„Das große Gesammtkunstwerk, das alle Gattungen der Kunst zu umfassen hat, um jede einzelne dieser Gattungen als Mittel gewissermaßen zu verbrauchen, zu vernichten zu Gunsten der Erreichung des Gesammtzweckes aller, nämlich der unbedingten, unmittelbaren Darstellung der vollendeten menschlichen Natur, – dieses große Gesammtkunstwerk erkennt er nicht als die willkürlich mögliche That des Einzelnen, sondern als das nothwendig denkbare gemeinsame Werk der Menschen der Zukunft.“
So lässt sich Richard Wagners romantische Idee des Gesamtkunstwerkes auf ein Phänomen übertragen, was schon bald nach seinem Tod im Jahre 1883 seine Vollendung finden sollte: in der Entsheung des Films. Schon früh war sich der Komponist darüber im Klaren, dass das bisherige Theater innerhalb des gegebenen Rahmens am Ende seiner Entwicklung angelangt war. Die griechische Tragödie, sowie die französische Grand opéra nahm er als Vorbild, in seinen Musikdramen verschiedenartige Kunstarten zu einem einheitlichen Kunstwerk zu vereinen.
Der Film verwirklicht letztlich weit radikaler Wagners Idee von der Gleichheit und Zweckmäßigkeit aller Künste. In verschiedene Parameter aufgespaltet stehen neben Gestik, Mimik, Geräuschen, Wortsprache, Licht, Musik und visuellem Rhythmus auch sämtliche filmtechnischen Ausdrucksmittel, wie Schnitt, Perspektive und Tiefenschärfe, welche mit in das „Gesamtkunstwerk“ Film hineinfließen.
Zwei Hauptkomponenten werden im Folgenden beleuchtet: Einerseits das Festspielhaus zu Bayreuth, in welchem mit seiner einzigartigen Bauweise zum ersten Mal in der Geschichte der Opernhäuser das Orchester soweit in den Orchestergraben versenkt wurde, dass es vom Zuschauerraum nicht mehr sichtbar war. Ein ausgeklügeltes akustisches System, wonach der nun „unsichtbare“ Klang nach außen in den Saal dringt, ermöglicht dem Publikum eine volle Konzentration und totale Fokussierung auf die Bühne.
Zum anderen das kompositorische System der Leitmotivik, welches als Raster in Form der später entstandenen Leitmotivtafeln eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem 1927 entwickelten Skalenregister für Kinokapellmeister des italienischen Filmkomponisten Giuseppe Becce auf.
Eine generelle thematische Überschneidung von Oper zu Film lässt sich aber nicht nur beim Wagner´schen Musikdrama finden: In zahlreichen romantischen Opern des 19. Jahrhunderts hat die Hollywoodformel „sex-war-crime-history“ bereits ihre Gültigkeit und bis heute im Film nichts an Aktualität eingebüßt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Festspielhaus zu Bayreuth
2.1 Ästhetik und Illusionismus
2.2 Das Festspielhaus - ein Kinosaal der Zukunft?
3 Filmmusik & Wagner
3.1 Die Anfänge der Filmmusik
3.2 Schnittpunkte in der Leitmotivik
3.2.1 Das thematische Skalenregister nach Becce
3.2.2 Illustration von Bewegung, Tiefe und Raum
3.3 Wagner im Film
3.4 Weiterentwicklung der Filmmusik
4 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Einfluss von Richard Wagners Konzept des Musikdramas und des Gesamtkunstwerks auf die Entwicklung und ästhetische Gestaltung der frühen Filmmusik, wobei insbesondere die baulichen und leitmotivischen Parallelen analysiert werden.
- Wagners Idee des Gesamtkunstwerks und deren Übertragbarkeit auf den Film.
- Die architektonische Gestaltung des Festspielhauses zu Bayreuth als Vorbild für Kinosäle.
- Vergleichende Analyse der Leitmotivik bei Wagner und in der Stummfilmzeit.
- Die Funktion der Filmmusik zur Illustration von Handlung, Stimmung und Raum.
- Kritische Reflexion über die Rezeption und Instrumentalisierung von Wagner im Film.
Auszug aus dem Buch
3.2 Schnittpunkte in der Leitmotivik
Im Vergleich zwischen der Filmmusik und Wagners Musikdrama muss zunächst in Orchesterstimme und Versmelodie differenziert werden, der hier betrachtete musikalische Teil Wagners ist lediglich der instrumentale Anteil im Musikdrama, also die von Wagner so bezeichnete Orchesterstimme. Die gesungene Stimme, die sogenannte Versmelodie entsprächen beim Film der Wortsprache, also den Dialogen der Darsteller. Die Konzentration bei der Betrachtung des Leitmotivs liegt hier auf der Orchesterstimme.
