aus der Einleitung:
Die Besonderheit der von Robert Campin gemalten Darstellung der Geburt Christi (1420 - 1425 ) aus dem Musée des Beaux Arts in Dijon ist die gleichzeitige Darstellung verschiedener Überlieferungen, die in Zusammenhang mit eben dieser stehen. So vereint Robert Campin verschiedene Bildtraditionen, deren Motive aus den apokryphen Evangelien des Proto-Jakobus und des Pseudo-Matthäus, der Legenda Aurea des Jacobus de Voragine oder den Revelationes der heiligen Birgitta von Schweden stammen. Meine Arbeit hat zum Ziel, diese Textvorlagen und ihre Umsetzung in der Geburt Christi näher darzulegen.
Ausgehend von einer Bildschreibung werden die im Bild vorkommenden Figuren und Handlungen im Zusammenhang mit den entsprechenden Textvorlagen erläutert. Dabei soll natürlich auch auf Abweichungen von den Textvorlagen aufmerksam gemacht werden. Zunächst werde ich auf die Geburtsszenerie eingehen und deren Anordnung und Ausgestaltung im Zusammenhang mit den zur Meditationsliteratur gehörigen Revelationes erläutern. Daran schließt die nähere Betrachtung der Hebammenepisode sowie deren apokrypher Textvorlagen an. Dass die campinsche Darstellung der Geburt Christi in der Auswahl der Textquellen als eine Art ikonographisches Pasticcio erscheint, zeigen des Weiteren die aus dem Neuen Testament übernommenen Hirten und Engel, sowie Ochs und Esel, die erstmals im apokryphen Evangelium des Pseudo-Matthäus erwähnt wurden.
Im Anschluss an die ikonographischen Erläuterungen der Hauptszenen soll das Augenmerk auf weitere kleinere Deutungszusammenhänge gelenkt werden, wie beispielsweise die Lichtquellen im Bild, den Stall und die Landschaft. Dies geschieht abschließend jedoch nicht ohne eine gewisse Kritik an teilweise schwer nachvollziehbaren Interpretationen in der Forschungsliteratur.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Ikonographie der Geburt Christi in Dijon
2.1 Bildbeschreibung
2.2 Die Darstellung der Geburt Christi
2.3 Die Hebammenepisode
2.4 Hirten, Engel, Ochs und Esel
2.5 Weitere Deutungen
2.5.1 Die Lichtquellen
2.5.2 Der Stall
2.5.3 Landschaft und Landschaftsidentifikation
2.5.4 Kritik
3. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die ikonographische Komplexität und den eklektizistischen Charakter der Darstellung der Geburt Christi von Robert Campin, indem sie die verschiedenen verwendeten Textquellen wie apokryphe Evangelien, Meditationsliteratur und das Neue Testament analysiert und deren Umsetzung im Bild kritisch hinterfragt.
- Analyse der verschiedenen textlichen Bildtraditionen
- Untersuchung der Rolle der Visionen der heiligen Birgitta
- Betrachtung der Hebammenepisode und apokrypher Vorlagen
- Interpretation symbolischer Details wie Lichtquellen und Stall
- Kritische Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Darstellung der Geburt Christi
Die Geburt Christi, so wie sie Robert Campin darstellt, bezieht sich hauptsächlich auf die Visionen der heiligen Birgitta von Schweden, die so genannten Revelationes (Offenbarungen). Die Vision zur Geburt Christi hatte die heilige Birgitta 1372 bei einem Besuch der Geburtshöhle zu Bethlehem. Dort sah sie „eine sehr schöne schwangere Jungfrau, mit einem weißen Mantel und einem dünnen Kleid angetan“, deren „wunderbares, goldglänzendes Haar [...] über die Schultern ausgebreitet“ war. Die Darstellung der Maria folgt ziemlich genau dieser Beschreibung und auch ihre kniende Haltung mit dem „Rücken gegen die Krippe“ ist in den Revelationes nachzulesen. Gezeigt wird freilich nicht der Vorgang der Geburt selbst, sondern der Augenblick danach, in dem Jesus, „von welchem ein so unsäglicher Strahlenglanz ausging, daß die Sonne nicht mit ihm verglichen werden könnte“, bereits „nackt und klar scheinend auf dem Boden“ liegt. Ebenso ausgespart ist die von Birgitta beschriebene Abwesenheit Josephs während der Geburt. Jedoch verkündet die Kerze in seiner Hand, dass auch diese Darstellung ihren Ursprung in der Vision der Heiligen hat. Denn dieses Motiv geht darauf zurück, dass Joseph „mit einem entzündeten Licht zur Jungfrau“ zurückkam, bevor er sie zum Gebären in der Höhle allein ließ.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Problemstellung und Zielsetzung, die verschiedenen Textquellen der Darstellung Campins aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen.
