Widerspruch zwischen privatem Sein und öffentlichem Schein in Heinrich Kaufringers "Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar"


Seminararbeit, 2004
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bedeutung der Stellung des Märe Nr.8 innerhalb der Sammlung cgm 270

3. Analyse der Widersprüche zwischen privatem Sein und öffentlichem Schein anhand des Aufbaus des Stückes
3.1 Promythion
3.2 Rahmenhandlung
3.3 1. Binnenhandlung
3.4 2. Binnenhandlung
3.5 Epimythion

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heinrich Kaufringers Märe Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar (von nun an als Märe Nr. 8 bezeichnet) hat einerseits eine zentrale Stellung , andererseits eine Art Sonderstellung innerhalb der Sammlung cgm 270, in der es in der Funktion eines Vermittlers die umliegenden Erzählungen kommentiert und relativiert. (vgl. Krohn 1986/1987, 271) Es existiert kein vergleichbares Märe Kaufringers, das den Widerspruch zwischen privatem Sein und öffentlichem Schein so drastisch aufzeigt.

Mit seiner fortschrittlichen und wirklichkeitsnahen Schreibweise hebt sich Kaufringer deutlich von den anderen Autoren seiner Zeit ab. Während zur damaligen Zeit die Verwendung von zahlreichen Stereotypen weit verbreitet war, geht Kaufringer mehr auf die Gefühle der Figuren ein und erreicht damit ein realistischeres Bild. Er zeigt die Frau als „doppelpolige Figur“ (Stede 1993, 72) und reformiert das für die Zeit typische, einfache und einseitige Frauenbild (listig, durchtrieben, untreu oder heilig) durch ein komplexes, das sowohl gute als auch schlechte (‚frümkait’ vs. ‚karkhait’) (Sappler 1972, v. 31, 39) Eigenschaften beinhaltet.

Die Polarität, die oft große Gegensätze im Charakter der Figuren und in den gesellschaftlichen Zuständen aufzeigt, stellte für ihn offenbar keinen Widerspruch dar. Ein weiterer Beweis dafür ist die Komposition von frommen und schwankhaften Mären. (vgl. Grubmüller 1996, 26)

Kaufringers Stücke weisen den Ansatz einer psychologisierenden Erzählweise auf. Das heißt, dass die „Emotionen und Handlungsmotive“ der Figuren geschildert werden. (vgl. Stede 1993, 320, Hervorhebung im Original) In Kombination mit dem Versuch die „jeweilige Geschichte plausibel erscheinen zu lassen“ fordert er den Rezipienten implizit auf, [...] „das Erzählte auf seine eigene Lebenssituation zu beziehen und auf sein persönliches Handeln zu übertragen.“ (Stede 1993, 321, Hervorhebung im Original) Indem er in einigen Stücken die moralische Schlussfrage offenlässt, regt er das Publikum zum Nachdenken an und überlässt dem Leser die Entscheidung.

Im folgenden Kapitel werde ich einen kurzen Überblick über die Bedeutung der Stellung des Märe Nr. 8 innerhalb der Sammlung cgm 270 geben und danach in einem weiteren Kapitel zum einen die Polarität der Figuren (sofern vorhanden) und zum anderen die Widersprüche zwischen privatem Sein und öffentlichem Schein anhand des Aufbaus des Stückes analysieren.

2. Bedeutung der Stellung des Märe Nr. 8 innerhalb der Sammlung cgm 270

Die Sammlung cgm 270 umfasst 17 Stücke. Es wird angenommen, dass es sich um eine bewusste Anordnung der Stücke handelt, die entweder vom Autor selbst oder von einem Sammler vorgenommen wurde. (vgl. Krohn 1986/1987, 258)

„Die meisten Erzählungen der vorliegenden Sammlung entsprechen dem Grundtyp des ‚schwankhaften Märe’ [...]“. (ebd., 258)

Das Märe Nr. 8 – Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar - lässt sich nicht so eindeutig diesem Grundtyp zuordnen wie die vorangegangenen Erzählungen. Krohn (ebd., 265) schreibt, dass es etwa „die numerische Mitte“ des Mären-Corpus bezeichnet. [...] (Nr. 3–7 haben zusammen 2656 Verse; Nr. 9-15 kommen auf 2547 Verse)“. Es hat somit eine zentrale Stellung, die noch dadurch unterstrichen wird, dass dieses Stück als „ein kommentiertes Zwischenspiel für die ganze Sammlung“ fungiert. (ebd., 268)

Krohn (ebd., 267) bezeichnet in diesem Zusammenhang die Verzahnung der einzelnen Mären als „chiastische Verschränkungen“. Das heißt, dass die Stücke, die dem Märe Nr. 8 sowohl vorangehen als auch folgen, thematisch miteinander verknüpft sind. (vgl. ebd.., 267)

Ausgehend von der zentralen Stellung des Märe Nr.8 behandeln die vorangegangenen Mären Nr. 4–7 das Thema des ungesühnten Ehebruchs: Dieser wird zwar entdeckt, jedoch bleibt die gerechte Rache aus.

