Die bürgerliche Gesellschaft, zu der auch der österreichische Autor Adalbert Stifter zählt, durchläuft im 19. Jahrhundert eine Zeit der Umbrüche; gravierende ökonomische, kulturelle und politische Entwicklungen, besonders in der Zeit vor und nach der 1848er Revolution, fördern sowohl ein neues bürgerliches Selbstbewusstsein als auch in einigen Bereichen einen Biedermeier´schen, romantischen Rückzug ins Private.
Auch im Bereich des Geschlechterrollen-Diskurses beginnen sich immer größere Veränderungen abzuzeichnen. Oft relativ subtil, im Verborgenen bzw. Verschwiegenen, manchmal aber auch deutlicher – zum Beispiel mit dem Aufkommen der von Frauen geführten berühmten bürgerlichen Salons, wie von Rahel Varnhagen oder mit der Ausweitung/ Anerkennung der immer noch beschränkten aber sich allmählich vergrößernden Möglichkeiten der Berufstätigkeit, etwa als Lehrerin, Krankenschwester, Schriftstellerin oder Gouvernante, im späten 18. Jahrhundert sogar als Angestellte.
Im Witiko nehmen die Gender-Aspekte zwar eine eher untergeordnete Rolle ein, Stifters Figurenbeschreibungen und -konstellationen sind aber bei genauerer Betrachtung durchaus aufschlussreich.
Der Witiko, 1865-1867 in drei Bänden erschienen, ist eines der umstrittensten Werke Adalbert Stifters. Sein ungewöhnliches Geschichtsepos steht zwar einerseits in der Tradition der Historienromane des 19. Jahrhunderts, hebt sich aber andererseits aufgrund der stofflichen Schwerpunktsetzung und formal-poetischen Verfahrensweise deutlich von anderen Werken dieser damals wie heute sehr beliebten literarischen Gattung ab.
Der Witiko entsteht im Kontext der Nachwirkungen der 1848er Revolution, die „Stifter wiederholt skeptisch bis ablehnend kommentiert hatte.“
Ausgehend von der These der „Domestizierbarkeit der Frau“ im Witiko sollen im Folgenden sowohl einige Einzelfiguren unter genderspezifischen Aspekten als auch die Geschlechterbeziehungen der beiden Hauptfiguren Bertha und Witiko näher beleuchtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschlechterbeziehungen im 19. Jahrhundert
2.1. Die Rolle der Frau im Bürgertum
2.2. Allgemeines zu den Geschlechterbeziehungen in Stifters Werken
3. Sittengesetz und Geschlechtsrollenkonservatismus im Witiko
4. Die Genderproblematik im Witiko
4.1. Zeitgenössische Werte im Witiko
4.2. Ritualität als Domestizierungsversuch
4.3. Ritualität und Form
5. Figurenensemble
5.1. Dimut
5.2. Bertha
5.3. Witiko
5.4. Die Paarbeziehung Bertha und Witikos
6. Oral history
7. Schlussbemerkung
8. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Darstellung von Männer- und Frauenfiguren sowie die Geschlechterverhältnisse in Adalbert Stifters Roman "Witiko". Dabei wird analysiert, inwiefern die im Werk dargestellten Geschlechterrollen in die feudal-patriarchische Gesellschaftsstruktur integriert werden und wie Stifter das "Sanfte Gesetz" zur Aufrechterhaltung einer stabilen gesellschaftlichen Ordnung einsetzt.
- Analyse geschlechterrollenspezifischer Diskursmuster im 19. Jahrhundert.
- Untersuchung der Bedeutung des "Sittengesetzes" als ordnungsstiftendes Element.
- Betrachtung von Dimut und Bertha als ambivalente Frauenfiguren.
- Die Rolle von Ritualen als Mittel zur Domestizierung.
- Der Protagonist Witiko als Verkörperung eines bürgerlichen Idealbildes.
Auszug aus dem Buch
5.1. Dimut
Sabine Schmidt spricht bei dieser literarischen Figur von einer „amazonischen“ Weiblichkeit. Dimut ist eine selbstständige und streitbare junge Frau, die einige eher untypische Verhaltensweisen an den Tag legt. Sie trägt ein Waffenhemd und beteiligt sich aktiv an der Verteidigung von Prag. Allerdings handelt es sich eher um eine „defensive“ Aggressivität. Dimuts Handeln weist insofern Parallelen zum Amazonentum, dem in der griechischen Mythologie matriarchalisch organisierten wehrhaften Volk zu Pferd, auf, dass Dimut ebenfalls mutig kämpft und selbstständig Entscheidungen trifft.
„Ich bin von meiner Heimat aus zu dir geritten“30, erklärt sie unerschrocken dem Herzog in Prag.