2. Die Ikonographie der Geburt Christi in Dijon: Detaillierte ikonographische Analyse des Bildes, unterteilt in die Bildbeschreibung, die Hauptszenen sowie spezifische Deutungszusammenhänge.
3. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse, die den eklektizistischen Charakter der Werkgenese unterstreicht und die Schwierigkeiten überinterpretierender Forschung kritisiert.
Schlüsselwörter
Robert Campin, Geburt Christi, Ikonographie, Revelationes, Birgitta von Schweden, Hebammenepisode, apokryphe Evangelien, Pseudo-Matthäus, Bildtradition, Symbolik, Lichtquellen, Kunstgeschichte, Altniederländische Malerei, Pasticcio, Interpretation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ikonographischen Analyse des Gemäldes "Geburt Christi" von Robert Campin aus dem Musée des Beaux-Arts in Dijon.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Untersuchung der verschiedenen textlichen Bildtraditionen, die Einflüsse von Visionen und Apokryphen sowie die kritische Interpretation ikonographischer Symbole im Bild.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die unterschiedlichen Textvorlagen, die Campin verwendet hat, darzulegen und deren künstlerische Umsetzung sowie mögliche Abweichungen im Bild zu erläutern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorische Untersuchung, die eine detaillierte Bildbeschreibung mit einer textkritischen Analyse und dem Vergleich zur einschlägigen Forschungsliteratur verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Geburtsszene, die Hebammenepisode, die Darstellung von Hirten und Engeln sowie weitere Detailmotive wie Lichtquellen und der Stall ikonographisch gedeutet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Ikonographie, Robert Campin, Apokryphen, Revelationes und Bildtradition geprägt.
Warum wird das Gemälde als "ikonographisches Pasticcio" bezeichnet?
Der Begriff beschreibt die Art und Weise, wie Campin verschiedene und teils heterogene Bildtraditionen und Textquellen aus unterschiedlichen Epochen zu einer neuen, eigenen Bildkomposition vereint.
Wie bewertet die Autorin die Forschungsliteratur zum Werk?
Die Autorin setzt sich kritisch mit der Forschung auseinander und warnt vor einer "Suche nach verborgenen Symbolen", die teilweise zu schwer nachvollziehbaren oder absurden Überinterpretationen führt.
Welche Rolle spielen die Spruchbänder im Bild?
Die Spruchbänder dienen dazu, den Dialog zwischen den Figuren zu verdeutlichen, theologische Inhalte zu vermitteln und die verschiedenen dargestellten Themen für die damaligen Gläubigen erkennbar zu machen.
Warum weicht die Darstellung des Stalles von der Vision der heiligen Birgitta ab?
Obwohl sich Campin bei vielen Details an die Visionen Birgittas hält, integriert er den Stall, da dieser dem damals verbreiteten westlichen Geburtsbild-Typus entsprach, während die Vision die Geburt in einer Höhle beschreibt.
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- Stephanie Pfeiffer (Author), 2005, Zur Ikonographie der Geburt Christi in Dijon von Robert Campin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82473