Uganda: Von der "Perle Afrikas" zum Terror Idi Amins


Examensarbeit, 2007

62 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Uganda - Von der „Perle Afrikas“ zum Terror Idi Amins
2.0 Forschungsstand
2.1 Geographische Gegebenheiten und Bevölkerungsstruktur
2.2 Uganda als britische Kolonie
2.3 Die Unabhängigkeit Ugandas und die Entwicklung bis 1971
2.4 Die Biographie Idi Amins
2.4.1 Die Biographie Amins bis 1962
2.4.2 Die Biographie Amins von 1962 bis 1971
2.5 Die Machtübernahme 1971 und die Konsolidierung der Macht
2.5.1 Der Putsch am 25.1.1971
2.5.2 Die Sicherung der Macht
2.5.2.1 auf öffentlicher, militärischer und rechtlicher Ebene
2.5.2.2 auf internationaler Ebene
2.5.2.3 auf wirtschaftlicher Ebene
2.6 Stützen der Macht und Opfer des Regimes
2.6.1 Militär und Geheimpolizei
2.6.2 Opfer und Widerstand
2.7 Uganda unter Idi Amin im internationalen Kontext
2.7.1 Das Verhältnis zu Großbritannien
2.7.2 Das Verhältnis zu Libyen und Israel
2.7.3 Das Verhältnis zu Tansania und der Organization for African
Unity
2.7.4 Das Verhältnis zu den Supermächten und der Bundesrepublik
2.8 Das Ende und das Exil
2.9 Ideologie, Selbstdarstellung und Wirkung Amins
2.10 Uganda unter Amin - typisch Afrika?

3 Fazit

Anhang

Quellen- und Literaturverzeichnis

Internetquellen

1 Einleitung

1907 unternahm Winston Churchill in seiner Funktion als Unterstaatssekretär im Kolonialministerium eine ausgedehnte Reise durch die britischen Kolonien in Ostafrika und hielt seine Erfahrungen und Erlebnisse in „My African Journey“ fest.1 Churchill beschreibt das Gebiet des heutigen Ugandas als eine Landschaft, die durch Schönheit, gute Böden, üppige Vegetation, eine reiche Tierwelt und ein angenehmes Klima geprägt ist. Aufgrund dieser Vorzüge bürgerte sich für Uganda die Bezeichnung „die Perle Afrikas“ ein.

Etwa sieben Jahrzehnte nach der Reise Churchills herrschte im inzwischen selbständigen Uganda ein Diktator, der weltweit berüchtigt wurde für Gewalt und makabere Selbstdarstellungen. Während seiner Herrschaft von 1971 bis 1979 sollen über 200.000 Menschen den Tod gefunden haben. Sein Name war Idi Amin.2 Der Afrikaexperte Ryzard Kapuscinski beschreibt Idi Amin als „den bekanntesten Diktator in der Geschichte des modernen Afrikas und einer der berüchtigtsten des zwanzigsten Jahrhunderts in der ganzen Welt“.3 Internationale Berühmtheit in den 1970ern erhielt er allerdings nicht nur durch die Gewalt seines Regime, sondern durch seine bizarren öffentlichen Auftritte und persönliche Gewaltexzesse, die ihn weltweit immer wieder in die Schlagzeilen brachten4 und auch die Belletristik anregten.5

Diese Arbeit wird die Entwicklung Ugandas von der britischen Kolonisation bis hin zur Herrschaft Amins untersuchen. Es soll der Frage nach der Entwicklung Ugandas in diesem Zeitraum nachgegangen werden. Der zweite Schwerpunkt der Arbeit widmet sich der Person Amin und der Funktionsweise seines Regimes. Abschließend soll versucht werden die Herrschaft Amins zu kategorisieren. Hierfür ist es nötig einleitend einen Blick auf den aktuellen Forschungsstand zu Uganda und Amin zu werfen.

