Hans Blumenbergs Begriff der „actio per distans“


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung und Hinführung zum Thema

II. Der Mensch als ein riskantes Lebewesen

III. Variationen und Instrumente der Körperausschaltung

IV. Exkurs – Hans Blumenbergs phänomenologische Anthropologie im schulischen Rahmen

V. Fazit – die Bedeutung der „actio per distans“ in Blumenbergs Anthropologie

Literaturverzeichnis

I. Einleitung und Hinführung zum Thema

Nicht die Frage nach dem Wesen des Menschen ist es, die Hans Blumenberg in dem im Jahre 2006 herausgegebenen Werk „Beschreibung des Menschen“[1] in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellt.[2] Das Hauptaugenmerk seiner phänomenologischen Anthropologie liegt vielmehr darauf, was am Menschen am auffälligsten ist, auf den Erscheinungen also. So ist der Mensch der einzige Primat, der ausschließlich aufrecht geht und steht. Daraus folgt für Blumenberg, dass der Mensch nicht nur ausgezeichnet sieht sondern auch sehr leicht gesehen wird (werden kann). Es ist demzufolge die Visibilität des Menschen, die seine Existenz und sein Bewusstsein auf das Nachhaltigste bestimmt.

Die Begriffe phänomenologisch und Anthropologie in einen Zusammenhang zu bringen mag zunächst überraschen. Denn Blumenbergs Denken fand seinen Ausgangspunkt im Spannungsfeld der Traditionen von Edmund Husserl und Martin Heidegger. Diese beiden Philosophen verband eine ablehnende Haltung gegenüber der philosophischen Anthropologie. „Zu den Sachen selbst“, so lautete das Programm, das Husserl in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ausarbeitete.[3] Er konzentrierte sich dabei darauf, wie die Dinge dem Menschen erscheinen, wie er sie als Phänomene sieht. Auch Heidegger geht zu der „anthropologischen Mode“ des frühen 20. Jahrhunderts auf Distanz, wenn er anmerkt, das keine Zeit weniger über den Menschen wüsste, als diejenige, in der er selbst lebe.[4]

Seit den siebziger Jahren wandte sich Blumenberg jedoch anthropologischen Fragestellungen zu.[5] In diesem Zusammenhang setzte er sich intensiv mit den Arbeiten von Arnold Gehlen, Paul Alsberg, Max Scheler und auch Ernst Cassirer auseinander. Auch in dem in dieser Arbeit bearbeiten Kapitel VIII des oben genannten Werkes unter dem Titel „Existenzrisiko und Prävention“ sind zahlreiche Anklänge an diese Philosophen zu finden.[6]

Im Zentrum dieser Arbeit wird ein Grundbegriff des Blumenbergschen Denkens stehen: die Distanz.[7] Der Begriff der Distanz ist aus dem Werk Hans Blumenbergs nicht wegzudenken, so auch nicht aus seinen anthropologischen Überlegungen. So soll in dieser Hausarbeit aufgezeigt werden, wie Hans Blumenberg den Topos der „actio per distans“ in seiner Anthropologie verortet und begründet. Ferner gilt es, die Beschaffenheit und das Vorkommen der actio per distans in der menschlichen Natur (und Kultur) herauszustellen sowie die existentiellen Folgen darzustellen, die sich aus diesem Prinzip ergeben. Als ein kurzer didaktischer Exkurs werden die Chancen und Möglichkeiten (auch Schwierigkeiten und Grenzen) aufgeführt, die mit einer schulischen Verwendung des in dieser Abhandlung bearbeiteten Themas einhergehen könnten.

II. Der Mensch als ein riskantes Lebewesen

Nach Blumenberg ist die Evolution des Menschen durch einen schrittweisen Abbau von Existenzrisiken gekennzeichnet. So sei die natürliche Selektion lediglich der Mechanismus eines Systems, in dem jeder Entwicklungsschritt die Lösung eines Problems bedeute. Doch stellt der Mensch unter den Lebewesen auf der Erde einen Sonderfall dar, oder wie Blumenberg es ausdrückt: „Der Mensch ist die verkörperte Unwahrscheinlichkeit. Er ist das Tier, das trotzdem lebt.“[8] Der Mensch lebe seit Anbeginn, spätestens aber als er in die Savanne trat, in einer risikoreichen Situation. Diese Sachlage präge seine Existenz viel nachhaltiger als bei anderen Lebewesen. So bestimme nach Blumenberg das Risikobewusstsein das Leben der Vorfahren des heutigen Menschen. Dieses offene Risiko, das in der menschlichen Existenz mitschwingt, trotz aller evolutionären Erfolge, lässt Blumenberg eine weitere These aufstellen, die den Begriff der Kultur einführt. Der Mensch erscheint an dieser Stelle sowohl als ein natürliches als auch ein künstliches Wesen. Doch dabei geht es Blumenberg zunächst nicht darum, den Menschen entweder als ein armes Wesen (das instinktarme Mängelwesen bei Gehlen[9]) oder als ein reiches Wesen (reich in seiner schöpferischen Symbolik bei Cassirer) herauszustellen. Einer Alternative an dieser Stelle den Vorzug zu geben, ist nicht die Absicht Blumenbergs, es geht ihm um etwas wesentlich fundamentaleres, wenn er ausführt:

„Aber gerade diese Tatsache, daß die menschliche Kultur die Abschirmung gegen Existenzrisiken übernommen hat, legt die Vermutung nahe, daß der in ihr inhärente Organismus am biologischen Abbau der Existenzrisiken durch Evolution nicht mehr teilgenommen hat. [...] Es ist die Aufgabe einer philosophischen Anthropologie, den Sachverhalt begreiflich zu machen, daß der Mensch am Ertrag der Evolution als einer Optimierung der Anpassung und Reduzierung des physischen Existenzrisikos nicht mehr teilnimmt und daß er sich dies nur dauernd leisten kann, wenn er auf der Flucht vor dem Zugriff der natürlichen Selektion fortschreitet.“[10]

Die Menschen haben nach Blumenberg also trotz der mangelhaften Ausstattung eine Absicherung im Rahmen der menschlichen Kultur gefunden. In diesem Sinne hat Blumenberg die beiden Ansätze von Gehlen und Cassirer herangezogen und sie gleichsam verbunden.

