Kanon und Wert (10 Thesen mit Kommentaren)


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2001

53 Seiten, Note: gedruckt publiziert


Leseprobe

Kanon und Wert (10 Thesen mit Kommentaren)

Wolfgang RUTTKOWSKI

Keywords: Aesthetics, Canon, Value, Comparative Literature, Ethno-Poetics

Zusammenfassung: Hier werden, aus komparatistischer und ethnopoetischer Sicht (also letztlich vom Standpunkt der „Interkulturalität“) und in der Form von Thesen[i] mit Erläuterungen, die meisten Annahmen der konventionellen Literaturwissenschaft hinsichtlich des Zusammenhangs von ästhetischen Maßstäben und Kanonformation in Frage gestellt.

Summary: From the viewpoint of comparative ethnopoetics (that is from the „inter-cultural point of view“) and in the form of summary statements with commentaries, most assumptions of conventional criticism concerning the connection between canon-formation and aesthetic values are put into question.

Vorbemerkung: Innerhalb unserer Fragestellung, ob die Werte, die unserem eigenen Literaturkanon zugrunde zu liegen scheinen, universal sind, ist es nur sinnvoll, Literaturen zu vergleichen, die sich noch nicht gegenseitig beeinflußt oder überlagert haben, also genau die Literaturen, die vor oder außerhalb dessen liegen, was Goethe mit dem Begriff “Weltliteratur” anzielte.

Für Reingard Nethersole „stellt die gegenwärtige Debatte um Kanon, Kanonizität und Kanonisierung [...] nur ein Symptom unter vielen dar, das auf einen sich immer stärker abzeichnenden Strukturwandel der Allgemeinen Literaturwissenschaft hindeutet.“[ii] (108) Er stellt fest, daß „sich der altaufklärerische Traum, den okzidentalen, westlichen Kanon zur universalen Orientierungshilfe zu machen, trotz der Bemühungen seiner Verteidigung im Gewand einer Weltliteratur angesichts globaler gegenseitiger Abhängigkeit nicht weiter träumen läßt.“ (126) „Versteht sich die Komparatistik im engeren Sinn als vergleichende Wissenschaft von ‘Dichtung’, dann sollte sie eine zeitgemäße Ästhetik aufgrund eines Kanons möglicher Anschauung und Bewertung von Texten erarbeiten.“ (127) - Ob dies allerdings möglich ist, wird uns hier beschäftigen. Was wenn die „kanonischen“ Werke fremder Literaturen gar nicht nach ästhetischen Kriterien ausgesucht worden sind? Und was, wenn es „universale“ oder „zeitlose“ Maßstäbe nicht gibt? Dann hilft es auch nicht, daß man den Horizont „möglicher Anschauung und Bewertung von Texten“ weiter zieht als bisher.-

Wer sich die Auffassung von “Weltliteratur” zu eigen macht, die Horst Steinmetz (m.E. zu Recht) aus Goethes erstmaligem Gebrauch dieses schwierigen Begriffs destilliert, der bekommt eine genaue Vorstellung von der Periode, die wir in unserer Betrachtung ausklammern müssen, nämlich der Periode der gegenseitigen Kenntnisnahme und Beeinflussung der Literaturen der Welt. Steinmetz: “Weltliteratur ist als Produkt ökonomischer, historischer und geistiger Entwicklungen zunächst als eine Literatur zu definieren, die von vornherein nationale und sprachliche Barrieren überschreitet und überschreiten will. Dies nun jedoch nicht, weil sie sich durch besondere literarische oder andere Qualitäten auszeichne, sondern in erster Linie, weil sie auf Lebenssituationen reagiert, die insbesondere in den sogenannten kapitalistischen Ländern trotz unterschiedlicher nationaler Milieus einander in zunehmendem Maße gleichen.”[iii] - Besonders zu beachten an diesem Zitat ist in unserem Zusammenhang der ausdrückliche Hinweis auf die Irrelevanz „besonderer literarischer oder anderer Qualitäten“.