Im Gegensatz zum Musikdrama war die romantische Oper oftmals vom Gesang dominiert, wohingegen in Wagners Oper eine Gleichberechtigung der Stimmen angestrebt wurde und das Orchester eine mindestens ebenso gewichtige Rolle einnahm, wie der Gesang. Dadurch kann Der Ring des Nibelungen schon fast als eine symphonische Oper bezeichnet werden. Die kommentierende Funktion des Orchesters, die auch einem Filmorchester zugeschrieben wird, leitete Wagner im Übrigen aus der Tradition des griechischen Chores ab. Ein Vergleich, den Gotthold Ephraim Lessing bereits in der Konzeption für Schauspielmusik aus der Hamburgischen Dramaturgie bemerkt, in der „das Orchester... gewissermaßen die Stelle der alten Chöre vertritt.“ Im antiken griechischen Theater war die Orchestra ein für den Chor bestimmter halbrunder Raum zwischen Bühne und Zuschauerraum, über den Wagner sagt: „Die Orchestra des antiken Theater ist [...] der eigentliche Zauberherd, der gebärdende Mutterschoß des idealen Drama´s, dessen Helden [...] sich wirklich nur in der Fläche uns zu erkennen geben, während der von der Orchestra ausgehende und geleitete Zauber alle nur erdenklichen Richtungen [...] auszufüllen einzig vermögend ist.“
In Berlioz` 1830 entstandenen „Symphonie fantastique“ findet sich ein Vorläufer des Leitmotivs, eine „idée fixe“ die sich als musikalischer Leitgedanke durch das gesamte Werk zieht. Wagners Leitmotive sind spezifischer geartet: Seine motivischen Grundgedanken sind eine Art musikalisches Erkennungszeichen. Damit wandte sich Wagner von der in der Klassik noch vorherrschenden Nummernoper ab und gestaltete seine Opern im durchkomponierten Stil.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung etabliert die These, dass der Film Wagners Konzept des Gesamtkunstwerks radikaler verwirklicht als das Musiktheater, und ordnet die Rolle der Filmmusik in den Kontext romantischer Musikästhetik ein.
2 Das Festspielhaus zu Bayreuth: Dieses Kapitel beschreibt die architektonischen Innovationen in Bayreuth, insbesondere den „mystischen Abgrund“ und die abgedunkelte Spielstätte, als prägende Einflüsse für das spätere Kinoerlebnis.
3 Filmmusik & Wagner: Hier werden die Ursprünge der Filmmusik, die Funktion der Leitmotivik und die Entwicklung illustrativer Musikkonzepte wie das Skalenregister nach Becce detailliert analysiert und mit Wagners Methoden in Verbindung gebracht.
4 Schlussbetrachtung: Das Fazit stellt fest, dass Wagner zwar keinen Film als Gesamtkunstwerk direkt geschaffen hat, aber sein Leitmotivsystem und seine dramaturgischen Konzepte die Filmmusik grundlegend geprägt haben.
Schlüsselwörter
Richard Wagner, Filmmusik, Gesamtkunstwerk, Musikdrama, Bayreuth, Leitmotiv, Stummfilm, Giuseppe Becce, Orchestergraben, Illusionsbühne, Kinematograph, Dramaturgie, Musikgeschichte, Ästhetik, Filmmusikhandbuch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen und praktischen Verbindungen zwischen Richard Wagners Musikdrama und der Entstehung sowie Entwicklung der Filmmusik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Architektur des Bayreuther Festspielhauses als Vorbild für Kinos, die Verwendung von Leitmotiven zur Charakterisierung und Stimmungserzeugung sowie die historische Entwicklung von der Stummfilmbegleitung zur Tonfilmkomposition.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach dem Ursprung der Filmmusik im Geiste von Wagners Musikdramen und prüft, inwieweit der Film als Erfüllung des Wagner’schen Gesamtkunstwerk-Ideals angesehen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine musik- und theaterwissenschaftliche Analyse, die historische Quellen, musiktheoretische Schriften von Wagner und Nietzsche sowie zeitgenössische Handbücher zur Filmmusik auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die ästhetischen Parallelen zwischen dem Theater in Bayreuth und frühen Kinosälen, vergleicht das Wagner’sche Leitmotivsystem mit dem Skalenregister von Giuseppe Becce und untersucht die Verwendung von Wagner-Fragmenten im Film.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Gesamtkunstwerk, Musikdrama, Leitmotivik, Filmmusik, Bayreuther Festspielhaus und Stummfilmära.
Welche Rolle spielte Giuseppe Becce für die Filmmusik?
Becce systematisierte die Filmmusik durch sein „Allgemeines Handbuch der Filmmusik“ und eine Kinethek, die es Kapellmeistern ermöglichte, Stummfilme strukturiert zu illustrieren, wobei er sich stark an Wagners Leitmotiv-Technik orientierte.
Warum wird Wagner heute oft im Kontext von „Hollywood“ genannt?
Die Arbeit erläutert, dass große Hollywood-Produktionen und Monumentalfilme Wagners plastische Situationsschilderungen, die opulenten Orchesterbesetzungen und das Leitmotivsystem übernommen haben, um eine totale emotionale Einfühlung des Zuschauers zu erreichen.
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- Nora Weyer (Author), 2007, Die Geburt der Filmmusik aus Wagners Musikdrama, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77416