Ziel dieser Arbeit ist es, der Frage nachzugehen, ob das Erdloch des Koeppenschen Titels nur in einem engeren, physischen Sinn zu verstehen ist, oder ob ihm eine erweiterte metaphysische Bedeutung zugeschrieben werden kann. Das Erdloch im engeren Sinne spielt zweifelsohne als Handlungsort im Text eine wichtige Rolle. Von den 188 Aufzeichnungen spielt sich ungefähr ein Drittel im Unterirdischen ab. Des Weiteren enthält fast jede Seite Unter-Welten im weiteren Sinne, Verstecke, Verließe und andere geschlossene Räume. Schon diese Erweiterung des Begriffs wirft die Frage nach anderen möglichen Bedeutungen und ihrer Rolle im Text auf.
Inhaltsverzeichnis
I Hintergrund
II Einleitung - Das Erdloch
III Philosophische Vordenker
III.i Platon
III.ii Pascal
IV Das Erdloch im intertextuellen Kontext
IV.i Joseph Conrads Herz der Finsternis
IV.ii Louis Ferdinand Célines Reise ans Ende der Nacht
V Schlussbetrachtung: Das Erdloch als Chiffre für die conditio humana
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung, ob das „Erdloch“ in Wolfgang Koeppens Werk „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ lediglich als physischer Handlungsort zu verstehen ist oder eine erweiterte metaphysische Bedeutung im Sinne einer Existenzmetapher trägt. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern Koeppen durch eine literarische Bearbeitung des Originalberichts eine existenzialphilosophische Dimension eröffnet.
- Analyse des Erdloch-Symbols als physischer und metaphysischer Ort.
- Untersuchung philosophischer Einflüsse (Platon, Pascal) auf die Interpretation des Werkes.
- Intertextuelle Analyse unter Einbeziehung von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“.
- Vergleichende Untersuchung von Célines „Reise ans Ende der Nacht“.
- Reflektion über die „conditio humana“ und die Rolle der Passivität im Holocaust-Kontext.
Auszug aus dem Buch
IV.ii Louis Ferdinand Célines Reise ans Ende der Nacht
Während Koeppens Titel Aufzeichnungen aus einem Erdloch auf Dostojewski verweist, erinnert Littners Originaltitel Mein Weg durch die Nacht. Ein Dokument des Rassenhasses an Célines Voyage au bout de la nuit (Reise ans Ende der Nacht). Letzterer wurde zwar von Koeppen als Titel verworfen, jedoch fast wortgetreu an einer anderen Stelle eingefügt: „Der Weg durch die Nacht ist gegangen“ (JLA, S. 137). In seiner 1960 veröffentlichten Rezension des neuesten Werkes von Céline, Von einem Schloß zum anderen, schreibt Koeppen Folgendes über das Erstlingswerk des französischen Schriftstellers:
"1932 veröffentlichte ein bis dahin völlig unbekannter Armenarzt, ein armer Doktor, Louis Ferdinand Céline, in Paris einen Roman, Reise ans Ende der Nacht, der ihn sofort in der literarischen Welt berühmt machte. Das Werk war ein einziger Schrei, ein Ruf des Hungers, ein Dokument der Qual und der Erniedrigung des Menschen, ein Bekenntnis des Ekels, des Außenseitertums, des Gesellschaftshasses, ein Testament der Angst, ein Manifest der Anarchie und in mancher Hinsicht eine Vorwegnahme, ja, ein Destillat der nachher geschriebenen Romane von Sartre. Henry Miller begrüßte begeistert einen Bruder. Der tapfere Rowohlt ließ Reise ans Ende der Nacht übersetzen, und so konnte man im Dritten Reich, als deutschen Autoren eine ähnliche Sprache bei Lebensgefahr verboten wäre, das mutige Credo lesen, daß der einzige gerechte Krieg der Krieg gegen die Feldgendarmen sei. Céline war ein wortgewaltiger Streiter für die Freiheit des einzelnen, er war ein radikaler Verfechter der Menschenrechte" (Koeppen, GW6, S. 343).