1) Der Problemkomplex der Kanonformation, wie die “komparative Poetik” und “Ethnopoetik” ihn sehen, hängt sowohl mit dem Wertproblem wie auch mit unserem (verabsolutierten) Schönheitsbegriff zusammen wie die Endpunkte eines Dreiecks (d.h. jeder der drei Begriffe mit den beiden übrigen). Denn wir gehen von der, m.E. falschen, Annahme aus, daß wir nur den Kunstgegenständen “Wert” zugestehen und sie in den Kanon der “Meisterwerke” aufnehmen, die wir zugleich als “schön” bezeichnen. Wer aber an den philosophischen Nutzen des Schönheitsbegriffs nicht glaubt, weil Schönheit kulturrelativ ist, der wird auch weder an absolute (d.h. kulturunabhängige) ästhetische Werte noch an einen allgemeingültigen Kanon literarischer Meisterwerke für Literatur glauben.

Wenn man nicht an die „Existenz“ von ästhetischen Werten glaubt, sondern nur an die von Werterlebnissen, die wir auf gewisse Gegenstände projizieren, dann werden Art und Anlaß unserer Wertprojektionen davon bestimmt, wie wir selbst geartet sind. Jeder projiziert anders und anderes, auf welchen Sachverhalt wir gewöhnlich mit den Begriffen „Geschmack“ und „Erwartungshorizont“ verweisen. Letzterer hängt wiederum zu großen Teilen von der kulturellen Umgebung, die uns geprägt hat, ab. Da diese in verschiedenen Kulturen nicht die gleiche sein kann (sonst sprächen wir eben nicht von „verschiedenen“ Kulturen), können auch (noch) wahrhaft verschiedene Kulturen nicht gleiche Werterlebnisse ermöglichen.

Kürzlich ist, neben dem der “vergleichenden Ästhetik”[iv] der Begriff “Ethnopoetik”[v] für kulturübergreifende Vergleiche poetischer Sprache und Darstellung kreiert worden. Dieser weist bereits als solcher auf eine Auffassung hin, die sich erst in unserer Zeit und nur bei einer “komparativ” eingestellten Literaturwissenschaft durchsetzt, nämlich daß es nicht nur eine Poetik gibt, mit ihren Schönheitskriterien und Wertmaßstäben, sondern mindestens so viele, wie es klar unterscheidbare Kulturen gibt, wahrscheinlich aber innerhalb dieser Kulturen außerdem noch mehr als eine, je nachdem, welchen Zeitabschnitt einer Kultur wir beleuchten. Die gegenteilige Auffassung wird jetzt gelegentlich als “eurozentrisch” verurteilt.

Diese Unterscheidung gilt natürlich nur, wenn wir “Poetik” als eine Disziplin auffassen, die bereits ein Wertsystem umfaßt, wie z.B. die sogen. “Abweichungspoetik”, die sprachliche “Originalität” als ihr Hauptwertkriterium betrachtet. Wenn wir “Poetik” als wertfreie Disziplin betreiben, dann verstehen wir sie bereits als “komparative” oder eben “Ethnopoetik”.

Eine relativ neue, von zwei Japanern geschriebene Analyse des japanischen Schönheitsbegriffs beginnt mit der bezeichnenden Feststellung: “Der japanische Sinn für Schönheit ... ist tatsächlich so radikal verschieden von dem, was normalerweise im Westen mit der ästhetischen Erfahrung assoziiert wird, daß er sogar mysteriös, rätselhaft oder esoterisch auf uns wirkt.”[vi]

Es braucht kaum besonders betont zu werden, daß wir hier, in Jörg Schönerts Worten, vom „transhistorischen Musterkanon“ sprechen, „der in seinem Umfang prinzipiell nicht begrenzt ist, aber tendenziell mit Entschiedenheit begrenzt wird. Als konkurrierender Typus ist der ‘historische Kanon’ anzusprechen, der den Verlauf der Literaturgeschichte mit repräsentativen Texten dokumentiert. Dieser Kanon ist narrativ organisiert; an ihm wird ständig fortgeschrieben - im Gegensatz zum Musterkanon ...“[vii]

