Postmans kleine Geschichte des Gebrauchwertes der Literalität


Zwischenprüfungsarbeit, 2004

31 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsübersicht

A) Einleitung

B) Hauptteil
I) Der Gebrauchswert von Literalität
II) Die Anwendungsfelder der Literalität
1.) Technik zur Perpetuierung der Sprache
2.) Wissensvermittlung, Wissenskonservierung und Wissensakkumulation
3.) Instrument der Konfliktbewältigung und der Herrschaft
4.) Literalität als Instrument der Persönlichkeitsformung
a) Auswirkungen der Perpetuierung von Worten
b) Auswirkungen des Erwerbs und Gebrauchs von Literalität
5.) Kleine Formen der Literalität
III) Mittelbare soziale und politische Folgen der Literalität.
1.) Einfluss auf die Organisation sozialer Systeme
2.) Aufkommen der modernen Wissenschaft
3.) Homogenisierende und separierende Folgen der Literalität
4.) Gesellschaftliche Vorstellungen vom Menschen
IV) Der „Unwert“ der Literalität
1.) Wissensüberflutung und Probleme der Wissenschaft
2.) Entfremdung des Bücherwissens vom Alltag / Autorität des geschriebenen Wortes
3.) Nachteile einer analytisch-begrifflichen Denkweise
4.) Negative Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung
5.) Gesellschaftlich separierende Wirkungen des Individualismus
V) Soziale Literalität und Fachliteralität
VI) Literalität in der heutigen BRD – Vorhandensein einer Computer-Litera-lität?
VII) Zusammenfassung und Ausblick

C) Literaturangaben

A) Einleitung

Die vorliegende Arbeit beabsichtigt, anhand zweier Texte von Neil Postman einen kleinen systematischen Überblick über den Gebrauchswert der Kulturtechnik Literalität zu geben. Sie versucht dabei eine Kombination normativ-ontologisch und kritisch-dia-lektischer Ansätze. Die Grundlage der Auseinandersetzung bildet Postmans Buch „Das Verschwinden der Kindheit“, ergänzend wird die Abhandlung „Keine Götter mehr“ herangezogen.

Obwohl Postmans Sicht der Literalität im Vordergrund der Erörterungen steht, erfolgen an gegebener Stelle weitergehende thematische Ergänzungen, wobei beabsichtigt ist, eine weitest-gehende Vorstellung über die Vielschichtigkeit und Komplexität, aber auch über Vor- und Nachteile der Literalität zu vermitteln. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann dabei ebenso wenig erhoben werden, wie einzelne Aspekte bis ins Detail zu analysieren oder zu bewerten, Ziel ist vielmehr, ein Ordnungsschema für eine Diskussion des Themas anzubieten. Insofern ist Postmans Sicht der Literalität eher der rote Faden der Erörterung, nicht aber der sie begrenzende Rahmen.

Die Arbeit gliedert sich in sieben Abschnitte. Zunächst werden die Begriffe Literalität und Gebrauchswert definiert, daran schließt sich eine Darstellung der Anwendungsgebiete der Literalität und deren positive Auswirkungen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene an. Danach wird auf den Unwert der Literalität, dass heißt auf ihre negativen Auswirkungen, eingegangen, und eine Differenzierung zwischen sozialer Literalität und Fachliteralität vorgenommen, um anhand dieser Begriffe eine Analyse des Status Quo in der heutigen BRD vorzunehmen. Im Rahmen dieser Untersuchung wird auch die Frage nach dem Aufkommen einer „Computer-Literalität“ erörtert werden. Schließlich wird im Rahmen einer abschließenden Zusammenfassung mit Ausblick der Versuch einer Prognose bezüglich der zukünftigen Entwicklung der Literalität unternommen.

B) Hauptteil

I) Der Gebrauchswert von Literalität

Um den Gebrauchswert von Literalität beurteilen zu können, müssen diese beiden Begriffe zunächst definiert werden.

