"2.053.279, 2.053.280, 2.053.281, 2.053.282, 2.053.283, 2.053.284 … 2.074.916. So ziehen sich Zeilen aus 4 bis 5 mm großen Ziffern über die 196 mal 135 cm große Leinwand. Es ist der Umfang eines Details aus dem Lebenswerk „1965/1-∞“ von Roman Opalka. Gegen diesen langen Zug der Zeit wirkt das scharfe Aufblitzen eines „24.MÄRZ1976“ wie ein Segen. Ein konkreter Punkt an dem man verschnaufen und sich nur ihm zuwenden kann. Auch wenn On Kawaras „Today Series“ mittlerweile mehr als 2000 dieser Fixpunkte in der Vergangenheit gesetzt hat, an vielen Orten und in vielen Sprachen der Welt, immer in weiß auf dunklem Grund, so sind es nur Momente die er uns präsentiert.
Roman Opalkas ruh- und rastlose Sukzession von stetig steigenden Ziffern zeigt die Unaufhaltsamkeit der Zeit, ohne feste Punkte, ohne Bezug auf eine äußere Zeit. Allein die stetigen Zäsuren zwischen den immer blasser und gebrechlicher werdenden Ziffern des fast ausgemalten Pinsels und den frisch und kräftig aufleuchtenden nach neuer Farbaufnahme lassen eine Binnenzeit erkennen, einen Rhythmus und ein Ziel.
Zeit, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft sowie Dauer, Momentaneität, Simultaneität und Rhythmus stehen in einem apriorischen Verhältnis. Sie manifestieren sich in Ruhe und Veränderung. Die physikalische Vehemenz der äußeren, der realen Zeit scheint nur in der inneren, also der empfundenen Zeit veränderbar. Doch wenn von Zeit die Rede ist, muss zwei Systemen Platz eingeräumt werden, die es erst ermöglichen, Zeit wahrzunehmen. Gedächtnis und Erinnerung.
Wenn Zeit am einfachsten in Veränderung sichtbar wird, ist es fraglich, sie in einem statischen Medium wie der Malerei zu suchen. Hier sind die darstellenden Künste, Video- und Medienkunst und vor allem die Musik besser geeignet. Dennoch finden sich verschiedene Modi, Zeit in Bildern darzustellen und zu lesen.
Nach einer Hinleitung über die Begriffe Gedächtnis, Erinnerung, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und Individualzeit werden die verschiedenen Formen von Zeit in der Malerei untersucht und abschließend genutzt, um die unterschiedlichen Haltungen in On Kawaras „Today Series“ und Roman Opalkas „1965/1-∞“ hervorzuheben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Gedächtnis und Erinnern
3. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
4. Indiviualzeit
5. Zeitformen in der Malerei
5.1. Materialität
5.2. Genese
5.3. Kompositionsrezeption
5.4. Stil
5.5. Ikonographie
5.6. Dauer des Moments
6. „Today Series“
7. „1965/1-“
8. „Today Series“ - „1965/1-“
9. Künstliche Zeit in zeitgenössischer Kunst
10. Quellen
Monographien
Aufsätze
11. Auswahlbibliographie Kawara / Opalka
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die künstlerische Darstellung von Zeit und die Verbindung zum menschlichen Gedächtnis, indem sie die theoretischen Grundlagen der Zeitwahrnehmung mit den spezifischen Werken von Roman Opalka und On Kawara vergleicht, um zu ergründen, wie Zeit in statischen Bildern verankert und erfahren werden kann.
- Phänomenologie des Gedächtnisses und Erinnerns
- Neurologische und subjektive Zeitwahrnehmung
- Zeitliche Dimensionen in der Malerei (Materialität, Genese, Komposition)
- Analyse der „Today Series“ von On Kawara
- Analyse des Lebenswerks „1965/1-“ von Roman Opalka
- Vergleich der Konzepte von Dauer und Momentaneität
Auszug aus dem Buch
5. Zeitformen in der Malerei
Wenn Zeit am einfachsten in Veränderung sichtbar wird, ist es fraglich, sie in einem statischen Medium wie der Malerei zu suchen. Hier sind die darstellenden Künste, Video- und Medienkunst und aufgrund der schnellen auditiven Wahrnehmung vor allem die Musik besser geeignet. Dennoch finden sich verschiedene Modi, Zeit in Bildern darzustellen und zu lesen. Denn wozu sonst, wenn nicht als Vehikel, um eine Idee oder einen Eindruck gegen die Vergänglichkeit, sei es durch die Zeit, oder die Einsamkeit, zu wappnen, versucht sie der Maler statisch in Bildern zu binden?