Renate von Heydebrand scheint an die Existenz absoluter, nicht kultur-relativer ästhetischer Werte zu glauben, wenn sie von eben diesem „Spitzen- oder Musterkanon“ sagt: „Er umfaßt weltliterarisch unangefochtene Werke/Autoren [...] diese [...] sind [...] unter künstlerischen und akademischen Kennern unstrittig. Dieser Kanon ist relativ stabil; seine Zeitresistenz scheint auf intraästhetischen Qualitäten zu beruhen [...] Er beruht weitgehend auf Konsens.“[viii]

Andererseits äußert sie sich zu „Genese und Intentionen von Kanonbildungen“ viel vorsichtiger und auf eine Weise, der auch wir zustimmen können: „Die Genese von Kanones, zumal des absoluten Kanons, wird [...] auf intraästhetische Qualitäten der Werke zurückgeführt, deren Kriterien mit der Ausdifferenzierung spezifischer ästhetischer Felder oder Subsysteme in der Neuzeit eine gewisse Autonomie gewinnen.[...] Nicht Macht, sondern selbstverständlicher Konsens unter denen, die im ästhetischen Feld agieren, soll diesem Kanon zugrunde liegen [...] Solche den Werken inhärenten Qualitäten und ihnen zugeordnete Werte [...] sind auch in der Kanonforschung immer noch nicht überzeugend ausgearbeitet worden.“ (617). „Der ästhetische Kanon wird seit der Renaissance ausgebildet, ist aber von vornherein nicht geschlossen. [...] Mit der Genieästhetik wird im 18. Jahrhundert gegen die Herrschaft der Rhetorik die ästhetische Autonomie zur Kanonnorm [...] Die implizierte Innovationsnorm dynamisiert den Kanon, auch im Paradigma der Generationen.“ Über die Beiträge zum Kongreß, den sie leitete und über den sie berichtet, sagt sie: „Mit der Hilfe eines Kanons profiliert sich in der Renaissance jene Vorstellung von Künstlertum, für die bereits Originalität und ästhetische Innovation die maßgeblichen Kriterien sind [...] An den ästhetischen Diskursen und den Selbstinszenierungen von Autoren im 18. Jahrhundert wird die Ausdifferenzierung der Ästhetik als autonomer Bereich ablesbar ...“ (624, meine Hervorhebungen).

Diese Äußerungen, sowohl von Heydebrand selbst wie von den referierten Kongreßbeiträgen, stehen im Widerspruch zu den Anschauungen der Abweichungspoetik: Wenn die Wertmaßstäbe der Innovation und Originalität sowie der ästhetischen Autonomie erst seit der Genieästhetik und höchstens seit der Renaissance in unserer Kultur existieren, können sie nicht auf andere Kulturen angewandt und damit verallgemeinert werden

Friderike Worthmann faßt das Verhältnis von Kanon und Wert genauer: „Systematisch lassen sich verschiedene Beziehungen zwischen Kanon(isierung) und Wert(ung) differenzieren: Es ist zu unterscheiden, ob Kanones als Wertungsbedingungen, als faktische Wertungsresultate und/oder intentionale Wertungsziele oder als (intentionale und/oder faktisch gegebene) Mittel zur Durchführung unterschiedlicher Wertungen (zwecks Erreichung übergeordneter Ziele) betrachtet werden.“[ix]