Als Literalität versteht man grundlegend die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben (Postman 1982, S. 20)

Der Begriff des Gebrauchswertes setzt sich als Kompositum aus den Elementen Gebrauch und Wert zusammen, betrifft folglich sowohl Anwendungsgebiete, als auch den Nutzen der Literalität, welcher aber nur in Hinblick auf deren Auswirkungen und Folgen umfassend beurteilt werden kann.

Der Gebrauchswert ist zudem vom Tauschwert abzugrenzen, der die bloß unmittelbare Verwertbarkeit der Literalität verkörpert, sei es in Form von pekuniären Vorteilen oder von Karrierechancen, die sich einem lesekundigen Menschen eröffnen. Daher werden die Auswirkungen der Literalität auf die wirtschaftliche Konstitution von Individuen und Gesellschaften, trotz ihrer evidenten Bedeutung, nicht thematisiert werden.

II) Anwendungsfelder der Literalität

1.) Technik zur Perpetuierung von Sprache

Die grundlegende Aufgabe von Literalität ist sowohl die Transformation von gesprochener Sprache in eine schriftliche symbolische Darstellungsform als auch der reziproke Prozess des Decodierens und Umwandelns von schriftlichen Symbolen in gesprochene Sprache.

Der Vorteil des schriftlich dargestellten Wortes liegt darin, dass es grundsätzlich eine größere Haltbarkeit als das gesprochene Wort besitzt, welches in der Form von akustischen Schallwellen sowohl räumlich als auch temporär beschränkt ist. Der Wert von Literalität liegt somit in der Perpetuierung, dass heißt in der Verkörperlichung und Verewiglichung des Wortes, welche grundsätzlich die Weitergabe von Inhalten über die Lebenszeit des Autors hinaus ermöglichen (Postman – Kindheit S. 32). Große Bedeutung kommt der Perpetuierung vor allem in den Bereichen des Handels, der Herrschaft und des Rechts zu, in denen es auf Verlässlichkeit, Vorhersehbarkeit und Planungs- und Rechtssicher-heit ankommt (Postman 1982, S. 35f). Literalität ermöglicht es hier, sowohl verlässliche standardisierte Karten, als auch schriftliche Verträge und Urkunden anzufertigen, welche sich durch eine relative Fälschungssicherheit auszeichnen und somit ein höheres Maß an Verlässlichkeit und Verbindlichkeit bieten (Postman 1982, S. 40).

Durch die Möglichkeit der Verewiglichung des Wortes können bedeutsame Ereignisse dargestellt und über Generationen hinweg weitergegeben werden. Da diese Darstellungen in eine zeitliche Relation zum Lesenden gesetzt werden können, vermitteln sie somit anschaulich und erfahrbar einen Begriff von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sowie eine Vorstellung von der Kontinuität der Zeit (Postman 1982, S.130, 134).

Die Vorteile der Perpetuierung hängen aber von zwei Faktoren ab, einerseits von der Art der verwendeten Symbole und andererseits von dem Material, in oder auf dem das Wort verkörperlicht werden soll.

Grundsätzlich müssen sich die verwendeten Symbole durch Klarheit und Wiedererkennbarkeit auszeichnen (Postman 1982, S. 21). Beansprucht hingegen die Ausgestaltung der Symbole, z.B. durch die Betonung von Kalligraphie, zu hohe Aufmerksamkeit oder begünstigt sie Missverständnisse, so kann die Perpetuierung mangels Entzifferbarkeit fehlschlagen (Postman 1982, S. 21).

