Männer- und Frauenfiguren / Geschlechterverhältnisse im Witiko


Hausarbeit, 2007

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschlechterbeziehungen im 19. Jahrhundert
2.1. Die Rolle der Frau im Bürgertum
2.2. Allgemeines zu den Geschlechterbeziehungen in Stifters Werken

3. Sittengesetz und Geschlechtsrollenkonservatismus im Witiko

4. Die Genderproblematik im Witiko
4.1. Zeitgenössische Werte im Witiko
4.2. Ritualität als Domestizierungsversuch
4.3. Ritualität und Form

5. Figurenensemble
5.1. Dimut
5.2. Bertha
5.3. Witiko
5.4. Die Paarbeziehung Bertha und Witikos

6. Oral history

7. Schlussbemerkung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die bürgerliche Gesellschaft, zu der auch der österreichische Autor Adalbert Stifter zählt, durchläuft im 19. Jahrhundert eine Zeit der Umbrüche; gravierende ökonomische, kulturelle und politische Entwicklungen, besonders in der Zeit vor und nach der 1848er Revolution, fördern sowohl ein neues bürgerliches Selbstbewusstsein als auch in einigen Bereichen einen Biedermeier´schen, romantischen Rückzug ins Private.

Auch im Bereich des Geschlechterrollen-Diskurses beginnen sich immer größere Veränderungen abzuzeichnen. Oft relativ subtil, im Verborgenen bzw. Verschwiegenen, manchmal aber auch deutlicher – zum Beispiel mit dem Aufkommen der von Frauen geführten berühmten bürgerlichen Salons, wie von Rahel Varnhagen oder mit der Ausweitung/ Anerkennung der immer noch beschränkten aber sich allmählich vergrößernden Möglichkeiten der Berufstätigkeit, etwa als Lehrerin, Krankenschwester, Schriftstellerin oder Gouvernante, im späten 18. Jahrhundert sogar als Angestellte.

Im Witiko nehmen die Gender-Aspekte zwar eine eher untergeordnete Rolle ein, Stifters Figurenbeschreibungen und -konstellationen sind aber bei genauerer Betrachtung durchaus aufschlussreich.

Der Witiko, 1865-1867 in drei Bänden erschienen, ist eines der umstrittensten Werke Adalbert Stifters. Sein ungewöhnliches Geschichtsepos steht zwar einerseits in der Tradition der Historienromane des 19. Jahrhunderts, hebt sich aber andererseits aufgrund der stofflichen Schwerpunktsetzung und formal-poetischen Verfahrensweise deutlich von anderen Werken dieser damals wie heute sehr beliebten literarischen Gattung ab.

Der Witiko entsteht im Kontext der Nachwirkungen der 1848er Revolution, die „Stifter wiederholt skeptisch bis ablehnend kommentiert hatte.“[1]

Ausgehend von der These der „Domestizierbarkeit der Frau“ im Witiko sollen im Folgenden sowohl einige Einzelfiguren unter genderspezifischen Aspekten als auch die Geschlechterbeziehungen der beiden Hauptfiguren Bertha und Witiko näher beleuchtet werden.

Die Literaturwissenschaftlerin Sabine Schmidt formuliert Stifters dichterischem Umgang mit den Frauenfiguren im Witiko folgendermaßen kritisch: „Die Domestizierbarkeit der Frau […] wird […] zum wesentlichen konstituierenden Prinzip einer stabilen familialen Gemeinschaft, die wiederum als unabdingbare Voraussetzung für eine stabile Gesellschaftsstruktur erscheint.“[2]

2. Geschlechterbeziehungen im 19. Jahrhundert

2.1. Die Rolle der Frau im Bürgertum

Die Situation im 19. Jahrhundert ist ambivalent. Auf der einen Seite herrscht nach wie vor eine männlich dominierte Gesellschaft, auch und gerade im Bürgertum, auf der anderen Seite beginnt im Laufe der Jahrzehnte die vielbeschworene „Männerherrschaft“ an verschiedenen Stellen langsam, aber merklich zu bröckeln.

