Als am 11. September 2001 der amerikanische Präsident George W. Bush zum ersten Mal nach den Anschlägen vor die Öffentlichkeit tritt, zeigt er hier einen Einblick in sein tiefstes Inneres, „what you saw was my gut reaction coming out“.
Bush verurteilt in seiner ersten Reaktion die Terrorattacke und verspricht, „those folks who committed this act“ zu finden. Er beendet seine Rede mit einem weiteren Versprechen: „Terrorism against our nation will not stand.“
Elf Jahre zuvor hatte sein Vater mit der berühmten Formulierung „This will not stand“ auf den Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait reagiert. Dass Bush jr. mit seiner Bemerkung an die Worte seines Vaters aus dem Jahr 1990 erinnerte, sei ihm damals nicht bewusst gewesen. „Why I came up with those specific words, maybe it was an echo of the past”.
Fast genau ein Jahr später legte Bush das ‚Grand Design’ seiner Außenpolitik und damit die strategischen Konsequenzen auf die Angriffe in der ‚National Security Strategy 2002’ (NSS) vor. Dieses Strategiepapier führte zu weltweiten Diskussionen, u.a. weil das darin enthaltene Vorrecht auf eine proaktive, unilaterale Bekämpfung des Terrorismus durch präemptive Militäreinsätze für Irritationen sorgte.
Die vorliegende Arbeit räumt mit einiger dieser Irritationen auf und liefert einen analytischen Beitrag zur Diskussion über die amerikanische Außenpolitik. Im Vordergrund steht die Frage, ob die NSS eine revolutionäre Abweichung traditioneller Grundmuster darstellt oder eher ein „Echo“ der Vergangenheit ist.
Diese Arbeit schreibt ganz bewusst gegen eine weit verbreitete Gleichgültigkeit bzw. Missachtung geschichtlicher Zusammenhänge an.
Um den Inhalt dieser Arbeit in einem Satz zusammenzufassen: Die Kontinuitäten der amerikanischen Außenpolitik und ihre Anpassungen an die jeweiligen Herausforderungen werden konzise dargestellt und an der National Security Strategy von 2002 abgeglichen.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I. Einführung
II. Grundmuster US-Amerikanischer Außenpolitik
II.1. ‚Manifest Destiny’ – wie sich der Exzeptionalismus-Gedanke in der amerikanischen Außenpolitik niederschlägt
II.1.2. Das ‚Manifest Destiny’ als innergesellschaftlicher Mythos
II.1.3. Das ‚Manifest Destiny’ in der Außenpolitik
II.2. Liberalismus in der Außenpolitik – wie sich die Ideale der Unabhängigkeitserklärung in der amerikanischen Außenpolitik niederschlagen
II.2.1. Verbreitung von Demokratie als Regierungsform
II.2.2. Verbreitung von Marktwirtschaft als Wirtschaftssystem
II.3. Realismus in der Außenpolitik – wie sich die nationalen Sicherheitsinteressen in der amerikanischen Außenpolitik niederschlagen
II.3.1 Ausdifferenzierung Unilateralismus – Multilateralismus
II.3.2. Unilateralismus als Grundmuster der US-Außenpolitik
II.3.3. Multi- und Unilateralismus im 19. Jahrhundert
II.3.4. Multilateralismus und Unilateralismus im 20. Jahrhundert
II.4. Präemptive Kriege als Grundmuster der Außenpolitik
II.5. ‚Werkzeugkasten amerikanischer Außenpolitik’
III. National Security Strategy 2002 – Revolution oder Evolution?
III.1. Das Zustandekommen der National Security Strategy - „This nation will act!“
III.2. Die Analyse des internationalen Status quo in der National Security Strategy: „Meet[ing] the challenges and opportunities of the twenty-first century“
III.3. ‚Back to the roots?’ Realismus und Liberalismus als traditionelle Grundmuster in der National Security Strategy
III.3.1. Demokratie und Liberalismus in der National Security Strategy
III.3.2. Realismus in der National Security Strategy
III.3.3. Unilateralismus vs. Multilateralismus in der National Security Strategy
III.3.4. Exkurs: Die Quelle des ‚neuen’ amerikanischen Unilateralismus
III.3.5. Präemption in der National Security Strategy
III.3.6. Exkurs: Präemptionskriege – Präventionskriege
IV. Fazit
Zielsetzung und Forschungsfragen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die Kontinuität amerikanischer Außenpolitik, indem sie analysiert, ob die National Security Strategy (NSS) 2002 eine revolutionäre Abkehr von traditionellen Grundmustern darstellt oder vielmehr eine evolutionäre Anpassung an zeitgenössische Herausforderungen ist.
- Historische Analyse des amerikanischen Exzeptionalismus und „Manifest Destiny“.
- Untersuchung liberaler und realistischer Leitlinien in der US-Außenpolitik.
- Kritische Analyse der NSS 2002 unter Berücksichtigung von Unilateralismus und Präemption.
- Bewertung des Verhältnisses zwischen idealistischen Zielen und machtpolitischen Interessen.
- Einordnung der Bush-Doktrin in den Kontext langfristiger außenpolitischer Traditionen.
Auszug aus dem Buch
II.1.3. Das ‚Manifest Destiny’ in der Außenpolitik
Da sich die Welt außerhalb Amerikas für die Siedler und ihnen nachfolgende Generationen allzu oft als ein schlechter Ort erwiesen hatte, legten sie besonderen Wert auf den Schutz ihrer Interessen. Der Politologe Henry Brands charakterisiert die Konsequenzen, die einem solchen Denken entspringen, pointiert: „Evil goes armed, and so must go good.“
Der Kampf gegen das Böse wird nicht selten auf die internationale Politik übertragen: Manichäische Muster lassen sich von den Interventionen im 19. Jahrhundert, über den Ersten und Zweiten Weltkrieg, den Kalten Krieg bis hin zum Krieg gegen den Terror nachweisen. Dieses Schwarz-Weiß-Denken ist nicht unproblematisch. In einem vielbeachteten Essay warnten Tami Davis und Sean Lynn-Jones 1987, „if Americans regard themselves as morally superior to the rest of the world, they can regard criticism as unfounded and malicious.“
Das amerikanische Sendungsbewusstsein erweist sich hierbei als Ursache und Triebfeder außenpolitischen Handelns. Diskussionen über amerikanische Außenpolitik drehen sich daher nur um nationale Interessen. Sie sind auch immer eine gesellschaftliche Standortbestimmung mit moralischem Anstrich.
Der Missionsgedanke ist schließlich zu einem Ausdruck des „persistent moralism prevalent in American foreign policy“ geworden, denn „it not only celebrates the uniqueness and special virtues of the USA, but also elevates America to a higher moral plane than other countries.“, wie Davis und Lynn-Jones feststellten.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Die Einleitung skizziert die Fragestellung, ob die NSS 2002 eine revolutionäre Abkehr oder eine Evolution amerikanischer Traditionen darstellt, und legt das methodische Vorgehen fest.
II. Grundmuster US-Amerikanischer Außenpolitik: Dieser Abschnitt beleuchtet die ideologischen Fundamente wie den Exzeptionalismus, Liberalismus und Realismus, die den historisch gewachsenen „Werkzeugkasten“ der amerikanischen Außenpolitik bilden.
III. National Security Strategy 2002 – Revolution oder Evolution?: Das Kapitel führt den detaillierten Abgleich der NSS 2002 mit den zuvor erarbeiteten historischen Grundmustern durch und analysiert dabei insbesondere Konzepte wie Präemption und Unilateralismus.
IV. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die NSS 2002 zwar imperial zugespitzt ist, jedoch eine evolutionäre Fortschreibung traditioneller außenpolitischer Leitlinien darstellt.
Schlüsselwörter
US-Außenpolitik, National Security Strategy 2002, Exzeptionalismus, Manifest Destiny, Liberalismus, Realismus, Unilateralismus, Multilateralismus, Präemption, Bush-Doktrin, Terrorismus, Demokratisierung, nationale Sicherheit, Machtpolitik, Mission.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, inwieweit die National Security Strategy (NSS) 2002 unter der Regierung von George W. Bush eine neue, revolutionäre Ausrichtung der amerikanischen Außenpolitik darstellt oder ob sie lediglich auf historisch etablierten Grundmustern aufbaut.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Felder sind der amerikanische Exzeptionalismus, der historische Liberalismus (Verbreitung von Demokratie und Marktwirtschaft) sowie der Realismus, der sich in Unilateralismus und Präemptionsgedanken äußert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, durch einen Vergleich der NSS 2002 mit der langfristigen Geschichte der amerikanischen Außenpolitik zu klären, ob es sich um einen radikalen Bruch mit der Tradition („Revolution“) oder eine konsequente Weiterentwicklung („Evolution“) handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, indem sie die NSS 2002 an einem aus historischen Grundmustern entwickelten „Werkzeugkasten“ der Außenpolitik misst.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung historischer Grundmuster der US-Außenpolitik und deren anschließende Anwendung auf das Strategiepapier von 2002, unter besonderer Betrachtung der Sicherheits- und Demokratiekonzepte.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind neben der NSS 2002 vor allem Manifest Destiny, der amerikanische Exzeptionalismus, Unilateralismus, Präemptionskriege und die neokonservative Ausrichtung der Bush-Administration.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Unilateralismus in der NSS 2002?
Der Autor stellt fest, dass der Unilateralismus in der NSS 2002 nicht als isolierter Bruch auftritt, sondern als eine realistisch-machtpolitische Option in einem komplexen Spannungsfeld zwischen der Führungsmacht der USA und notwendigen Kooperationen.
Welche Bedeutung kommt dem Begriff „Präemption“ in der Arbeit zu?
Präemption wird als eine strategische Option dargestellt, die historisch verankert ist, aber durch die NSS 2002 eine neue, offensive Qualität erhält, da sie das Konzept der „imminent threats“ auf proaktive Weise neu definiert.
- Citar trabajo
- Sven Matis (Autor), 2006, Revolution oder Evolution? Die National Security Strategy 2002 im Rahmen traditioneller Grundmuster amerikanischer Außenpolitik, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81420