Ein in der Neueren deutschen Literatur oft vernachlässigtes Feld stellt die Interkulturelle Germanistik da. Sie umfasst deutschsprachige Werke nicht deutschsprachiger Autoren. Diese können entweder aus der Nachfolgegeneration von Einwandern stammen, aber auch selbst aus den unterschiedlichen Gründen zugewandert sein. Oft werden dabei Migrationserfahrungen bzw. Erfahrungen in einem kulturellen "Zwischenraum" literarisch verarbeitet. Gerne werden diese mit Homi Bhabas Theorie des "Third Space" gedanklich gefasst. Bei Yoko Tawada liegt der Fall etwas anders, da sich ihre Werke gegen derartige theoretische Durchdringung sperren. Sie steht in der deutschsprachigen Literatur einzigartig da. Nicht nur, dass die japanische Autorin aus eigenem Willen und nicht aus politischer Notwendigkeit nach Deutschland kam. Auch ihr Verständnis von Interkulturalität geht weit über eine literarische Verarbeitung von Fremdheitserfahrung hinaus. Vertraut mit den gängigen theoretischen Diskursen um Sprache und Fremdheit, setzt Tawada ihre "Fremdheitserfahrung" in der Sprache selbst an. Da aus Tawadas Sicht die Sprache die Realitätswahrnehmung konstituiert, ist Fremdheit bei ihr keine "Alltagserfahrung" sondern wird vorerst zum sprachlichen Phänomen, was sich aber dennoch körperlich wahrnehmen lund damit im Alltag erfahren lässt. Fremde ist bei Tawada eingewandert in die Sprach selbst. Während die Essays die durch Sprache gemachte alltägliche Fremde eines Ichs sichtbar machen und nie klar ist, wo die Grenzen jener Ich-Identitäten anfangen und wo sie aufhören experimentiert sie in ihren Theaterstücken mit einer "Sprache" der Fremde und versucht auch gezielt, eine neue Sprache daraus hervorgehen zu lassen, die jene Polarität von eigen und fremd gar nicht mehr entstehen lässt. Hierbei bewegt sie sich auf einem sehr produktiven wie und gleichzeitig fatalen Pfad, denn während ihre Sprachexperimente tatsächlich neue kreative Varianten sprachlichen Erlebens hervorbringen ist das Scheitern der Überwindung einer polaren Sprache auch immer schon mit inbegriffen. Die Arbeit versucht, die sprachliche Verfahrensweise von Tawada anhand einiger von Yoko Tawadas Prosatexten und Theaterstücken aufzuzeigen und jene existenzielle Dimension von Fremdheit herauszuarbeiten, die sich durch Tawadas Werke zieht und gleichzeitig in existentielle Bereiche vordringt, da sie die Gültigkeit jedweder Systeme in Frage stellt.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
I) Forschungsüberblick
Zusammenfassung
II) Textanalytischer Teil
1. Talisman
a) „Eigentlich darf man es niemandem sagen, aber Europa gibt es nicht“
b) „Eine Scheibengeschichte“
2. Die Theaterstücke
a) „Die Kranichmaske, die bei Nacht strahlt“
a1) „Fremde“ und Wassermetaphorik
a2) Tod, Sarg und weibliche Leiche
a3) „Sprache der Toten“ - „Sprache der Lebenden“
a4) Die Bedeutung der Zahlen im Prolog
a5) Die Stimmen
a5.1. Die Zahl „Eins“ oder der Bruder
a5.2. Die Zahl „Zwei“ oder die Schwester
a5.3. Die Zahl „Drei“ oder der Nachbar
a5.4. Die Zahl „Vier“ oder der Übersetzer
a6) Die Verwandlungen/Das Maskenspiel
b) „Wie der Wind im Ei“
b1) Zur Handlung und den zentralen Personenkonstellationen
b2) Fruchtbarkeits- und Schwangerschaftsmetaphorik
b3) Das Schreibprojekt der Frau
b4) Die Personen
b5) Zur Verknüpfung von Inhalt und Sprache im Stück
c) Zum Aufführungspotenzial beider Theaterstücke
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Yoko Tawada das Thema „Fremde und Sprache“ literarisch entwickelt und verarbeitet. Im Zentrum steht dabei die Verschiebung von einer explizit biographisch geprägten Migrationserfahrung hin zu einer generellen, sprachlich konstituierten Fremdheit, die nicht mehr im Außen verortet ist, sondern sich im Inneren der Sprache selbst manifestiert.
- Literarische Auseinandersetzung mit Identitätskonstruktionen.
- Kritik an Wahrnehmungs- und Sprachkonventionen.
- Analyse der Bedeutung von Körperlichkeit in Bezug auf Sprache.
- Untersuchung von Sprachspielen und Metaphorik (Wasser, Zahlen, Masken).
- Intertextuelle Bezüge zu theoretischen Ansätzen der Kulturwissenschaft.
