Zahlreiche Bankenkrisen der vergangenen Jahrzehnte belegen, dass Störungen bis hin zum Zusammenbruch des gesamten Bankensystems gravierende und weit reichende Folgen nicht nur für die direkt betroffene Volkswirtschaft haben können. Daher ist der Bankensektor in allen Industrieländern einer der am meisten regulierten Wirtschaftsbereiche.
Verantwortlich für die Fragilität des Bankensektors sind zwei Besonderheiten der Geschäftsstruktur des Bankenwesens. Zum einen bestehen die Vermögensgegenstände einer Bank größtenteils aus langfristigen, illiquiden Investitionen, die durch kurzfristige und jederzeit kündbare Einlagen mit einem festen Zinsversprechen refinanziert werden. Werden diese Einlagen simultan zurückgefordert, so besteht die Gefahr, dass die von der Bank gehaltenen Liquiditätsreserven nicht ausreichen um allen Zahlungsforderungen nachzukommen. Zum anderen sind Banken über ein dichtes Netz wechselseitiger nationaler sowie internationaler Zahlungsverpflichtungen und Geschäftsbeziehungen miteinander verbunden.
Das mit Abstand wichtigste Ziel der Bankenregulierung ist die Vermeidung des systemischen Risikos. Der Begriff des systemischen Risikos beinhaltet, dass der Bankensektor und davon ausgehend das gesamte Finanzsystem aufgrund eines Schocks, der zunächst nur ein einzelnes Kreditinstitut betrifft, zusammenbrechen kann. In der Literatur wird dies als systemisches Risiko im engeren Sinne bezeichnet. Das systemische Risiko im weiteren Sinne beinhaltet zusätzlich die Gefahr, dass aufgrund eines makroökonomischen Schocks, wie einem Zinsanstieg, einem Schock auf den Finanzmärkten oder einer Währungsabwertung der simultane Zusammenbruch mehrerer oder sogar aller Kreditinstitute erfolgen kann.
Die vorliegende Arbeit wird sich im Besonderen mit dem systemischen Risiko im engeren Sinne beschäftigen, dessen Kernelemente die Ansteckung von Kreditinstituten ist, welche ursprünglich solvent und nicht von dem Schock betroffen waren. Ziel dieser Arbeit es die Ansteckungsmechanismen, die zu einer systemweiten Bankenkrise führen können, zu analysieren. Des Weiteren soll untersucht werden, welche Interventionsmaßnahmen geeignet erscheinen, um die Sicherheit und Stabilität des Bankensystems zu gewährleisten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Informationseffekte
2.1 Der Modellrahmen von Chen (1999)
2.1.1 Erläuterung der Basisannahmen und des Modellaufbaus
2.1.2 Der Sichteinlagenvertrag
2.2 Rationales Herdenverhalten – Ursache systemweiter Bankenkrisen
2.3 Das Einlagensicherungssystem
2.4 Zusammenfassung der Modellergebnisse
3 Dominoeffekte durch Interbankeneinlagen
3.1 Der Modellrahmen von Dasgupta (2004)
3.1.1 Erläuterung der Basisannahmen und des Modellaufbaus
3.1.2 Die Auszahlungen
3.1.3 Die Spielbeschreibung
3.2 Das Gleichgewicht
3.2.1 Das Gleichgewicht im statischen Spiel
3.2.2 Das Gleichgewicht im dynamischen Spiel
3.3 Ansteckung verursacht durch Interbankeneinlagen
3.4 Optimale Höhe der Interbankeneinlagen
3.5 Zusammenfassung der Modellergebnisse
4 Dominoeffekte durch das Interbanken-Zahlungssystem
4.1 Der Modellrahmen von Freixas et al. (2000)
4.1.1 Erläuterung der Basisannahmen und des Modellaufbaus
4.1.2 Das Reiseverhalten der Individuen
4.1.3 Die optimalen Strategien der Individuen
4.2 Risiken im Interbanken-Zahlungssystem
4.3 Interventionsmaßnahmen seitens der Zentralbank
4.4 Zusammenfassung der Modellergebnisse
5 Vermögenseffekte
5.1 Der Modellrahmen von Goldstein und Pauzner (2004)
5.2 Das Gleichgewicht
5.2.1 Das Gleichgewicht in Land 2
5.2.2 Das Gleichgewicht in Land 1
5.3 Ansteckung verursacht durch Portfoliodiversifikation
5.4 Korrelation zwischen den Investitionserträgen
5.5 Modellerweiterung
5.6 Zusammenfassung der Modellergebnisse
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert theoretische Übertragungsmechanismen, durch die sich der Zusammenbruch einzelner Kreditinstitute auf das gesamte Bankensystem ausbreiten kann, um hieraus geeignete Interventionsmaßnahmen zur Stabilitätssicherung abzuleiten.
- Analyse von Informationseffekten und panikinduzierten Bank Runs
- Untersuchung von Dominoeffekten durch Interbankeneinlagen und Interbanken-Zahlungssysteme
- Betrachtung von Vermögenseffekten bei internationaler Portfoliodiversifikation
- Bewertung von bankenregulatorischen Interventionsmaßnahmen der Zentralbank
- Stabilitätsvergleich verschiedener Kreditstrukturen im Bankensektor
Auszug aus dem Buch
Die langfristigen Investitionsobjekte
Jede Bank investiert in t = 0 die gesamten Depositen in ein langfristiges Investitionsobjekt. Der Ertrag dieses Investitionsobjektes ist abhängig von der Zufallsvariablen a , welche die wirtschaftlichen Aussichten des gesamten Bankensektors widerspiegelt. Wird die Investition bis zum Ende der Laufzeit in t = 2 gehalten, so führt jede in t = 0 investierte Einheit mit der Wahrscheinlichkeit (1-a) zu einem hohen Ergebnis von R. Mit der Wahrscheinlichkeit a wird jedoch nur ein geringes Ergebnis in Höhe von r realisiert. Es sei R > 1 > r ≥ 0. Des Weiteren wird angenommen, dass die Banken unterschiedliche Investitionsobjekte wählen, die in t = 2 alle denselben erwarteten Ertrag generieren.