Da ihr Verhalten jedoch nicht den gängigen Rollenmustern entspricht und somit außerhalb der gesellschaftlich tolerierbaren Regeln liegt, wird sie in die mythisch-heroische Sphäre erhoben. Ihre Handlungen werden legendarisiert. Als im Kampf bei der Verteidigung von Prag die Verstärkung auf sich warten lässt, die Kirche, das christliche Symbol des Glaubens und der Stärke, bereits brennt, drohen die Männer zu verzagen. Dimut aber gibt ihnen Kraft, indem sie von den Zinnen ruft.
„[Sie] streckte ihren blutenden Arm mit dem Schwerte empor, und rief: `Jetzt kommt der Retter, jetzt kommt der Retter […] Unsere Heiligthümer sind nicht verloren, wir werden sie wieder aufbauen. […]´ Sie schwang ihr Schwert freudenvoll um ihr Haupt, und hundert Männer riefen: `Der Retter kommt, der Retter kommt.´“31
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert den zeitgeschichtlichen Kontext des 19. Jahrhunderts und führt in die Fragestellung nach Geschlechteraspekten in Adalbert Stifters "Witiko" ein.
2. Geschlechterbeziehungen im 19. Jahrhundert: Das Kapitel beleuchtet die ambivalente Situation der Frau im bürgerlichen 19. Jahrhundert zwischen männlicher Dominanz und ersten Emanzipationsansätzen.
3. Sittengesetz und Geschlechtsrollenkonservatismus im Witiko: Hier wird analysiert, wie Stifters "Sanftes Gesetz" als Instrument zur gesellschaftlichen Pazifizierung und zur Bewahrung patriarchalische Strukturen fungiert.
4. Die Genderproblematik im Witiko: Dieses Kapitel thematisiert die Geschlechterverhältnisse im Roman, wobei insbesondere die Rolle des Rituals als Mittel zur Unterdrückung von Emotionen untersucht wird.
5. Figurenensemble: Eine detaillierte Betrachtung der Charaktere Dimut, Bertha und Witiko hinsichtlich ihrer Rollenzuschreibungen und ihrer Funktion im Roman.
6. Oral history: Das Kapitel untersucht die Darstellung weiblicher und männlicher Redeanteile und deren Bedeutung für die Selbstlegitimation von Herrschaft im Werk.
7. Schlussbemerkung: Ein abschließendes Fazit, das die Ergebnisse der Untersuchung zusammenfasst und die Reintegration der Frauenfiguren in die patriarchalische Ordnung bestätigt.
8. Literaturverzeichnis: Auflistung der für die Arbeit verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Adalbert Stifter, Witiko, Geschlechterrollen, 19. Jahrhundert, Bürgertum, Sittengesetz, Dimut, Bertha, Patriarchat, Domestizierung, Literaturwissenschaft, Genderdiskurs, Ritualität, Historienroman, Emanzipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Männer- und Frauenfiguren im Roman "Witiko" von Adalbert Stifter und untersucht die dort präsenten Geschlechterrollen im Kontext des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Schwerpunkten gehören das bürgerliche Rollenverständnis, Stifters "Sanftes Gesetz", die Funktion von Ritualen zur Disziplinierung sowie die Einordnung der Protagonisten in das gesellschaftliche Gefüge des Romans.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Stifter durch seine Figurenkonstellationen und die poetische Struktur des Romans versucht, eine stabile, patriarchalisch geprägte Gesellschaftsordnung zu legitimieren und Emanzipationsbestrebungen in den privaten Bereich zu verweisen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die unter kulturwissenschaftlichen Gesichtspunkten die geschlechtsspezifischen Aspekte und den Genderdiskurs im Werk kritisch hinterfragt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der zeitgenössischen Werte, die Analyse der zentralen Figuren Dimut, Bertha und Witiko sowie eine Betrachtung der Rolle von "Oral history" bei der Schilderung männlicher und weiblicher Rede.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Witiko, Geschlechterrollen, Sittengesetz, Patriarchat, Domestizierung und Literaturwissenschaft.
Welche spezifische Rolle nimmt die Figur der Dimut in der Analyse ein?
Dimut wird als "amazonische" Frauenfigur betrachtet, die trotz ihrer temporären Rolle als Kämpferin und Vorbild letztlich durch den Roman in eine konforme weibliche Geschlechterrolle zurückgeführt wird.
Warum ist das Motiv des "Pfeils" im Zusammenhang mit Dimut für die Autorin bedeutend?
Das Motiv dient als Leitmotiv, das einerseits Dimuts Sonderstellung symbolisiert, andererseits aber auch ihre Reintegration in die Geschlechterordnung unterstreicht, da sie den Pfeil ablegt, sobald sie in die Ehe eintritt.
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- Barbara Schilling (Author), 2007, Männer- und Frauenfiguren / Geschlechterverhältnisse im Witiko, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82330