2 Uganda - von der „Perle Afrikas“ zum Terror Idi Amins

2.0 Forschungsstand

Wie bereits in der Einleitung angedeutet, besteht die Hauptproblematik dieser Arbeit in der schwierigen Quellen- und Forschungslage.6 Zum einen gibt es wenig Quellen und wenig Literatur zur Geschichte Ugandas und zum Regime Amins, zum anderen sind die vorhandenen Materialien nur schwer zugänglich. Eine Ausnahme bildet hier der Forschungsbericht von Axel Halbach7 aus dem Jahr 1973, der die verschiedenen Dokumente der Anfangsmonate von Amins Herrschaft analysiert.

Neben einigen Werken zur Geschichte Ugandas gibt es verschiedene Überblicksdarstellungen zur afrikanischen Geschichte, wie zum Beispiel von Leonhard Harding, John Illiffe oder Franz Ansprenger. Da diese Darstellungen allerdings die historischen Entwicklungen eines heterogenen Kontinents darstellen, werden speziell die Probleme und Entwicklungen in Uganda meist nur sehr knapp dargestellt.

Es hat bisher noch keine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte Ugandas unter Idi Amin stattgefunden. Dies liegt unter anderem sicherlich in der vergleichsweise geringen internationalen Bedeutung Ugandas begründet. Während der 70er Jahre des 20.Jahrhunderts und unmittelbar nach Ende der Herrschaft Amins beschäftigten sich vor allem britische und afrikanische Wissenschaftler mit dem Terrorsystem Amins. So wurde ein umfassender Bericht über die Verfolgung von Christen in Uganda unter Amin bereits 1980 von Dan Wooding und Ray Barnett veröffentlicht.8 In den folgenden Jahren ist allerdings das Interesse stark zurückgegangen.

Mit dem Tod Amins 2003 wuchs kurzfristig das Interesse an seiner Person und Amins Leben wurde in verschiedenen Zeitungen und Nachrichtenagenturen dargestellt. Daher wurde für diese Arbeit, soweit es sinnvoll erschien, auf deren Online-Archive zurückgegriffen. Die jüngste Biographie zu Idi Amin stammt aus dem Jahr 2005 von James Barter.9 Diese Biographie bietet zwar gutes Bildmaterial, klärt aber nicht annähernd alle Fragen, und so fehlt es bis heute an einer umfassenden Biographie über einen der größten Massenmörder des zwanzigsten Jahrhunderts.

2.1 Geographische Gegebenheiten und Bevölkerungsstruktur

Zu Beginn dieser Arbeit soll ein Blick auf die geographischen Gegebenheiten und die Bevölkerungsstruktur geworfen werden. Wie anhand von Abbildung 1 zu sehen ist, ist Uganda mit der Hauptstadt Kampala ein Binnenland im ostafrikanischen Hochland, umgeben von Tanzania, Ruanda, Sudan, Kenia und der Demokratischen Republik Kongo. Aufgrund seiner Lage an den großen Seen Ostafrikas, wie z.B. dem Victoria-See oder dem Albert-See, wird es häufig als „Zwischenseegebiet“10 bezeichnet.

Das Land wird vom tropischen Klima geprägt und verfügt über ertragreiche Böden. Das landwirtschaftliche Potential wird als günstig eingestuft, und die Ernährung der Bevölkerung kann im Wesentlichen ohne Importe sicher gestellt werden. Uganda verfügt allerdings nicht über Bodenschätze und Rohstoffe. Die landwirtschaftliche Gunstlage erklärt auch die geringe Verstädterungsquote von 9 % (Stand 1980).11

Abbildung 1: Lage und Karte Ugandas12

Bereits seit mehreren Jahrhunderten zieht dieses Gebiet verschiedene Volksstämme an, wovon die Wichtigsten die sudanesischen und hamitischen Gruppen aus dem Norden sowie die bantusprechenden Stämme aus dem zentralafrikanischen Becken sind. Insgesamt sind in Uganda etwa vierzig verschiedene ethnischen Gruppen zu finden, womit Uganda das afrikanische Land mit der heterogensten Struktur ist, wovon mit ca. 50% die Bantustämme den größten Anteil stellen. Die räumliche Verteilung der einzelnen Ethnien wird durch Abbildung 2 deutlich.