Obgleich der Ausgangspunkt der emanzipierten Frauenbewegung das 19. Jahrhundert ist, gilt noch lange die traditionelle Rollenverteilung normativ in der bürgerlichen Gesellschaft. Von der Frau wird vornehmlich erwartet, ihren Aufgaben als treue Ehefrau und liebevolle Mutter gerecht zu werden. Bereits in der Kindererziehung macht sich das patriarchische Gesellschaftssystem bemerkbar. Schon früh werden die Mädchen auf ihre zukünftige Ehe und Mutterrolle vorbereitet. Schicklichkeit, Beherrschtheit, Damenhaftigkeit und Bescheidenheit sind die Schlagwörter, mit denen die Ziele der den Mädchen zukommenden Bildung beschrieben werden.

Auch wenn eine Eheschließung auf Liebe basiert, hat die väterliche Autorität das letzte Wort und entscheidet über einen in ökonomischer und gesellschaftlicher Hinsicht adäquaten Ehepartner. Aufgrund der Normvorstellung der Gesellschaft und der besseren Ausbildung des Mannes bleibt der bürgerlichen Frau vor allem die Haushaltsführung und die Kindererziehung. Zu wichtigen Anlässen hat sie, adrett zurechtgemacht, angemessen die Familie zu repräsentieren. Wirtschaftliche Unabhängigkeit und politischer Einfluss sind für die meisten Frauen nicht erreichbar. Gemäß den Rechtsregelungen, wie zum Beispiel des Wahl- und Vereinrechts, wird die Frau aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen. Sie soll dem Mann ein Ruhepol sein, gut für ihn sorgen und ihm zu Hause die nach einem Arbeitstag nötige Erholung ermöglichen.

Die rigorosen Ansichten der Gesellschaft lassen der Frau also kaum Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung; die Entfaltung ihrer Individualität ist, und auch dort nur im beschränkten Maße, lediglich innerhalb des Familienverbundes möglich.[3]

Aufgrund der eingeschränkten Selbstbestimmung sind auch damals psychische Störungen die Folge. Essstörungen sind kein unbekanntes Thema, was auch in verschiedenen Texten, zum Beispiel zur bürgerlichen Tisch- und Esskultur[4], zumindest metatextuell erwähnt wird. Magersucht und Bulimie sind bei Frauen sogar relativ weit verbreitet. Die Nahrungsverweigerung, ähnlich der Intention eines Hungerstreiks, ist oft ihre einzige Möglichkeit, gegen die permanente Fremdbestimmung zu protestieren - bewusst oder unbewusst. Auf diesem Weg versuchen sie aufzubegehren und über ihr Ich und ihren Körper selbst zu bestimmen. Essstörungen zählen zu den „hysterischen Symptomen“ - in den vergangenen Jahrhunderten eine klassische Frauenkrankheit - wie die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun schreibt: „Zu der zweiten Kategorie der [Hysterie-]Symptome, die ein Weniger an Körper einführen; gehört […] Magersucht, wie ihr Gegenstück, die Bulimie.“[5]

Im Verlauf der Geschichte wird der Hungerstreik sogar zu einem festen Kampfmittel der Frauenbewegung. Die englischen Suffragetten zum Beispiel lassen sich verhaften und verweigern die Nahrung, um das Wahlrecht durchzusetzen.

