Die zu Anfang zitierten Folgerungen Goethes scheinen zunächst logisch und durchaus treffend zu sein. Sie werfen jedoch bei genauerer Betrachtung zahlreiche Fragen auf, die es im Verlauf dieser Arbeit zu erörten gilt.
Aus welchem Grund wird der Mythos – nicht im Sinne von einer „Erzählung, die sich vor der Folie eines kosmischen und übernatürlichen Bezugsrahmen“ (Metzler Lexikon der Literatur- und Kulturtheorie (2001): 463) abspielt, sondern eines „(vorzugsweise narrativen) Bezugs auf die Vergangenheit, der von dort Licht auf die Gegenwart und Zukunft fallen lässt“ (Assmann, 1997: 78) – höher angesehen als die wissenschaftliche Geschichtsschreibung? Und bezieht sich dieser Vergleich lediglich auf den künstlerischen Wert der Vergangenheitsvermittlung oder versucht er ebenso, eine Antwort auf die seit Jahrhunderten strittige Frage zu geben, ob sich die wissenschaftliche oder die fiktionale Beschreibung vorangegangener Ereignisse als authentischer und damit als wirkungsvoller erweist? Was genau ist die Wirkungsabsicht der Historiographie? Inwiefern steht sie in Bezug zur Gegenwart – zum kulturellen Gedächtnis?
Diese Fragen nach der Darstellung und Funktion von Geschichte sollen zunächst auf der Grundlage soziologischer und literaturwissenschaftlicher Theorien beantwortet werden. Die daraus gewonnen Erkenntnisse werden im Folgenden mit der vermittelten Erinnerung an den Spanischen Bürgerkrieg in Javier Cercas Soldados de Salamina in Bezug gesetzt.
Die Einstellung des fiktiven Autors zu Kriegserinnerungen verändert sich im Laufe des Romans. Dieser Prozess geht einher mit der Beschäftigung von Zeitzeugen, denn dem fiktiven Cercas wird klar, dass seine relato real (Cercas 2001: 74) weder dazu dient, sentimentale Erinnerungen der Kriegsveteranen zu konservieren (Cercas 2001: 21), noch ausschließlich zu einem besseren Verständnis historischer Motivations- und Kausalzusammenhänge beizutragen, sondern, individuelle Schicksale, derer die Historiographie keinerlei Rechnung trägt, in das kulturelle Gedächtnis aufzunehmen. Der fiktive –und damit auch der reale Roman Soldados de Salamina fungiert somit als Medium der Erinnerung.
Was aber bedeutet kulturelle Erinnerung? Im folgenden Kapitel soll zunächst der Unterschied zwischen individueller, kollektiver und kultureller Erinnerung skizziert werden. Halbwachs Theorie, nach der ein Kollektiv durchaus nicht mit einer Nation gleichzusetzen ist, war ausschlaggebend für den Titel dieser Arbeit, da ich, bevor ich mich mit dem Thema auseinandersetzte, dem Irrtum verfallen war, kollektive Erinnerung beziehe sich auf das historische Erbe eines Volkes. Die genauen Begriffsunterscheidungen, die ich anführen werde, sollen verständlich machen, aus welchem Grund der Titel meiner Analyse „Der Roman als Medium des kulturellen Gedächtnisses“ lauten muss und nicht durch den Begriff des kollektiven Gedächtnisses ersetzt werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die beschränkte Anwendbarkeit des Begriffes kollektives Gedächtnis
3 Darstellung und Funktion von Geschichte
3.1 Objektive Geschichtsschreibung vs. subjektiv-fiktionale Darstellung?
3.2 Geschichte als identitätsstiftender Rückbezug
4 Darstellung und Funktion von Erinnerung in Javier Cercas Soldados de Salamina
4.1 Die Zuverlässigkeit der Erinnerungen in Zeugenaussagen
4.2 Erinnerung als Fiktion
4.3 Die Funktion von Erinnerung – Der Bedeutungswandel von Erinnerung im Roman
5 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Roman "Soldados de Salamina" von Javier Cercas als Medium des kulturellen Gedächtnisses und analysiert, wie die Darstellung und Funktion von Erinnerung den Prozess der Identitätsfindung des fiktiven Autors sowie die Sinnstiftung gegenüber historischen Ereignissen des Spanischen Bürgerkriegs beeinflussen.
- Unterscheidung zwischen individuellem, kollektivem und kulturellem Gedächtnis
- Die Rolle der Fiktion in der historiographischen Rekonstruktion
- Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen und Erinnerungsfragmenten
- Wandel des literarischen Intentionsverständnisses des fiktiven Protagonisten
- Bedeutung der Literatur als Medium für vergessene Einzelschicksale
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Zuverlässigkeit der Erinnerungen in Zeugenaussagen
Der erste Teil des Romans ist der Part von Soldados de Salamina, in dem sich die Beschäftigung des fiktiven Cercas mit Berichten über die zentrale Figur seiner relato real hauptsächlich abspielt. Diese Berichte stützen sich alle auf Erinnerung („recuerdo“) oder vielmehr auf „recuerdo de un recuerdo“ (Cercas 2001: 62). Allein die Tatsache, dass Cercas (- gemeint ist in diesem Teil der Analyse stets der fiktive Autor Cercas; den werkexternen Autor Cercas werde ich im Folgenden als realen Javier Cercas bezeichnen.) zwischen diesen zwei unterschiedlichen Formen von Erinnerung unterscheidet, zeigt, dass er keinesfalls naiv an seine Recherche herangeht.
