Diese Arbeit überpüft die Erklärungskraft der drei neorealistischen Ansätze (Waltz, Walt, Schweller) anhand historischer Entwicklungen. Sie setzt sich dafür mit einem in der politikwissenschaftlichen Forschung eher am Rande betrachteten Problem auseinander: der Kooperation Ungarns und Rumäniens mit dem Deutschen Reich im Zweiten Weltkrieg. Von besonderem Interesse sind die Fragen, ob Bandwagoning- oder Balancing-Aspekte zur Kooperation führten, gegebenenfalls welche Macht ausbalanciert werden sollte oder welche Güter es zu erringen galt. In welchem Verhältnis standen Freiwilligkeit und Zwang zueinander? Bestand zwischen den Ländern eine ideologische Bande oder war es ein pragmatisches Zweckbündnis? Und wie viel Autonomie ließ ihnen die Kooperation mit dem Deutschen Reich?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungstand
3. Die Gleichgewichtstheorien der neorealistischen Schule
3.1. Balance of Power nach Kenneth N. Waltz
3.2. Balance of Threat nach Stephen M. Walt
3.3. Balance of Interest nach Randall L. Schweller
4. Das internationale System im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs
5. Südosteuropa in der Großraumkonzeption der Nationalsozialisten
6. Etappen der Annäherung
6.1. Erste Phase: 1933-1938
6.2. Zweite Phase: 1938-1941
7. Konsequenzen der Anlehnung
8. Bewertung
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kooperation Ungarns und Rumäniens mit dem Deutschen Reich zwischen 1933 und 1945. Ziel ist es, die Erklärungskraft neorealistischer Ansätze – insbesondere die Konzepte von Balancing, Bandwagoning und Balance of Interest – auf diesen historisch spezifischen Fall anzuwenden und zu überprüfen, ob die Bündnispolitik primär durch strukturellen Zwang oder durch rationales Profitstreben motiviert war.
- Analyse neorealistischer Gleichgewichtstheorien
- Untersuchung der nationalsozialistischen Großraumkonzeption
- Evaluierung der politischen und wirtschaftlichen Anlehnung Ungarns und Rumäniens
- Vergleich historischer Realität mit theoretischen Konstrukten
Auszug aus dem Buch
3.1. Balance of Power nach Kenneth N. Waltz
In seinem Hauptwerk „Theory of International Politics” argumentiert Waltz, dass zwischenstaatliche Beziehungen am besten verstanden werden können, wenn sich der Betrachter auf die Struktur des internationalen Systems konzentriert und nicht auf die Außenpolitiken einzelner Staaten. Methodisch steht er in der Tradition der Systemtheorie und unterscheidet analytisch zwischen interagierenden Akteuren und einer separaten Systemstruktur, um zu zeigen „how the structure of a system affects the interacting units and how they in turn affect the structure.” Ersterer Ebene misst Waltz die Eigenschaft bei, dass vornehmlich Staaten die Handelnden in der internationalen Politik seien, deren innere Verfasstheit allerdings von der Theorie vernachlässigt wird. Dem liegt die Annahme eines uniformen Auftretens aller Staaten nach außen zu Grunde, das Waltz aus einem für alle Staaten gleichen Bedürfnis nach Sicherheit erklärt. Ursächlich dafür sei der anarchische Charakter des Systems, das keine zentrale Ordnungsinstanz kennt. Um Zugang zum begehrten Gut Sicherheit zu erlangen, müssen sich die Akteure auf die Verhaltensweisen unter diesen Bedingungen einstellen. Da aufgrund der latenten Unsicherheit die Aufgabe der eigenen Souveränität irrational wäre, seien sie zur Selbsthilfe verpflichtet. Die Pflicht eines jeden muss es demnach sein, sich mit den eigenen Machtmitteln (Bevölkerung, politisches System, Ökonomie und Militär) bestmöglich im Gefüge des internationalen Systems zu positionieren und zugleich die Entwicklung der Konkurrenten zu beobachten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik zwischenstaatlicher Kooperation unter anarchischen Bedingungen und Vorstellung der Forschungsfrage.
