Ab dem Jahr 2005 müssen rund 9000 kapitalmarktorientierte Unternehmen in Europa ihren Konzernabschluss nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) erstellen. Für kleine und mittlere Unternehmen (KMU , Mittelstand) besteht in Deutschland ein Wahlrecht die IFRS anzuwenden. Allerdings sind die IFRS sehr umfangreich. Es ergibt sich bei einer freiwilligen Anwendung meist kein vorteilhaftes Kosten - Nutzen Verhältnis. Im Jahr 1998 begannen Überlegungen innerhalb des International Accounting Standards Committee (IASC) zur internationalen Rechnungslegung von kleinen und mittleren Unternehmen. Ein Diskussionspapier wurde 2004 veröffentlicht, das die Notwendigkeit von eigenständigen Rechnungslegungsvorschriften für kleine und mittlere Unternehmen darlegte. Am 15.2.2007 veröffentlichte schließlich das International Accounting Standards Board (IASB) in London einen Standardentwurf der IFRS for SMEs (ED IFRS for SMEs). Ein neues Kapitel in der internationalen Rechnungslegung wurde aufgeschlagen. Der ED IFRS for SMEs basiert auf den vollen IFRS und unterbreitet einen konkreten Vorschlag zur internationalen Rechnungslegung bei kleinen und mittleren Unternehmen. Die vorliegende Arbeit führt in den neuen Standardentwurf der IFRS - Rechnungslegung für kleine und mittlere Unternehmen ein. Zunächst wird der Begriff kleine und mittlere Unternehmen abgegrenzt. Es wird dargestellt, wie die Internationalisierung der Rechnungslegung in Deutschland voranschreitet. An die ED - SME Rechnungslegung werden ähnliche Anforderungen wie an die IAS / IFRS Rechnungslegung gestellt. Systematisch werden ausgewählte Standards der ED - SME Rechnungslegung vorgestellt. Modifikationen, Vereinfachungen und zusätzliche Wahlrechte im Vergleich zu den vollumfänglichen IFRS werden herausgearbeitet und wichtige Effekte werden dargelegt, die sich im Mittelstand bei einer Umstellung von der Bilanzierung nach dem Handelsgesetzbuch auf die IFRS für kleine und mittlere Unternehmen ergeben würden. Die Chancen und kritischen Aspekte bei einer Umstellung auf internationale Rechnungslegungsstandards werden schließlich dargelegt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung in die Thematik
2.1 Abgrenzung des Begriffs „kleine und mittlere Unternehmen“
2.2 Relevanz von spezifischen International Financial Reporting Standards für den Mittelstand
2.3 Rechtliche Rahmenbedingungen zur Internationalisierung der Rechnungslegung in Deutschland
3. Das Projekt – International Financial Reporting Standards für kleine und mittlere Unternehmen
3.1 Entwicklung des Projektes
3.2 Exposure Draft International Financial Reporting Standards for Small and Medium – sized Entities
3.2.1 Nichteignung der kompletten IFRS für den Mittelstand
3.2.2 Zielsetzung des neuen Standardentwurfs
3.2.3 Regelungshierarchien bei fehlenden Vorschriften
3.2.4 Anforderungen der neuen Rechnungslegungsvorschriften
3.2.4.1 Grundlegende Anforderungskriterien
3.2.4.2 Mittelstandsspezifische Anforderungskriterien
3.2.4.2.1 Adressatenorientierung
3.2.4.2.2 Wirtschaftlichkeit
4. Darstellung ausgewählter Vorschriften des neuen Standardentwurfs und deren Anwendbarkeit und Auswirkungen auf den Mittelstand
