Wittgensteins Orientierung im Netz der Pfade des Denkens


Essay, 2003
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Wir sind halluzinierende Automaten, die beim ‘Schwimmen’ im Ozean einer ewigen und ge­setzmäßigen Welt nur eine Richtung kennen.

Prigogine, Von Leibniz zu Lukrez.

Im folgenden sei der Versuch unternommen, einen metaphorologischen Über­gang nachzuzeichnen als Folge eines methodologischen Bruchs im Denkstil Wittgensteins, der als Unterscheidung zwischen Wittgenstein I und II in die Re­zeptionsgeschichte eingegangen ist. Kurzum, als Übergang vom Logischen der Philosophie zum Aphoristischen der Poesie. Dazu seien einige biografische Notizen vorangestellt:

Ludwig Wittgenstein wurde 1889 in Wien geboren. […] Er begann ein Ingenieurs­studium an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg und setzte die­ses an der Unversität Manchaster fort. Sein Interesse verlagerte sich von Problemen der Luftfahrt und Aerodynamik bald auf die Mathematik, besonders nachdem er Bertrand Russells Principles of Mathematics (Vorläufer der Principia mathematica) gelesen hatte [vgl. Mengenparadox], und weiter auf Grundlagenprobleme der Mathe­matik und damit auf Logik und Philosophie. […] Den ganzen Krieg hindurch trug er seine philosophischen Überlegungen in Notizhefte ein. [… U]nd 1922 erschien eine zweisprachige, deutsch-englische Ausgabe unter dem lateinischen Titel Tractatus Logico-Philosophicus. […] Als Persönlichkeit war Wittgenstein labil, sprunghaft, empfindlich gegen Kritik; die von Moritz Schlick vorsichtig angebahnten Gesprächs­kontakte zu den brillanten Fachleuten des Wiener Kreises nahm er nur auf unter der Bedingung, daß seine philosophischen Thesen aus diesem Kreis nicht kritisiert würden. [Zum Verständnis sei an dieser Stelle eine überlieferte Anekdote eines Mit­gliedes des Wiener Kreises hilfreich. Das Hauptargument jener Philosophentruppe war, daß die Aussagan der traditionellen bzw. abendländischen Metaphysik sinnlos seien und an de­ren Stelle die Wissenschaftstheorie bzw. -philosophie treten müsse. Wenn nun jemand den­noch eine Aussage machte oder einen Begriff verwendete, der nicht ihrer neu-positivistisch-analytisch-kritischen Sprachphilosophie entsprach, wurde ihm mit dem Ruf Metaphysik das Wort entzogen. Da viele Mitglieder ständig solche Begriffe verwendeten, verwenden mußten, wurde nur noch ein Schild mit M für Metaphysik hochhalten bzw. gelegentlich herunterge­nommen und machte ein erkenntniserweiterndes Diskutieren eigentlich unmöglich. Das his­torische Ende des Wiener Kreises ist weniger komisch und endete mit einem Mord. Moritz Schlick wurde 1936 von einem seiner schärfsten Kritiker erschossen.] Als Freund war Witt­genstein großzügig und neigte zum einsamen Leben. [Zwischen 1920 und 1929 zog sich Wittgenstein fast völlig zurück, arbeitete als Gärtnergehilfe und dachte nach. […] Wittgensteins Denken während der zweiten Periode seiner philosophi­schen Ak­tivität ist erst nach seinem Tode bekannt ge­worden, in erster Linie durch die Philiosophische Untersuchungen von 1953.[1]

Einen ersten Hinweis auf das Mißtrauen seiner Worte und Begriffe des Tracta­tus gegenüber seinen eigenen Gedanken als ein unübersichtliches und kaum beherrschbares Netz oder Labyrinth[2] gibt Wittgenstein in seinem 1945 ge­schriebenen Vorwort zu den Philosophischen Untersuchungen. Eine Vermu­tung über den Stil des Philosophierens überhaupt wagte er schließlich als No­tiz zu seinen Untersuchungen, die durch seinen Nachlaß überliefert ist:

Philosophie dürfte man eigentlich nur dichten. Daraus muß sich, scheint mir, erge­ben, wie weit mein Denken der Gegenwart, Zukunft oder Vergangenheit angehört: Denn ich habe mich damit auch als einen bekannt, der nicht ganz kann, was er zu können glaubt.[3]

Ein flüsterndes Gemurmel begleitet das Denken Wittgensteins als das Mysti­sche, das sich nicht sprachlich aber ausdrücklich zeigt. Als solches perforiert es schon die sprachphilosophisch geschlossenen sieben Pragraphen des Trac­tatus logico-philosophicus. Geschlossen meint den eindeutigen Anfang und Ende jener Argumentations linie. Kurz vor dem Endpunkt dieser Linie muß Wittgenstein einsehen:

Nicht wie die Welt [nominal] ist, ist das Mystische, sondern daß sie ist [existiert]. […] Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen. Das Rätsel gibt es nicht. […] Es gibt allerdings Unausprechli­ches. Dies zeigt sich [außersprachlich], es ist das Mystische [bzw. sein Empfinden].[4]

Als Vordenker der analytischen Philosophie seiner Zeit hatte Wittgenstein in seinem Frühwerk den nicht geringen finalen Anspruch, daß der Zweck der Philosophie die logische Klärung der Gedanken sei,[5] während sich der An­spruch in seinem Spätwerk, den 1936 begonnenen Philosophischen Untersu­chungen, bescheidener ausnimmt. Vor allem seine Philosophie will er darin als Kampf gegen die Verwirrung unseres Verstandes durch die Paradigmen der Sprache verstanden wissen. Dabei vertraut Wittgenstein nicht mehr, wie der Titel erahnen läßt, einer streng logischen Argumentationslinie geordneter Pa­ragraphen, sondern einer eher literarisch-aphoristischen, bestehend aus un­geordneten und fast beliebig aufeinander verweisender Paragraphen, um dem Prozeßhaften im Sprechen der Sprache, dem Diskursiven, dem Sagen des Sel­ben, kurzum, den Regeln aller Sprachspiele bzw. Diskurse auf die Spur zu kommen, kurzum dem Diskursiven an sich zwischen bzw. unter allen Diskur­sen:

[...]


[1] Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Frankfurt/Main 1992, S. 654f. Dieser 750-seitige Band ist ein sehr gut geeignetes Kompendium für den Einstieg in die Philosophie.

[2] Vgl. Eco, Im Labyrinth der Vernunft, Reclam, Leipzig 1989, S. 104f. Hier beschreibt Eco his­torisch drei Klassen von Labyrinthen: das Klassische des Theseus’, den Irrgarten oder Irr­weg mit Ariadnefaden und das Netz oder Rhizom .

[3] Pichler, Wittgensteins Nachlaß, 1990 bis 1996, Item 115, 1992, Bd.11, Philosophische Be­merkungen, S. 30. (http://wab.aksis.uib.no/sample/vw115-ad.htm). Vgl. Heidegger, Über den Humanismus, Frankfurt/Main 1981, S. 53.

[4] Wittgenstein, 1984, 84f, §§ 6.44, 6.5 und 6.522.

[5] Vgl. Wittgenstein, 1984, 32, § 4.112.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Wittgensteins Orientierung im Netz der Pfade des Denkens
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
9
Katalognummer
V79013
ISBN (eBook)
9783638856355
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wittgensteins, Orientierung, Netz, Pfade, Denkens
Arbeit zitieren
Dr. des. Robert Dennhardt (Autor), 2003, Wittgensteins Orientierung im Netz der Pfade des Denkens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79013

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