2.2. Allgemeines zu den Geschlechterbeziehungen in Stifters Werken

Im Laufe der Zeit ist in Stifters Arbeiten eine deutliche Entindividualisierungstendenz zu bemerken. Die anfangs subjektiven Einzelschicksale, wie in relativ frühen Erzählungen, zum Beispiel Der Condor (vermutlich bereits 1834/35 entstanden, 1839 erschienen) oder Der Hochwald (1841 erschienen) gehen mehr und mehr über in größere familiale, zum Teil generationsübergreifende Gemeinschaften, wie in Die Mappe meines Urgroßvaters. Der Fokus erweitert sich auf umfassendere geschichtliche und soziale Zusammenhänge; Stifters Schreiben wird sicherlich auch von den politischen Umwälzungen jener Zeit beeinflusst. Die Aufrechterhaltung der bürgerlich-konservativen Familienstruktur als gesellschafts-stabilisierendes Element wird für Stifter maßgeblich. Emanzipationsbestrebungen stellen für ihn und seine Weltanschauung eine bedrohliche Störung der (gesellschaftlichen) Ordnung dar.[6]

Der Witiko als Anleitung zur gesellschaftlichen und politischen Stabilität? „Wie lassen sich die Emergenzen, die Nicht-Linearität […] im Geschichtsprozeß […] als Heilsgeschichte lesen?“[7]

3. Sittengesetz und Geschlechtsrollenkonservatismus im Witiko

Stifters „Sanftes Gesetz“ durchläuft im Witiko, dessen Handlung im Hochmittelalter, der frühen bis mittleren Staufferzeit angesiedelt ist, eine Metamorphose. Es ist aber nach wie vor gültig. Das Sanfte Gesetz, vom auch naturwissenschaftlich bewanderten Dichter Stifter formuliert, sieht allen Ursprung in der Natur - mit Werten wie Kontinuität, Unspektularität und Qualität im Kleinen.

Das Gesetz fungiert als grundlegendes Entwicklungsgesetz, manifestiert sich hier jedoch in der Form des Sittengesetzes. Dieses besagt, dass und wie Menschen nach Regeln leben sollen, um die Gesamtordnung nicht zu gefährden und um sogar Einflussnahme auf den Verlauf der Geschichte ausüben zu können. Das Sittengesetz ist durchaus christlich eingefärbt; kurz angeführt seien an dieser Stelle zum Beispiel die Zehn Gebote, die ein friedliches und gerechtes Zusammenleben regeln sollen. Das Sittengesetz ist einerseits komplementär zum Naturgesetz, andererseits analog zu diesem zu sehen. Der Mensch soll mit dem Menschen sittsam umgehen – entsprechend dem christlichen und humanistischen Ideal:

„[J]eder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen.“[8]

Kleine Veränderungen über Generationen sind große, gewaltigen vorzuziehen; die Devise lautet: eher Evolution statt Revolution.

Stifter ist der Ansicht, dass man aus der Geschichte lernen kann, er sieht - in antiker Tradition - die Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens: „historia magistra vitae“.[9]

„Adalbert Stifter hat die Frage nach der Ordnung des Lebens stets als Frage nach der Ordnung der Geschichte behandelt.“[10]

Dem Autor ist die Gewährleistung von Gerechtigkeit durch einen qualifizierten Herrscher wichtig. Er befürwortet eine Pazifizierung durch eine entsprechende (legitimierte) Führerfigur – das Grundthema im Witiko. Die Tatsache, dass die Geschichte von gewaltreichen Konflikten durchzogen ist, findet Stifter verwerflich; er strebt ein ausgewogenes Machtverhältnis an, das sowohl dem Volk und den verschiedenen Gemeinschaften als auch den Herrschenden gerecht wird. Diese Konflikte werden im Witiko thematisiert: die Legitimitätsproblematik, wobei Legitimität von Zustimmung abhängig ist. Ein fähiger Herrscher soll Konflikte friedlich lösen, wenn dieser als Herrscher legitimiert ist. Der schier unlösbare Konflikt ist der Versuch, Moral und Pragmatik auszugleichen, und Gewalt nur dann einzusetzen, wenn sie „nötig“ ist. Doch wo sind die Grenzen? Wann ist Gewalt nötig? Ist sie zur Gründung bzw. Erhaltung eines Nationalstaates gerechtfertigt? Stifter will im Witiko ein einheitliches Reich ohne Gewalt schaffen. Seine Intention aber scheitert auf ästhetischer Ebene; viele seiner Zeitgenossen lehnen sein durch den additiven Formalismus schwer zugängliches Werk ab. Sein narratives Modell gerät mit seinem ideologischen Programm in Konflikt. In der Widmung bzw. im Vorwort zum ersten Band spricht er selbst von einem „Dichterversuch“ bzw. von „kindischen Versuchen dichterisch zu gestalten“, woraus sich später „etwas Ernsteres zusammen“ fand.[11]