2. Forschungstand: Überblick über die bestehende wissenschaftliche Literatur zur deutsch-ungarisch-rumänischen Bündnispolitik.
3. Die Gleichgewichtstheorien der neorealistischen Schule: Theoretische Auseinandersetzung mit den Konzepten von Waltz, Walt und Schweller.
4. Das internationale System im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs: Analyse der systemischen Bedingungen und der Rolle des Nationalstaats in der Vorkriegszeit.
5. Südosteuropa in der Großraumkonzeption der Nationalsozialisten: Darstellung der ideologischen und ökonomischen Interessen des Dritten Reiches in der Region.
6. Etappen der Annäherung: Historische Skizzierung der schrittweisen wirtschaftlichen und politischen Integration Ungarns und Rumäniens.
7. Konsequenzen der Anlehnung: Erörterung der Auswirkungen des Bündnisses auf die Souveränität und außenpolitische Handlungsfreiheit der beiden Staaten.
8. Bewertung: Kritische Überprüfung der theoretischen Erklärungsmodelle anhand der empirischen Befunde.
9. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Frage nach Zwang versus rationalem Profitstreben.
Schlüsselwörter
Neorealismus, Balance of Power, Balance of Threat, Balance of Interest, Bandwagoning, Balancing, Nationalsozialismus, Außenpolitik, Ungarn, Rumänien, Deutsches Reich, Südosteuropa, Kooperation, Souveränität, Zweiter Weltkrieg
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die sicherheitspolitische und ökonomische Kooperation zwischen Ungarn, Rumänien und dem Deutschen Reich im Zeitraum 1933 bis 1945 unter theoretischer Einbeziehung neorealistischer Denkschulen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind die Dynamiken zwischenstaatlicher Allianzen, die Konzepte von Machtgleichgewicht, Bedrohungswahrnehmung und das ökonomisch motivierte Handeln von Staaten im internationalen System.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu prüfen, ob die Hinwendung Ungarns und Rumäniens zum Deutschen Reich durch strukturellen Zwang oder als rationales, interessengeleitetes Handeln ("Bandwagoning for Profit") erklärt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Theorieprüfung, indem sie neorealistische Konzepte auf historische Fallbeispiele anwendet und deren Erklärungskraft vergleicht.
Was bildet den Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der neorealistischen Schule, eine Analyse der historischen Rahmenbedingungen des Zweiten Weltkriegs sowie eine detaillierte Untersuchung der Etappen der politischen Annäherung der beteiligten Staaten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Neorealismus, Bandwagoning, Balancing, Souveränität und die spezifische Bündnispolitik im Südosteuropa der 1930er und 1940er Jahre geprägt.
Welche Rolle spielte das "Bandwagoning for Profit" nach Schweller in diesem Kontext?
Schwellers Konzept erweist sich als besonders tragfähig, da es zeigt, dass Staaten nicht nur aus existentieller Not kooperieren, sondern aktiv ökonomische und territoriale Gewinne durch die Anlehnung an eine revisionistische Macht anstrebten.
Wie unterscheidet sich die Situation Rumäniens von der Ungarns?
Während in Ungarn die Illusion einer erfolgreichen Revisionsstrategie unter Horthy lange vorherrschte, war die Politik Rumäniens stärker von dem Versuch geprägt, durch Konzessionen und später durch eine ideologische Neuorientierung (Antonescu) das Staatsinteresse unter den Bedingungen deutschen Drucks zu wahren.
- Quote paper
- Toni Jost (Author), 2007, Die Kooperation Ungarns und Rumäniens mit dem Deutschen Reich 1933-1945 - Struktureller Zwang oder "Bandwagoning for Profit"?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80609