Der Soziologe Alois Hahn faßt den Kanonbegriff funktional: „Kanones stellen [...] historisch unwahrscheinliche verbindliche bzw. legitimierte und legitimierende Identitätssymbolisierungen dar. Dabei ist bisweilen unausgesprochen, wessen Identität hier symbolisiert wird. So verbergen sich häufig hinter sich als zeitlos, klassen- oder nationunabhängig präsentierenden Kanones symbolische Überhöhungen bestimmter höchst partikularer Gruppen und Interessen.“[x] „Man kann [...] die Langlebigkeit bestimmter Kanonisierungen verstehen, ohne die Auffassung von deren Vorzüglichkeit teilen zu müssen. [...] Die Selbstreferentialität des Kanons ist der Grund für seine longue durée. [...] Daß die Sicherung von Kanonreinheit auf Zensur nicht verzichten kann, wird häufig deshalb nicht bemerkt, weil der kanonische Geschmack habitualisiert ist und als Natur empfunden wird. Fast immer jedenfalls kann man das Vorliegen eines Kanons an der Existenz von Zensur feststellen.“ (460) „Empirisch ist es so, daß jeder literarische Kanon, selbst wenn er sich selbst rein ästhetisch beschreibt, Werten und Interessen bestimmter Gruppen stärker oder schwächer affin ist und andere implizit oder explizit ausschließt.“ (461) „Kanones [...] leisten Identifikation durch Selbstsimplifikation. [...] Das Problem ist, daß niemals eine Differenz allein darüber entscheiden kann, wie die Einzelphänomene einer ihrer Ausprägungen zugeordnet werden sollen. Die Differenzierung ‘schön-häßlich’ enthält als solche kein Kriterium, nach dem darüber entschieden werden könnte, was denn als schön bzw. häßlich zu gelten habe [...] Dazu bedarf es zusätzlicher Programme, in denen sich die entsprechenden Kriterien finden, z.B. ästhetischer [...] Art.“ (466)

Worthmanns Kanonbegriff widerspricht dem von Hahn nicht: „Ein Kanon [...] ist ein Korpus literarischer Texte, die Gegenstände kollektiv gebilligter Wertschätzung sind und zum kollektiv gebilligten Wissensbestand zählen.“ (14) „In jedem Falle wird der einzelne im Verlauf seiner Sozialisation u.a. subjektives literarisches Wertungswissen entwickeln: subjektive literarische Werte (Meinungen darüber, welche Merkmale von Literatur wünschenswert sind, z.B. die Meinung ‘Originalität ist gut.’); subjektive literarische Bedürfnisse (angestrebte Zustände literarischen Wohlbefindens, zu deren Realisierung Literatur geeignet ist, wie z.B. nach emotionaler Beteiligung, Spannung, Entspannung); subjektive literarische Einstellungen (Meinungen und Erwartungen über typische Qualitäten der Elemente von Textklassen wie z.B. die Einstellung ‘Gedichte sind langweilig.’). Eng damit verbunden ist der Aufbau eigener ‘Wertungsstrategien’ (also subjektiven prozeduralen Wertungswissens).“ (21) „Anders gesagt: Kanonbezogene Erfahrungen und auf ihnen aufbauende Wissensinhalte werden zu Bedingungen nachfolgenden literarischen Handelns.“ (21) „Kanonische Texte sind Texte, deren Kenntnis und Wertschätzung als wertvoll gelten. Mithin sind kanonische Texte solche, bei denen es ‘von vorn herein’ als geklärt gilt, daß es sich um wertvolle Texte handelt. Es wird daher im Umgang mit ihnen zumeist auch gar nicht darum gehen, sie zu bewerten, denn die Qualitätsfrage gilt bereits als beantwortet. Worum es vielmehr geht, ist die Frage, was an ihnen gut ist und auf welche Weise man ihre Qualität erkennt.“ (22) „Leser [neigen] dazu, Texte im Sinne einer Angleichung an ihre subjektiven Werte zu verstehen. Daraus kann man verallgemeinernd schließen, daß Werte - seien sie politischer, moralischer oder literarischer Art - den Verstehensprozeß beeinflussen.“ (25) „Textverstehen und Lektüregefühle kommen nicht getrennt voneinander vor, sondern sind gleichsam zwei seiten einer Münze; des kognitiv-emotionalen Rezeptionsprozesses. [...] Das bedeutet: Verstehen ist stets versehen mit einer (bewußten oder unbewußten) emotionalen Tönung.“ (28) „Aber Kanones sind auch als Bedingungen von Wertungen bedeutsam. Insofern es sich dabei um Wertungen während des Lektüreprozesses handelt, stellen Kanones folglich eine nicht zu unterschätzende ‘Lektüremacht’ dar - eine Lektüremacht, deren Einfluß bis hinein in den Bereich individuellen und kollektiven ‘Wohlgefallens’ an literarischen Texten spürbar wird.“ (29)