Bei einer vorzeitigen Liquidation der Investitionsobjekte liefert jede in t = 0 investierte Einheit einen Rückzahlungsbetrag von einer Einheit in t = 1.
Die Zufallsvariable a kann zwei Werte annehmen: a_g, wenn die wirtschaftlichen Aussichten des Bankensektors positiv sind und a_b bei schlechten Zukunftsaussichten. Die beiden Werte erfüllen die Bedingung 1 > a_b > a_g > 0, das bedeutet je schlechter die wirtschaftliche Aussicht und je größer der Wert der Zufallsvariablen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die langfristigen Investitionsobjekte nur ein geringen Ertrag erzielen.
Der Erwartungswert der Zufallsvariablen zum Zeitpunkt 0 errechnet sich als a_0 = eta_0 * a_b + (1 - eta_0) * a_g, wobei eta_0 die a priori Wahrscheinlichkeit für schlechte Zukunftsaussichten des Bankensystems darstellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert das systemische Risiko und legt die Zielsetzung fest, Mechanismen der Ansteckung zwischen Kreditinstituten zu untersuchen.
2 Informationseffekte: Dieses Kapitel erläutert, wie Informationsasymmetrien zwischen Einlegern zu panikinduzierten Bankenläufen führen können und wie Einlagensicherungssysteme dagegen wirken.
3 Dominoeffekte durch Interbankeneinlagen: Es wird analysiert, wie Kreditbeziehungen zwischen Banken als Übertragungswege für Liquiditätsschocks fungieren und wie sich dies auf die Stabilität auswirkt.
4 Dominoeffekte durch das Interbanken-Zahlungssystem: Dieser Teil betrachtet die Ansteckungsgefahren in komplexen Zahlungssystemen und diskutiert die Rolle der Zentralbank bei der Vermeidung systemweiter Krisen.
5 Vermögenseffekte: Das Kapitel untersucht, wie sich Krisen über Portfoliodiversifikationen zwischen Ländern ausbreiten können, selbst wenn keine direkten Kreditbeziehungen existieren.
6 Fazit: Die Arbeit fasst die Wirkungsmechanismen zusammen und betont, dass Interventionsmaßnahmen spezifisch an die Struktur des jeweiligen Bankensystems angepasst werden müssen.
Schlüsselwörter
Systemisches Risiko, Bankenkrise, Bank Run, Ansteckung, Interbankeneinlagen, Einlagensicherung, Liquiditätsschock, Portfoliodiversifikation, Zentralbank, Finanzstabilität, Informationsasymmetrie, Vermögensrealeffekte, Kreditstruktur, Liquiditätsrisiko, Bankenregulierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht verschiedene theoretische Mechanismen, die dazu führen, dass ein Schock bei einem einzelnen Kreditinstitut eine Kettenreaktion auslöst, die das gesamte Bankensystem destabilisieren kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Ansteckungseffekte (Contagion), die Rolle von Interbankenverflechtungen, Informationsasymmetrien bei Einlegern sowie die Auswirkungen der Portfoliodiversifikation auf die Systemstabilität.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die spezifischen Ansteckungsmechanismen zu analysieren, die zu einer systemweiten Krise führen, um daraus fundierte regulatorische Interventionsmaßnahmen zur Sicherung der Systemstabilität abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden verschiedene ökonomische Modelle (u.a. von Chen, Dasgupta, Freixas et al., Goldstein/Pauzner) analysiert, um die Auswirkungen unterschiedlicher Marktstrukturen und Externalitäten auf die Bankenstabilität formal herzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt theoretische Modelle zu Informationseffekten, Dominoeffekten durch Kreditverflechtungen und Zahlungssysteme sowie Vermögenseffekte bei internationaler Diversifikation, jeweils mit Fokus auf Gleichgewichtsanalysen und Stabilitätseigenschaften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Systemisches Risiko, Bank Run, Ansteckung (Contagion), Interbankenverflechtungen, Einlagensicherung, Liquiditätsschocks und Portfoliodiversifikation stehen im Zentrum der Arbeit.
Wie unterscheidet sich "Credit Chain Lending" von "Diversified Lending"?
Bei "Credit Chain Lending" gewährt jede Bank nur der vorgelagerten Bank einen Kredit, während beim "Diversified Lending" alle Banken wechselseitig über Kreditbeziehungen verbunden sind, was die Verteilung von Verlusten unterschiedlich beeinflusst.
Warum sind "Money Center Banks" besonders systemrelevant?
Aufgrund ihrer zentralen Rolle im Interbankenmarkt können diese Banken als "Too big to Fail" eingestuft werden, da ihr Zusammenbruch weitreichende Ansteckungsfolgen für das gesamte restliche System nach sich zieht.
- Quote paper
- Diplom Volkswirtin Eva-Maria Velhagen (Author), 2007, Systemisches Risiko im Bankensektor. Interventionsmaßnahmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79594