Abbildung 2: Räumliche Verteilung der ethnischen Gruppen in Uganda13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese ethnische Vielfalt wurde noch durch die asiatischen Arbeitskräfte vergrößert, die von den britischen Kolonialherren ab dem 19.Jahrhundert zum Bau von Bahnstrecken ins Land geholt wurden. Dementsprechend vielfältig stellt sich auch die religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung dar: Katholiken stellen etwa 35%, Protestanten etwa 25%, Moslems etwa 8% und der Rest entfällt auf traditionelle Naturreligionen.14

Auch wenn eine Betrachtung Ugandas, die ethnische Unterschiede betont, sicherlich nicht mehr dem Zeitgeist entspricht und der Gesamtproblematik nicht gerecht wird,15 so ist es dennoch wichtig die Vielfalt Ugandas und auch seine naturräumlichen Gegebenheiten zu berücksichtigen.

2.2 Uganda als britische Kolonie

Wie für die Geschichte eines afrikanischen Landes typisch, spielt der Einfluss der europäischen Großmächte und die damit verbundene Kolonisation eine bedeutende Rolle für die Entwicklung des Landes im 19. und 20.Jahrhundert. Uganda bildet hier keine Ausnahme.

Lange Zeit begrenzte sich das Interesse der europäischen Mächte auf küstennahe Gebiete und aufgrund der Binnenlage des Zwischenseegebietes blieb Uganda lange von kolonialen Interessen unbehelligt. Im Rahmen europäischer Entdeckungsreisen, wie zum Beispiel unter Leitung von Henry Morton Stanley, die in diesem Gebiet nach den damals mystifizierten Quellen des Nils suchten, geriet Uganda ab 1862 in das Blickfeld europäischer Interessen, und 1877 folgten auf die Entdecker Missionare aus Großbritannien.16

Auf dem Gebiet des heutigen Uganda gab es Ende des 19.Jahrhunderts keinen Staat im modernen Sinn, sondern verschiedene lokale Herrscher regierten flächenmäßig kleine Gebiete. Am mächtigsten war zu dieser Zeit der König von Buganda. Durch den Handel mit der ostafrikanischen Küste wuchs in Buganda ab Mitte des 19.Jahrhunderts der Einfluss der muslimischen Händler. Der König von Buganda ging 1876 erstmals mit Gewalt gegen die Muslime vor, und in diesem Rahmen hieß er christliche Missionare aus Großbritannien willkommen, die diesem Ruf natürlich bereitwillig folgten.17

Für das Zwischenseegebiet bestanden in verschiedenen deutschen Kolonialkreisen Erwägungen, es dem gerade entstehenden deutschen Kolonialreich in Ostafrika einzuverleiben. Der bekannteste Vertreter dieser Interessensgruppen war der berüchtigte Carl Peters. Peters gelang es sogar einen Schutzvertrag mit dem König von Buganda abzuschließen und so Furcht bei den Briten vor deutschem Einfluß in diesem Gebiet auszulösen. Peters, der auch die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ gründete, fand jedoch keine Unterstützung durch Bismarck, und im Rahmen des Helgoland-Sansibar-Vertrages 1890 wurden die deutschen Ansprüche auf Uganda endgültig aufgegeben.18

„The Scramble for Africa“19 erreichte gegen Ende des 19.Jahrhunderts seinen Höhepunkt und so geriet Uganda immer stärker in das Blickfeld der britischen Wirtschaft und Politik. Aus geostrategischer Sicht war Ostafrika bedeutend, da man den Einfluß über Ägypten, wo Großbritannien seit 1875 über die Aktien des Suezkanals verfügte, wahren konnte.20 Wie häufig in der Kolonialgeschichte traten anfangs Firmen und Gesellschaften in den zu kolonisierenden Gebieten auf. Die britischen Ansprüche wurden durch die Imperial British East Africa Company vertreten. Nach deren Bankrott und dem deutsch-britischen Vertrag erfolgte 1894 schließlich die Erklärung Ugandas zum britischen Protektorat.21 Abbildung 3 zeigt die koloniale Aufteilung Afrikas zu Beginn des 20.Jahrhunderts.