Stifter ist der Ansicht, dass das „Schicksal“, wobei nicht das individuelle, sondern das nationenübergreifende Schicksal gemeint ist, nicht von einem intransparenten Element abhängt, sondern von den Menschen. Entspricht ihr Verhalten dem Sittengesetz, kann die Historie positiv beeinflusst werden. Wobei das Sittengesetz Recht und Ordnung, das heißt auch Triebverzicht, bedeutet.[12] Stifter sieht in der Kernfamilie, in der jeder seine Rechte und Pflichten kennt und danach handelt, die Möglichkeit, die Zukunft ganzer Nationen positiv bestimmen zu können. Dies impliziert „die Herrschaft der männlichen, gesitteten Vernunft und Ordnung über die weibliche, ungesittete, chaotische Torheit – und damit den Ausschluss von Frauen und anderem >Weiblichen< (Juden, Fremden, Wilden) […] aus der politischen Öffentlichkeit.“[13]

Es wird eine starke Tendenz zu Geschlechtsrollenkonservatismus und Patriarchentum deutlich. Der Autor sieht die Gefahr vom „Verweiblichen“ des Männlichen in der aus der Emanzipation resultierenden Bedrohung der bestehenden Geschlechter- und damit Gesellschaftsstruktur. „Das Primat des Stifterschen >Sittengesetzes< ist damit gleichbedeutend mit der Beibehaltung der patriarchalischen Hierarchie.“[14]

[...]


[1] Kindlers Literaturlexikon, S. 1026

[2] Schmidt, Sabine: Das domestizierte Subjekt, S. 434

[3] www.uni-protokolle.de, 08.04.2007

[4] Fred, W.: Die Kunst des Essens, S. 325

[5] von Braun, Christina: Nicht Ich, S. 28-29

[6] Schmidt, Sabine: Das domestizierte Subjekt, S. 320

[7] Neumann, Gerhard: Das Schreibprojekt des ästhetischen Historismus, S. 89

[8] Stifter, Adalbert : Bunte Steine, S. 11

[9] Vgl. www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/EinfRenWise97.htm, 03.03.2007

[10] Neumann, Gerhard: Das Schreibprojekt des ästhetischen Historismus, S. 90

[11] Vgl. Stifter, Adalbert: Witiko, Widmung bzw. Vorwort

[12] Schmidt, Sabine: Das domestizierte Subjekt, S. 321

[13] Schmidt, Sabine: Das domestizierte Subjekt, S. 321

[14] Schmidt, Sabine: Das domestizierte Subjekt, S. 321

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Männer- und Frauenfiguren / Geschlechterverhältnisse im Witiko
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Philosophische Fakultät II, Germanistische Institute)
Veranstaltung
Adalbert Stifter
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V82330
ISBN (eBook)
9783638878180
ISBN (Buch)
9783638887366
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Männer-, Frauenfiguren, Geschlechterverhältnisse, Witiko, Adalbert, Stifter, literatur, gender, frau, mann, liebe, rose, wald, utopie, sexualität, unbewusstes, ehre, sozial, bürgertum, entwicklung
Arbeit zitieren
Barbara Schilling (Autor), 2007, Männer- und Frauenfiguren / Geschlechterverhältnisse im Witiko, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82330

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