Dieser moderne pikareske Roman folgt dem Protagonisten Bardamu, der als mehr oder weniger passiver Beobachter durch die Schützengräben des ersten Weltkriegs, nach Afrika zu den französischen Kolonien (in Anlehnung an Conrads Novelle), in die USA und durch die französischen Städte Rancy, Paris, Toulouse und Vigny sur Seine reist. Wie die Figur des Littner in Koeppens Bearbeitung besteht Bardamu mehr aus einer Reihe von Erfahrungen als aus wirklichen Charaktereigenschaften.
Zusammenfassung der Kapitel
I Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert die komplexe Entstehungsgeschichte des Werkes und zeigt auf, dass Koeppens Bearbeitung nach der Wiederentdeckung des Originalmanuskripts neu bewertet werden muss.
II Einleitung - Das Erdloch: Hier wird die zentrale Forschungsfrage formuliert, ob das Erdloch über seine physische Funktion hinaus als metaphysisches Symbol für die „conditio humana“ fungiert.
III Philosophische Vordenker: Die Analyse untersucht, wie Platon und Blaise Pascal zur existentialistischen Aufladung des Textes beigetragen haben.
IV Das Erdloch im intertextuellen Kontext: Dieses Kapitel vergleicht Koeppens Werk mit Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ und Célines „Reise ans Ende der Nacht“, um gemeinsame Metaphern des Grauens und der Entmenschlichung zu identifizieren.
V Schlussbetrachtung: Das Erdloch als Chiffre für die conditio humana: Das Fazit bestätigt, dass das Erdloch eine tiefgreifende Chiffre für die menschliche Existenz und die Veranlagung zum Guten wie zum Bösen darstellt.
Schlüsselwörter
Wolfgang Koeppen, Jakob Littner, Erdloch, Intertextualität, Existenzialismus, conditio humana, Joseph Conrad, Louis-Ferdinand Céline, Holocaust, Passivität, Entmenschlichung, Philosophie, Platon, Pascal, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Wolfgang Koeppens literarische Bearbeitung des Tatsachenberichts von Jakob Littner und untersucht die symbolische Bedeutung des zentralen Schauplatzes, des Erdlochs.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Themen Passivität, die existentielle Erfahrung des Holocaust, der Zerfall humanistischer Zivilisation sowie das Ringen um die conditio humana.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es nachzuweisen, dass das „Erdloch“ nicht nur ein physischer Schutzraum ist, sondern eine metaphysische Chiffre, die den Text in eine breite literarische und philosophische Tradition einbettet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative literaturwissenschaftliche Analyse, die den Originaltext mit Koeppens Bearbeitung sowie mit Werken von Platon, Pascal, Conrad und Céline vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine philosophische Herleitung durch Platon und Pascal sowie eine intertextuelle Analyse, in der Parallelen zu Conrads „Herz der Finsternis“ und Célines „Reise ans Ende der Nacht“ aufgezeigt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Intertextualität, Existenzialismus, Entmenschlichung, Holocaust und die Metaphorik des Unterirdischen definieren.
Wie unterscheidet sich Koeppens Erdloch von Littners ursprünglichem Bericht?
Koeppen hat den ursprünglichen Tatsachenbericht sprachlich verdichtet, verallgemeinert und durch intertextuelle sowie existenzialphilosophische Anspielungen angereichert, wodurch er ein allgemein gültiges Kunstwerk schuf.
Welche Rolle spielt der Vergleich mit „Herz der Finsternis“?
Der Vergleich dient dazu, die im Erdloch erfahrene Entmenschlichung und den Blick hinter die Kulissen der Zivilisation als universelle menschliche Erfahrung in Extremsituationen zu verdeutlichen.
- Quote paper
- Brendan Bleheen (Author), 2002, Wolfgang Koeppens "Aufzeichnungen aus einem Erdloch" , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82796