Die britischen Ansprüche auf Uganda müssen im Zusammenhang der imperialistischen Politik der europäischen Mächte am Ende des 19.Jahrhunderts gesehen werden. Nachdem lange Zeit die Küstengebiete das Interesse der Europäer weckten, begann nun die zweite Etappe der Aufteilung Afrikas. Vor allem Großbritannien und Frankreich versuchten ihre Kolonialreiche in Afrika auszudehnen. So wurde Uganda Teil des berühmten Konzeptes „Cape to Cairo“ von Cecil Rhodes.22

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Afrika zu Beginn des 20.Jahrhunderts23

Es wird also deutlich, dass das Interesse der europäischen Mächte an Uganda stark mit der weltpolitischen Lage zu dieser Zeit zusammenhängt. Franz Ansprenger spricht von einem „Domino-Effekt“24, der dazu führte, dass die Großmächte versuchten möglichst viele Ländereien zu kontrollieren, um so eine bessere Position als die anderen Mächte zu erreichen.

Der Bau der Eisenbahnlinie von der Küstenstadt Mombasa an den Viktoria-See stellt ein bedeutendes Ereignis für die Entwicklung Ugandas dar. Die britischen Kolonialherren „importierten“ Arbeitskräfte aus ihrer Kronkolonie Indien, um die Eisenbahnstrecke bauen zu lassen. Viele dieser Arbeiter blieben nach der Beendigung der Bahnstrecke im Land und holten ihre Familien nach. So entstand ein bedeutender indischer Bevölkerungsanteil in Uganda. Wirtschaftlich betrachtet, bedeutete der Bau der Eisenbahn eine stärkere Integration Ugandas in das britische Wirtschaftssystem und führte zur Einführung der so genannten „cash crops“, die lokale Anbauprodukte verdrängten.25

Die britische Politik verfolgte auch hier ihre „indirect-rule“-Politik und unterstützte das Königreich der Buganda, das zu dieser Zeit das Gebiet dominierte, was zu einer Verschärfung der ethnischen Spannungen führen sollte. Wie erwähnt gab es Ende des 19.Jahrhunderts noch keinen ugandischen Staat im modernen Sinn, sondern es waren verschiedene traditionelle Königreiche vorhanden. Die Formung eines Staatsgebietes wurde von den Briten mit Hilfe der Buganda vorangetrieben und so bezeichnet Jörgensen die Periode von 1888 bis 1922 als „unification and incorporation into the capitalist world system“.26 Ziel dieses Vorganges war, schrittweise die wirtschaftliche Abhängigkeit Ugandas von der britischen Kolonialmacht zu erreichen.

Buganda gelang es unter der britischen Kolonialherrschaft eine wichtige Rolle in der Kolonie einzunehmen. Da der höchste Minister Bugandas, Apolo Kaggawa, frühzeitig erkannte, dass Auflehnung gegen die Kolonialherrschaft dem eigenen Volk nur schadet, gelang es ihm 1900 das Uganda-Abkommen mit den Briten auszuhandeln. Dieses Abkommen sicherte dem Königreich Buganda weitgehende Autonomie und bewahrte die Monarchie.27

Die koloniale Durchdringung Ugandas durch die Kolonialmacht Großbritannien war im Vergleich zu anderen afrikanischen Kolonien gering. So respektierten die Briten in Uganda im Gegensatz zum benachbarten Kenia die lokalen Bodenbesitzverhältnisse.28 Dies lag sicherlich darin begründet, dass die Zahl der weißen Siedler in Uganda gering, und so der Druck der britischen Oberschicht auf die Kolonialverwaltung schwach blieb.