Der Lebensraum des Vorläufers des Menschen verortet Blumenberg in den prähistorischen Urwald mit all seinen Verstecken.[11] Dieser Wald ist eine Umwelt ohne Horizont, wie Blumenberg ausführt, und an dieser Stelle tritt sodann ein Problem auf, wenn man sich vor Augen führt, dass „Zeit haben“ für dieses Lebewesen elementar ist.[12] Im Wald kann die Gefahr ganz nah sein, ohne dass dieses Lebewesen davon Kenntnis hat. Dies ändert sich in dem Moment, in dem die Steppe betreten wird. Durch die Anordnung der Augen und den damit einhergehenden Vorzug des perspektivischen Sehens kann dieses Lebewesen ausgezeichnet nach einer Seite sehen. Im Umkehrschluss kann es aber auch von allen Seiten gesehen werden. An dieser Stelle kommt die bereits oben erwähnte Sichtbarkeit zum Tragen. In diesem Zusammenhang führt Blumenberg den Begriff der Prävention als Inbegriff von Rationalität und Antithese zur Angst ein. In diesem Sinne ist die Prävention „Einstellung auf alles, was in einem gegebenen Horizont möglich ist“.[13] Ausschau und Vorausschau bringen demzufolge, wenn die gefährdete Stellung und das Gesehenwerden in Rechnung gestellt werden, die Prävention hervor. Aus ihr erwacht auch die Aggressivität, die keinem Trieb entspringt, sondern vielmehr aus der verstandesmäßigen Beurteilung der Situation hervorgeht, mit dem Zweck, allen Möglichkeiten zuvorzukommen.

Das Bewußtsein des eigenen Todes setzt der Prävention die Grenze ihrer Notwendigkeit, dem Zeitgewinn das Maß der Möglichkeit; zugleich ist der fremde Tod der Grenzbegriff jeder Prävention, die absolute Sicherung dagegen, daß der andere Mensch jemals noch den eigenen Horizont überschreiten kann. Der Mensch ist das Wesen das Seinesgleichen tötet. Er tut das nicht aus Willkür, sondern weil er den Gedanken der Prävention zu Ende gedacht hat.[14]

[...]


[1] Blumenberg, Hans: Beschreibung des Menschen. Aus dem Nachlaß, herausgegeben von Manfred Sommer, Frankfurt a.M. 2006.

[2] Dabei steht diese Frage bis heute im Zentrum der Disziplinen, die nach dem Menschen fragen. Siehe Scherer, Georg: Philosophische Anthropologie. Bamberg 2005, S. 8ff.

[3] Siehe Arlt, Gerhard: Philosophische Anthropologie. Stuttgart 2001, S.43 ff. Seine Sicht der Anthropologie offenbart Husserl zum Beispiel in einem Brief an Karl Löwith aus dem Jahr 1937: „Hoffentlich gehören sie nicht zu den „Frühvollendeten“, zu einer fertigen Position Gekommenen, so daß sie noch ihre innere Freiheit haben, Ihre Anthropologie „einzuklammern“ und auf Grund meiner neuen, gereiftesten Darstellung verstehen, warum ich alle Anthropologie zur philosophisch naiven Position rechne und warum ich die Methode der phänomenologischen Reduktion als die allein philosophische anerkenne, als die einzige, die universale Selbsterkenntnis [...] erreicht.“ Arlt, a.a.O., S. 45.

[4] Vgl. ebda., S. 46.

[5] Siehe Müller, Oliver: Sorge um die Vernunft. Hans Blumenbergs phänomenologische Anthropologie. Paderborn 2005, S. 18.

[6] Generell ist von einer eher komplizierten Schreib- und wohl auch Denkweise Hans Blumenbergs auszugehen. Der rote Faden erschließt sich in einigen Textpassagen nicht sogleich auf Anhieb. Es ist aber interessant zu bemerken, dass auch Blumenberg-Kenner dieses so anmerken. Siehe Wetz, Franz Josef: Hans Blumenberg zur Einführung. Hamburg 2004, S. 9.

[7] Siehe Blumenberg (wie Anm. 1), S. 399.

[8] Ebda., S. 550.

[9] Siehe zum Beispiel dazu Gehlen, Arnold: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. 14. Aufl., Wiebelsheim 2004, S. 20.

[10] Blumenberg (wie Anm. 1), S. 551.

[11] Vgl. ebda., S. 564.

[12] Vgl. ebda., S. 558.

[13] Ebda., S. 565.

[14] Ebda., S. 610.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Hans Blumenbergs Begriff der „actio per distans“
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Hans Blumenberg: Beschreibung des Menschen
Note
2,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V76613
ISBN (eBook)
9783638808798
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hans, Blumenbergs, Begriff, Blumenberg, Beschreibung, Menschen
Arbeit zitieren
Tobias Thiel (Autor), 2007, Hans Blumenbergs Begriff der „actio per distans“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76613

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