Künstlerische Darstellungen von Zeit. "1965/1-8" von Roman Opalka und "Today Series" von On Kawara


Hausarbeit, 2007

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Gedächtnis und Erinnern

3. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

4. Indiviualzeit

5. Zeitformen in der Malerei
5.1. Materialität
5.2. Genese
5.3. Kompositionsrezeption
5.4. Stil
5.5. Ikonographie
5.6. Dauer des Moments

6. „Today Series“

7. „1965/1-∞“

8. „Today Series“ - „1965/1-∞“

9. Künstliche Zeit in zeitgenössischer Kunst

10. Quellen
Monographien
Aufsätze

11. Auswahlbibliographie Kawara / Opalka

1. Einführung

2.053.279, 2.053.280, 2.053.281, 2.053.282, 2.053.283, 2.053.284 … 2.074.916. So ziehen sich Zeilen aus 4 bis 5 mm großen Ziffern über die 196 mal 135 cm große Leinwand. Es ist der Umfang eines Details aus dem Lebenswerk „1965/1-∞“ von Roman Opalka. Gegen diesen langen Zug der Zeit wirkt das scharfe Aufblitzen eines „24.MÄRZ1976“ wie ein Segen. Ein konkreter Punkt an dem man verschnaufen und sich nur ihm zuwenden kann. Auch wenn On Kawaras „Today Series“ mittlerweile mehr als 2000 dieser Fixpunkte in der Vergangenheit gesetzt hat, an vielen Orten und in vielen Sprachen der Welt, immer in weiß auf dunklem Grund, so sind es nur Momente die er uns präsentiert, von denen die Vergangenheit unendlich viele hat. Roman Opalkas ruh- und rastlose Sukzession von stetig steigenden Ziffern zeigt die Unaufhaltsamkeit der Zeit, ohne feste Punkte, ohne Bezug auf eine äußere Zeit. Allein die stetigen Zäsuren zwischen den immer blasser und gebrechlicher werdenden Ziffern des fast ausgemalten Pinsels und den frisch und kräftig aufleuchtenden nach neuer Farbaufnahme lassen eine Binnenzeit erkennen, einen Rhythmus und ein Ziel[1].

Zeit, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft sowie Dauer, Momentaneität, Simultaneität und Rhythmus stehen in einem apriorischen Verhältnis.[2] Sie manifestieren sich in Ruhe und Veränderung. Die physikalische Vehemenz der äußeren, der realen Zeit scheint nur in der inneren, also der empfundenen Zeit veränderbar. Doch wenn von Zeit die Rede ist, muss zwei Systemen Platz eingeräumt werden, die es erst ermöglichen Zeit wahrzunehmen. Gedächtnis und Erinnerung. Eine geläufige Metapher für das Gedächtnis ist das Archiv, der Archivar die Allegorie der Erinnerung. Diese Tropen zeigen vereinfacht, dass die verschiedenen Formen von Gedächtnis und die verschiedenen Arten von Erinnerung zu zwei getrennten Systemen gehören. Mit einem Blick auf diese Systeme, gefolgt von der Frage nach Formen der Verwendung von Zeit in der Malerei, soll im Folgenden zu einer Annäherung an die in ihrer Art sehr ähnlichen und doch diametralen Werke von On Kawaras „Today Series“ und Roman Opalkas „1965/1-∞“ geführt werden. Mit Fragen wie: „Welche Zeitformen gibt es in der Kunst? Wie kann man Zeit in Bilder sperren? Kann ich an etwas erinnert werden, was ich nie erlebt habe?“ soll aber auch ein grundlegender Anreiz zur vertieften Betrachtung der „Vierten Dimension in der Kunst“[3] gegeben werden.

2. Gedächtnis und Erinnern

Ich höre das Wasser rauschen, spüre den warmen Sand unter meinen Füßen, die heiße Sonne auf meiner Haut, rieche Sonnencreme und schmecke das Meer, höre die Möwen, fühle die Entspannung. Dennoch sitze ich am Kamin, in Decken gehüllt, noch frösteln Füße und Hände, draußen vergräbt der Schnee die Landschaft, es riecht nach Feuer, nach Holz und Glühwein. Nein, ich bin nicht verrückt. Das Photo in meiner Hand hat Erinnerungen wach gerufen. Nun entsteht eine Kette aus Eindrücken, die sich gegenseitig erwecken und aus den Tiefen des Gedächtnisses ins Bewusstsein drängen. Ich schwelge in Erinnerungen.