Bei der Wahl der Symbole spielt auch die Schriftart eine große Bedeutung. Alphabetschriften besitzen gegenüber Schrift-zeichensystemen den großen Vorteil, dass man akustische Laute, aus denen sich Worte in der gesprochenen Sprache zusammen-setzen, in Buchstaben transkribieren kann. Dies ermöglicht bei Kenntnis des Alphabets die schriftliche Darstellung und Wiedergabe jedes möglichen Wortes. Psychologisch betrachtet liegt der Vorteil der Alphabetschrift darin, dass ein Mensch beim Lesen den gedanklichen Transformationsprozess weder bewusst vornimmt, noch bewusst wahrnimmt. Vielmehr erschließt sich ihm als „unbewusster Reflex“ unmittelbar der Blick auf die Worte und deren Inhalte (Postman 1982, S. 21 und 90). Einschränkend muss aber erwähnt werden, dass hier idealtypisch von der Alphabetsprache die Rede ist, im Detail können sich aufgrund eines diachronischen Auseinanderfallens von Aussprache und Orthographie Probleme beim Transfer zwischen gesprochener und geschriebener Sprache ergeben, was sich vor allem beim schulischen Elementarunterricht oder auch beim Fremdsprachenerwerb gut beobachten lässt

Schriftzeichensysteme hingegen verknüpfen ganze Worte mit Zeichen, die individuell gelernt werden müssen. Daher ist hier die schriftliche Darstellung von Worten und deren Wiedergabe auf den Umfang der Kenntnis der Schriftzeichen eines Menschen beschränkt (vgl. Postman1982, S. 35)

Der zweite Faktor, von dem die Wirksamkeit der Perpetuierung des Wortes abhängt, ist das Material des verwendeten Mediums. Das Medium kann die Dauer und die Praktikabilität der Verkörperung beeinflussen, sowohl in der Bearbeitung, als auch im alltäglichen Umgang. So bieten Stein oder Holz den Vorteil längerer Haltbarkeit, leicht zu bearbeitende und zu verwahrende Medien ermöglichen hingegen eine vereinfachte Handhabung. Da in der Praxis der Praktikabilität gegenüber der Haltbarkeit der Vorrang eingeräumt wird, sind Papyrus, Pergament oder Papier bevorzugte Medien.

In engem Zusammenhang mit dem Material der Medien stehen auch die Techniken zur Herstellung von Schriftstücken. Diese beeinflussen aber nicht den Vorteil der Perpetuierung im eigentlichen Sinne, sondern nur die Form der Herstellung und Verbreitung von perpetuierten Worten. Somit spielen die Herstellungstechniken eine große Rolle hinsichtlich der Verfügbar-keit und Verbreitung perpetuierter Worten innerhalb einer Gesellschaft, welche wiederum gesellschaftliche Folgen auslösen. Ihre Bedeutung liegt daher eher im Bereich der sozialen Folgen vergegenständlichter Worte und sie können als Katalysatoren der Ausbreitung von Literalität bezeichnet werden. Die von Postman hervorgehobene Druckerpresse, aber auch die heutzutage übliche computergestützte Erstellung von Texten, welche grundsätzlich eine weltweite Verbreitung von Schriften über das Internet ermöglicht, sind nur Beispiele besonders effektiver Methoden, die man als Meilensteine der Herstellungstechniken bezeichnen kann.

2.) Wissensvermittlung, Wissenskonservierung und Wissens- akkumulation

Die Befähigung, Worte zu perpetuieren und perpetuierte Worte wahrzunehmen, ermöglicht einen erweiterten Umgang mit menschlichem Wissen. Dieses kann anders vermittelt, besser konserviert und akkumuliert werden.

Bis zum Aufkommen der Literalität erfolgte die Weitergabe von Wissen ausschließlich durch mündliche Überlieferung, die man als „Naturzustand der Kommunikation“ auf die biologische Disposition des Menschen für die Mündlichkeit zurückführen kann

