Im Zusammenhang mit der bis in die heutige Zeit z. T. heftig diskutierten Frage, wie das Verhältnis des antiken Christentums zum Phänomen der Sklaverei zu beschreiben oder gar zu bewerten sei, ist der neutestamentliche Brief des Apostels Paulus an Philemon von erheblichem Stellenwert, äußert sich doch der einflussreiche Initiator des Schreibens zu einem ihn unmittelbar betreffenden Fall besagter Sklaverei. Freilich fehlt es diesen Äußerungen z. T. an Eindeutigkeit, weshalb die Haltung des Paulus zur Sklavenfrage von den Auslegern durchaus unterschiedlich beurteilt wurde und wird.
Die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit ist es nun, den Philemonbrief hinsichtlich seines Charakters sowie der ihm zu Grunde liegenden Intention einer näheren Analyse zu unterziehen und auf diese Weise zu klären, ob bzw. inwiefern er Norm setzende, für christliche Sklavenbesitzer relevante Handlungsaufforderungen, konkret: den direkten oder indirekten Aufruf zu einer allgemeinen Sklavenfreilassung enthält.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Philemonbrief
2.1. Zur Entstehungssituation
2.2. Die Intention des Paulus
2.3. Zur Frage nach dem programmatischen Charakter des Philemonbriefs
3. Ausblick: Über den Umgang der alten Kirche mit der Sklaverei
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den neutestamentlichen Philemonbrief hinsichtlich seines Charakters und der darin verborgenen Intention des Apostels Paulus. Ziel ist es zu klären, ob der Brief eine allgemeine, normsetzende Forderung zur Sklavenfreilassung enthält oder als Einzelfallbeispiel zur Verbesserung der Lebenssituation eines spezifischen Sklaven zu bewerten ist.
- Analyse der Entstehungssituation und der historischen Kontexte des Philemonbriefs.
- Untersuchung der rhetorischen Argumentationsstrategien des Apostels Paulus gegenüber Philemon.
- Kritische Würdigung der These eines programmatischen Charakters des Schreibens zur Sklavenfrage.
- Betrachtung der Haltung des nachpaulinischen Frühchristentums zur Institution der Sklaverei.
Auszug aus dem Buch
2.2. Die Intention des Paulus
Die Ziele, welche Paulus mit seinem Schreiben an Philemon verfolgt, erreichen ihren Adressaten im Rahmen einer wohldurchdachten Argumentation: Die auf den Briefeingang folgenden Verse 4 bis 7 bestehen aus einem einzigen Lobpreis der (christlichen) Liebe Philemons, welche dem Apostel „viel Freude und Trost“ (V. 7) bereitet habe. Dies mag durchaus zutreffen. Wichtiger für den weiteren Verlauf des Briefs, indem Paulus seine eigentlichen Anliegen zum Ausdruck bringen wird, ist allerdings die Tatsache, dass der Schreiber den Adressaten durch sein Lob moralisch erheblich unter Druck setzt, impliziert jenes doch die Forderung nach weiterem von Nächstenliebe geprägten Verhalten.
Mehr Nachdruck verleiht Paulus seiner Sache in den folgenden beiden Versen, worin er betont, dass er kraft seiner apostolischen Autorität dem Angesprochenen das angemessene Verhalten „gebieten“ könnte, solches aber zugunsten eines weiteren Appells an die Liebe Philemons unterlasse (V. 8f.). Zu diesem rhetorischen (Druck-) Mittel, dessen sich der Apostel bedient, schreibt Nor-man R. Petersen treffend: „As an expressed substitute for commanding, the appeal only very thinly masks a command, for behind the formal appeal is the stated authori-ty to command.“
Die bisherige Art der Argumentation wird nun im Folgenden ergänzt durch das Hervorheben der sehr hoch zu veranschlagenden Bedeutung, die der Christ gewordene Onesimus für Paulus offenbar hat: So bezeichnet dieser den Sklaven als “mein Kind” (V. 10) und „mein Herz“ (V. 12), identifiziert sich also mit ihm. Demgemäß müsste eine Zurückweisung der im folgenden Text formulierten Bitten des Paulus, die ja auf eine Verbesserung der Lebenssituation des Onesimus abzielen, eine Missachtung und persönliche Verletzung des ersteren bedeuten, auf die Philemon es sicherlich nicht ohne Weiteres ankommen zu lassen bestrebt ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der antiken Sklaverei und die Problematik der Interpretation des Philemonbriefs durch Paulus.
2. Der Philemonbrief: Detaillierte Analyse des Brieftextes, der historischen Entstehung und der rhetorischen Absichten des Apostels.
2.1. Zur Entstehungssituation: Untersuchung der Umstände der Abfassung des Briefes, insbesondere des Ortes der Gefangenschaft und der Rolle des Onesimus.
2.2. Die Intention des Paulus: Erschließung der argumentativen Strategie des Paulus, um Philemon zur Einlenkung im Fall des Onesimus zu bewegen.
2.3. Zur Frage nach dem programmatischen Charakter des Philemonbriefs: Diskussion darüber, ob der Brief als allgemeiner Aufruf zur Abschaffung der Sklaverei zu verstehen ist.
3. Ausblick: Über den Umgang der alten Kirche mit der Sklaverei: Historischer Überblick über die Einstellung nachpaulinischer christlicher Gemeinschaften zur Sklavenhaltung.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse zur Intention des Paulus und dem Stellenwert des Briefes für die Sozialgeschichte des Christentums.
Schlüsselwörter
Philemonbrief, Paulus, Sklaverei, Onesimus, Antikes Christentum, Nächstenliebe, Apostolische Autorität, Freilassung, Philemon, Soziale Ordnung, Frühchristentum, Rhetorik, Sklavenhalter, Evangelium, Patristik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis des Apostels Paulus zum Phänomen der Sklaverei anhand seines Schreibens an Philemon und analysiert, welche Absichten der Apostel mit diesem Brief verfolgte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Entstehungssituation des Briefes, die rhetorische Argumentationsführung des Paulus sowie die Frage, ob der Text als soziales Reformprogramm oder als individuelle Bitte einzustufen ist.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Die Untersuchung soll klären, ob der Philemonbrief eine allgemeine, normsetzende Forderung zur Sklavenfreilassung enthält, die für christliche Sklavenbesitzer bindend sein sollte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine historisch-kritische Textanalyse, die den Brief in den Kontext antiker Rechtsauffassungen und theologischer Argumentationsmuster des Paulus stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Briefcharakters, die Absichten des Paulus im Umgang mit dem Sklaven Onesimus und eine Diskussion über den programmatischen Gehalt des Textes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Philemonbrief, Sklaverei, Paulus, Onesimus, apostolische Autorität und frühchristliche Sozialethik.
Wie bewertet der Autor den öffentlichen Charakter des Philemonbriefs?
Der Autor stellt fest, dass der öffentliche Charakter des Briefes vergleichsweise schwach ausgeprägt ist, da Paulus die Gemeinde nur indirekt anspricht und den Fokus stark auf die Beziehung zwischen den Individuen legt.
Warum wird der Philemonbrief laut Autor vermutlich nicht als programmatisch angesehen?
Der Autor argumentiert, dass Paulus keine grundlegende Wandlung der gesellschaftlichen Verhältnisse anstrebte und sein Engagement zu stark auf die Person Onesimus fokussiert war, anstatt die Institution der Sklaverei prinzipiell in Frage zu stellen.
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- Sören Schlueter (Author), 2007, Durch Glauben zur Freiheit? Zu Charakter und Intention des Philemonbriefs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80577