Trotz der geringen Siedlerzahl handelt es sich nach den Definitionen von Jürgen Osterhammel bei Uganda um eine Siedlungskolonie, das heißt die Kolonialmacht zielte auf die Nutzung des billigen Landes mit fremden Arbeitskräften und versuchte durch permanent ansässige Farmer das Land zu bewirtschaften.29 Eine Besonderheit stellten die indischen Einwanderer dar. Sie kamen zum Bau der Eisenbahnlinien nach Ostafrika und viele von ihnen wurden nach Ende der Bautätigkeiten sesshaft. Der indische Bevölkerungsanteil bildete eine eigene Schicht, die weder mit der ursprünglichen Bevölkerung in engen Kontakt trat, noch die Privilegien der kolonialen Oberschicht genoss. Marx nennt sie bezeichnenderweise „nicht-privilegierte Siedler aus Südasien.“30

Obwohl der Zweite Weltkrieg Großbritannien stark geschwächt hatte, versuchten die britischen Kolonialherren nach Ende des Krieges stärker als bisher in ihre Kolonien zu investieren. So wurde der Etat des „Colonial Development and Welfare Act“ 1945 aufgestockt.31 Die Fixierung auf die afrikanischen Kolonien wurde sicherlich durch den Verlust der britischen Kronkolonie Indien verstärkt. So kann man für die britischen Kolonien in Afrika von einer „zweiten kolonialen Besetzung“32 sprechen. Für die Bewohner Ugandas bedeutete dies, dass sie in den letzten Jahren der britischen Kolonialherrschaft wesentlich intensiver in ihrer Lebenswelt durch die Repräsentanten Großbritanniens beeinflusst wurden.

Es scheint so, als ob die britischen Kolonialherren in der Befürchtung des nahenden Endes ihrer Herrschaft versuchten, ihre eigene Stärke und Unverzichtbarkeit für Uganda nochmals zu demonstrieren. In diesem Zusammenhang setzte in den 50er Jahren eine Afrikanisierung innerhalb des Militärs und der lokalen Verwaltungen ein. Um die eigene Unersetzlichkeit zu zeigen, wurden vor allem drittklassige und teilweise auch unfähige Einheimische befördert. Dieser Prozeß betraf nicht nur Uganda, sondern auch weitere britische Kolonien.33

Parallel zum verstärkten Engagement der Briten in Uganda wuchs nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch der Protest innerhalb Ugandas gegen die koloniale Bevormundung. So entstanden verschiedene Parteien und es kam zu Beginn der 50er Jahre zu Aufständen und Streiks. Die Parteien hatten aber meist regionalen Charakter und können kaum als Vertreter eines ugandischen Nationalismus gesehen werden. Diese Aufstände führten unter anderem zur zeitweisen Absetzung des Königs von Buganda durch die Briten.34 Um den Wünschen der Bevölkerung Ugandas entgegenzukommen und somit die Spannungen in der Kolonie abzubauen, sorgten die Kolonialherren für verschiedene Verfassungsänderungen. So kam es 1958 zu den ersten Direktwahlen für das Parlament. Das Königtum Buganda fürchtete allerdings um seine traditionelle Vormachtstellung und kapselte sich von diesen Entwicklungen ab.35

Wie bereits erwähnt, waren geostrategische Interessen entscheidend gewesen für die Kolonisierung Ostafrikas durch Großbritannien. In der veränderten weltpolitischen Lage waren diese Interessen nicht mehr in diesem Maß vorhanden und so entließ Großbritannien 1956 den Sudan als erstes afrikanisches Land in die Unabhängigkeit. Die Welle der Dekolonisierung in Afrika sollte sich fortsetzen: 1957 wurde die ehemalige Goldküste unter dem populären Führer Kwame Nkrumah unabhängig und das Jahr 1960 wurde zum Jahr der Unabhängigkeit für viele afrikanische Staaten.36

Die damalige Regierung Großbritanniens erkannte den Geist der Zeit und klammerte sich nicht verbissen an die afrikanischen Kolonien. Am deutlichsten wurde dies in der Rede von Premierminister Harold Macmillan am 3. Februar 1960. Hier sprach der Premierminister vom „Wind of Change“, der den afrikanischen Kontinent ergreift und dessen Verlauf die europäischen Mächte nicht stoppen könnten.37