Aleida Assmann umschreibt die Perspektive, aus der wir das Kanon-Phänomen betrachten müssen: „Die Kanonproblematik ist ein solches Thema, das die engere Kompetenz der Literaturwissenschaft überschreitet und eine kulturwissenschaftliche Untersuchung verlangt.“[xi] Harold Bloom wirft sie vor, daß er „die Herausforderung, die das Kanonproblem an die Literaturwissenschaft stellt, mit einer Fundamentalisierung des Ästhetischen [beantwortet].“ (49) Denn „die Frage nach dem Kanon wirft mit verschärfter Dringlichkeit die Frage nach den institutionellen und lebensweltlichen Kontexten von Literatur auf, die bislang am Rande der Disziplin verblieb. [...] Normativität und Historizität schließen sich in dieser Perspektive gerade nicht aus, sondern werden in ihrem Wechselverhältnis untersucht. Dabei geht man davon aus, daß die Zeitresistenz bestimmter Texte in der Geschichte affirmiert und ihre Verbindlichkeit von kulturellen Institutionen durchgesetzt werden muß. Solche Voraussetzungen schmälern keineswegs den literarischen Wert, sie stellen nur die autonome Kraft seiner Selbstdurchsetzung in Frage[xii]

Zur anthropologischen Auffassung von ästhetischen Werten Rudolf Lüthe: “Hinter jeder Äußerung über den Wert ästhetischer Erfahrung versteckt sich eine normalerweise nicht erkannte anthropologische Entscheidung. Unsere Auffassung vom Menschen determiniert jegliche dazugehörige Theorie hinsichtlich des Wertes ästhetischer Erfahrung. Deshalb ist dieser Wert notwendigerweise relativ: Es gibt ebenso viele berechtigte Entscheidungen in Hinsicht auf Werte, als es berechtigte Menschenbilder gibt.”[xiii]

Ebenso Simone Winko: “Literaturwissenschaftliche Wertmaßstäbe sind keineswegs zeitlos, und ebensowenig sind sie unabhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen und Theorien anderer Disziplinen.” und in Hinsicht auf die “Mechanismen der Kanonisierung”: “Einer eingehenderen Analyse stand bis in dieses Jhd. hinein unter anderem die Auffassung im Wege, es seien immer - gewissermaßen gesetzmäßig - ‘die besten’ Werke und Autoren, die kanonisiert werden, oder anders ausgedrückt: die Ansicht, im Kanon setzten sich universale Werte durch. [...] Die Kriterien, nach denen Texte ausgewählt und interpretiert werden, sind historisch und kulturell variabel; ihre Geltung hängt auch von der jeweiligen Träger- und Interessengruppe ab, die die Kanonisierung vollzieht.”(596) und: “Die Einschätzung, was für wen repräsentativ ist und welche Probleme als ‘zentral menschlich’ einzustufen sind, [hängt] von den Normen und Werten dieser Gruppe ab. Textmerkmale scheinen insgesamt für die Kanonisierung eine geringere Rolle zu spielen als Kontextbedingungen.”[xiv] - Winko betont also nicht nur die Relativität der ästhetischen Maßstäbe, sondern auch die der inhaltlichen Relevanz.

Ebenso spricht Joachim Küpper[xv] von der „weitverbreiteten, selten reflektierten, indes problematischen Annahme [...], die Scheidung von Kanonischem und Nicht-Kanonischem bemesse sich am ästhetischen Wert.“ (57) und bemerkt dazu: „Die vor allem im Konkreten diffizile Frage, des ästhetischen Werts [...] ist indes überflüssig, weil dieser Wert nur eine notwendige, nicht jedoch eine hinreichende undo insofern nicht die entscheidende Bedingung für Kanonisierung zu sein scheint.“ (58) Zum Wertbegriff als solchem: „Der Wert eines literarischen Textes ist keine ihm innewohnende Eigenschaft. Nichts kann ‘an sich’ von Wert sein, alles nur immer in Bezug auf ein anderes, einen anderen, für das oder für den es Wert hat. Wertvollsein ist eine relationale Eigesnchaft, die eine besondere Art der Beziehung zwischen mindestens zwei Größen bezeichnet.“ (67)

