Im Rahmen des hochschulgelenkten, dreisemestrigen Praktikums der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) sammelte ich in den Jahren 2005 bis 2006 meine ersten praktischen sozialpädagogischen Erfahrungen in der Jugendstrafvollzugsanstalt Hahnöfersand.
Ich habe innerhalb von drei Semestern in der Praxis einen intensiven Einblick in eine totale Institution erhalten können.
Dabei konnte ich feststellen, dass erhebliche Differenzen bezüglich des Vollzugsziels und der tatsächlichen Umsetzung bestehen.
Hier kommt die Frage auf, inwiefern der inhaftierte Jugendliche, dessen Lebenslauf bisher größtenteils defizitär ist, ohne effektive Hilfe seitens des Fachpersonals, innerhalb einer Anstalt zu einer tatsächlichen Veränderung in der Zukunft bereit ist.
Ein straffreier Lebenswandel in der Zukunft des jugendlichen Straftäters kann sich nur dann erfolgreich entwickeln, wenn dafür das qualifizierte Personal tatsächlich zur Verfügung steht.
Ferner ist in der Praxis auffällig, dass man durch ein klar strukturiertes, methodisches Vorgehen in einem Bereich der durch Zeitnot und zukunftprägenden Entscheidungen vorgegeben ist, effektivere wie auch effizientere Ergebnisse präsentieren könnte.
Es besteht zweifelsfrei ein erhöhter Bedarf an effektiver Beratung für die jugendliche Klientel.
Aus diesem Grund möchte ich einen konzeptionellen Vorschlag beschreiben, der die von mir erkannten Defizite im Jugendstrafvollzug konstruktiv begegnen könnte.
Die von mir bezeichnete sozialpädagogische Kurzintervention stützt sich auf den Pfeiler der sogenannten „konfrontativen sozialen Beratung“ sowie der sportlichen Gruppen- und Einzelinteraktionen.
Der Beratungsrahmen ist aufgegliedert in den Methoden der konfrontativen Pädagogik, der konfrontativen sowie der provokativen Therapie. Diese wird ergänzt durch die lösungsorientierte Beratung.
sportlichen Interaktionen sollen den umfangreichen Betreuungsrahmen des Jugendlichen ergänzend unterstützen.
Diese Verbindung soll einen Weg der Effektivität und letztlich der Effizienz darlegen. Sie soll die Zeit in einer totalen Institution konstruktiv gestalten und auf die Zukunft hin eine realistische Resozialisierung für den jugendlichen Heranwachsenden schaffen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sozialpädagogische Kurzinterventionen und konfrontative Beratung, Konzeptvorstellung
3. Theoretische Grundlagen der konfrontativen Pädagogik
3.1 Die konfrontative Therapie
3.2 Die provokative Therapie
4. Theoretische Grundlagen der sozialen Beratung
4.1 Die lösungsorientierte Beratung
5. Methoden, Techniken einer effektiven sozialen, konfrontativen Beratung
5.1 Methoden der sozialen Beratung
5.1.1 Die lösungsorientierte Kurztherapie
5.1.2 Die fünf Phasen der lösungsorientierten Beratung
6. Die praktische Anwendung bei den Klienten oder der Fall B. Müller
6.1 Der provokativ-lösungsorientierte Fall
7. Gruppendynamischer Effekt durch das methodische Anwenden sozialer Gruppenarbeit
8. Theoretische Grundlagen zum Sport in der Pädagogik
8.1 Kampfsport unter sozialpädagogischer Sichtweise
9. Zentrale Aspekte des Lernens am Modell
10. Die Theorie der Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg
11. Vorstellung der institutionellen Rahmenbedingungen am Beispiel der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand
12. Judo als effektive sozialpädagogische Methode für das kontrollierte Agieren innerhalb einer Gruppe
12.1 Die asiatische Etikette
12.1.1 Die praktische Vorgehensweise
13. Die gruppenanalytische Sichtweise
14. Reaktionen der teilnehmenden Insassen im Rahmen des Sportprojektes
15. Resümee und Kritik
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Anwendung sozialpädagogischer Kurzinterventionen im Jugendstrafvollzug, insbesondere durch die Verbindung von konfrontativer Beratung und sportpädagogischen Gruppeninteraktionen. Ziel ist es, durch ein klar strukturiertes, methodisches Vorgehen trotz knapper Ressourcen eine effektive Resozialisierung und Verhaltensänderung bei delinquentem Klientel zu fördern.
