Richtlinien im Fach Geschichte und Möglichkeiten zu ihrer Reform


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
25 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgangspunkt: Gegenwärtige Richtlinien
2.1 Der Lehrplan in Schleswig-Holstein
2.2 Der Lehrplan in Nordrhein-Westfalen

3. Probleme bei der Entwicklung von Lehrplänen

4. Ansätze zur Reform der Richtlinien
4.1 Abschaffung des chronologischen Durchgangs
4.2 Interkulturelle Bildung
4.3 Multiperspektivischer Unterricht
4.4 Projektunterricht

5. Resümee

6. Literaturliste

1. Einleitung

Als zur diesjährigen Bundestagswahl zahlreiche Befragungen jugendlicher Erstwähler über den TV-Bildschirm flimmerten, bei denen viele der Befragten bekannte Politiker keiner Partei zuordnen konnten, die Melodie der Deutschen Nationalhymne nicht kannten und zahlreiche andere Wissenslücken unter Beweis stellten, wurde wieder einmal deutlich, dass es um die politische und geschichtliche Bildung der deutschen Jugend sehr schlecht steht. Einen Teil der Schuld an dieser Misere müssen sich sicher die Schulen in Deutschland eingestehen. Der Wi-Po und Geschichtsunterricht scheinen keine bleibenden Spuren bei den Schülern zu hinterlassen. Es ist somit dringend notwendig, nicht nur die Unterrichtsmethoden, sondern auch die Inhalte der antiquierten Richtlinien für den Geschichtsunterricht grundlegend zu überdenken. Es kann nicht mehr Sinn des Unterrichts sein, den Schülern Daten, Zahlen und Fakten einzuhämmern, wenn sie keine Zusammenhänge verstehen und keinen Bezug zur Gegenwart und ihrem eigenen Leben herstellen können. Geschichtsunterricht kann sehr spannend und fruchtbar sein, wenn er nur richtig gestaltet wird. Allerdings scheinen die Richtlinien, die für den Lehrer einen thematischen Rahmen abstecken, an den er sich zu halten hat, alternativen Modellen Steine in den Weg zu legen.

Beim Versuch, Fachliteratur zu diesem Thema zu sichten, trifft man oft auf die gleichen Namen unter den Verfassern. Die Diskussion zu diesem Thema scheint gerade erst anzulaufen. Man wird am ehesten fündig, wenn man in den GWU Heften („Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“) nach Aufsätzen zur Reform des Geschichtsunterrichts sucht.

Als Ausgangspunkt werde ich den Lehrplan des Bundeslandes Schleswig-Holstein und zum Vergleich den von Nordrhein-Westfalen beleuchten. Was fordern die Bundesländer von ihren Geschichtslehrern und ihren Klassen? Gibt es schon Forderungen an den Unterricht, die über denen an den bisherigen „klassischen“ Geschichtsunterricht hinausgehen?

Wenn man über die Reform von Lehrplänen diskutiert, dürfen auch nicht die Probleme bei der Entwicklung und Neugestaltung dieser außer acht gelassen werden. Mit fortschreitender Zeit verändern sich nämlich auch stets die Anforderungen an die Richtlinien.

Schließlich werde ich mich mit den Ansätzen zur Reform der Richtlinien beschäftigen. Hier werden folgende Fragen aufgeworfen: Macht der bisherige chronologische Durchgang durch die Geschichte von der Steinzeit bis zur Neuzeit eigentlich Sinn oder steht sich dieses Konzept nur selbst im Weg? Welche Alternativen kann ein Lehrer schaffen? Darf er ganz bewusst mit zeitlichen Lücken arbeiten? Ein weiterer wichtiger Punkt ist die interkulturelle Bildung im Geschichtsunterricht. Was ist eigentlich das „Fremde“, wie kann man es integrieren, und wo liegen die Möglichkeiten und die Grenzen? Warum ist es wichtig für jeden Schüler sich mit seiner eigenen und mit fremden Kulturen auseinander zusetzen? Eng mit diesem Feld verbunden ist auch der multiperspektivische Unterricht. Was sind Beispiele für Multiperspektivität in der Schule? Abschließend werde ich noch kurz auf den Projektunterricht eingehen, der sicher kein neuer Ansatz ist, aber dennoch bis heute weitgehend im Unterricht vernachlässigt wird.

Zusammengefasst: Was ist bisher im Geschichtsunterricht schief gelaufen? Welche Reformansätze sind realistisch, und wie lassen sie sich in der Praxis um- und durchsetzen?