4.1 Finanzielle Vermögenswerte
4.1.1 Vereinfachungen und Modifizierungen bei finanziellen Vermögenswerte
4.1.2 Modifizierungen beim Hedge Accounting
4.1.3 Anwendbarkeit und Konsequenzen für den Mittelstand
4.2 Sachanlagevermögen
4.2.1 Darstellung der Vorgehensweise und Vereinfachungen bei Sachanlagen
4.2.2 Anwendbarkeit und Konsequenzen für den Mittelstand
4.3 Immaterielle Vermögenswerte
4.3.1 Erleichterungen bei immateriellen Vermögenswerten
4.3.2 Anwendbarkeit und Konsequenzen für den Mittelstand
4.4 Erleichterungen und Modifizierungen bei latenten Steuern
4.5 Zusätzliche Wahlrechte bei der Bilanzierung von Beteiligungen im Konzernabschluss
4.6 Leasing
4.6.1 Modifizierungen und Erleichterungen innerhalb des Leasing
4.6.2 Anwendbarkeit und Konsequenzen für den Mittelstand
4.7 Leistungen an Arbeitnehmern
4.7.1 Pensionsverpflichtungen und andere Leistungsverpflichtungen nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses
4.7.2 Bewertung, Vorgehensweise und Vereinfachung bei leistungsorientierten Pensionsplänen
4.7.3 Anwendbarkeit und Konsequenzen für den Mittelstand
4.8 Abgrenzung von Eigenkapital und Fremdkapital
4.8.1 Vorschriften zur Abgrenzung von Eigen - und Fremdkapital
4.8.2 Konsequenzen aus IAS 32 für mittelständischen Rechtsformen
4.9 Jahresabschlussbestandteile im Standardentwurf
4.9.1 Gliederung der Bilanz
4.9.2 Gliederung der Gewinn und Verlustrechnung
4.9.3 Aufstellung der Kapitalflussrechnung
4.9.4 Eigenkapitalveränderungsrechnung und kombinierte Gewinn –und Verlustrechnung sowie Gewinnrücklagenentwicklungsrechnung
4.9.5 Anhangangaben
4.10 Wahlrecht bei der Abbildung von Zuwendungen der Öffentlichen Hand
5. Beurteilung einer Umstellung der Rechnungslegung auf International Financial Reporting Standards für KMU
5.1 Effekte aus der Anwendung von internationalen Rechnungslegungsstandards
5.1.1 Verbesserte Darstellung der wirtschaftlichen Lage
5.1.2 Auswirkungen im Kreditvergabeprozess
5.1.3 Verbesserter Zugang zu externen Eigenkapitalgebern
5.1.4 Konvergenz von externen und internen Rechnungswesen
5.1.5 Bessere Möglichkeiten von Kooperation, Akquisition, Partnerschaften und Beziehungen mit dem Ausland
5.1.6 Vereinfachte Einbeziehung in den Konzernabschluss
5.2 Kritische Aspekte einer Umstellung auf internationale Rechnungslegungsstandards für kleine und mittlere Unternehmen
5.2.1 Erhöhter Kostenaufwand
5.2.2 Potentieller Wettbewerbsnachteil
5.2.3 Nichterfüllung der Ausschüttungsbemessungsfunktion
5.2.3.1 Lösung des Ausschüttungsbemessungsproblems durch eine Ausschüttungsrechnung
5.2.3.2 Lösung des Ausschüttungsbemessungsproblems durch einen Solvenztest
6. Kritische Würdigung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Diplomarbeit untersucht die Anwendbarkeit und die Auswirkungen des Standardentwurfs „International Financial Reporting Standards for Small and Medium-sized Entities“ (IFRS for SMEs) auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Deutschland. Ziel ist es, zu analysieren, ob dieser Standard eine geeignete Alternative zur Rechnungslegung nach dem Handelsgesetzbuch (HGB) darstellt und welche Vor- sowie Nachteile sich durch eine mögliche Umstellung für den Mittelstand ergeben.
