Derridas Geflecht der sich selbst webenden Diskurse


Essay, 2003
10 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Es geht auch nicht darum, der Buchhülle noch nie da­gewesene Schriften einzuverleiben, sondern endlich das zu lesen, was in den vorhandenen Bänden schon immer zwischen den Zeilen geschrieben stand. […] Was es heute zu denken gilt, kann in Form der Zeile oder des Buches nicht niedergeschrieben werden.

Derrida, Grammatologie.

Die Schrift […] ist eine Spur, die mich aus sich entläßt.

Derrida, D’ailleurs Derrida.

Dramatisch offenbart Derrida die Strategie seines Denkens mit der Pro­grammschrift Die différance als Versuch, sein unübersichtliches Gedankenge­flecht mit dem zentrierenden Griff einer Rede immer wieder neu zu bündeln, da es einen eindeutigen philosophisch argumentativen Anfang innerhalb sei­ner Aussagen oder gar ein Zentrum aller sich einschreibenden Diskurse nicht geben kann:

Was ich hier vortrage, wird sich also nicht einfach wie eine philosophische Rede entwickeln, die nach dem Prinzip, nach Postulaten, Axiomen oder Definitionen ver­fährt und sich entlang der diskursiven Linearität einer Ordnung von Begründungen verschiebt. […] Eine Strategie schließlich ohne Finalität; man könnte dies blinde Taktik nennen, empirisches Umherirren, […] Gibt es ein Umherirren beim Zeichnen der différance, so folgt es der Linie des philosophisch-logischen Diskurses ebenso­wenig wie der ihres symmetrischen und zugehörigen Gegenteils, des empirisch-logi­schen Diskurses.[1]

Derrida greift in das Netzwerk all seiner Gedanken hinein und erzeugt kein diskursives Zentrum, sondern eine künstlich flottierende Textur, ein Bündel, das „den Charakter eines Einflechtens, eines Webens, eines Bindens hat, wel­ches die unterschiedlichen Linien des Sinns wieder auseinanderlaufen läßt,”[2] d. h. der Text Die différance. Derridas Rechtfertigung klingt zwingend, wenn er jedwede logozentristische Zentren des philosophisch anfänglichen Fragens derart dekonstruieren will, daß allein das unmerklich aber apriorische Wirken des Signifikanten das abendländische Denken in Antinomien und ontologi­schen Differenzen konfiguriert. Um dieses Wirken verständlich zu machen, führt Derrida in seiner Grammatologie den Begriff der errance (Umherirren) und clôture (Geschlossenheit) für jede historische Epoche ein, der vor allem nicht mit fin (Ende) zu verwechseln sei.[3] Er verneint gleichzeitig jede zentrale ontologi­sche Differenz oder den Glauben an einen ersten epistemologischen Ein­schnitt vor allen etablierten Diskursen, die in ihrer Gesamtheit ein interdis­kursives Gewebe formieren, „das man endlos weiter zerstören muß“[4], samt seinen Aussagen in Abhängigkeit ihrer diskursiven Skalierungen.

Die Erschließung der Frage, das Hinaustreten aus der Geschlossenheit [clôture] ei­ner Evidenz, die Erschütterung eines Systems von Gegensätzen, all diese Bewegun­gen verlaufen notwendig in der Gestalt des Empirismus und der Irrung [errance]. Zumindest können sie in Bezug auf vergangene Normen nur in dieser Gestalt be­schrieben werden. Keine andere Spur steht zur Verfügung. Und da diese irrenden Fragen keine absoluten, jenseits des Durchbruchs gelegenen Anfänge sind, lassen sie sich tatsächlich auf einer Oberfläche ihrer selbst mit Hilfe dieser Beschreibung, die sich zugleich als Kritik [Dekonstruktion] versteht, erfassen. Wir müssen irgend­wo, wo immer wir sind, beginnen, und das Denken der Spur, das sich des Spürsinn nicht entschlagen kann, hat uns bereits gezeigt, daß es unmöglich wäre, einen be­stimmten Ausgangspunkt vor allen anderen zu rechtfertigen. Irgendwo, wo immer wir sind: schon in einem Text, in dem wir zu sein glauben.[5]

Kein historisches Subjekt ist in der Lage, aus dieser Geschlossenheit heraus­zutreten, d. h. auf die Begriffe der abendländischen Metaphysik zu verzichten. Neben einem nicht-positiv denkbaren Zentrums bzw. dem Wegfall einer Totali­tät innnerhalb der Struktur des abendländischen Denkens, beginnt Derridas Aufsatz Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen von 1966 mit eben der Tatsache der Geschlossenheit. Kurz ge­sagt, wir verfügen über keinen Diskurs, der „nicht an der Geschichte beteiligt wäre. Wir können keinen einzigen destruktiven Satz bilden, der nicht schon […] den impliziten Erfordernissen dessen sich gefügt hätte, was er gerade in Frage stellen wollte.“[6]

Zeichensysteme und Schriftkonzepte sind nach Derrida keine Instrumente der Darstellung oder des Ausdrucks, sondern Kulturtechniken, welche die re­ligiösen, politischen, philosophischen und gesellschaftlichen Tendenzen einer Epoche von außen her programmieren. Ob Zeichensysteme nicht wiederum auch relativ epochendeterminert sind, darüber schweigt Derrida. Hieraus er­gibt sich die Stellung und Zielsetzung seiner Grammatologie: „Die Grammato­logie muß alles, was den Begriff und den Phonologismus verbindet, dekon­struieren.”[7] Es geht der Grammatologie also nicht einfach darum, die für die logozentristischen Wissenschaften nicht erst seit Saussure und die moderne Philosophie symptomatischen Prätentionen von Wahrheit, Vollständigkeit und Präsenz diskursiver Zentren zu negieren, was wiederum ein Paradox ins Zen­trum setzen würde, nämlich den Satz: Die einzige Wahrheit ist, daß es keine Wahrheit gibt. Stattdessen fordert Derrida ein Zurückgehen in die metaphysi­sche Epoche als Rekonstruktion der Geschichte und Freudsches Durcharbei­ten, d. h. in die dekonstruktivistische Relektüre, die weiß, daß der Logozen­trismus nicht einfach suspendiert werden kann.

[...]


[1] Derrida 1988, 32f.

[2] Derrida 1988, 30.

[3] Vgl. Derrida 1983, 14.

[4] Derrida 1968, 63.

[5] Derrida 1983, 280f. Vgl. G. Bennington, Dekonstruktion ist nicht was du denkst (1996).

[6] Derrida 1990, 118.

[7] Derrida, 1968, 80f.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Derridas Geflecht der sich selbst webenden Diskurse
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
10
Katalognummer
V79015
ISBN (eBook)
9783638856379
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Derridas, Geflecht, Diskurse
Arbeit zitieren
Dr. des. Robert Dennhardt (Autor), 2003, Derridas Geflecht der sich selbst webenden Diskurse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79015

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Derridas Geflecht der sich selbst webenden Diskurse


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden