Die Bedeutung des Kohlbergschen Stufenmodells für die pädagogische Praxis


Hausarbeit, 2007

22 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Herleitung, Begründung und Darstellung des Modells
2.1. Theoretische Vorannahmen
2.2. Strukturierung
2.3. Darstellung und Erläuterung des Stufenmodells
2.4. Kritische Reflexion

3. Arbeit mit Dilemmata
3.1. Formen von Dilemmata
3.2. Förderung der moralischen Entwicklung durch Dilemmata
3.3. Grenzen der Methode

4. Gerechtigkeit gestalten in der Gemeinschaft
4.1. Just Community

5. Bedeutung des Modells für die pädagogische Praxis

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Immer wieder werden Themen wie Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe heiß diskutiert und es prallen verschiedenste Meinungen aufeinander. Dies ist sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich des Öfteren der Fall. Der Grund dafür ist das unterschiedliche Moralverständnis verschiedener Personen und damit die per- sönliche Meinung ob ebendiese Themen moralisch zu rechtfertigen sind. Im Rahmen privater Diskussionen haben wir alle wohl schon einmal erlebt, dass unsere persönli- che Ansicht von anderen nicht geteilt wird, obwohl wir sie als moralisch gut und un- fehlbar erachten. Des Weiteren kommt es auch vor, dass uns andere Meinungen aufgrund einer glaubwürdigen Argumentation plötzlich sinnvoll erscheinen auch wenn wir sie trotzdem nicht unbedingt teilen wollen und können [vgl. DÜL-00, S.9]. Die Gründe für solche Meinungsverschiedenheiten haben ihren Ursprung aber nicht nur im Ausdruck unserer eigenen irrationalen Emotionen, sondern sie gehen viel tie- fer. Wir müssen moralische Urteile als „kognitiv verankerte Sichtweisen, die den ein- zelnen in die Lage versetzen, sich seinen Fähigkeiten gemäß rational mit morali- schen Problemen auseinanderzusetzen“ [DÜL-00, S.9] verstehen.

Diese Arbeit soll sich mit den Ergebnissen über die kognitive Moralentwicklung von Lawrence Kohlberg beschäftigen, die an die Arbeit von Piaget über die Entwicklung des moralischen Urteils beim Kinde anknüpfen. Dabei werden sowohl die Vorannahmen und die Theorie von Kohlberg, die Arbeit mit Dilemmata, wie auch Kohlberg sie genutzt hat, als auch die praktische Umsetzung, in Form der Just Community, angeschnitten und letztendlich auch kritisiert.

2. Herleitung, Begründung und Darstellung des Modells

Im folgenden Abschnitt soll nun dargestellt werden worauf die Annahmen des Kohl- bergschen Modells basieren, wie es strukturiert ist und natürlich auch, wie es konkret aussieht, das heißt es werden auch die einzelnen Stufen dargestellt und erörtert.