Es müssen nicht Photos sein. Jede Reizkonstellation ist in der Lage unterbewusst Eindrücke, also ähnliche oder verkettete Reizkonstellationen, ins Bewusstsein zu rufen. Gerüche und Musik erweisen sich als besonders zuträglich. Ein Inhalt wird aus dem Gedächtnis in das Bewusstsein gerufen. So unterscheidet man die Gedächtnisleistung als Vermögen, Wissen zu memorieren und das Erinnern als Vorgang des Zurückrufens in das Bewusstsein. Das Resultat ist die Erinnerung. Topoi wie „sich etwas ins Gedächtnis rufen“ oder „sein Gedächtnis auffrischen“ vernachlässigen diese Unterscheidung, da sie Gedächtnis und Erinnerung synonym gebrauchen. Erinnern wird im Folgenden in aktiv und passiv unterschieden. Passiv, also erinnert werden, soll hier den Prozess beschreiben, bei dem Wissen, dessen Existenz nicht bewusst ist, ins Bewusstsein überführt wird. Aktiv steht folglich für die bewusste Suche nach wissentlich Vorhandenem.

Zur Beschreibung individueller Erinnerungen findet sich bei Ursula Koch Folgendes: „Erinnerungen sind Erregungszustände des hochkomplexen Netzwerksystems der Gehirnzellen und von ‚Erinnerungszellen’ im ganzen Körper und damit von gleicher Qualität wie Bewusstseinszustände der Gegenwart.“[4] Weiter zitiert sie Siegfried J. Schmidt: „Gegenwart wird demnach an das Konzept ‚Bewusstsein’, Vergangenheit an das Konzept ‚Bekanntheit’ gekoppelt.“[5] Die Kopplung von Vergangenheit an das Konzept Bekanntheit ist nur dann akzeptabel, wenn Bekanntheit nicht ausschließlich darauf beruht, sich bewusst zu sein, jenes Wissen zu besitzen. Denn nur so ist es möglich, dass man an Dinge erinnert werden kann, die als längst vergessen oder als nie erlebt angesehen wurden.

Aleida Assmann bemerkt, „Das Phänomen Erinnerung verschließt sich offensichtlich direkter Beschreibung und drängt in die Metaphorik.“[6] Sie ergänzt die antiken raumorientierten Gedächtnismetaphern wie das „Magazin“ und die „Wachstafel“ um zwei zeitorientierte Metonymien zur Erinnerung: „Erwachen und Erwecken“.[7] Dies deckt sich in etwa mit den zuvor getroffenen Differenzierungen. Eine Erinnerung erwacht wie von selbst oder wird bewusst erweckt. Das Magazin als bewusst befülltes Arsenal und die Wachstafel als temporärer Speicher, in dem alles was ihn passiert Spuren hinterlässt.

Um dem natürlichen, notorisch vergesslichen Gedächtnis ein künstliches zuverlässiges beiseite zustellen, bedient man sich seit der Antike verschiedenster Mnemotechniken. Die ars memorativa ordnet aussagekräftige Bildformeln, imagines, als Umschreibung für Gedächtnisinhalte bestimmten Orten, den loci, zu. Die Gebäudemetaphern der loci Bibliothek und Tempel waren besonders beliebt.[8] Außerhalb ihres metaphorischen Gebrauchs verweisen sie jedoch auch auf ein existierendes System mit ähnlicher Funktion. Der Blick schwenkt aus dem Kopf eines Einzelnen auf eine Gemeinschaft. Weg vom individuellen Gedächtnis einer Person zu einem öffentlichen, kollektiven und kulturellen Gedächtnis, wie es soziale Gruppen, Körperschaften und Institutionen anlegen, dessen Substrat nicht mehr organisch sondern synthetisch ist.