Bei der Betrachtung eines Bildes spiegelt bereits die Beschaffenheit des Materials die vergangene Zeit wieder. Restauratoren setzen bei Gemälden häufig andere Prioritäten und versuchen diese Zeitform gekonnt zu kaschieren. Im Gegensatz dazu elaborieren Maler wie Sigmar Polke, durch das Einmischen von oxidierenden Materialen in die Farbe, Möglichkeiten das Bild intentional einem Veränderungsprozess zu unterwerfen. Das was einmal war, verändert sich und geht unwiederbringlich verloren. Replikate, die bewusste Beschädigung und der Aufgriff historischer Gestaltungsweisen zeigen den Spielraum des Künstlers, den Faktor Zeit außerhalb von Ikonographie und Komposition einzubringen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Grundlegende Hinführung zur Thematik der Zeitdarstellung in der Kunst anhand der Beispiele On Kawara und Roman Opalka.
2. Gedächtnis und Erinnern: Erläuterung der psychologischen und metaphorischen Aspekte von Gedächtnis, Erinnerung und deren Unterscheidung zwischen aktivem und passivem Prozess.
3. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft: Philosophische und neurologische Betrachtung der Zeitstrukturen sowie die Bestimmung der menschlichen Zeitwahrnehmung durch Reize.
4. Indiviualzeit: Analyse der biologischen inneren Uhr und der subjektiven Wahrnehmung von Zeit im Kontrast zur physikalischen Naturzeit.
5. Zeitformen in der Malerei: Systematische Untersuchung verschiedener Kategorien wie Materialität, Schaffensprozess und Komposition, durch die Zeit in statische Bilder eingeschrieben wird.
6. „Today Series“: Vorstellung des Werks von On Kawara und dessen prozessuale Dokumentation von Zeit durch tägliche Datenmalereien.
7. „1965/1-“: Darstellung von Roman Opalkas Lebenswerk, welches durch kontinuierliche Zahlenreihen einen Rhythmus des Alterns und der Zeit vergegenwärtigt.
8. „Today Series“ - „1965/1-“: Direkter Vergleich der beiden Künstler hinsichtlich ihres Umgangs mit Dauer und dem Fragmentarischen.
9. Künstliche Zeit in zeitgenössischer Kunst: Reflexion über die Bedeutung der Zeit in der zeitgenössischen Kunst vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Beschleunigung.
10. Quellen: Auflistung der verwendeten Monographien und Aufsätze.
11. Auswahlbibliographie Kawara / Opalka: Zusammenstellung weiterführender Literatur zu den beiden zentralen Künstlern.
Schlüsselwörter
Zeit, Malerei, Roman Opalka, On Kawara, Gedächtnis, Erinnerung, Today Series, 1965/1-, Zeitwahrnehmung, Materialität, Komposition, Dauer, Momentaneität, Kunstgeschichte, Subjektivität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der künstlerischen Auseinandersetzung mit Zeit und der Frage, wie diese in der statischen Malerei, insbesondere in den Werken von Roman Opalka und On Kawara, dargestellt und wahrgenommen wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die menschliche Zeitwahrnehmung, die Konzepte von Erinnerung und Gedächtnis sowie die verschiedenen formalen und inhaltlichen Mittel, mit denen Maler Zeitphänomene wie Dauer oder den flüchtigen Moment in ihre Werke integrieren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie Künstler Zeit durch prozesshafte Arbeit, Materialwahl oder Komposition als „Vierte Dimension“ in der Kunst greifbar machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine kunsthistorische und phänomenologische Analyse, um die Werke in den Kontext zeittheoretischer und gedächtnispsychologischer Ansätze zu stellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen über das Gedächtnis und Zeitwahrnehmung sowie eine detaillierte Untersuchung der Zeitformen in der Malerei, gefolgt von einer fallbezogenen Analyse der Arbeiten von Kawara und Opalka.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Zeitwahrnehmung, Dauer, kollektives Gedächtnis, prozessuale Malerei, Momentaneität und Identitätsstiftung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich On Kawaras Ansatz von dem Roman Opalkas?
On Kawara fokussiert auf die Dokumentation einzelner, fragmentarischer Tage („Today Series“), während Roman Opalka mit seinem lebenslangen Zählungsprojekt eine kontinuierliche, stetig fortschreitende Zeitspanne und das eigene Altern zum zentralen Thema macht.
Welche Rolle spielt das „Millionendetail“ in Opalkas Werk?
Das „Millionendetail“ markiert einen Wendepunkt in Opalkas Arbeit, ab dem er den Grauwert seiner Malerei systematisch um 1% pro Detail reduzierte, um letztlich in ein „Weiß auf Weiß“ überzugehen.
- Citar trabajo
- Martin Arndt (Autor), 2007, Künstlerische Darstellungen von Zeit. "1965/1-8" von Roman Opalka und "Today Series" von On Kawara, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75044