2.1. Theoretische Vorannahmen

Im Jahr 1958 schrieb Lawrence Kohlberg seine Dissertation zum Thema der Mo- ralentwicklung aufbauend auf dem Werk von Piaget über das moralische Urteil beim Kinde. Im Gegensatz zu ihm wollte er aber die Entwicklung bis in das Ju- gend- und junge Erwachsenenalter hinein untersuchen [vgl. KOH-95, S.124]. Da moralisches Denken selbstverständlich auch Denken ist, liegt nahe, dass es zwischen logischem und moralischen Denken und seiner Entwicklung Parallelen gibt, die nicht von der Hand zu weisen sind. Nachdem ein Kind die Sprache er- lernt hat folgen 3 Phasen der kognitiven Entwicklung: intuitives, konkret- operatorisches und formal-operatorisches Denken. Etwa mit dem 7. Lebensjahr beginnt ein Kind konkret logisch zu denken, d. h. es kann dann logische Schlüsse ziehen und Gegenstände klassifizieren. Im Verlauf der Adoleszenz erreichen die meisten Jugendlichen und Erwachsenen die Stufe des formal-operatorischen Denkens, jedoch nicht alle, einige erreichen diese Phase auch nur teilweise. In dieser Stufe ist es möglich alle vorhandenen Möglichkeiten einer Situation durch- zuspielen, Hypothesen zu bilden und diese an der Realität zu messen, es ent- steht also ein abstraktes Denkvermögen. Menschen die diese Phase nur zum Teil erreichen können zwar alle tatsächlich vorhandenen Bezüge herstellen, haben aber nicht die Möglichkeit abstrakte Hypothesen aufzustellen. Insgesamt lässt sich sagen, dass kein gesunder Erwachsener auf der Stufe des konkret- operatorischen Denkens verharren wird, einige erreichen das formal logische Denken nur teilweise aber die Majorität der erwachsenen Bevölkerung wird auf dieser Stufe vollständig ankommen. Um den Bezug zum moralischen Denken zu bringen, ist zu sagen, dass Personen, die nur konkret logisch denken können niemals über die Stufe 2 der Kohlbergschen Skala hinauskommen werden, son- dern am präkonventionellen Denken festhalten werden. Wer die Phase des for- mal-operatorischen Denkens zum Teil erreicht, kann in der moralischen Denkwei- se Stufe 3 oder 4 erreichen, denkt also konventionell und nur den Personen die die Stufe des formal logischen Denkens vollständig erklommen haben, ist es möglich die postkonventionelle moralische Denkfähigkeit zu erlangen. Die Fähig- keit des logischen Denkens ist zwar Voraussetzung um in den Stufen der Moral- entwicklung nach oben zu kommen, aber sie allein ist nicht ausreichend. So ste- hen viele Personen die formal logisch denken können trotzdem nur auf dem kon- ventionellen Niveau des Moralmodells von Kohlberg. Denn zum logischen Den- ken muss noch die soziale Wahrnehmung kommen, um im System weiter aufsteigen zu können. Die soziale Wahrnehmung beschreibt das Niveau auf dem wir selbst andere Menschen sehen, deren Emotionen wahrnehmen können und ihre Rolle in der Gesellschaft verstehen. Somit ist also auch der Aufstieg im sozialen Niveau von bedeutender Wichtigkeit für das Vorankommen in den moralischen Stufen [vgl. KOH-95, S.124 f.].

Kohlberg wählte, wie auch schon Piaget, den theoretischen Ausgangspunkt der typologischen Unterscheidung in heteronome und autonome Moral. Die hetero- nome Moral ist gekennzeichnet von einseitiger Achtung, die aus dem Zwang durch Erwachsene beim Kind entsteht. Im Gegensatz dazu beruht die autonome Moral auf gegenseitiger Achtung und Kooperation mit Gleichgestellten [DÜL-00, S.17]. Der Übergang zwischen diesen beiden Unterscheidungen geschieht nach Piaget dann, wenn zwischen dem Kind und einer zweiten Person eine hohe An- erkennung entsteht, und das Kind daraus das Bedürfnis entwickelt, den anderen so zu behandeln, wie es selbst auch behandelt werden möchte. Das heißt zu- sammengefasst also, dass das heteronome Moralverständnis eines Kindes auf den von Erwachsenen festgelegten Regeln beruht, die von ihm als unveränderli- che Gegebenheiten wahrgenommen werden, das autonome Moralverständnis hingegen basiert auf den Regeln, die, im gegenseitigen Übereinkommen, aus freien Entschlüssen festgelegt werden. Es entstehen somit für das Kind eigene moralische Gesetze, die es aufgrund von gegenseitiger Achtung einzuhalten gilt [vgl. DÜL-00, S.18].