Er ist sich durchaus der Veränderung von Erinnerung, bedingt durch veränderte Rahmenbedingungen, bewusst (cf. Halbwachs: 1966: 125-201/ 368-369) und befasst sich mit der Glaubwürdigkeit von Erinnerung. Gleich zu Beginn, als Cercas Sánchez Mazas` Überleben einer Massenerschießung während des Bürgerkriegs in einem Artikel nacherzählt, lässt das Zweifeln am Wahrheitsgehalt seiner Quelle zwei Dinge deutlich werden: Zum einen zeugt die direkte Gegenüberstellung von „su versión“ mit der „verdad de los hechos“ (Cercas 2001: 25) von einer Unterscheidung zwischen tatsächlich Geschehenem und einer durch perspektivische Wahrnehmung gefilterten Version von tatsächlich Geschehenem. Zum anderen bringt Cercas zum Ausdruck, dass ihn der Zweifel an faktischer Genauigkeit nicht vom Erzählen der Geschichte abhält, wenn er sagt: „Ignoro si se ajusta a la verdad de los hechos; yo la cuento como él me la contó.“ (Cercas 2001: 25).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Mythos gegenüber der Geschichtsschreibung ein und formuliert das Ziel, die Funktion von Erinnerung in Cercas' Roman zu analysieren.
2 Die beschränkte Anwendbarkeit des Begriffes kollektives Gedächtnis: Dieses Kapitel erörtert die terminologischen Grenzen des kollektiven Gedächtnisses und differenziert es vom kulturellen Gedächtnis sowie von der reinen Geschichtswissenschaft.
3 Darstellung und Funktion von Geschichte: Hier werden theoretische Grundlagen zur historischen Fiktion und die Rolle von Geschichte als identitätsstiftender Rückbezug diskutiert.
4 Darstellung und Funktion von Erinnerung in Javier Cercas Soldados de Salamina: Dieses Hauptkapitel analysiert kritisch die Glaubwürdigkeit der Zeugen, die Fiktionalisierung der Erinnerung und den Wandel der Intention des Autors im Verlauf des Romans.
5 Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst die Ergebnisse zusammen, wonach Literatur dort als Medium fungiert, wo die Historiographie versagt, und betont die moralische Verantwortung des Schriftstellers für das kulturelle Gedächtnis.
Schlüsselwörter
Soldados de Salamina, Javier Cercas, Spanischer Bürgerkrieg, Kulturelles Gedächtnis, Kollektives Gedächtnis, Erinnerung, Historiographie, Historische Fiktion, Identität, Zeugenaussagen, Erzählinstanz, Metahistorik, Sinnstiftung, Vergessen, Fiktionalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht den Roman "Soldados de Salamina" unter dem Aspekt, wie Literatur als Medium des kulturellen Gedächtnisses fungiert und Geschichte sowie individuelle Erinnerung verarbeitet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis zwischen historischer Realität und Fiktion, die Rolle des Gedächtnisses in der Gesellschaft sowie die ethische Verantwortung von Schriftstellern im Umgang mit historischen Fakten.
Welches Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie der fiktive Autor Cercas durch den Schreibprozess erkennt, dass Literatur jenseits der bloßen Faktensammlung eine moralische Sinnstiftung für vergessene Einzelschicksale leisten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die durch soziologische Gedächtnistheorien (insb. Halbwachs und Assmann) sowie literaturtheoretische Ansätze zur historischen Fiktion gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der konkreten Analyse des Romans, wobei die Zuverlässigkeit von Erinnerungen, die Konstruktion als Fiktion und der Wandel der Zielsetzung des Protagonisten detailliert untersucht werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind kulturelles Gedächtnis, Metahistorik, Identitätsfindung, Authentizität und die Unterscheidung zwischen offizieller Geschichte und privater Erinnerung.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen kollektivem und kulturellem Gedächtnis im Kontext des Romans?
Die Arbeit folgt der Theorie, dass kollektives Gedächtnis an lebende Träger gebunden ist und vergeht, während das kulturelle Gedächtnis durch institutionalisierte Mnemotechnik und Literatur dauerhaft Fixpunkte der Vergangenheit bewahrt.
Welche Rolle spielt die Figur des Miralles für die Schlussfolgerung der Arbeit?
Miralles fungiert als moralischer Wendepunkt, da seine Begegnung mit dem Protagonisten das Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber den Verstorbenen schärft und den Wandel zur sinnstiftenden Literatur vollendet.
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- Judith Breuer (Author), 2004, Der Roman als Medium des kulturellen Gedächtnisses , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76984