Foucaults ordentliche Unterwerfung des Diskurses


Essay, 2003
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Nunmehr hast du getan, was du nicht ge­tan hast, ist geschrieben, was du nicht geschrieben hast: du bist verurteilt, un­auslöschlich zu sein.

Blanchot, Von Kafka zu Kafka.

Zuvorderst werde ich mich an einem Sekundärtext orientieren, der auf einzig­artige Weise das Denken Foucaults rezerpiert – Deleuze’ Foucault-Schrift. Des­halb sollen in erster Näherung die wichtigsten Passagen aus dem Primärtext Foucaults, die Archäologie des Wissens von 1969, angeführt werden bezüglich den diskursiven Einheiten und die sich durch sie bildenden Formationen:

Die Einheiten [Einheitlichkeiten] des Diskurses. Das Benutzen der Begriffe von Dis­kontinuität, Bruch, Schwelle, Grenze, Serie, Transformation stellt jeder histori­schen Analyse nicht nur Fragen des Vorgehens, sondern theoretische Probleme. […] Kann man ohne weiteres die Unterscheidung der großen Diskurstypen oder jene der Formen oder der Gattungen zugeben, die Wissenschaft, Literatur, Philosophie, Reli­gion, Geschichte, Fiktion usw. in Opposition zueinander stellen […]? Aber vor allem sind die Einheiten, die man unentschieden lassen muß […] jene des Buches und des Werks. [… Sie sind in das] System der Verweise auf andere Bücher, andere Tex­te, andere Sätze verfangen: ein Knoten in einem Netz. [… Es gibt die] Gesamtheit al­ler Effektiven Aussagen (ob sie gesprochen oder geschrieben worden sind) […], eine Fülle von Ereignissen im Raum des Diskurses im allgemeinen. [… Es gibt] Bezie­hungen der Aussagen Untereinander (selbst wenn diese Beziehungen dem Bewußt­sein des Autors entgehen; selbst wenn es sich um Aussagen handelt, die nicht den gleichen Autor haben; selbst wenn diese Autoren einander nicht kennen); Bezie­hungen zwischen so aufgestellten Gruppen von Aussagen (selbst wenn diese Grup­pen nicht die gleichen Gebiete oder benachbarte Gebiete treffen; selbst wenn sie nicht das gleiche Formale Niveau); […] Den [Ereignis-]Raum in seiner Reinheit er­scheinen zu lassen, in dem sich die diskursiven Ereignisse entfal­ten, heißt […] in ihm, und außerhalb seiner, Spiele von Beziehungen zu beschrei­ben.

Die diskursiven Formationen. [… Es gibt] die Hartnäckigkeit der Themen [z. B. Die Pathologie des Wahnsinns oder die Evolution]. […] Die Idee der Evolution ist viel­leicht in ihrer allgemeinsten Formulierung dieselbe bei Benoît de Maillet, Bordeu oder Diderot und bei Darwin; […]. Könnte man nicht eher die Verstreuung der zur Wahl stehenden Punkte [des Ereignis-Raums von Aussagen] auffinden und […] von jeder thematischen Bevorzugung ein Feld [denk-] strategischer Möglichkeiten definieren [vgl. Foucaults Diagramm auf der letzten Seite], […] um Aussagemengen zu indivi­dualisieren? […] In dem Fall, wo man in einer bestimmten Zahl von Aussa­gen ein ähnliches System der Streuung beschreiben könnte, in dem Fall, in dem man bei den [zu bedenkenden] Objekten, den Typen der Äußerungen [wie Logik, Analogie, Metaphorik, Polemik, Poesie usw.], den Begriffen, den thematischen Entscheidun­gen [des Herbeizitierens anderer Diskurse] eine Regelmäßigkeit definieren könnte, wird man übereinstimmend sagen, daß man es mit einer diskursiven For­mation zu tun hat, [… und nicht] Wissenschaft, Ideologie, Theorie oder Objektivitäts­bereich.[1]

In der Gefahr für die Philosophie bzw. die Ideen- und Wissenschaftsgeschich­te, die gerade von ihren mannigfaltigen Rändern zu anderen Diskursen, vor allem zur Literatur, ausgeht, sieht Foucault in Von der Subversion des Wis­sens gerade ihr Rettendes, durch das sie ihr Sprechen wieder in den Griff be­kommen kann. Macht erlangt der philosophische Diskurs danach nur zurück, wenn er sich selbst im subversiven Niemandsland der epistemologischen Lö­cher ansiedelt: „Und in diesem Verschwinden des philosophischen Subjekts bewegt sich die philosophische Sprache wie in einem Labyrinth.“[2] Somit si­chert sich Foucault gegenüber dem Leser Nietzscheanisch ab, als ein der Ord­nung des Diskurses und der Archäologie dieser Wissen produzierenden Ord­nung unterworfenes Subjekt (subiectus): „Nein, nein, ich bin nicht da, wo ihr mich vermutet, sondern ich stehe hier, von wo aus ich euch lachend anse­he.“[3]

Das genannte Labyrinth archiviert Spuren, die das als Autor zeichnende Subjekt aus sich entlassen. Es ist der diskursive Rand der Ordnung der Dinge als je topologische Dopplung, an dem sich das Innen des philosophischen Diskurses durch das Falten des interdiskursiven, fiktionalen und des nicht philosophischen Außen bildet. Foucaults Aufmerksamkeit richtet sich weder auf die Suche nach der Realität des Wortes oder der Dinge, die immer schon der symbolischen Ordnung des Signifikanten unterworfen ist, noch auf die lo­gische und semantische Analyse von Sätzen und Propositionen. Auf dem Hö­hepunkt seiner hermetischen Abstraktheit erschafft Foucault mit dem Begriff der diskursiven Formation ein topologisch anschauliches Epistem für die unter jeder symbolischen Ordnung liegenden Wissensfelder und Denkmuster asso­ziativer Aussagen im unübersichtlichen Spiel der Diskurse.[4] Wenn ein Dis­kurs ein Teil einer geregelten Wissensproduktion, d. h. eine bestimmbare Menge von Aussagen ist, dann bedeutet diskursive Formation eine topologi­sche Relation von Aussagen oder Aussagenfamilie, die zwar interdiskursiv sein kann, aber dennoch historisch determiniert bleibt. Eine solche Vorstel­lung ersetzt dann gewissermaßen die Begriffe Ideologie oder Wissenschaft und wird von Foucault als Regelmäßigkeit in der Streuung von Aussagen beschrie­ben.[5] Innerhalb des Diskurses muß dann das syntaktisch Ausdrückbare und das tatsächlich auch Gesagte nicht das gleiche sein. Jede Aussage für sich ist verschwommen und undeutlich. Erst das mit symbolischen Mitteln mögliche Ziehen einer Linie durch das interdiskursive Feld ordnet eine Anzahl von as­soziativen Aussagen in Aussagenfamilien, d. h. diskursiven Formatio­nen.

Deleuze’ Exegese beschreibt Foucault als neuen Archivar von jenen Aussa­genfamilien oder Feldern, bestehend aus der vertikalen Hierarchie von allge­mein formierten Propositionen und dem horizontalen Nebeneinander von his­torisch etablierten Sätzen. Scheinbare Widersprüche von Sätzen entstehen in diesen Feldern nur durch ihre positive Distanz zueinander. Eine Aussage selbst ist somit ihrer Natur nach epistemologisch kürzer als ihre je diskursiv nötige Anzahl von Sätzen und Propositionen. Topologisch beschreibt eine Aus­sage eine Diagonale, in der Sätze erst beweglich und neu lesbar werden, was durch die Sätze allein nicht möglich sein kann. Im Raum dieser Verknappung spricht die Aussage zusätzlich ein anderes Selbes mit aus. Dieses Andere, und das ist das Entscheidende, obliegt den gleichen Regeln, wie die zu seiner Formation gehörenden Diskurse, d. h. es trägt ähnliche Differenzen in sich:

[...]


[1] Foucault 1981, 33 bis 45 und 48 bis 58.

[2] Foucault 1987, 45.

[3] Foucault 1981, 31. Foucault meint keinen geringen als Zarathustra: „Eins aber weiß ich, ― von dir selber lernte ich’s einst, o Zarathustra: Wer am gründlichsten töten will, der lacht.“ (Nietzsche 1954, 550).

[4] Vgl. Deleuze 1987, 24.

[5] Vgl. Foucault 1981, 58.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Foucaults ordentliche Unterwerfung des Diskurses
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
11
Katalognummer
V79016
ISBN (eBook)
9783638856386
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Foucaults, Unterwerfung, Diskurses
Arbeit zitieren
Dr. des. Robert Dennhardt (Autor), 2003, Foucaults ordentliche Unterwerfung des Diskurses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79016

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