Auch Terry Eagleton konzentriert sich auf die Frage, ob ästhetische Werte “universal” oder “kulturrelativ” sind. Er empfiehlt dringend, die Idee von der Literatur als einer ewigen und unveränderbaren Kategorie fallen zu lassen. Alles kann Literatur sein, und was heute als unbezweifelbare Literatur gilt, kann eines Tages verworfen werden. Der Grund dafür liegt in der Veränderlichkeit von Werturteilen. Der sogenannte “literarische Kanon” muß als Konstruktion erkannt werden, von gewissen Leuten zu einer gewissen Zeit aus gewissen Gründen errichtet. Nach seiner Ansicht gibt es kein literarisches Werk und keine Tradition, die aus sich selbst heraus wertvoll sind, unabhängig von dem, was jemand darüber sagt. Einer der Gründe dafür, daß gewisse Werke ihren Wert über die Jahrhunderte behalten haben, könnte die Tatsache sein, daß wir gewisse Werke immer im Licht unserer eigenen Interessen interpretieren. Unsere Hochschätzung mag nicht dem gleichen Werk gelten, auch wenn wir so denken. ‘Unser’ Homer ist weder mit dem des Mittelalters identisch, noch ist ‘unser’ Shakespeare der seiner Zeitgenossen. Verschiedene historische Perioden haben einen verschiedenen Homer oder Shakespeare für ihre eigenen Zwecke geschaffen und in ihren Texten Elemente verschiedenen Wertes gefunden, selbst wenn diese Texte nicht unbedingt dieselben waren.[xvi]

Die letzte Einsicht ist nicht neu und entspricht etwa dem, was bereits Goethe als das “Inkommensurable” großer Dichtung bezeichnete. Daß verschiedene Zeiten sich Verschiedenes aus großer Literatur “herauslasen”, ist kein Beweis gegen deren Größe, sondern eher das Gegenteil. Es kann aber auch nicht abgestritten werden, daß sich jede Epoche, ja jeder einzelne Leser, den ästhetischen Gegenstand neu erschaffen (Ingarden hätte gesagt: “im Ausfüllen der Unbestimmtheitsstellen konkretisieren”) muß. Der “Kunstgegenstand” (z.B. Homers Ilias) ist nicht dasselbe wie der “ästhetische Gegenstand” (unser Erlebnis der Ilias). Unser Werturteil richtet sich aber auf den ästhetischen Gegenstand und ist deshalb - auf große Zeiträume hin betrachtet - so veränderlich wie wir selbst und die Kultur, in der wir leben.[xvii]

2) Es gibt keine universal gültigen ästhetischen Wertkategorien für verschiedene Literaturen (also für die Literatur). Dies garantiert schon die Verschiedenheit der Sprachen.

Das Japanische hat keinen Reim (im Unterschied zum Chinesischen), dafür (zusammen mit dem Chinesischen) so viele Homophone, daß fast alles “doppelsinnig” gesagt (und oft nur mit Hilfe der chinesischen Schriftzeichen geklärt) werden kann.

Eine gute Übersicht über charakteristische sprachliche Unterschiede zwischen chinesischer und englischer Lyrik, die J. Liu (1966) herausgearbeitet hat, stellte Gregor Paul[xviii] zusammen. Anschließend versucht er zu zeigen, “daß die Länge und bestimmte andere Merkmale deutschsprachiger und japanischer lyrischer Gedichte weitgehend durch rein sprachliche Bedingungen determiniert sind.” (72) Er hat überzeugend demonstriert, warum die deutsche Sprache sich nicht für lyrische Kurzgedichte nach der Art des japanischen Haiku eignet. Viele andere haben gezeigt, warum die europäischen Sprachen in besonderem Maße für philosophische Klarstellungen taugen.

Was wir oft für Wertkategorien halten (z. B. Roman Ingardens oder Nicolai Hartmanns Beschreibung der Schichtung des “sprachlichen Kunstwerks”, den Autonomiebegriff, oder das “Stimmigkeits- und Ganzheitskriterium” ebenso wie rhetorische Figuren) sind in Wirklichkeit strukturelle, ontologische oder phänomenologische Charakterisierungen allgemeiner Art, die auch auf Kitsch und Trivialliteratur anwendbar sind.

Die „Schichtenpoetik“ ist zwar „universal gültig“, dringt aber zu einer adäquaten Erfassung der ästhetischen Werte von Literatur nicht durch. Sie hätte es getan, wenn es ihren Vertretern gelungen wäre, unser Erlebnis der Schichtung genauer zu beschreiben. Dies aber ist nur im Einzelfalle möglich.

Was sind also ästhetische Kategorien? Die m.E. beiden bedeutendsten Theorien des Sprachkunstwerks, die im 20. Jahrhundert ausgearbeitet wurden, beschreiben nur Voraussetzungen für dessen ästhetischen Impakt: Die Schichtenpoetik[xix] sieht ihn im Transparentwerden der Vordergrundsschichten für die Hintergrundsschichten. (Nicolai Hartmann beschreibt ihn als unser „Durchgehen“ der Schichten.) Die Abweichungspoetik sieht ihn (mit Harald Fricke) in der intendierten Abweichung, die eine innere und/oder äußere Funktion hat. Damit richtet sie zwar ihr Augenmerk von Anfang an (mehr als die Schichtenpoetik) auf ein ästhetisches Kriterium, eben die Wirkung der Innovation. Dieses ist jedoch nur für unsere westliche Literatur in den letzten Jahrhunderten charakteristisch.- Auch Aristoteles Katharsis sowie die Ganzheit oder Einheit eines literarischen Kunstwerks können zu ästhetischen Erlebnissen werden. All diese Erlebnismöglichkeiten sind jedoch nicht universal sondern kulturrelativ.

[...]


[i] Vorgetragen am 14.9. 2000 anlässlich des X. Internationalen Germanistenkongresses an der Universität Wien. Volle Version in Acta Humanistica Universitatis Sangio Kyotiensis, Foreign Languages and Literature Series No. 28 (Kyoto, Japan, March 2001) 71-119. Eine veränderte Fassung unter dem Titel “Kanon und Wert. Zur Kritik leitender Annahmen. Neun Thesen mit Kommentaren“ in Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache. Intercultural German Studies, Bd. 27 (München: iudicium 2001) 71-103. Eine Version in englischer Sprache unter dem Titel „East and West and the Concept of Literature“ in Journal of Comparative Literature and Aesthetics Vol. XXIV, Nos. 1-2 (Sambalpur University, Jyoti Vihar, Orissa, Indien 2001) 89-125.

[ii] „Macht und Ohnmacht des Kanons im Widerspiel etablierter und emergenter Literaturen“ In: Kanon und Theorie . Marie Moog-Grünewald . Hrsg., (Heidelberg: Winter 1997) 108-127. Vergl. Ebenda auch Thomas Wägenbaur: „Aufklärung über die Aufklärung hieße einmal, ihre eurozentrischen Katgorien insoweit in Frage zu stellen, daß man sich von andern in ihrer Sprache sagen läßt, was sie davon halten. So wird ihr universalistischer Geltungsanspruch auch einmal ausgesetzt. [...] Erst wenn euro-amerikanische Dominanz auf allen Ebenen abgebaut würde, könnte international [...] über andere Welt-Kanones verhandelt werden.“ („Gegen-Welt-Literatur“, 128-138, 138).

[iii] Literatur und Geschichte, München 1988, 103-141, 113. Vergl. H. S.: „Weltliteratur- Umriß eines literaturgeschichtlichen Konzepts“, sowie die anschließende Kontroverse zwischen Steinmetz, Claus Clüver, und Zoran Konstantinovic im Yearbook of Comparative and General Literature 37, 1988, 131-144.

[iv] Eliot Deutsch: Comparative Aesthetics. in: Encyclopedia of Aesthetics, ed. Michael Kelly, New York: Oxford UP 1988, I, 409-412.

[v] Tim Ingold, Hrsg.: Companion Encyclopedia of Anthropology. London/New York 1994, 870.