Auszug aus dem Buch
Die „japanische Brille“
Die „japanische Brille“ kann vielmehr als ein imaginäres Konstrukt verstanden werden, das eine (vermeintlich) neutrale Beobachterposition zu ermöglichen scheint. Durch die „japanische Brille“ kann die Ich-Erzählerin Dinge von „Europa“ wahrnehmen, die sie sonst nicht wahrnehmen könnte, zum Beispiel „(...) daß ein europäischer Körper immer nach einem Blick sucht.“
Doch lockt Tawada den Leser mit ihrem Konstrukt der „japanischen Brille“ auf eine trügerische Fährte. Denn das Aufsetzen einer „Brille“ suggeriert eine selbstbestimmte und anscheinend reversible Geste, denn wie ein Kleidungsstück oder auch eine Maske kann eine Brille nach Belieben aus- oder angezogen werden. Der Akt beinhaltet also ein spielerisches und rituelles Moment. Darin unterscheidet sich eine solche Wahrnehmung aber nur scheinbar von Xanders Blick, der diesen selbstbestimmten, spielerischen Umgang mit seiner Wahrnehmung nicht beherrscht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Einleitung beleuchtet die Einzigartigkeit Yoko Tawadas als Schriftstellerin, die ihre Migrationserfahrungen durch eine sprachkritische Reflexion überwindet und die „Fremde“ als in der Sprache selbst verankert darstellt.
Forschungsüberblick: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die bisherige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Tawadas Werk, wobei Schwerpunkte auf Aspekten der Verwandlung, Identität und Sprache liegen.
Zusammenfassung: Dieser Abschnitt resümiert die theoretischen Ansätze der Forschung und ordnet Tawadas literarische Position in den Diskurs ein.
Textanalytischer Teil: Die Analyse untersucht konkrete Texte Tawadas, um die Verschiebung von der optischen Wahrnehmung zur körperzentrierten Sprache aufzuzeigen.
Talisman: Der Abschnitt interpretiert die Essays „Eigentlich darf man es niemandem sagen, aber Europa gibt es nicht“ und „Eine Scheibengeschichte“ im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Fremdsprache und Realitätswahrnehmung.
Die Theaterstücke: Die Analyse der Stücke „Die Kranichmaske, die bei Nacht strahlt“ und „Wie der Wind im Ei“ verdeutlicht die radikale Abkehr von logozentrischen Strukturen hin zu einer neuen, körperlich begründeten Mehrstimmigkeit.
Schluss: Das Fazit fasst zusammen, wie Tawada durch die Konfrontation mit der Fremdsprache kreative Neuschöpfungen generiert, die über traditionelle Identitätskategorien hinausgehen.
Schlüsselwörter
Yoko Tawada, Fremdheit, Sprache, Identitätskonstruktion, Migration, Wahrnehmung, Körperlichkeit, Intertextualität, Postkolonialismus, Metaphorik, Maskenspiel, Mehrstimmigkeit, Sprachkritik, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das deutschsprachige Werk von Yoko Tawada, insbesondere deren Essays und Theaterstücke, unter dem Fokus, wie die Autorin das Thema „Fremde und Sprache“ literarisch verarbeitet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die sprachliche Konstruktion von Realität, die Rolle des Körpers im Spracherwerb und -ausdruck sowie das Spiel mit kulturellen und identitätsbezogenen Kategorien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Tawada den Begriff der „Fremdsprache“ über rein biographische Erfahrungen hinaus weiterentwickelt, hin zu einer allgemeinen „Fremdheit“ der Sprache an sich.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine detaillierte Textanalyse mit einer kritischen Auseinandersetzung mit existierender Sekundärliteratur sowie intertextuellen Bezügen zur Literatur- und Kulturwissenschaft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst ausgewählte Essays aus „Talisman“ und „Überseezungen“ interpretiert, gefolgt von einer intensiven Analyse der Theaterstücke „Die Kranichmaske, die bei Nacht strahlt“ und „Wie der Wind im Ei“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind „Sprachfremde“, „Identitätskonstellation“, „Wassermetaphorik“, „Mehrstimmigkeit“ und die „Auflösung des festen Ichs“.
Wie interpretiert die Autorin die Rolle des „Übersetzers“ in den Theaterstücken?
Der Übersetzer wird als komplexe Figur begriffen, die nicht bloß dolmetscht, sondern im Prozess der Sprachentfremdung selbst Teil einer instabilen Ordnung wird, die an der Unübersetzbarkeit bestimmter Sprachkerne scheitert.
Welche Bedeutung hat das Symbol des „Eies“ im Stück „Wie der Wind im Ei“?
Das Ei fungiert als Symbol für Geburt und Fruchtbarkeit, das eng mit dem Schreibprozess verknüpft ist, wobei die Fruchtbarkeit oft als rätselhafter, unkontrollierbarer Prozess dargestellt wird.
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- Petra Leitmeir (Author), 2007, Sprache, Bewegung und Fremde im deutschsprachigen Werk von Yoko Tawada, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76850