(Postman 1982, S. 23). Das Aufkommen der Literalität als Kulturtechnik macht es aber möglich, Wissen dauerhaft festzuhalten und über die Lebzeit eines Autors hinaus schriftlich an folgende Generationen zu überliefern. Das Wissen wird daher unabhängig von der Anwesenheit des Autors jederzeit verfügbar und vermittelt einem Leser die Freiheit, je nach Bedarf und Verlangen auf dieses zuzugreifen. Zudem ist das verschriftlichte Wort nicht mehr auf einen bestimmten Adressatenkreis beschränkt, sondern kann einem größeren, in Voraus nicht antizipierten oder auch gar nicht beabsichtigten Personenkreis zugänglich sein (Postman 1982, S. 44 mit Bezug auf ein Zitat von Sokrates). Weiterhin ermöglicht Literalität auch einen Rückgriff auf zeitweilig untergegangenes Wissen, wie zum Beispiel wieder entdeckte antike Schriften (Postman 1982, S. 35f), was einen bestehenden Wissenstand ergänzen oder auch innovativ beeinflussen kann.

Ferner ist es möglich, Wissen und wertvolle kulturelle Geheimnisse aller Art in schriftlicher Form zu sammeln, so dass sich dem Lesekundigen eine große nicht überwachte, abstrakte Welt des Wissens eröffnet (Postman 1982, S. 23). Durch den vergrößerten Wissenstand wird ein größerer Fundus von Gesprächsthemen eröffnet (Postman 1982, S.. 40), die ihm Rahmen von Diskursen wiederum neues Wissen schafften können. Inhaltlich kann das das angesammelte Wissen alle Bereiche der Natur und des menschlichen Lebens betreffen, von praktischen Anleitungen (Postman 1982, S. 40), über abstrakte Inhalte bis hin zu schöngeistige Themenbereichen, wie Literatur, Kunst oder Musik reichen.

3.) Instrument der Konfliktregulierung und der Herrschaft

Literalität stellt auch ein Instrument der Konfliktregulierung und der Herrschaft dar. Im Bereich der Konfliktregelung liegt ihr Schwerpunkt auf der Perpetuierungsfunktion, an die eine Wahrheitsvermutung geknüpft wird, während im Rahmen der Herrschaft der Erwerb, der Besitz und der Erhalt von Wissen vorrangig sind.

Zur Konfliktregulierung werden Schriftstücke oftmals zu Beweiszwecken eingesetzt, dies gilt besonders für den Bereich der juristischen Konfliktregulierung. Vertragsbeziehungen oder An-sprüche werden durch Urkunden nachgewiesen (vgl. Postman 1982, S. 40), der Verlauf von Gerichts- und Verwaltungsverfahren in Protokollen dokumentiert, und deren Ergebnisse durch Urteile, Beschlüsse oder Verfügungen festgehalten. Die Nachweisfunktion der Schriftlichkeit resultiert dabei aus einer besonderen Wahrheitsvermutung, welche an die Schriftlichkeit geknüpft wird. Als Beispiele können hier der § 415 BGB für öffentliche Urkunden und der § 416 BGB für Privaturkunden dienen, in denen die Wahrheitsvermutung gesetzlich geregelt ist.

Die Wahrheitsvermutung des verschriftlichten, insbeson-dere aber des gedruckten Wortes geht auch in genereller Weise weit über den Bereich der Konfliktbehandlung hinaus. Einerseits hinterlässt die gedruckte Darstellung eines Ereignisses oftmals eine stärkere Wirkung als das eigentliche Geschehen selbst (Postman 1982, S. 40), andererseits verleiht die Druckschrift einem Inhalt vielfach einen unantastbaren, fast übermächtigen Ausdruck der Autorität, insbesondere dort, wo Verfasserangaben fehlen (Postman 1982, S. 43), zum Beispiel in Lehrbüchern, Lexika oder Gesetzes-kommentaren. Daran zeigt sich, wie wichtig die Perpetuierung auch für die Verfestigung und den Erhalt einer Definitionsmacht gewisser gesellschaftlicher Gruppen ist, was Literalität zum Herrschaftsinstrument werden lässt.

