Dass der Wortschatz natürlicher Sprachen - im Vergleich zum geschlossenen Laut- und Schreibsystem, zur Morphologie und zur Syntax - einem schnellen Wandel unterliegt, gehört zum Alltagswissen der Sprachteilhaber und zu den Selbstverständlichkeiten sprach- und wortgeschichtlicher Darstellungen. Welches sind aber die Gründe für diesen Wortschatzwandel, für seine Vermehrung, seine Veränderungen und seine Verluste?
Inhaltsverzeichnis
1 Erbgut
1.1 Wortbildung
1.2 Wortbildung durch Zusammensetzung
1.2.1 Im Mittelhochdeutschen
1.2.2 Im Frühneuhochdeutschen
1.2.3 Im Neuhochdeutschen
1.3 Wortbildung durch Ableitung
1.3.1 Wortableitung durch Präfigierung
1.3.2 Wortableitung durch Suffigierung
1.4 Nominale Umschreibungen
2 Lehnbildung
2.1.1 Lehnübersetzung
2.1.2 Lehnübertragung
2.1.3 Lehnschöpfung
2.2 Lehnbedeutung
3 Bedeutungswandel
3.1 Bedeutungsverengung und -ausweitung
3.2 Bedeutungsübertragung
3.3 Bedeutungswandel infolge von Sachwandel
3.4 Worttausch
3.5 Semantische Verschiebungen im Variantenabbau
3.6 Inhaltliche Auf- und Abwertung
4 Wortersatz und Wortschwund
4.1 Im Mittelhochdeutschen
4.2 Im Frühneuhochdeutschen
4.3 Im Neuhochdeutschen
5 Wiederbelebung untergegangener Wörter
6 Wortentlehnung
6.1 Im Mittelhochdeutschen
6.2 Im Frühneuhochdeutschen
6.3 Im Neuhochdeutschen
7 Lehnwortbildung
8 Sprachreinigungsbewegung
Vereinheitlichung des deutschen Wortschatzes
9 Die mittelhochdeutsche Dichtersprache
10 Entstehung eines frühneuhochdeutschen Standardwortschatzes
11 Ausbildung der neuhochdeutschen Einheitssprache
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht diachron die Entwicklung des deutschen Wortschatzes vom Mittelhochdeutschen bis zum Gegenwartsdeutsch. Ziel ist es, die zentralen Mechanismen des Wortschatzwandels, wie Wortbildung, Entlehnung und Bedeutungswandel, wissenschaftlich zu beleuchten und deren Einfluss auf die Sprachentwicklung zu analysieren.
- Wortbildungsprozesse durch Zusammensetzung und Ableitung
- Lehnbildung und Bedeutungswandel als Motoren des Sprachwandels
- Der Einfluss von Fremdsprachen (Latein, Französisch, Englisch)
- Prozesse des Wortschwunds und der Wiederbelebung
- Die Entwicklung zur neuhochdeutschen Standardsprache
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Im Mittelhochdeutschen
Eigentliche Komposition, die Kopplung eines selbständigen Nomens ohne Flexionsendung als Erstglied mit einem ebensolchen Zweitglied, das die vom Satzzusammenhang her erforderliche Kasusendung aufweist, sind im Althochdeutschen noch wenig zahlreich. In mittelhochdeutscher Zeit weitet sich diese Art der Wortbildung stetig aus: âbent-stern, wirbel-wint, turtel-tûbe, bû-man, frî-wîp, hant-werc, îsen-smit, schrîb-wîse, heide-krût.
An einigen Stellen werden bereits Simplizia durch neue Zusammensetzungen verdrängt, z.B. hand-tuch statt ahd. dwahila, mhd. twehele; sprich-wort statt ahd./mhd. bîspel; schafherde statt ahd. ewit; apfel-boum statt affoltra. Ein ursprünglich als einheitlich erfahrener Sinneseindruck, so Tschirch, werde nun als komplex erkannt und sprachlich in zwei Komponenten geteilt, er werde demnach „assoziativ mit zwei anderen Aussageinhalten in Beziehung gesetzt, während das einfache Wort ohne solche Stütze für sich allein stand“.
Die uneigentliche Komposition ist entstanden aus der syntaktischen Verbindung eines Substantivs mit einem davon abhängigen und im Mhd. regelmäßig vorangestellten Genitiv. In einem langwierigen Prozess wuchs nun diese Ausgangsverbindung zu einer uneigentlichen Komposition zusammen, wie beispielsweise in mînes vater hûs>das Vaterhaus, sîner muoter lîbe>die Mutterliebe. Beide Formen existierten lange Zeit parallel. Weitere Beispiele dieser Kategorie sind êrencrône, hurengeld, kleiderkamer oder tôdisnôt.