Märe Nr. 7 lässt hierbei schon das Thema der folgenden Dreiergruppe Nr. 9-11 anklingen: „Verbindung von Frauenlist mit vollzogenem und schlau verhohlenem Ehebruch“ (ebd., 264)

Anhand der beiden Binnenerzählungen des Märe Nr. 8 wird die wichtige und zentrale Funktion dieser Erzählung deutlich. Obwohl sich das Stückes thematisch völlig von den anderen Erzählungen unterscheidet, stehen die Themen der Binnenerzählung hinsichtlich des Rückblicks und der Vorausschau in engem Zusammenhang mit den umliegenden Mären. Krohn (ebd., 271) sieht dieses Stück als „das vermittelnde Märe“ [...], das die „äußeren Triaden der Sammlung [...] kommentiert und relativiert“

Er stellte weiterhin fest, dass das Thema der 1. Binnenerzählung, der Trunk der Johannesminne aus der Hirnschale des ermordeten Geliebten, eine Vorausschau auf die folgende Dreiergruppe Nr. 12–14 ist, in welchen der Ehebruch entdeckt und auch gesühnt wird. (vgl. ebd., 261–271)

Die 2. Binnenerzählung verweist thematisch auf die vorangegangenen Mären, da hier zwar der Ehebruch entdeckt wird, der Mann sich jedoch nicht rächt. Schlimmer noch: er erträgt den Zustand über viele Jahre, um den öffentlichen Schein wiederherzustellen.

3. Analyse der Widersprüche zwischen privatem Sein und öffentlichem Schein anhand des Aufbaus des Stückes

Das Märe Nr. 8 besteht aus einem Promythion, einer Rahmenhandlung, zwei Binnenerzählungen und einem Epimythion. Ich werde jeweils die Polarität der Figuren und die Widersprüche zwischen privatem Sein und öffentlichem Schein untersuchen und anhand von Textstellen belegen.

3.1 Promythion

Die Erzählung beginnt mit einem Promythion, in dem Kaufringer seine Vorstellung von einer „rechte[n] ee“ darlegt. Diese Vorstellung basiert auf dem christlichen Weltbild des Mittelalters. (vgl. Stede 1993, 72, 310)

„ain man und auch sein eweib
zwuo sel und ainen leib
süllen mit ainander haun
was ir ainem wirt getaun
es seie guot oder pein,
das sol in baiden gschehen sein.
si süllen also sein veraint,
was ir ains mit willen maint
und im ain wolgefallen ist,
so sol das ander ze der frist

auch sein gunst dazuo geben.“ (Grubmüller 1996, v. 3–13)

Die Eheleute sollen in ihren Wünschen und im Handeln völlig übereinstimmen, sie sollen absolut eins sein. Dieses Bild ist selbst für damalige Verhältnisse sehr idealisiert und aufgrund der unterschiedlichen Charaktereigenschaften der Menschen nicht erreichbar, was sich bereits in der Rahmenhandlung zeigt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Widerspruch zwischen privatem Sein und öffentlichem Schein in Heinrich Kaufringers "Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar"
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Proseminar: Heinrich Kaufringer
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V82220
ISBN (eBook)
9783638870351
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Logische Anlage der Arbeit, gründlicher Umgang mit dem Text, sehr gutes Gespür für mittelalterliche Texte. Nachweis der zitierten Stellen erfolgt normalerweise in der Mediaevistik in Fußnoten, nicht in Klammern hinter dem Zitat (=geringer formaler Mangel)
Schlagworte
Widerspruch, Sein, Schein, Heinrich, Kaufringers, Suche, Ehepaar, Proseminar, Kaufringer
Arbeit zitieren
Corinna Roth (Autor), 2004, Widerspruch zwischen privatem Sein und öffentlichem Schein in Heinrich Kaufringers "Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82220

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