- Konfrontative Pädagogik und Therapieansätze
- Lösungsorientierte Beratung nach Steve de Shazer
- Sportpädagogik und Kampfsport (Judo) als pädagogisches Mittel
- Soziale Gruppenarbeit und gruppendynamische Prozesse
- Integration von Methoden in den Vollzugsalltag der JVA Hahnöfersand
Auszug aus dem Buch
3.1 Die konfrontative Therapie
Die konfrontative Pädagogik hat Anteile der konfrontativen Therapie nach Raymond Corsini sowie der provokativen Therapie nach Frank Farrelly in das Handlungskonzept übernommen (vgl. Weidner, 2006:21). „Die konfrontative Therapie, im Amerikanischen die „Immediate Therapy“, beruht auf Heiders (1958) Theorie über zwischenmenschliche Beziehungen, Festingers (1957)Theorie der kognitiven Dissonanz sowie Zeigarniks Theorie der unerledigten Handlungen“ (Corsini, 1983:555). Ziel der konfrontativen Therapie ist ein völlig entgegengesetztes eigenständiges Handeln zum Positiven (vgl. Corsini, 1983:555).
Die besondere Form dieser Psychotherapie kann bei Annahme des Klienten mittels Konversion sehr direkt wirken. Die hauptsächlich angewandten Methoden bestehen aus dem Psychodrama nach J.L. Moreno, dem heißen Stuhl nach F. Perls sowie der „Hinter dem Rücken Technik“. (vgl. Corsini, 1983:555).
Die theoretischen Hintergründe der konfrontativen Therapie basieren auf dem selbstständigen Streben nach seiner Vollkommenheit jeder einzelnen Person (vgl. Corsini, 1983:558). Das heißt, dass der Klient das Bestreben nach Veränderung von vornherein in sich trägt, jedoch einer externen Hilfe bedarf, um dieses Ziel umsetzen zu können (vgl. Corsini, 1983:558). Durch den Therapeuten ist es nun möglich, seine schon vorhandenen Ressourcen zu aktivieren. Der Klient hat die Lösung, der Berater bereitet ihm seinen Weg. Dieser Weg soll relativ schnell beschritten werden, weshalb in der konfrontativen Therapie der Verlauf im Gegensatz zur Psychoanalyse eher im „Zeitraffer“ vollzogen wird (vgl. Corsini, 1983:558).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die praktische Ausgangslage und die Motivation des Autors während eines Praktikums in der JVA Hahnöfersand sowie die Diskrepanz zwischen Vollzugsziel und Realität.
2. Sozialpädagogische Kurzinterventionen und konfrontative Beratung, Konzeptvorstellung: Führt das Konzept der Kurzintervention ein, das sich auf verhaltenstherapeutische Säulen stützt und auf eine schnelle Veränderungsmotivation bei Klienten abzielt.
3. Theoretische Grundlagen der konfrontativen Pädagogik: Erläutert die autoritative Erziehungsform und die Bedeutung von Grenzziehung in der Arbeit mit delinquenten Jugendlichen.
4. Theoretische Grundlagen der sozialen Beratung: Definiert Beratung als Hilfeprozess und stellt die systemische, lösungsorientierte Sichtweise dar.
5. Methoden, Techniken einer effektiven sozialen, konfrontativen Beratung: Verbindet die Ansätze der konfrontativen Pädagogik mit der lösungsorientierten Beratung für ein strukturiertes Vorgehen.
6. Die praktische Anwendung bei den Klienten oder der Fall B. Müller: Dokumentiert beispielhaft Beratungsgespräche und den Umgang mit einem inhaftierten Jugendlichen.
7. Gruppendynamischer Effekt durch das methodische Anwenden sozialer Gruppenarbeit: Analysiert die Bedeutung von Gruppenprozessen und Strukturen im sozialen Training.