- Abgrenzung und Definition von KMU im internationalen Kontext
- Detaillierte Darstellung ausgewählter Vorschriften des IFRS-Standardentwurfs für KMU
- Analyse der Anwendbarkeit und Konsequenzen spezifischer Bilanzierungsvorschriften für mittelständische Unternehmen
- Beurteilung der ökonomischen Effekte einer Umstellung auf internationale Rechnungslegungsstandards (Rating, Zugang zu Eigenkapital, Harmonisierung Rechnungswesen)
- Kritische Würdigung der Eignung des Standards hinsichtlich der Informationsbedürfnisse und Kosten-Nutzen-Relationen im Mittelstand
Auszug aus dem Buch
4.1.3 Anwendbarkeit und Konsequenzen Mittelstand
Es gibt für den Mittelstand Erleichterungen bei der Regelungen zu Finanzinstrumenten. Es werden viele Möglichkeiten bei der Bilanzierung von Finanzinstrumenten eingeräumt. Es wird der Absicht Rechnung getragen, dass die IFRS for SMEs für Kleinstunternehmen und für größere mittelständische Unternehmen gelten sollen. KMU haben weit reichende Möglichkeiten innerhalb der Bilanzpolitik. Daher wird dem Kriterium der Vergleichbarkeit in ED – SME 11 nicht entsprochen. Bei der Abbildung von Sicherungsbeziehungen gibt es weniger umfangreiche Möglichkeiten wie nach den Full IFRS.
Bei der Methode der Fair Value Folgebewertungen erfolgen die Anpassungen stets erfolgswirksam über die Gewinn – und Verlustrechnung. Es gibt keine erfolgsneutralen Buchungen. Im Mittelstand werden Finanzinstrumente weniger zur Spekulation gehalten als bei kapitalmarktorientierten Unternehmen. Damit geht diese Regelung an den Bedürfnissen des Mittelstandes vorbei. Die Möglichkeit einer erfolgs-neutralen Abbildung außerhalb von IAS 39 sollte dem Mittelstand gegeben werden. Die Vergleichbarkeit von Abschlüssen von KMU wird dadurch eingeschränkt, dass es einen kompletten Rückgriff auf den IAS 39 und IFRS 7 geben kann und KMU können alle Finanzinstrumente zum Fair Value bewerten, wenn kein Instrument zu fortgeführten Anschaffungskosten bewertet wird.
KMU halten oft nicht börsennotierte Derivate, um sich gegen Risken abzusichern. Die Derivate werden im Mittelstand weniger zur Spekulation gehalten. Eine erfolgswirksame Behandlung zum Fair Value ist deshalb nicht verständlich. Die Anwendbarkeit für den Mittelstand wird dadurch erschwert, dass der Zeitwert über komplexe Bewertungsmodelle ermittelt werden muss, wenn es keinen aktiven Markt für diese Finanzinstrumente gibt. Der Mittelstand verfügt oft über Finanzinstrumente, für die es keinen aktiven Markt gibt. Bewertungsmodelle mit Berechnungen von Discounted Cash Flows und Diskontierungssätzen können von Jahresabschlussadressaten schlecht nachvollzogen werden. Dem Bilanzaufsteller werden Ermessenspielräume eingeräumt, weshalb die Zuverlässigkeit des Abschlusses sinken kann. Nach dem HGB gibt es keine Zeitbewertung. Die höheren Schwankungen durch die Zeitwertanpassungen im Ergebnis und im Eigenkapital können im Mittelstand nicht erwünscht sein. Selbst bei vorübergehenden Wertminderungen gibt es erfolgswirksame Anpassungen, die schwankende Ergebnisse bewirken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Notwendigkeit internationaler Rechnungslegungsstandards für kleine und mittlere Unternehmen, da die vollen IFRS für den Mittelstand oft zu komplex und kostenintensiv sind.
2. Einführung in die Thematik: Dieses Kapitel definiert den Begriff KMU, erläutert dessen Relevanz für den Mittelstand und beleuchtet die rechtlichen Rahmenbedingungen der Internationalisierung der Rechnungslegung in Deutschland.