[vi] Isutzu, Toshihiko and Toyo: The Theory of Beauty in the Classical Aesthetics of Japan. The Hague 1981; dt. hg. Franziska Ehm>

[vii] Einführung. In: Heydebrand, Hg., Kanon Macht Kultur - Versuch einer Zusammenfassung Germanistische Symposien Berichtsbände XIX, Stuttgart: Metzler 1998, 317.

[viii] In: Heydebrand, Hrg. 1998, 615.

[ix] Literarische Kanones als Lektüremacht. Systematische Überlegungen zum Verhältnis von Kanonisierung. und Wertung. In: Kanon Macht Kultur. Theoretische, historische und soziale Aspekte ästhetischer Kanonbildungen. Germanistische Symposien Berichtsbände 19, Renate von Heydebrand Hrsg. Stuttgart: Metzler 1998, 9-29, 9.

[x] Einführung. In: Heydebrand, Hrg, 1998, 459.

[xi] Kanonforschung als Provokation der Literaturwissenschaft. In: Heydebrand Hrg. 1998. 47-59, 49.

[xii] Ebd. 50. Harold Bloom: The Western Canon. New York 1994.

[xiii] Value, Aesthetics, and Anthropology in: Zeitschrift für Ästhetik 21, 1976, 43-49, 46.

[xiv] Literarische Wertung und Kanonbildung in: Grundzüge der Literaturwissenschaft. Arnold/Detering, hg. , München: Deutscher Taschenbuchverlag 1996, 585-600, 595.

[xv] Kanon als Historiographie ... In: Kanon und Theorie (Maria Moog-Grünewald, Hrsg., Heidelberg: Winter 1997).

[xvi] The Ideology of the Aesthetic. Oxford/Cambridge, Mass. 1990, 23, meine Paraphr.

[xvii] Vergl. Siegfried J. Schmidt Hrg.: “schön”. Zur Diskussion eines umstrittenen Begriffs. 1976; Wolfgang Ruttkowski: Was bedeutet ‘schön’ in der Ästhetik? In : Acta Humanistica 19/2, Humanities Series 17, 1990, 215-235.

[xviii] Komparative Linguistik und Literaturästhetik oder Warum gibt es im Deutschen keine Haiku? Kumamoto daigaku Bungakubu ronso Nr.7 (1982), 97-119, 98.

[xix] Vergl. Nicolai Hartmann: Ästhetik. Berlin 1953; Roman Ingarden: Das literarische Kunstwerk. Halle 1931; engl. übers. G.G. Grabowicz: The Literary Work of Art. Evanston, Ill.: Northwestern UP 1937; ders. Die Ontologie des Kunstwerks. 1962; übers. R.A. Crowley und K.R. Olsen: Ontology of the Work of Art. Evanston, Ill.: Northwestern UP 1973; Erlebnis, Kunstwerk, Wert. Vorträge zur Ästhetik 1937-67. 1969; ders. Selected Papers in Aesthetics. übers. P.J. McCormick. Washington, DC: Catholic University of America P. 1985; Wolfgang Ruttkowski: Die literarischen Gattungen. - Reflexion über eine modifizierte Fundamentalpoetik. Bern-München: Francke Verlag 1968; ders. Bibliographie der Gattungspoetik für den Studenten der Literaturwissenschaft. München: Hueber 1973; ders. Typologien und Schichtenlehren. Bibliographie des internationalen Schrifttums bis 1970. Amsterdam: Rodopi 1974; ders. Typen und Schichten. Bern/München: Francke 1978.

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Details

Titel
Kanon und Wert (10 Thesen mit Kommentaren)
Hochschule
Kyoto Sangyo University  (X. Intern. Germanistenkongress, Wien)
Note
gedruckt publiziert
Autor
Jahr
2001
Seiten
53
Katalognummer
V7730
ISBN (eBook)
9783638148887
ISBN (Buch)
9783638839037
Dateigröße
705 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kanon, Wert, Thesen, Kommentaren)
Arbeit zitieren
Dr. Wolfgang Ruttkowski (Autor:in), 2001, Kanon und Wert (10 Thesen mit Kommentaren), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7730

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