8. Theoretische Grundlagen zum Sport in der Pädagogik: Untersucht Sport als Medium zur Persönlichkeitsförderung und Aggressionsregulation.
9. Zentrale Aspekte des Lernens am Modell: Behandelt die Lerntheorie nach Bandura und deren Anwendung durch den Projektleiter als Modell.
10. Die Theorie der Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg: Analysiert die Stufen der Moralentwicklung im Kontext der Anstaltsordnung.
11. Vorstellung der institutionellen Rahmenbedingungen am Beispiel der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand: Beschreibt die Strukturen und das Qualifizierungsmodell der konkreten Einrichtung.
12. Judo als effektive sozialpädagogische Methode für das kontrollierte Agieren innerhalb einer Gruppe: Detailliert die Nutzung der Sportart Judo als erziehungstherapeutisches Instrument.
13. Die gruppenanalytische Sichtweise: Beschreibt die Gruppenkonstellationen und die Analyse der Rollenverteilung innerhalb der Inhaftierten-Gruppe.
14. Reaktionen der teilnehmenden Insassen im Rahmen des Sportprojektes: Reflektiert den Verlauf, die Akzeptanz und die Probleme während des sechsmonatigen Sportprojektes.
15. Resümee und Kritik: Fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und bewertet kritisch die Wirksamkeit der gewählten Methoden.
Schlüsselwörter
Jugendstrafvollzug, Konfrontative Pädagogik, Lösungsorientierte Beratung, Resozialisierung, Sozialpädagogik, Kurzintervention, Gruppendynamik, Judo, Sportpädagogik, Delinquenz, Modelllernen, Moralentwicklung, JVA Hahnöfersand, Verhaltensänderung, Erlebnispädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung eines sozialpädagogischen Konzepts zur Arbeit mit inhaftierten Jugendlichen, das konfrontative Beratung mit sportpädagogischen Elementen verbindet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder sind der Jugendstrafvollzug, die konfrontative Pädagogik, lösungsorientierte Kurzberatung sowie der Einsatz von Sport und sozialer Gruppenarbeit als therapeutische Mittel.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beschreibung einer effektiven und effizienten Methode, um die begrenzte Zeit im Vollzug konstruktiv für eine realistische Resozialisierung zu nutzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine konzeptionelle Arbeit, die auf theoretischen Grundlagen (u.a. Bandura, Kohlberg, de Shazer, Weidner) sowie auf der Auswertung praktischer Erfahrungen aus einem Sportprojekt in der JVA Hahnöfersand basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Fundierungen der angewandten Methoden, Fallbeispiele aus der Praxis sowie die detaillierte Darstellung des Sportprojekts (Judo) und dessen gruppenanalytische Begleitung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Jugendstrafvollzug, Resozialisierung, Konfrontative Pädagogik, lösungsorientierte Beratung, Sportpädagogik und Gruppendynamik.
Warum wird gerade die Sportart Judo für die Intervention gewählt?
Judo wird gewählt, weil es neben einer hohen Attraktivität für die Jugendlichen ein klares Regelwerk und engen Körperkontakt bietet, was eine kontrollierte, faire Auseinandersetzung und soziale Interaktion ermöglicht.
Wie wirkt sich die „Verwahrmentalität“ im Strafvollzug auf die Arbeit aus?
Die Arbeit identifiziert die „Verwahrmentalität“ als kontraproduktiv und plädiert daher für eine aktive, methodische Intervention, um den Jugendlichen neue Handlungskompetenzen für die Zukunft zu vermitteln.
Inwiefern spielt das „Diamantenmodell“ eine Rolle?
Das Modell wird genutzt, um die Gruppenstruktur der inhaftierten Jugendlichen zu analysieren (Anführer, Leutnant, Mitläufer, Sündenbock), um zielgerichteter und transparenter intervenieren zu können.
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- Patrik Rieken (Author), 2007, Sozialpädagogische Kurzinterventionen - Konfrontative soziale Beratung in Verbindung mit gruppendynamischen sportlichen Interaktionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80982