Herrschaft, als besonders wichtiger Unterfall von Macht, ist charakterisiert durch dauerhafte, institutionalisierte und durch Regeln eingrenzte, wechselseitige Beziehungen zwischen Herrscher und Beherrschtem (Schmidt 1995, S.399). Eine Verschriftlichung dieser Normen ermöglicht es, die jeweilige Beziehung zwischen Herrscher und Beherrschten überschaubarer, handhabbarer und berechenbarer zu machen. Für den Herrscher hat dies den Vorteil einer stärkeren Kontrolle der Beherrschten durch effektivere Organisation seines Herrschaftsapparates. Eine Verschriftlichung der herrschaftlichen Regeln schützt die Beherrschten aber auch vor Willkürakten des Herrschers, der sich durch die Niederschrift von Regeln festlegt, eine Kontrolle von außen ermöglicht, und sich somit quasi selbst beschränkt.

Literalität ist außerdem conditio sine qua non für eine effektive Staatsverwaltung, sei es in der Form des Wirtschaftens, des Verwaltens oder des Beherrschens. Dies wird vor allem evident, wenn es um die Beherrschung größerer Gebiete geht, wie ein Vergleich des Römischen Reiches mit mittelalterlichen Feudalstrukturen zeigen kann.

Entscheidende Bedeutung für die Eignung als Herrschafts-instrument kommt der Literalität aber besonders durch ihre Fähig-keit zu, Wissen sowohl zu vermitteln, zu akkumulieren, und zu konservieren. Überlegenes Wissen ist ein zentraler Machtfaktor, welcher das Verhältnis verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zueinander bestimmt (Postman 1982, S. 100f). Literalität stellt hierbei sowohl eine Zugangmöglichkeit zum Wissen, als auch gleichzeitig ein Zugangshindernis dar. Postman spricht in diesem Zusammenhang vom Paradoxon der Literalität, da die Literalität zwar einerseits das Wissen einem breiten Publikum vermitteln und somit Wissensmonopole sozialer Gruppen zerstören kann, aber gleichzeitig den Zugang zu diesem Wissen von der Fähigkeit abhängig macht, lesen und schreiben zu können (Postman 1982, S. 61 und 100f). Aus diesem Grund lässt sich sowohl an historischen als auch an gegenwärtigen Beispielen ein ambivalenter Umgang mit Literalität nachweisen. Dieser besteht darin, über Literalität Wissen und somit Macht zu akkumulieren, aber gleichzeitig durch das Vorenthalten oder die Verfachlichung der Literatur andere soziale Gruppen aus Gründen des Machterhalts und des Besitzstandschutzes vom Wissen auszuschließen. Postman selbst führt die katholische Kirche an, welche im Mittelalter über die Literalität und insbesondere über die Verwendung der lateinischen Sprache die Ideen, die Organisation und die Loyalitäten einer großen, vielfältigen Bevölkerung zu kontrollieren suchte (Postman 1982, S.22). Weiterhin trat sie über das Aufstellen eines Indexes und das Gleichsetzen von Lesen mit Häresie einer Aushöhlung ihrer weltlichen Macht entgegen (Postman 1982, S. 50). Ähnlich motiviertes und geartetes Verhalten lässt sich auch in den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen oder neuerdings in den Bemühungen der chinesischen Regierung erkennen, über die Überwachung des Zugangs zum Internet ideologische Zensur zu betreiben, um so ihre Kontrolle über die Bevölkerung zu behalten. Abgeschwächte Formen von Zensur finden sich aber auch im Rahmen von Kinderliteratur, welche aus pädagogischen Gründen die Darstellung bestimmter Inhalte einschränkt oder komplett ausklammert, aber auch so Kinder einer Kontrolle durch Erwachsene unterwirft. (Postman 1982, S. 91f). Als Beispiel für den Machterhalt durch Verfachlichung des Wissens erwähnt Postman die Bedeutung der Literalität für die Berufsstände, die eine Abgrenzung zu Laien ermöglicht (Postman 1982, S. 101).