2. Ausgangspunkt: Gegenwärtige Richtlinien

2.1 Der Lehrplan in Schleswig-Holstein

Der Lehrplan für das Fach Geschichte schreibt dem Geschichtsunterricht die Vermittlung von vier Kompetenzen zu. Er soll den Schülern Schlüsselqualifikationen in Form von Sach- und Methodenkompetenz vermitteln, damit sie erkennen, was in der Geschichte passiert ist und mit welchen Mitteln und Arbeitsweisen sie Fragen an die Geschichte stellen können. Die Förderung der Selbstkompetenz soll dem Schüler helfen, sich selber in die Geschichte einzuordnen und einen eigenen Standpunkt zu bilden. Durch die Sozialkompetenz soll der Schüler schließlich lernen, auf Fremde und Fremdes zuzugehen, tolerant zu sein und auftretende Konflikte friedlich zu lösen.

Die Richtlinien sehen eine „Reduktion der Stofffülle“ vor, um der Lehrkraft Gestaltungsspielräume für „eigene Akzentuierungen“ zu einzuräumen. Neben den sogenannten klassischen Themenbereichen aus der Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte berücksichtigen die Richtlinien neue Gebiete aus der Alltags-, Geschlechter-, Umwelt- und Mentalitätsgeschichte, die möglichst multiperspektivisch behandelt werden sollen. Der Lehrplan teilt den Unterricht epochenchronologisch ein und spricht diesbezüglich selbst von einer traditionellen Form.[1]

In jeder Klassenstufe soll zusätzlich je ein Thema im Längsschnitt behandelt werden, um einen besseren Bezug zur Gegenwart aber auch Ausblicke in die Zukunft zu ermöglichen. Geschichte soll so als „Dialog von Vergangenheit und Gegenwart in Hinblick auf die Zukunft“ funktionieren. Gleichzeitig soll der Längsschnitt fächerübergreifenden Unterricht, Projekte und Arbeit an außerschulischen Orten fördern. Für die 6. Klasse gilt das Längsschnittthema „Kindheit“ an allen drei Schulformen, von der Kindheit in der Antike, zur Zeit der Industrialisierung, im totalitären Staat bis zu heutigen Zeit. In der 7. Klasse geht es um die „Begegnung mit dem anderen“. Hier soll das Zusammentreffen von verschiedenen Religionen, Völkern, Kulturen und Gruppen behandelt werden. Ein direkter Bezug zur Gegenwart könnte Fremdenfeindlichkeit in Deutschland sein. An der Hauptschule entfällt in der 8. Klasse das Längsschnittthema, während an Realschulen und Gymnasien der „Kampf um politische und soziale Rechte“ behandelt werden soll. Dazu gehören z.B. die Bauernkriege, der Unabhängigkeitskrieg in Nordamerika oder die Oktoberrevolution in Russland. An Hauptschulen ist in der 9. Klassenstufe die „Entstehung der modernen Industriegesellschaft“ das letzte Längsschnittthema, an Realschulen entfällt es in dieser Stufe, und an Gymnasien steht das Thema „Arbeit und Freizeit“, das etwa Sklaverei, Arbeit im Kloster oder heutige Rechte und Pflichten behandelt. In der 10. Klasse sieht der Lehrplan für Realschulen und Gymnasien das Thema „Konfliktlösung und Friedenssicherung“ mit den Inhalten Attischer Seebund, Westfälischer Friede, Wiener Kongress, Versailler Vertrag, UNO, NATO, Warschauer Pakt und anderen. Bei all diesen Themen wird deutlich, wie sinnvoll die Behandlung von Ereignissen im Längsschnitt ist. Es ist ein sinnvolle und ergänzende Alternative zur rein chronologischen Vorgehensweise. Das Zusammenspiel dieser zwei Vorgehensweisen kann einerseits ein chronologisches Bewusstsein im Schüler fördern und ihn andererseits dazu bringen, verschiedene Zeitebenen miteinander zu verknüpfen und zu vergleichen. Möglicherweise wird dem Schüler klar, warum Geschichte als Unterrichtsfach wichtig ist, wenn er öfter als bisher einen klareren Bezug zu seinem eigenen Leben im hier und jetzt erkennen kann. Der Längsschnitt scheint mir ein adäquates Mittel dazu zu sein.

[...]


[1] Vgl. Lehrplan für die Sekundarstufe I der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen Hauptschule, Real-

schule, Gymnasium – Geschichte. Hrsg. Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des

Landes Schleswig-Holsteins. Glücksstadt, 1997. S. 17 ff.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Richtlinien im Fach Geschichte und Möglichkeiten zu ihrer Reform
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Geschichte)
Veranstaltung
Vergleich von Schulbüchern und Richtlinien
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V7423
ISBN (eBook)
9783638146890
ISBN (Buch)
9783638806022
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Richtlinien, Lehrplan, Reform, Geschichtsdidaktik, Geschichte, Didaktik, Kurrikulum, kurrikulare, Currikulum, currikulare
Arbeit zitieren
Stephan Holm (Autor), 2002, Richtlinien im Fach Geschichte und Möglichkeiten zu ihrer Reform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7423

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