein klassisches Verwirrspiel – und weiter nichts. Hier aber geht die Verwirrung weiter, dringt von außen, aus der Welt, in das Innerste der Figuren. Amphitryon erlebt, dass er seinen Namen grundlos trägt, Alkmene bekennt sich zu Sünden, die sie weder begreifen noch beim Namen nennen kann, und Sosias – tritt seinen Namen ab, nimmt fremde Schuld auf sich, und weiß doch, dass mit ihm selbst alles in Ordnung ist. Freilich hat er um so mehr mit der Welt zu kämpfen, die für ihn durch seinen Doppelgänger und einen bisweilen rasenden Amphitryon brandgefährlich geworden ist.
Warum werden im Amphitryon gleich drei Personen in ihrem Selbst erschüttert? Ist es Zufall? Ist es eine rein dramaturgische Notwendigkeit? Diese Arbeit geht davon aus, dass die Figuren- und Problemkonstellation Amphitryon-Alkmene-Sosias bewusst konstruiert worden ist und dass ihr eine tiefere Bedeutung innewohnt, die es zu verstehen gilt. Es scheint ausgeschlossen, dass es sich dabei um eine doppelte Wiederholung des gleichen Phänomens handelt oder dass es um eine Reihe von Anfechtungen im Sinne einer Steigerung geht. Die Entamphitryonisierung ist nicht gleichsam eine höhere Entsosiatisierung oder dergleichen. Die Konstellation fußt, so lautet die These der Arbeit, auf dem Sockel einer anthropologischen Einsicht: Amphitryon, Alkmene und Sosias verkörpern jeweils einen Aspekt der menschlichen Existenz und bilden zusammen eine organische Einheit, die das menschliche Leben als Ganzes – das heißt auch: aus verschiedenen Teilen Zusammengesetztes – vorstellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Selbstverlustes bei den drei irdischen Helden ein und stellt die These auf, dass diese als Repräsentanten verschiedener Facetten menschlicher Existenz bewusst konstruiert sind.
2. Selbstbewusstsein und Selbstverlust der irdischen Helden: Dieses Kapitel analysiert detailliert, wie Amphitryon als soziales Wesen, Alkmene als moralisch-vernunftbegabtes Wesen und Sosias als bloßes Lebewesen jeweils individuell durch die Ereignisse in ihrem Selbst erschüttert werden.
2.1 Amphitryon: Hier wird untersucht, wie die Erschütterung des Feldherrn primär den Verlust seiner sozialen Rolle und seines Standesbewusstseins betrifft.
2:2 Alkmene: Dieser Abschnitt beleuchtet Alkmenes Auseinandersetzung mit ihrer Tugend und der Erkenntniskrise, die sie vor den Hintergrund der Kleist’schen Kant-Rezeption stellt.
2.3 Sosias: Die Analyse zeigt auf, dass der Diener aufgrund seines funktionalen Selbstverständnisses als einfaches Lebewesen am wenigsten unter einem existenziellen Selbstverlust leidet.
3. Schlusswort und Ausblick: Das Schlusswort resümiert, dass Kleist die antike Anthropologie in seinem Werk vollendet aufgenommen und die Typisierung der drei Helden als Facetten des Menschseins erfolgreich umgesetzt hat.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Amphitryon, Selbstverlust, Selbstbewusstsein, zoon politikon, zoon logon echon, Anthropologie, Identität, Kantkrise, Rollenkonflikt, Tugend, Erkenntnistheorie, Sosias, Alkmene, Drama.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die anthropologische Ebene in Kleists Drama "Amphitryon" und wie die drei Hauptfiguren ihre Identität durch äußere Umstände und göttliches Eingreifen verlieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themen umfassen die Definition menschlicher Existenz, das Verhältnis von sozialer Rolle und Identität sowie die erkenntnistheoretischen Fragen im Kontext von Kleists Auseinandersetzung mit Kant.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird gefragt, warum und in welcher Weise die drei Figuren Amphitryon, Alkmene und Sosias jeweils als Repräsentanten spezifischer Aspekte des Menschseins konstruiert sind.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wendet eine textanalytische Untersuchung an, die philosophische (antike Anthropologie, Kants Philosophie) und literaturwissenschaftliche Ansätze kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die drei Figuren einzeln auf ihre spezifische Form des Selbstverlustes hin untersucht und deren Rollen als "zoon politikon", "zoon logon echon" und bloßes "zoon" herausgearbeitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Kleist, Selbstverlust, Identität, Anthropologie, Kantkrise und die spezifische Rollenverteilung der drei Hauptfiguren.
Warum wird Alkmene in der Arbeit als "zoon logon echon" eingeordnet?
Weil ihr Charakter durch Vernunft, sittliches Leben und die Fähigkeit, die Umwelt moralisch zu erkennen, definiert ist, was sie von den anderen Figuren unterscheidet.
Wie unterscheidet sich die Situation von Sosias von der seiner Herrschaft?
Sosias besitzt kein festes Prädikat in seinem Selbstkonzept und ist dadurch anpassungsfähiger; er leidet weniger unter dem Identitätsverlust, da er sich als funktionales "Lebewesen" definiert.
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- Volker Husmann (Autor), 2006, Menschliches Selbstbewusstsein und Selbstverlust in Kleists "Amphitryon", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72395