2.3 Unabhängigkeit Ugandas und die Entwicklung bis 1971

So lief die Entlassung in die Unabhängigkeit im Zeitalter der Dekolonisierung in geordneten Bahnen ab, und am 9.10.1962 erlangte Uganda im Rahmen einer feierlichen Zeremonie die formelle Unabhängigkeit.38 Dieser unblutige Übergang in die Unabhängigkeit wurde sicherlich durch das Fehlen von attraktiven Rohstoffen und Bodenschätzen begünstigt. Desweiteren hatten sich wenige Briten dauerhaft in Uganda niedergelassen, und so konnte der Rückzug der Kolonialherren friedlich verlaufen. Daher gab es nur wenige Interessengruppen oder internationale Unternehmen, die weiterhin Interesse an Uganda gehabt hätten. Die infrastrukturellen Hinterlassenschaften der britischen Kolonialherren wurden zu dieser Zeit als ausgesprochen positiv bewertet und man konnte auf eine erfolgreiche Entwicklung des unabhängigen Ugandas hoffen.39 40

Im Gegensatz hierzu wird das geistige Erbe des Kolonialzeitalters in der Literatur als problematisch eingestuft und als Hindernis für die Entwicklung der jungen Staaten gesehen. Es handelt sich um nur schwach ausgebildete Gesellschaften, die von einheimischen Elitecliquen und ausländischen Interessen abhängig sind. Diese gesellschaftlichen Zustände behinderten die wirtschaftliche und politische Entwicklung Ugandas.41 Hierbei handelt es sich allerdings nicht um ein spezielles Problem Ugandas oder anderer britischer Kolonien. Die Abhängigkeiten von der ehemaligen Kolonialmacht, und die Verwicklungen dieser Macht treten bis heute immer wieder deutlich zu Tage, vor allem im frankophonen Afrika, wie das Beispiel Elfenbeinküste Ende 2004 zeigt.42 Neben diesen politischen Konstellationen, müssen die mentalen Folgen der Kolonisation beachtet werden. Man kann hier von einer „inneren Kolonisation“43 sprechen, das heißt, den Kolonisierten wurde ihr eigenes Bewusstsein genommen und durch fremde Identität, Kultur und Sprache ersetzt. Auf der Suche nach einer eigenen Identität kam es immer wieder zu Entwicklungen, die aus europäischer Sicht befremdlich wirken. Dies wird in den folgenden Kapiteln zu Idi Amin deutlich werden. Die Bildung wurde vor allem durch kirchliche Institutionen vermittelt, und viele Freiheitskämpfer wurden durch kirchliche Lehranstalten erzogen. Hier sind unter anderem Nomo Kenyatta, Robert Mugabe, Julius Nyerere und auch Milton Obote zu nennen.44

Wie erwähnt standen die Chancen auf eine positive Entwicklung Ugandas gut. Was geschah aber in der Folgezeit, dass ein Werk über die Entwicklung Ugandas nach der Unabhängigkeit den treffenden Untertitel „Uganda since Independence - a Story of Unfulfilled Hopes“ trägt? Ein Erbe des britischen Kolonialsystems war in vielen afrikanischen Ländern die bevorzugte Stellung einer Volksgruppe. Die bereits während der Kolonialzeit herrschende Vormachtsstellung Bugandas blieb zunächst auch in der unabhängigen Republik Uganda unter Premierminister Milton Obote bestehen, da Obotes Partei für die Wahlen 1962 ein Bündnis mit der Partei des Königs von Buganda eingegangen war. Es handelte sich hier um ein Bündnis, dessen einziges Ziel der Sieg bei den Wahlen 1962 war. Obote konnte mit Unterstützung des Königs von Buganda die Wahlen deutlich gewinnen. So wurde der König von Buganda der erste Präsident Ugandas, und Obote wurde Premierminister.