Inhalte aus dem individuellen Gedächtnis kommen durch ihre Verbreitung, Annahme und Affirmation durch Andere in das kommunikative Gedächtnis der Alltagsgeschichte[9]. Herrscht in den entscheidenden Kreisen Konsens über die Relevanz, wird der Inhalt durch die Verwendung memorialer Zeichen wie Text, Bild, Ort etc. in das, die Vergangenheit und Zukunft sichernde, identitätsstiftende, kollektive Gedächtnis überführt. Bei der Schaffung von Geschichtsbildern spielt hier die Selektion, das willkürliche Vergessen eine tragende Rolle. Dem kollektiven Gedächtnis fehlt im Gegensatz zum individuellen die natürliche Form des unwillkürlichen Vergessens. Diese Speicherformen der Dauer, so betont es Assmann mehrmals, müssen mit Speicherformen der Wiederholung kombiniert werden. Sie verweist auf Riten, wie Feier- und Gedenktage, doch auch auf das einfache Nutzen der Quellen.[10]

Ein kollektives Gedächtnis begründet sich demnach auch immer in Erhalten, Tradieren und Sammeln. Um der Thematik des Aufsatzes, der Malerei, wieder näher zu kommen, sei bspw. auf die weltweit angelegten, identitätsstiftenden Sammlungen Altniederländischer Malerei hingewiesen. Sie tragen zu einer Annäherung der Vorstellungen über die Niederlande des 15. Jahrhunderts in den verschiedensten kollektiven, seien es soziale, institutionelle oder nationale Gedächtnisse bei. Doch nicht nur Bilder und Texte, in denen Geschehen der Geschichte mehr oder weniger explizit angesprochen werden, dienen als memoriale Zeichen.

Bereits in den 1920er Jahren wies Maurice Halbwachs auf die Unempfindlichkeit der materiellen Umgebung und der räumlichen Konstellationen hin. Da sie sich langsamer verändern als das leicht zu erhitzende Gemüt der Menschen, dienen sie als Ruhepol auf den sich das kollektive Gedächtnis stützt.[11] So kann man „ … von einem Gedächtnis aller organischen Materie, ja der Materie überhaupt, sprechen, in dem Sinne, daß gewisse Einwirkungen mehr oder weniger dauernde Spuren an ihr hinterlassen. Der Stein selbst behält die Spur des Hammers, der ihn getroffen hat.“[12] Man spricht von einem Gedächtnis der Materie.

Nun wäre es fraglich zu formulieren, dass sich der Stein durch die Spur ewig an den erfahrenen Schlag erinnert. Insofern ein Betrachter über den Umstand des erlittenen Schlages informiert ist, kann es sein, dass er, obwohl er auf die Frage, ob er einen geschlagenen Stein kenne, verneinte, beim Anblick dieses Steines den Klang des Hammers oder die Erzählerstimme wieder vernimmt. Ist der Betrachter nicht informiert, kann der Anblick des Steins zumindest Interesse wecken und bei einem ausreichenden Erfahrungsschatz eine sehr subjektive Geschichte erzählen. So zeigt sich, dass jede Erinnerung, sei es im individuellen oder kollektiven Gedächtnis, nur eine äußerst subjektive Interpretation der Vergangenheit ist. Doch wann wird die Gegenwart zu Vergangenheit?

3. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen sind unabdingbar für die geistige Gesundheit des Menschen. Ein „Ich“ ist angewiesen auf das Wissen um die eigene Vergangenheit und die Zuversicht auf Zukunftsfähigkeit, um vernünftig in der Gegenwart leben zu können.[13] Wissen um die Vergangenheit kann nur Erinnern an Geschichten, also an subjektive Interpretationen der Vergangenheit bedeuten. Dass der gestrige Tag zur Vergangenheit gehört wird niemand leugnen. Der Vormittag, die letzte Stunde, die letzen fünf Minuten; alles vergangen. Der sich in die Zukunft schiebende und die Vergangenheit nach sich ziehende Punkt der Gegenwart ist physikalisch gesehen unendlich klein, er konvergiert gegen Null. Ernst Pöppel zeigt jedoch in seinem Aufsatz „Die Rekonstruktion der Zeit“, dass für den Menschen die Dauer der Gegenwart neurologisch bestimmbar ist. So werden objektiv ungleichzeitige Reize subjektiv als gleichzeitig wahrgenommen. Der mögliche Versatz zwischen den Reizen hängt von den Wahrnehmungskanälen ab. Der auditive Kanal stellt den schnellsten dar. Nur bis zu einem Versatz von 3 ms werden zwei Reize als ein einzelner identifiziert. Im taktilen Bereich sind es 10 ms, im visuellen 20-30 ms. Die Wahrnehmung von Ungleichzeitigkeit unterscheidet sich jedoch vom Erkennen einer Abfolge. Um eine zeitliche Folge, eine Sukzession zu erkennen, bedarf es eines Versatzes von 30-40 ms. Er schließt die Hypothese an, dass dies die oszillatorische Feuergeschwindigkeit des menschlichen Nervensystems darstellt und uns somit Taktgefühl, eine innere Uhr und die kürzeste mögliche Dauer für die Wahrnehmung von Zeit und Gegenwart ermöglicht. Ebenso ist die maximale Dauer eines Moments bestimmbar, bei der dieser noch als Gesamtheit wahrgenommen werden kann. Sie liegt bei circa drei Sekunden. Pöppel führt hier das sehr deutliche Beispiel des „automatischen“ Perspektivwechsels aller drei Sekunden bei der Betrachtung eines „Neckerschen Würfels“ an.[14] Diese Erkenntnisse sind für die Analyse der Rezeption verschiedener Bildkompositionen sehr zuträglich.

[...]


[1] Ziel ist hier als Fixpunkt für den Blick des Betrachters, als Leseerleichterung zu verstehen.

[2] Der Psychologe Ernst Pöppel sieht Gleichzeitigkeit, Ungleichzeitigkeit, Aufeinanderfolge, Gegenwart und Dauer als die elementaren Zeiterlebnisse. cf.: Pöppel. in: Paflik. S.26.

[3] 1985 fand in der Kunsthalle Mannheim die Ausstellung „Zeit - Die Vierte Dimension in der Kunst“ statt, gefolgt von einer Wintervortragsreihe 1985/86, publiziert in: Paflik.

[4] Koch. S.29.

[5] Siegfried J. Schmidt; Gedächtnis – Erzählen – Identität. In: Aleida Assmann, Dietrich Harth (Hrsgg.); Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung; Fischer Wissenschaft (Frankfurt am Main); 1993. S.378-379. Zitiert nach: Koch. S.29.

[6] Assmann; 1996. S.16.

[7] cf.: ib. S.17.

[8] cf.: ib. S.18.

[9] Alltagsgeschichte ist das Wissen um Geschehnisse der ungefähr letzten drei Generationen, die als noch erlebt tradiert werden und daher keine Fixierung benötigen. So der englische Titel „Oral History“. Ohne Fixierung geht dieses Wissen nach 80-100 Jahren verloren. cf.: Koch. S.31.

[10] cf.: Assmann; 2000. S.21ff. Das Internet spiegelt den normalen Prozess der Verweisung im Zeitraffer wider. Wird eine Seite über längere Zeit nicht besucht, wird sie oft stillschweigend entfernt.

[11] cf.: Koch. S.35. ebenso Maurice Halbwachs; Das kollektive Gedächtnis; Enke (Stuttgart), 1967 (frz. zuerst 1950).

[12] Karl Spamer; Psychologie der Seele; Stuttgart; 1877. S.86. zit. nach Manfred Sommer; Evidenz im Augenblick; Frankfurt am Main; 1987; S.149f. zit. nach Assmann; 1996. S.26.

[13] cf.: Koch. S.30.

[14] cf.: Pöppel. S.26-30. Der „Neckersche Würfel“ ist die Parallelprojektion des Gitternetzes eines Kubus.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Künstlerische Darstellungen von Zeit. "1965/1-8" von Roman Opalka und "Today Series" von On Kawara
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Kunst- und Musikwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V75044
ISBN (eBook)
9783638726061
ISBN (Buch)
9783638755412
Dateigröße
1602 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Stilistik ausgezeichnet.
Schlagworte
Künstlerische, Darstellungen, Zeit, Archive, Zeit, Roman, Opalka, Kawara
Arbeit zitieren
Martin Arndt (Autor), 2007, Künstlerische Darstellungen von Zeit. "1965/1-8" von Roman Opalka und "Today Series" von On Kawara, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75044

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