In seiner Untersuchung interviewte Kohlberg eine Reihe von Probanden zwischen 10 und 16 Jahren, indem er ihnen verschiedene Dilemmata vorstellte, auf die in dieser Arbeit später noch konkret eingegangen wird, und sie dazu befragte. Es stellte sich bei der Befragung und Auswertung allerdings schnell heraus, dass die von Piaget festgesetzten 2 Stufen von heteronomem und autonomem Moralverständnis, die Kohlberg eigentlich verwenden wollte, keinesfalls ausreichten, um die Moral der Probanden zu erfassen, sodass Kohlberg selbst ein neues Stufenmodell mit 6 Stufen entwickelte um allen Befragten gerecht zu werden und sie konkret einer Stufe zuordnen zu können [vgl. DÜL-00, S.17].

2.2. Strukturierung

Vorab ist es wichtig zu erwähnen, dass Kohlbergs Modell und die bestimmten Stufen einer klaren Unterscheidung zwischen Inhalt und Struktur unterliegen, um „den bloßen Inhalt des moralischen Urteils besser von den entwicklungsrelevan- ten strukturellen Eigenschaften trennen zu können“ [DÜL-00, S.18]. Die sechs, von Kohlberg festgelegten, Stufen können in drei Hauptebenen unter- teilt werden, denen dann jeweils zwei der moralischen Stufen zugeordnet werden können. Es existieren also als erstes die präkonventionelle Ebene, der die Stufen 1 und 2 zugeteilt sind, die konventionelle Ebene mit der 3. und 4. Stufe und schließlich die postkonventionelle Ebene der die Stufen 5 und 6 zugehören. Der Begriff „konventionell“ bezeichnet die Anerkennung und Billigung der gesellschaft- lichen Regeln und Konventionen, weil diese eben existieren und von den Men- schen anerkannt werden. Das bedeutet, dass Individuen auf der präkonventionel- len Moralebene die zuvor genannten Regeln noch nicht verstehen und somit auch noch nicht unterstützen können. Auf dieser Denkebene befinden sich die meisten Kinder bis zum 9. Lebensjahr, aber auch der Großteil jugendlicher und erwachse- ner Straftäter. Der konventionellen Ebene sind die meisten Jugendlichen und Er- wachsenen zuzuordnen. Die postkonventionelle Moralebene erreichen nur weni- ge Erwachsene und wenn, dann im Normalfall erst nach dem 20. Lebensjahr. In- dividuen dieser Ebene verstehen und akzeptieren grundsätzlich die geltenden gesellschaftlichen Regeln, diese Akzeptanz beruht aber darauf, dass auch die moralischen Prinzipien die den Regeln zugrunde liegen verstanden und aner- kannt werden. Sollte eine sich auf dem postkonventionellen Niveau befindliche Person einmal mit den herrschenden gesellschaftlichen Regeln in Konflikt gera- ten, so hält sie sich an die moralischen Prinzipien und nicht an die Konventionen [vgl. KOH-95, S.126 f.].

Kohlberg selbst hat in seinen Vorüberlegungen und auch während seiner Studien festgestellt, dass es nicht möglich ist eine der Stufen zu überspringen, sondern dass sie nach und nach erklommen werden, bis zu der Stufe auf der man dann eventuell stehen bleibt. Denn um die nächst höhere Stufe zu erklimmen ist es notwendig erst einmal die Prinzipien dieser theoretisch zu verstehen um diese Prinzipien dann auch anwenden zu können. Zum Teil ergab sich aus Kohlbergs Befragung auch, dass Personen zwar bereits in der Lage waren, auf einer höhe- ren Stufe zu denken, aber noch nicht danach handelten.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die moralische Entwicklung zum einen von der kognitiven und sozialen Kompetenz und zum anderen auch vom moralischen Handeln abhängig ist [vgl. KOH-95, S.126].

Im Interesse der Forschung stand, vor diesem Hintergrund, also nicht nur der Inhalt der einzelnen Moralstufen, sondern vordergründig war der Weg zur jeweils nächsten Stufe, also die Entwicklung die in der Person passieren muss, um die Tür zur nächsten Stufe zu öffnen.