Neben dem Königtum Buganda gab es weitere Regionen in Uganda, denen in der Verfassung von 1962 ein gesonderter Status eingeräumt wurde. Die Verfassung von 1962 versuchte also der ethnischen Heterogenität des Landes Rechnung zu tragen. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit nahmen 25.000 Asiatischstämmige die Staatsbürgerschaft Ugandas an.45

Die Verfassung sorgte aber nicht für dauerhafte Stabilität und so belasteten die Unterschiede zwischen den einzelnen Volksgruppen die weitere Entwicklung, und folglich verschärften sich die Spannungen. Schließlich verhängte Premierminister Obote 1966 den Ausnahmezustand, setzte den ihm unliebsamen König von Buganda sowie alle regionalen Machthaber ab und setzte sich an die Spitze eines Einparteienstaates. Dies bedeutete eine einschneidende Veränderung der politischen Landschaft und wird in der Literatur auch als „Staatsstreich von oben“46 bezeichnet.

Da Obote das Hauptziel seiner Politik ab 1962 in der Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Uganda sah und er in den ersten Regierungsjahren keine bedeutenden Erfolge vorweisen konnte, suchte er eine neue politische Ausrichtung. Obote näherte sich in seiner Politik und auch in seiner Rhetorik Tansania und dem dort herrschenden Präsidenten Julius Nyerere an. Die neuen Ziele seiner Politik wurden 1969 in der „Common Man´s Charter“47 dargelegt und diese waren eine klassenlose Gesellschaft, gerechtere Besitzverhältnisse und die Verstaatlichung von Betrieben. Die intellektuelle Schicht Ugandas und die ausländischen Berater Obotes legten zu dieser Zeit große Hoffnungen in dieses Programm und sprachen von einer „afrikanischen Revolution“.48 Die Diskrepanz zwischen der Charta, die in ihrer Wortwahl an den Sozialismus angelehnt war, und den Verbindungen zwischen Herrschenden und der Wirtschaft, die zu offensichtlich waren, führten zu einem Verlust an Glaubwürdigkeit und Unterstützung. Lediglich die Machtclique profitierte von den Veränderungen und orientierte sich in ihrem Lebensstil an dem Vorbild der britischen Kolonialherren.49 Folglich fand diese Politik keinen dauerhaften Anklang bei der eigenen Bevölkerung, und die Unzufriedenheit wuchs an.

Obote erhielt ebenfalls keine Unterstützung in seiner eigenen Partei und musste seine Macht immer stärker mit Hilfe des Militärs sichern.

[...]


1 Churchill, W., My African Journey. Sabbatical of a Lifetime, London 1908 (Nachdruck 1989).

2 Vgl. Hofmeier, R. (Hrsg.), Politisches Lexikon Afrika. München 3.Auflage 1987, S.409.

3 Kapuscinski, R., Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus vierzig Jahren, München 8.Auflage 2006, S.138.

4 Vgl. N.N., Präsident Amins Frau lag zerstückelt im Kofferraum, in: Bild-Zeitung, 15.8.1974, S.3.

5 Vgl. Foden, G., Der letzte König von Schottland, Berlin 2001.

6 Eine genaue Auflistung von relevanten Materialien ist zu finden bei: Kleinschmidt, H., Amin collection. Bibliographical catalogue of materials relevant to the history of Uganda under the military government of Idi Amin Dada, Heidelberg 1983.

7 Vgl. Halbach, A. (Hrsg.), Die Ausweisung der Asiaten aus Uganda. Sieben Monate Amin´scher Politik in Dokumenten (Forschungsberichte der Afrika-Studienstelle, Bd.39) München 1973.

8 Vgl. Wooding, D. / Barnett, R., Unter dem Folterpräsidenten. Tatsachenbericht über die Christenverfolgung und die Foltermethoden unter Idi Amin, Bad Liebenzell 1980.

9 Barter, J., Idi Amin, San Diego 2005.

10 Vgl. Hofmeier, Lexikon, S.405.

11 Vgl. Hofmeier, R., Uganda. in: Handbuch der Dritten Welt. Ostafrika und Südafrika, hrsg. v. Dieter Nohlen / Franz Nuscheler, Bonn 1993, S.201.