3. Das Projekt – International Financial Reporting Standards für kleine und mittlere Unternehmen: Hier werden die Entstehung des Projektes, die Zielsetzungen des Standardentwurfs sowie die Regelungshierarchien und spezifischen Anforderungen an KMU beschrieben.
4. Darstellung ausgewählter Vorschriften des neuen Standardentwurfs und deren Anwendbarkeit und Auswirkungen auf den Mittelstand: Dieser Hauptteil analysiert spezifische Bilanzierungsvorschriften (Finanzinstrumente, Sachanlagen, Leasing, etc.) und diskutiert deren konkrete Anwendbarkeit und Auswirkungen auf die mittelständische Bilanzierung.
5. Beurteilung einer Umstellung der Rechnungslegung auf International Financial Reporting Standards für KMU: Die Arbeit beurteilt die Chancen einer Umstellung hinsichtlich Transparenz, Rating und Kapitalzugang sowie die kritischen Aspekte, insbesondere die Kosten und die Problematik der Ausschüttungsbemessung.
6. Kritische Würdigung und Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, kritisiert die zu starke Orientierung des Standardentwurfs an den vollen IFRS und fordert weitere Anpassungen an die spezifischen Bedürfnisse kleinerer Unternehmen.
Schlüsselwörter
IFRS für KMU, Mittelstand, Rechnungslegung, Standardentwurf, Bilanzierung, Finanzinstrumente, Sachanlagevermögen, Leasing, Pensionsverpflichtungen, Eigenkapital, Fremdkapital, Transparenz, Rating, Ausschüttungsbemessung, IASB.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Standardentwurf für IFRS für kleine und mittlere Unternehmen (IFRS for SMEs) und prüft, inwiefern dieser für den deutschen Mittelstand geeignet ist und welche Auswirkungen eine Umstellung auf diesen Standard hätte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Abgrenzung von KMU, der detaillierten Analyse ausgewählter Bilanzierungsvorschriften, den Auswirkungen auf Finanzierung und Rating sowie der kritischen Diskussion der Kosten-Nutzen-Relation einer Umstellung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, ob der neue Standardentwurf tatsächlich Erleichterungen für den Mittelstand bietet oder ob er aufgrund seiner Komplexität und Anlehnung an die vollen IFRS hinter den Bedürfnissen der KMU zurückbleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literatur- und Analyse-Methodik, indem sie die Bestimmungen des ED-IFRS for SMEs systematisch darstellt, mit den bestehenden HGB-Vorschriften vergleicht und durch Einbeziehung von Umfrageergebnissen und Expertenmeinungen bewertet.
Was wird im umfangreichen Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit spezifischen Bilanzposten wie finanziellen Vermögenswerten, Sachanlagen, immateriellen Vermögenswerten, latenten Steuern, Leasing, Pensionsverpflichtungen sowie der Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital und den Bestandteilen des Jahresabschlusses.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen IFRS für KMU, Bilanzierung, Mittelstand, Transparenz, Rating, Eigenkapital, Ausschüttungsbemessung und IASB.
Warum ist die Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital bei Personengesellschaften nach IAS 32 ein Problem für den Mittelstand?
Aufgrund der gesetzlich verankerten Kündigungsrechte bei Personengesellschaften (wie OHG oder KG) führen die Kriterien nach IAS 32 oft zu einer Umqualifizierung von Eigenkapital in Fremdkapital, was die Eigenkapitalausstattung im Abschluss künstlich verschlechtert und die Vergleichbarkeit einschränkt.
Welche Lösungsansätze werden zur Lösung des Ausschüttungsbemessungsproblems diskutiert?
Die Arbeit diskutiert die Einführung einer modifizierten Ausschüttungsrechnung mit Ausschüttungssperren für unrealisierte Gewinne sowie die Implementierung eines Solvenztests, der zukunftsorientiert sicherstellen soll, dass die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens auch nach Ausschüttungen gewahrt bleibt.
- Citation du texte
- Harm Linnecke (Auteur), 2007, IFRS für kleine und mittlere Unternehmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80119