Um die Entwicklung des moralischen Urteil charakterisieren zu können zog Kohl- berg 2 verschiedene Komponenten heran: zum einen die soziomoralische Per- spektive und zum anderen die verschiedenen Gerechtigkeitsoperationen [vgl. KOH-95, S.126].

Soziomoralische Perspektive

Schon während seiner Dissertation setzte sich Kohlberg ausführlich mit der Fähigkeit zur Rollenübernahme auseinander, was dann in den 70er Jahren von Selman neu aufgegriffen wurde und er untersuchte noch einmal die Längsschnittstudien von Kohlberg um den Bezug zwischen sozialer Kom- petenz und Moralverständnis aufzuzeigen [vgl. DÜL-00, S. 20]. Selman kam aufgrund seiner Forschungstätigkeit zu dem Schluss, dass es 5 Niveaus der sozialen Perspektivübernahme gibt, welche nun kurz dargestellt werden sollen.

Niveau 0 (Egozentrische Perspektive) zwischen 3 und 8 Jahren:

Das Kind kann zwar Gefühle und Gedanken anderer und seiner selbst wahrnehmen, erkennt aber nicht, dass andere ähnlich wahrgenommene Erfahrungen anders interpretiert als es selbst. Der Grund dafür ist, dass die eigene Perspektive und die des anderen noch nicht unterschieden werden kann.

Niveau 1 (Subjektive Perspektive) ungefähr 5 bis 9 Jahre:

Das Kind kann nun verstehen, dass ähnlich wahrgenommene Umstände perspektivisch entweder gleich oder verschieden von sich selbst und ande- ren interpretiert werden können. Bedeutend ist auch, dass Kinder sich jetzt zum ersten Mal mit der psychischen Einzigartigkeit anderer befassen.

Niveau 2 (Selbstreflexive Perspektive) etwa 7. bis 12. Lebensjahr:

Das Kind ist nun fähig sich in sein Gegenüber hinein zu versetzen und kann somit wahrnehmen, wie es selbst auf andere wirkt und die wechsel- seitigen Beziehungen verstehen. Es ist also in der Lage Empathie zu zei- gen.

Niveau 3 (Wechselseitige Perspektiven) zwischen 10 und 15 Jahren:

Das Kind ist nun in der Lage eine unendliche Kette von verschiedenen Perspektiven verschiedener Personen zu verstehen und nachzuvollziehen. Das verleiht ihm ein neues Bewusstsein, denn es kann nun aus der Inter- aktion heraustreten und 2 verschiedene Perspektiven von außen abstrakt koordinieren.

Niveau 4 (Gesellschaftliche Perspektive) vom 12.Lebenjahr bis ins Erwachsenenalter:

Auf diesem Niveau ist es möglich die zwischenmenschlichen Beziehungen als ein Netzwerk wahrzunehmen. Die Perspektiven werden generalisiert z.B. zu einer gesellschaftlichen umfassenden Perspektive.

[vgl. DÜL-00, S. 274]

Aus dieser kurzen Übersicht heraus wird deutlich, dass diese verschiedenen sozialen Sichtweisen bedeutend sind für die Entwicklung der Moralstufen, denn nur auf hohem sozialem Niveau kann auch ein moralisch hohes Niveau erreicht werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Kohlbergschen Stufenmodells für die pädagogische Praxis
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Anthropologische und normative Bedingungen von Bildungs- und Erziehungsprozessen in der Mpderne
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V81441
ISBN (eBook)
9783638858328
ISBN (Buch)
9783638883047
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Kohlbergschen, Stufenmodells, Praxis, Anthropologische, Bedingungen, Bildungs-, Erziehungsprozessen, Mpderne
Arbeit zitieren
Kristin Kuchta (Autor), 2007, Die Bedeutung des Kohlbergschen Stufenmodells für die pädagogische Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81441

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