12 http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Uganda.png

13 Mutibwa, P., Uganda since Independence. A Story of Unfulfilled Hopes. London 1992, XIX.

14 Vgl. Hofmeier, Lexikon, S.405.

15 Vgl. Michler, W., Weißbuch Afrika. Berlin 1988, S.282.

16 Vgl. Hofmeier, Lexikon, S.406.

17 Vgl. Marx, C., Geschichte Afrikas. Von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn, 2004, S.142.

18 Vgl. Gründer, H., Die Geschichte der deutschen Kolonien, Paderborn 5.Auflage 2004, S.56ff.

19 Marx, Geschichte, S.115.

20 Vgl. Reinhard, W., Kleine Geschichte des Kolonialismus, Stuttgart 1996, S.256.

21 Vgl. Hofmeier, Lexikon, S.407.

22 Vgl. Schöllgen, G., Zeitalter des Imperialismus, München 3.Auflage 1994, S.52ff.

23 Marx, C., Geschichte Afrikas. Von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn 2004, S.114.

24 Ansprenger, F., Geschichte Afrikas, München 2.Auflage 2004, S.76.

25 Vgl. Marx, Geschichte, S.178ff.

26 Jörgensen, J., Uganda. A modern history. London 1981, S.33.

27 Vgl. Illife, J., Geschichte Afrikas, München 1997, S.267.

28 Vgl. Reinhard, Kolonialismus, S.272.

29 Vgl. Osterhammel, J., Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 4.Auflage 2003, S.16ff.

30 Marx, Geschichte, S.178.

31 Vgl. Marx, Geschichte, S.249.

32 Osterhammel, Kolonialismus, S.45.

33 Vgl. Kapuscinski, R., Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus vierzig Jahren, München 8.Auflage 2006, S.141.

34 Vgl. Harding, L., Geschichte Afrikas im 19. und 20.Jahrhundert, München 1999, S.252ff.

35 Vgl. Ki-Zerbo, J., Die Geschichte Schwarz-Afrikas, Frankfurt 1986.

36 Vgl. Ansprenger, Geschichte, S.95ff.

37 http://news.bbc.co.uk/onthisday/hi/dates/stories/february/3/newsid_2714000/2714525.stm

38 Vgl. Hofmeier, Lexikon, S.407.

39 Vgl. Hofmeier, Handbuch, S.201.

40 Die Behauptung allerdings, dass Uganda kurz nach der Unabhängigkeit über ein ähnliches Bildungsniveau wie die Bundesrepublik Deutschland verfüge, ist eher das Ergebnis eines gesellschaftlichen Diskurses in Deutschland als einer korrekten Betrachtung der Gegebenheiten in Uganda. Vgl. Wolfrum, E., Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006, S.242.

41 Vgl. Micheler, S.103.

42 Vgl. Diop, B., Frankreichs postkolonialer Einfluss in Afrika. Ungehörte Signale und unerhörte Arroganz. In: Le Monde Diplomatique, März 2005, S.3f.

43 Tetzlaff, R. / Jakobeit, C., Das nachkoloniale Afrika. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Wiesbaden 2005, S.55.

44 Vgl. Grill, B., Ach, Afrika. Berichte aus dem Inneren eines Kontinents, München 3.Auflage 2005, S.107.

45 Vgl. Jörgensen, Uganda, S.218ff.

46 Hofmeier, Lexikon, S.407.

47 Vgl. Mittelman, J., Ideology and Politics in Uganda. From Obote to Amin. Ithaca 1975, S.271-283.

48 Kiwanuka, S., Amin and the Tragedy of Uganda. (IFO-Institut für Wirtschaftsforschung, Bd. 104) München 1979, S.26.

49 Vgl. Kiwanuka, Amin, S.32.

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Uganda: Von der "Perle Afrikas" zum Terror Idi Amins
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
62
Katalognummer
V79065
ISBN (eBook)
9783638798723
ISBN (Buch)
9783638811095
Dateigröße
7029 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Uganda, Perle, Afrikas, Terror, Amins
Arbeit zitieren
Daniel Stelzer (Autor:in), 2007, Uganda: Von der "Perle Afrikas" zum Terror Idi Amins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79065

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