Literalität ist aber auch Grundlage dessen, was Michael Foucault „Disziplinarmacht“ nennt, nämlich einer Erfassung, Sammlung und Fixierung des Wissens über Beherrschte, welche die Ausübung von Macht und Kontrolle der Beherrschten bis hin ins feinste Detail ermöglicht und daher eine „Schriftmacht“ darstellt (Foucault 1976, S. 243f).

4.) Literalität als Instrument der Persönlichkeitsformung

Der Erwerb und die Ausübung von Literalität wirken sich auch auf die Persönlichkeitsentwicklung aus, und können somit auch als Instrument zur Persönlichkeitsformung dienen.

a) Auswirkungen der Perpetuierung von Worten

Die Perpetuierung von Worten ermöglicht es, die eigene Sprache in einer dauerhaften. reproduzierbaren und standardisierten Form niederzulegen, und sich daher mit ihr und den in ihr enthaltenen Gedanken und Ideen intensiv auseinanderzusetzen (Postman 1982 S. 43). Dies kann einerseits als Reflexion über fremde Ideen zum Zwecke der Meinungsbildung, oder als Thematisierung eigener Gedanken und der eigenen Person zum Zwecke der Selbsterkenntnis erfolgen. Gerade in der Auseinandersetzung mit sich selbst ermöglicht Literalität sowohl das schriftliche Niederlegen und Ordnen von Gedanken, die Realisierung von Unbewusstem, als auch eine Differenzierung von Vorstellungen und Überzeugungen, Wünschen und Emotionen. Insofern ermöglicht Literalität, komplexe persönliche Vorgänge und Verwirrungen, die durch eine Vermengung von rationalen und emotionalen Aspekten gekennzeichnet sind, zu bewältigen und somit ein Stück weit selbst gesteuerte Psychohygiene zu betreiben. Zudem lassen sich so die, in solchen Zusammenhängen häufig auftretenden Identitätsfragen klären.

Außerdem vermittelt Literalität einen größeren Wortschatz und größere syntaktische Ausdrucksmöglichkeiten, welche die Fähigkeit, innere Zustände wahrzunehmen und darzustellen, erweitert. Aus diesem Grunde ist Literalität nicht nur Instrument der Objektivierung subjektiver Gedanken, sondern kann auch eine Option zur Sublimierung von Trieben oder Impulsen sein.

Da sowohl das schriftliche Niederlegen von Sprache, als auch das Lesen von geschrieben Inhalten nicht so schnell erfolgen kann wie eine akustische Produktion und Rezeption von Lauten, bedingt Literalität grundsätzlich auch eine Verlangsamung der Kommunikation, welche aber gleichzeitig mit einem bedachtsameren und intensiveren Denken einhergeht (Postman 1982, S. 134). Insofern kann Literalität eine Geisteshaltung der Nachdenklichkeit begünstigen (Postman 1982, S. 144).

b) Auswirkungen des Erwerbs und Gebrauchs von Literalität

Der Erwerb von Literalität stellt eine kulturelle Konditionierung dar, die eine Auseinandersetzung mit der Abstraktion von Sprache als Schriftform erfordert. Dieser Konditionierungsprozess setzt aber Verhaltensweisen voraus, welche der ursprünglichen Natur des Menschen entgegenstehen und die der Literalität eine Art Unterdrückungscharakter verleihen. Dieser Formierungsdruck bewirkt aber auch die Ausbildung nützlicher, und zivilisatorisch notwendiger Charaktereigenschaften (vgl. Postman 1982, S. 102 für den Aspekt der Selbstbeherrschung).

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Postmans kleine Geschichte des Gebrauchwertes der Literalität
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Soziologie und Sozialpsychologie)
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
31
Katalognummer
V76038
ISBN (eBook)
9783638884983
ISBN (Buch)
9783638886574
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postmans, Geschichte, Gebrauchwertes, Literalität
Arbeit zitieren
Dipl.Jurist Marco Sievers (Autor), 2004, Postmans kleine Geschichte des Gebrauchwertes der Literalität , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76038

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