Dass der Bereich der Komposition während des Hoch- und Spätmittelalters mächtig in Bewegung geriet, erweist sich auch daran, dass bereits hie und da dreigliedrige Komposita auftauchten, wie kar-frî-tac, âbent-sunnen-schîn, mit-tages-zît oder sunn-âbendes-tac.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Erbgut: Dieses Kapitel erläutert die dauerhafte Fähigkeit zur Wortbildung durch Zusammensetzung und Ableitung in den verschiedenen Epochen des Deutschen.
2 Lehnbildung: Hier werden Prozesse beschrieben, bei denen heimische Wörter nach fremden Vorbildern neu gebildet oder in ihrer Bedeutung angepasst werden.
3 Bedeutungswandel: Das Kapitel analysiert, wie Wörter ihren inhaltlichen Schwerpunkt verlagern, was sich unter anderem in Verengungen, Ausweitungen und Pejorationen zeigt.
4 Wortersatz und Wortschwund: Es wird untersucht, warum bestimmte Wörter aus dem Gebrauch verschwinden und durch neue Formen oder Strukturen ersetzt werden.
5 Wiederbelebung untergegangener Wörter: Hier wird thematisiert, wie alte oder veraltete Wörter durch literarische oder bewusste Prozesse wieder in den Wortschatz integriert werden.
6 Wortentlehnung: Dieses Kapitel dokumentiert den Einfluss fremder Sprachen, insbesondere durch die Aufnahme von Fremd- und Lehnwörtern über die Jahrhunderte.
7 Lehnwortbildung: Hier wird der Prozess beschrieben, bei dem fremde Suffixe genutzt werden, um neue Wörter auf Basis vorhandener oder entlehnter Stämme zu bilden.
8 Sprachreinigungsbewegung: Das Kapitel beleuchtet den historischen Versuch, Fremdwörter gezielt durch verdeutschte Ausdrücke zu ersetzen.
Vereinheitlichung des deutschen Wortschatzes: Diese Zusammenfassung behandelt den Weg von regionalen Varietäten hin zur Bildung einer überregionalen Standard- und Einheitssprache.
Schlüsselwörter
Wortschatz, Etymologie, Wortbildung, Sprachwandel, Lehnwort, Bedeutungswandel, Komposition, Ableitung, Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch, Neuhochdeutsch, Sprachkontakt, Standardisierung, Sprachreinigung, Diachronie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung des deutschen Wortschatzes von der mittelhochdeutschen bis zur neuhochdeutschen Zeit und analysiert die treibenden Kräfte hinter diesem Wandel.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Mechanismen der Wortbildung, die Aufnahme von Fremdwörtern, den semantischen Bedeutungswandel sowie die Prozesse, die zur Entstehung einer Standardsprache führten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, in einem diachronen Verfahren zu klären, warum sich Wortschatz vermehrt, verändert oder verloren geht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet ein diachrones Verfahren an, um die sprachhistorischen Prozesse anhand zahlreicher Beispiele aus der Sprachgeschichte zu dokumentieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Wortschatzphänomene wie Komposition, Ableitung, Lehnbildung, Bedeutungswandel sowie Entlehnung aus verschiedenen Sprachen wie Latein, Französisch und Englisch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Wortschatzentwicklung, Sprachkontakt, Bedeutungswandel, Lehn- und Fremdwörter sowie die sprachsoziologische Vereinheitlichung.
Warum ist das Mittelhochdeutsche für den Wortschatz so bedeutend?
Das Mittelhochdeutsche legte durch die Entwicklung einer „Kunstsprache“ in der Dichtung einen frühen Grundstein für überlandschaftliche Ausdrucksformen.
Was unterscheidet eine "Lehnübersetzung" von einer "Lehnschöpfung"?
Bei der Lehnübersetzung wird ein Begriff Glied für Glied in heimisches Sprachmaterial übersetzt, während bei der Lehnschöpfung nur der fremdsprachige Gegenstand den Anstoß für eine eigenständige Neubildung gibt.
Welchen Effekt hatte die Sprachreinigungsbewegung auf das heutige Deutsch?
Die Sprachreinigung konnte zwar einige Fremdwörter durch eingedeutschte Begriffe ersetzen, oft blieb jedoch das Fremdwort als Alternative erhalten, was zu heutigen Dubletten mit stilistischen Unterschieden führte.
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- Davina Ruthmann (Author), 2005, Entwicklung des Wortschatzes vom Mittelhochdeutschen bis zum Gegenwartsdeutsch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74254